
abgedruckt in: Römer (1995), S. 128
(© Jack Strauss, USA)
Hans Ludwig Strauß – nach seiner Einbürgerung in den USA nannte er sich Jack Strauss – wurde am 11. Juli 1919 in Nordeck geboren, das damals zum Kreis Marburg und damit zu Preußen gehörte. Er hatte noch einen älteren Bruder: Alfred Strauss, geboren am 21. September 1912 in Nordeck, der von 1922 bis zum Abitur 1931 die Oberrealschule in Grünberg besuchte.
Wurzeln in Nordeck und Binswangen
Die mütterlichen Vorfahren von Hans Ludwig Strauß waren seit vielen Generationen in Nordeck ansässig. Seine Mutter Hilda Strauß, geb. Lion, geboren am 10. Januar 1889 in Nordeck, war die Tochter des Nordecker Kaufmanns Liebmann Lion und der Jette Lion, geb. Heinebach, aus Seligenstadt, beide Jahrgang 1860. Sie war das zweite von sechs Kindern. Ihre jüngeren Brüder Hugo Lion, geboren am 21. März 1897 in Nordeck, und Jacob Lion, geboren am 21. November 1898 ebenda, waren von 1911 bis 1912 bzw. von 1911 bis 1915 in Grünberg zur Höheren Bürgerschule gegangen.
Hans Ludwigs Vater Leopold Strauß hatte am 5. November 1911 nach Nordeck ‚eingeheiratet‘. Er war am 22. Februar 1886 im bayerisch-schwäbischen Binswangen als Sohn von Joseph Strauß und Bertha, geb. Pfeifer, geboren worden, wo eine jüdische Gemeinde bis 1940 bestand. Leopolds Elternhaus mit Metzgerei lag in der Hauptstraße 38. Für Hans Ludwig Strauß verbanden „sich seine schönsten Ferienerinnerungen mit den vielen Besuchen beim Großvater Josef Strauss in Binswangen“.1

Die Straußens lebten zusammen mit den Großeltern Lion im Haus 56 in Nordeck, heute Rabenauer Straße 32. Seine Großmutter Jette Lion, geb. Heinebach, durfte Hans Ludwig Strauß allerdings nie kennenlernen. Sie starb am 2. November 1917, also zwei Jahre vor Hans Ludwigs Geburt, im Alter von 54 Jahren in Nordeck. Ihr Grabstein ist in Reihe 5, Nr. 4, auf dem jüdischen Friedhof Nordeck erhalten.2 Der Großvater Liebemann Lion starb, 70-jährig, am 21. Februar 1931. Auch seinen Grabstein kann man – in Reihe 5, Nr. 2 – noch heute besichtigen.3
Auch ein Kindergrab – Reihe 1, Nr. 5 – ist auf dem jüdischen Friedhof in Nordeck zu sehen: Hans Ludwig Strauß‘ Tante, die am 11. Juli 1890 geborene Selma Lion, starb im Alter von nur drei Jahren am 17. Oktober 1893.4
Zu seinen Vorfahren mütterlicherseits, den Lions, erklärte Jack Strauss 1996 im Interview: „According to the legend, [the first Jewish families] came [to Nordeck] the year eight hundred. They were supposed to be my ancestors. They came out of Spain. My mother’s name maiden name was Lion. We spelled that L.i.o.n, but half of the family spelled tha L.e.o.n, which is a Spanish Jewish name. Supposedly they came with two weapon carriers of Charlemagne’s, who got the whole area and built the castle. […] Supposedly there is a document in the Archives of Marburg, which is the county seat, where it talks about a Jew Lion, who lived in the area in the thirtheenth century. But […] I have not been able to find it. […] The first document I have is from the year 1688,5 where there were five Jewish families in Nordeck, who were the slaves of the count […]. He was called a Freiherr. Which was very unusual, to have that many Jewish families in a small village. What happened is, the emperor […] gave the rights to the aristocrats to keep Jews […] to be [their] slaves. They were called the Freiherrn von Nordeck zu der Rabenau. […] And […] the document that I have from 1688 […] mentions one of my ancestors […]. And it says in the document […]: What do we do of the privileges of being allowed to live in the area? Because after all, they’d lived there for two hundred years alreaady, […] which would put you back to 1488.“6
Leopold Strauß – Geschäftsmann und Community-Leader
Über das Geschäft seines Vaters Leopold erzählte Jack Strauss im Interview: „My father came from a different village [Binswangen]. He married into the family [Lion]. He […] worked for my grandfather [Heinemann Lion], who was a fun-loving man, who didn’t really attend persons too much, so my father ran the business and fell in love with my mother. And they got married. Even though he was of a different social [background], he built up the […] largest business of its type in the county of Marburg.“7
Diese Einschätzung wird von Barbara Händler-Lachmann et al. in ihrem Buch über das jüdische Landleben im Landkreis Marburg bekräftigt: „Das Geschäft Stern & Lion Nachfahren, Getreide-, Futter- und Düngemittel in Nordeck – Inhaber war in den dreißiger Jahren Leopold Strauß – war eins der größeren Geschäfte im Landkreis.“8
Auch die Tochter der Strauß’schen Haushälterin Marie, Elisabeth Reinhardt, die von den Herausgebern des genannten Buches am 28. Mai 1990 interviewt wurde, bestätigte Jack Strauss‘ Darstellung: „Ja, die hatten vor allen Dingen Mehl- und Getreidehandel. Da war ’n Lager in der Allendorfer Straße, ’n großes Lager, steht heute noch [das Gebäude], wo das Lager war. Das hat jetzt die Raiffeisenbank, hat das gehabt. Das [Geschäft] war ja nicht nur auf Nordeck bezogen, sondern das war im ganzen Ebsodorfer Grund, da hat er gehandelt. Und auch nach Allendorf [Lumda] runter und Londorf runter. Die Bäcker hat er beliefert mit Mehl und so weiter und so fort. Hier neben, da war der Bücker Wüst, der hat viel mit Herr Strauß gehandelt, gell? Also, das war schon ’n großes Geschäft.“9
Seinen Vater Leopold Strauß charakterisierte Hans Ludwig Strauß wie folgt: „[H]e didn’t finish high school, but he had a middle school education, which was unusual during those days. He was a very caring person. He took care of the whole family. Everybody […] came to him […] when they needed help. […] And [a] fellow who gave [a] course [in caring] said to me: ‚You know, you are exactly like your father‘, because the caring for other people was what was transmitted from him to me. As an effect, he went bankrupt one time, because he vouched for some relative. And the relative went bankrupt, and he had to pay off all the bills, so he didn’t have any money left. And he sold it all, but then he built it up again. So, that’s the kind of person he was.“10
Diese Darstellung wird von Elisabeth Reinhardt, der Tochter der Strauß’schen Hausangestellten Marie, bestätigt: „Von Winnen war ’ne Familie, da war der Vater so früh gestorben – und es war ja leider Gottes früher so, daß manche Witwe ganz ohne Versorgung war – und die hatte drei Kinder. Und daß da oft einfach das Geld fehlte, um Mehl, um Brot zu backen, einzukaufen. Und daß die Kinder dahin gekommen sind und haben gesagt: ‚Die Mutter hat uns geschickt, wir brauchen Mehl für Brot.‘ Und daß er [Herr Strauß] dann oft gesagt hat zu meiner Mutter: ‚Maria, das kann ich doch garnicht tun, daß ich die Kinder jetzt wegschicke, daß ich denen nichts gebe. Ich geb’s ihnen, wenn ich kein Geld krieg, ist es auch gut.'“11
Leopold Strauß‘ geselliges Wesen wird auch durch ein weiteres von Elisabeth Reinhardt mitgeteiltes Detail deutlich: „Da war dadurch, will ich mal sagen, weil die Wirtschaft nebenan war, da ist der Herr Strauß auch mal hingegangen und hat ’n Bierchen getrunken. Da war er unter Volk.“12
Hilda Strauß: „Ich mache das Beste draus“
Auch von seiner Mutter zeichnete Jack Strauss im Interview ein liebevolles Porträt: „My mother was a … I don’t want to talk about superlatives, but … My mother was even a more unusual person. […] She had four brothers. All the brothers were educated.13 She could not be educated, because there wasn’t enough money […]. And it wasn’t so important to educate the girls. She was probably […] one of the brightest people I’ve ever met. My children can tell you. If Linda was here, she would talk about her ‚Oma‘, that’s what she was called. And she would tell you that she was one of the most unusual persons she ever […] went across, because she was bright […]. We have books where she wrote down every book she read and what was in the book. […] And when she came to this country [USA], to give you an example, she … They were very wealthy over there [in Nordeck]. And we got to Pittsburgh and she … They came out with four dollars, between the two of them. That’s all they had. She went to work as a maid. From having servants and all that kind of stuff. It never bothered her. And she never said: ‚That’s the way it used to be and think of all the things I had.‘ […] She says, ‚I’m here, I’m gonna make the best of it,‘ and she did. That’s my mother.“14
„Frau Strauß“ stand, wie Elisabeth Reinhardt sich ausdrückte, einem „bessergestellten“ Haushalt vor: „Es war halt, wie gesagt, das ganze Haus war ein bessergestelltes Haus und man hat die ganze Atmosphäre halt da drinnen gemerkt, die war gut. Auch musikalisch. Und dann hat die Frau Strauß auch zu damaliger Zeit schon, so wie man sagt, so Kaffeekränzchen gemacht, gell. Haben diese Frauen, die da noch lebten, die ganzen Jahre noch von geschwärmt, gell. Die eine Frau lebt noch, aber die ist 102 Jahre alt. […] Ja, das waren meistens auch Frauen halt, die irgendwie ’ne bessere Bauernfamilie, oder Frau Vogel, die heut noch lebt, die haben die Post gehabt und war auch ’ne intelligente Frau. Und hier oben Pfaffs. Naja, wo die Frau Strauß halt sehr wahrscheinlich so ’n bißchen bessere Beziehung zu gehabt hat. Es war ein kleiner Kreis, war nich groß. Aber die haben sich dann da getroffen. Und die haben auch alle noch die ganzen Jahre, auch nach dem Krieg noch, immer dort Verbindung mit Straußens gehabt.“15
Elisabeth Reinhardt arbeitete auch selbst zeitweise im Strauß’schen Haushalt mit. Sie erinnert sich genau: „Für diese Zeit war’s schon, ich möcht sagen, für die damaligen Verhältnisse, ’n gut gestelltes Haus, gell. Es war ’n Klavier da, und auch die Räumlichkeiten waren halt schön eingerichtet. Und wie die Räume aufgeteilt waren: da war ’n gutes Zimmer da, und war ’n Eßzimmer da und waren unten Fremdenzimmer. […] Ich träume heut‘ manchmal sogar noch, ich bin da in den Räumen […]. Vielleicht hat mich das in der Jugend schon, will ich mal sagen, sehr beeindruckt. Weil unsere Verhältnisse daheim bei weitem nicht so waren wie das, gell. […] Es war ’n Bad da schon, ’ne Toilette.“16
Auch über die Beziehungen, die die Straußens zu den nicht-jüdischen Nachbarn pflegten, weiß Elisabeth Reinhardt zu berichten: „Weil die Familie Strauß wieder so war, die hat sich in das dörfliche Leben eingegliedert. Sehen Sie, ja der Herr Strauß war im Gesangsverein, gell. Und die Frau Strauß – wie ich Ihnen vorhin gesagt hab‘ – die hat ihr Kränzchen gemacht. […] Sie fiel nicht aus dem Rahmen, möcht ich sagen, durch Kleidung oder durch Extravaganzen, absolut nicht. Sie hat ’n Garten gemacht und da hat sie mit der Mutter [Marie, der Hausangestellten] drin gearbeitet. Also, nicht daß sie sich hingesetzt hat und hat gesagt: ‚Marie, nun mach mal‘. Sie hat mitgearbeitet.“17
Elisabeth Reinhardt berichtet von einer dramatischen Rettungsaktion für ein Nachbarskind: „Ich kann mich an ein Beispiel erinnern, da ist ein Junge – da früher waren noch diese Pullöcher, naja, Jauchegruben, und die waren mitunter nur abgedeckt mit ’nem Deckel. Und da ist ’n Junge reingefalllen, bei ihnen in die Jauchegrube. Und da hat sich die Frau Strauß auf den Bauch gelegt und hat den Jungen rausgezogen. Ja, ich mein, das besagt eigentlich, sie war sich für nichts zu schade, gell. […] Und auch mit der Nachbarschaft, die hat sie gepflegt. Sie war nicht, sie war nicht sozusagen ‚die Frau Strauß‘, gell, und insofern gab’s keine Schwierigkeiten da, bestimmt nicht.“18
„Ich wusste, wo jeder Himbeerstrauch im Wald war“ – Eine Kindheit in Nordeck
Jack Strauss erinnert sich mit nostalgischen Gefühlen an das Nordeck seiner Kinder- und Jugendzeit: „It was a very pleasant place to grow up. Very pleasant. Because you knew everybody in the village. There were no cars, there were no TVs, there were no radios. And you did things that had to do with nature. I could tell you where every raspberry bush in the forest was, where every strawberry plant was and where every mushroom was. […] And to this day, I can tell … My wife [Natalie] and I travelled in Germany one time and I said, ‚Let’s stop the car, there’s raspberries over there.‘ I knew they were there. And they were there.“19
Hans Ludwig Strauß spielte weniger mit seinen jüngeren Cousins der Familien Stern und Lion als mit den nicht-jüdischen Kindern Altersgenossen. Über deren sozialen Status berichtet er im Interview: „The grade school that I went to had eight children. My class. And I was the only legitimate child in class. Because [chuckling] these were all farmers. And during the war, the prisoners of war had an opportunity to work on the farms instead of staying in the prisoner of war camps. So, they came, and the young ladies in the village had not had any … The men were gone for five years, and you know, those things do happen. So, in my class, there was a Russian German, there was an English German, there was an Australian German, there was a French German, an American German, but nobody was … That made no difference in the village to these children. They were not ostracized in any way; they were accepted fully in the community. That’s the kind of people they were. It was a strictly Lutheran village, the whole village. I think there was one Catholic family in the next village. […] But they were very tolerant, very fine people, the whole village. I speak of them fondly, because of what they did to the Jewish peopole during the war.“20
Darauf, was während der NS-Zeit in Nordeck geschah – ein im Landkreis Marburg einzigartiger Fall von dörflicher Solidarität mit der jüdischen Bevölkerung –, kommen wir später zurück. Zunächst ging Hans Ludwig Strauss in Nordeck zur Volksschule. Dort wie in der übrigen Dorfgesellschaft waren er und seine jüdischen Mitschülerinnen und Mitschüler, wie er im Interview versichert, „voll integriert“.
Von der Nordecker Dorfschule erzählt Jack Strauss eine charmante Geschichte, aus der sich auch auf seinen gutmütigen Charakter und seine schnelle Auffassungsgabe schließen lässt: „If I tell you about what my school was like … You being involved in teaching …21 Your hair would stand up. We had a [chuckling] … a teacher who was my mother’s teacher, when she went to school. He was still there and … Teachers in Germany were civil servants of the state. What had nothing to do with the city or the county. And once you got that job you … It was for life, I mean, you had tenure. And this fellow, about the time I went to school, when I first started, first grade, all he did is drink beer. And play the violin. So, it was my job for two years to go to the Wirtshaus, which was the bar, and pick up beer every day for him to have it. And I’d go back, and he’d play the violin, and we’d sing. When I was nine years old … You go to high school over there … If you go to high school, you used to go at ten. So, when I was nine years old, I didn’t know how to read and to write or anything. So, we got a new teacher during that period. And that guy worked with me, like you wouldn’t believe, so I could pass to get into high school.“22
Von Berches bis Torah-Wimpel: Jüdisches Landleben in Nordeck
Zur Nordecker Synagoge heißt es in einer Publikation der Arbeitsgemeinschaft Heimatgeschichte Allendorf an der Lumda e. V.: „Zunächst war vermutlich ein Betraum in einem der jüdischen Häuser vorhanden. Vermutlich Anfang des 19. Jahrhunderts konnte die jüdische Gemeinde ein in der Mitte des 18. Jahrhunderts erbautes Fachwerkhaus erwerben und in ihm nach vorausgegangenem Umbau eine Synagoge einbauen. Das zweigeschossige Haus zeigt ein meisterhaft ausgeführtes, charakteristisch hessisch-fränkisches Fachwerk mit ausgeprägten Strebefiguren der Eck- und Buntpfosten. Leider wurde die Westseite vor einigen Jahren verkleidet, so dass hier das Fachwerk nicht zu sehen ist. In der Nordecker Synagoge gab es fünf Torarollen, von denen zwei von Gebrüder Wolf, Meier Wolf Söhne gestiftet worden waren. 1881 erfolgte eine gründliche Reparatur des Gebäudes. Beim Novemberpogrom 1938 wurde die Synagoge nach vorliegenden Berichten auf Grund des Widerstandes des damaligen Bürgermeisters nicht zerstört. Nach 1938 wurde das Gebäude zu einem Wohnhaus umgebaut. Ein Eingangsvorbau und ein Anbau im Süden wurden nach 1945 ergänzt. Adresse/Standort der Nordecker Synagoge: Rabenauer Straße 42.“23

Über die Nordecker Synagoge erzählt Jack Strauss: „My father was the president of the synagogue [from 1923 to 1936]. And it was a very conservative synagogue. My uncle [Maier Stern or Leo Stern] had a photographic memory who knew the whole five books of the Torah by heart. And they used to come from all over to check him out. […] And he conducted the services. […] It was called a conservative … uh … a reform synagogue. We had separate seating for the women upstairs.“24
Allerdings war es schwer für die Nordecker Juden, einen Minjan – mindestens zehn religiös mündige jüdische Männer – zusammenzubekommen. Dies illustriert Jack Strauss mit einer Anekdote: „My brother was born on Iam Kippur, [September 21st] in 1912. There were ten men [at the synagogue], that’s all they had. My uncle came running and said to my father: ‚You just had a little boy.‘ My mother was at home. My father took off, they had to stop the service. Because there were only nine guys left. So, they all went to look at the baby. And they looked at the baby and then they went back to service to finish Iom Kippur.“25
Das religiöse Leben war klar geregelt – auch wenn so manche Pflicht als lästig empfunden wurde: „The Jewish education was … We had to go to the next village [Londorf]. On Sunday morning. We went to [high] school […] for five and a half days [Monday to Saturday]. And then Sundy we went to the next village, where there […] were maybe twenty Jewish families. Big Jewish community. And on Sundays a teacher would come from the city [Giessen]. And we went at the synagogue there and we would have a Jewish education, which was very elaborate. Because he was one of the guys who hit the knuckles if you didn’t do what he wanted. […] We hated it, because we had no free time for anything [chuckling]. But that was it.“26
Hans Ludwig Strauß‘ Verwandter, der 1878 in Nordeck geborene Lehrer Heinemann Stern, zeichnet in seinen ab 1941 im brasilianischen Exil verfassten Memoiren ein differenziertes Bild des Religionsunterrichts in den 1880er Jahren: „Zwei oder drei Jahre später [nachdem der Vater Maier Stern ihm den ersten Religionsunterricht gegeben hatte] ging ich sonntags und mittwochs mit den anderen Kindern nach Londorf. Der Unterricht erstreckte sich auf hebräisch Lesen, Übersetzen des Gebetbuches und der Bibel in Teilen, die durchaus nicht immer die wichtigsten waren, Biblische Geschichte, jüdisch-deutsch Lesen und Schreiben, alles mechanisch, ohne jeden Versuch einer Vertiefung des Stoffes oder religiösen Erhebung. Und doch war der Unterricht im Sinne jener Zeit nicht so schlecht. Vor allem war es ein großer Vorteil, daß man bei uns den Melamed27 aus dem Osten nicht kannte, wie ich ihn Jahrzehnte später in Ostdeutschland in ganz respektablen Gemeinden noch angetroffen habe. Unsere Lehrer hatten immerhin eine gewisse pädagogische Vorbildung. Sie wurden als Lehrer respektiert, und dieser Umstand kam dem gesamten Unterricht nicht wenig zustatten. Eine Generation später hatte auch der Regligionsunterricht in diesen Gemeinden ein moderneres Gesicht.“28
An Pessach gab es Mazze – eine Delikatesse nicht nur für die jüdischen Nordecker, wie Elisabeth Reinhardt, die Tochter der Strauß’schen Hausangestellten Marie, sich erinnert: „Ja, und dann weiß ich auch, wenn das Pessachfest, wenn das war, dann wurde ja nur Matze gegessen, gell? Da waren diese Stapel Matzen, die waren da. Die wurden in diese Kartons gepackt, und solche Stapel, wurden nur noch Matze gegessen. Ich hab sie ja leidenschaftlich [gern] gegessen.“29
Die Straußens führten eine koschere Küche. Jack Strauß erinnert sich: „The kids of the maids who worked for us, they still know all about kosher. One of the girls I went to school with [Elisabeth Reinhardt], whose mother was our maid [Marie], she wrote … in one of the books I showed you,30 she wrote about the Strauss family and how … in particular my mother was about ‚fleischig‘ and ‚milchig‘. And she said if she mixed up the dishes, she would be severely reprimanded.“31
Elisabeth Reinhardt erzählt: „Das war ja ganz streng getrennt, Fleischding und Milchding. Da mußten ja die Teller, die Schüsseln und alles war extra, die Töpfe, alles extra. Und wehe, wenn das mal verwechselt wurde, das war für mich als junger Mensch sehr schwierig, das auseinanderzuhalten, gell. Aber auch welchem Grund das war, das weiß ich nicht. […] Ich weiß nur, wie gesagt, daß Milchding und Fleischding, daß das sehr, sehr streng getrennt [war]. Also, mit dem Spülen und alles, das durfte nich zusammen gespült werden, gell? […] Die hatten ja damals schon, will ich mal sagen, für die damaligen Verhältnisse ’n großen Küchenschrank. Diese ganze Seite war ja alles Schränke, was eigentlich früher noch nicht so der Fall war. […] Das war aber durch die Trennung von dem Geschirr [notwendig]. […] Naja, nun wird’s ja so gewesen sein, an dem Tag, wo halt mit Milchding gegessen wurde, da kam ja das andere Geschirr, das kam ja nicht in Berührung damit. Und daß es vielleicht auch schrankmäßig einfach schon getrennt war, daß man wußte, heut‘ Milchding und dann Fleischding, gell.“32
Auch die Vorbereitungen für den Empfang des Schabbats am Freitagabend folgten festen Routinen, wie Jack Strauss sich erinnert: „Well, my mother would on Friday … We had a community bake house, where all the baking was done. All the bread was baked in the bake house, and you had to reserve a time. My mother’s time was Friday morning. Where she would make … You call it barches, which is challah. And she would make the hot dish, which would carry over for the next day, so she didn’t have to cook. […] We had chicken every Friday night. And that carried over to Saturday. We had something which I can still taste today called Grünkernsuppe, which was a kind of soup that you cooked the chicken in it … […]. It was a wheat of sorts, which I can’t buy in this country [USA]. I bought it here a few times, now I can’t get it anymore. If I could get it, I’d give you my arm.“33
Auch Elisabeth Reinhardt erinnert sich an Berches und (Grünkern?-)Suppe: „Ja, da wurde also das, was weiß ich – wurde ’n extra Brot gebacken. Das wurde jede Woche gebacken, Berches haben wir immer gesagt, Berches. Aber sonst mit dem Essen? Naja, ’ne gute Suppe wurde immer gekocht, aber sonst, die anderen Speisen, da weiß ich nichts von, daß da was [B]esonderes [war], das wüßt‘ ich nicht. […] Ja, das war ’n gutes Weißbrot [Berches], war breiter wie ein normales Weißbrot. Also, heut‘ is ’n Weißbrot so. Der Berches war ja dann so breit. Und der wurde kroß gebacken und auch zum Teil mit Mohn bestreut, gell? […] Auf alle Fälle hat es sehr gut geschmeckt. Weil das ja … das war groß, aber kroß gebacken. Das war gut!“34
Jack Strauss erzählt, zu ihnen sei einmal die Woche ein Metzger vom Nachbardorf gekommen mit koscherem Fleisch. Aber nicht alle jüdischen Einwohner von Nordeck hielten sich an die Speisevorschriften, wie Elisabeth Reinhardt sich erinnert: „Der [Ernst] Wolf, ach, fragen se in ganz Nordeck, den kennt jeder. Der Wolf, der hat ’s schon damals nicht so genau genommen. Wenn da jemand geschlachtet hatte, ist der Wolf gerne mal hingekommen. (lacht) Es war – wie will ich Ihnen das sagen – ’n offenherziger, netter Mensch, gell. Der hat die Irma von Lions geheiratet. […] An und für sich war der eigentlich nach Nordeck gekommen zu Straußens. Da war der, ja, sozusagen Fahrer und hat im Geschäft mitgeholfen. Und da hat er die Irma kenngelernt und hat geheiratet.“35
An der Grünberger Oberrealschule – Berufswunsch: Archäologe
An Ostern 1929 wurde Hans Ludwig Strauß in die Sexta (heute 5. Klasse) der Grünberger Oberrealschule aufgenommen. Zwar war er in seiner Klasse der einzige Jude; in anderen Jahrgangsstufen waren aber weitere jüdische Kinder: In Unterprima (12. Klasse) sein Bruder Alfred Strauß und Josef Ernst Simon aus Londorf – beide sollten ein Jahr später ihr Abitur machen –, in Untersekunda (10. Klasse) Walter Joseph aus Londorf und Edith Buxbaum aus Grünberg, in Obertertia (8. Klasse) Hermann Roth aus Nieder-Ohmen, in Untertertia (7. Klasse) Erwin Stiebel aus Allendorf an der Lumda. In den nächsten drei Schuljahren sollten weitere jüdische Kinder dazukommen: 1930/31 Manfred Eckstein aus Kesselbach, Edith Bick aus Nieder-Ohmen und Else Jacob aus Nieder-Gemünden; 1931/32 Siegbert Glück aus Allendorf an der Lumda; 1932/33 Robert Katz aus Bad Wildungen.
Den Schulweg nach Grünberg legte Hans Ludwig Strauß zu Fuß und mit der Bahn zurück: „I had to walk about a half a mile to the railroad station. There was no railroad station at our village. And then I took the railroad for an hour to the high school. And this was five and a half days a week.“36
Über den Lehrplan erzählt er: „[The high school] was called an Oberrealschule, which meant: They taught English and French. You started taking up English at ten, and then at thirteen you added French. It was a large curriculum. […] But I was able to do all my study on the way home from … on the railroad station. So I had all time when I got off.“37
Hans Ludwig Strauß interessierte sich besonders für Geschichte und Archäologie; auch in seiner spärlich bemessenen Freizeit ging er diesem Hobby nach: „[My free time I spent] [m]ostly in the forests. […] I loved the forests. There was lots of history. The area around Nordeck […] had history as far back as the stone ages. The Kelts lived there. Before the Germans came. The Romans were there. We used to go to the forest to where they had a Kastell, a fortification, the Romans. We used to dig and then find Roman coins. […] From the Kelts, we’d find even much older [stuff]: 2000 BC stuff in that area. […] I love history. I’ve always been […]. And I spent most of my time doing that. […] By the time I was thirteen I had finished the library at my high school.“38
Auf die Reaktion des Interviewers Gary Lubell – „Sounds like you had some early training as an archaeologist“ – antwortet Jack Strauss: „I wanted to become an archaeologist. That’s what I wanted to be, but …“ – Gefragt, wohin die gefundenen Artefakte gekommen seien, erwidert er: „There is a museum in the area, I think most of it went there […]. I don’t remember. You know, I left before my parents did, so whatever they had they disposed of it.“39
Die letzte Bar Mitzwa in Nordeck
Im Alter von dreizehn Jahren feierte Hans Ludwig Strauß seine religiöse Mündigkeit – mit vielen Gästen: „My bar mitzvah was in 1932. The year before Hitler came. The beginnings of it were already there. It was the last bar mitzvah in the village. Because right after people started moving away, there was no Minyan after that. And everybody came to my bar mitzvah, all of the relatives. […] And they stayed […] because there was no railroad. […] They stayed a week or two even, some of them. And my father ran out of food […] and he said: ‚I have the piece de resistance today, the best meal you ever had,‘ and he opened it up and it was the head of the calve, which they couldn’t possibly eat. And they took the head and went home.„40
Die Bar Mitzwa war ein einschüchterndes Erlebnis: „I was scared to death. […] I have never been so scared. I still remember. Because all of these relatives were staring at me. […] I did fine, I mean, it was no problem, but I was petrified. […] Well, there was no German at all. Everything was in Hebrew. And you conducted the whole service.“41
Nicht nur darin, dass die Zeremonie vollständig auf Hebräisch abgehalten wurde, unterschied sich die hessische Bar Mitzwa von einer US-amerikanischen. Auch ein weiteres Detail war besonders: „And everybody had a wimple. A wimple is a custom that’s only in that part of Germany. […] It has to do with circumcision. It was a swaddling cloth. And when you became bar mitzvah, that wimple was put around the Torah of yours, and we had had hundreds of hundreds … As old as the synagogue was. […] They were very beautiful things. And that you wrapped it around the Torah was part of the service. That was different [from bar mitzvahs in the US]. Mine was destroyed by the Nazis. My brother’s is here [in Denver, CO], and it’s now at temple Sinai.“42
Zunehmender Antisemitismus in Oberhessen – Nur nicht in Nordeck?
In Oberhessen verdichtete sich – offensichtlich unabhängig von der Größe des jüdischen Bevölkerungsanteils – die antijüdische Stimmung, wie Jack Strauss sich erinnert: „The villages around the area where I was born – not my village, but the next village where I went to Sunday school [Londorf], which is half a mile [away] – was very antisemitic during that [time]. The village at the other side [Allendorf/Lda], which is now – my village is part of that village –, had a Nazi party … Had people in the Nazi party. And the […] county leader of the party [Dr. Friedrich Hardt] lived in that village, who was a veterinarian, I remember it very clearly.43 And he was very antisemitic. So there were signs all in the area. Because after all, Hitler had delegates in the parliament as early as 1927/28. And the party was a factor. So, in all these villages, there was antisemitism. The whole area, where I lived … I must go back a little bit to history […]. At one time it was very antisemitic, except my village. […] In the 1880ies they had a big antisemitic set up in the whole area. This was Hessen. […] So it has developed.“44
Worauf Jack Strauss hier anspielt: Gerade in Oberhessen, aber auch in anderen hessischen Gebieten, hatte der Antisemitismus eine lange, unrühmliche Tradition. In den 1880er Jahren hatte der Marburger Bibliothekar Dr. Otto Böckel – der „hessische Bauernkönig“ – auf den Dörfern gegen die jüdischen Viehhändler gehetzt. Seine ‚Bekehrung‘ zum fanatischen Antisemiten, zum ‚Befreier‘ der hessischen Bauern von der ‚Judenherrschaft‘, hatte Böckel, der später als Abgeordneter der Antisemiten-Partei im Reichstag agitierte, angeblich bei einem Gerichtstermin in Marburg erlebt: Trotz erdrückender Indizien war dort Konrad Hedderich, der mutmaßlichen Mörder des jüdischen Nordecker Ehepaares Salomon und Johanna Wolf – angeblich aus Mangel an Beweisen – freigesprochen worden und anschließend von der antisemitischen Marburger Studentenschaft als Märtyrer gefeiert worden.45
Auf den meisten hessischen Dörfern wurde Böckel begeistert empfangen. Allerdings war Nordeck, worauf Jack Strauss im Interview anspielt, eine Ausnahme – aber diese muss differenziert betrachtet werden, wie aus den Erinnerungen von Heinemann Stern hervorgeht: „[A]usgerechnet in unserem Nordeck hat er [Böckel] niemals einen Wirtshaussaal für seine Versammlungen bekommen; er mußte sich mit Privatzimmern bei seinen Anhängern begnügen. Soweit ich mich auch entsinne, ist es zu Ausschreitungen gegen einzelne Juden nicht gekommen. Gewiß waren die Juden in ihren Geschäften eingeengt, aber zu keiner Zeit und nirgends lahmgelegt. Es gab wütende und verbissene Agitatoren, aber die eigentliche Hetze besorgten die Jugenlichen und – von mir als Schuljungen gesehen – die Kinder.“46
Was den Antisemitismus der Kinder angeht, schneidet in Sterns Darstellung ausgerechnet das ansonsten als Antisemiten-Hochburg beschriebene Londorf besser ab als Nordeck: „Sicher hatten wir Kinder am meisten [unter dem Böckel’schen Antisemitismus] zu leiden, oder so schien es uns doch. Andererseits wieder muß man nicht glauben, daß dies überall so gewesen sei. Im benachbarten oberhessischen Londorf zum Beispiel, wo wir die Religionsschule besuchten, haben wir nicht das geringste zu leiden gehabt, und auch die dortigen jüdischen Kinder lebten in Frieden. Bei uns aber war das Leben zeitweise eine Qual; auf der Gasse, wo sich ja auf dem Lande das Dasein eines Jungen fast ausschließlich abspielt, die Hetzlieder und Hetzrufe; in der Schule, als der Lehrer K., vordem der Intimus der Juden und nachher einer der giftigsten Agitatoren, uns mit seinen Sticheleien und offenen Pöbeleien die Hölle bereitete.“47
Anfang der 1890er Jahre flaute der Böckel’sche ‚Radau-Antisemitismus‘ ab und es wurde auch in Nordeck „gemütlicher“, wie Heinemann Stern sich ausdrückt. „Der Umschwung“, so setzt er hinzu, „muß ziemlich plötzlich gekommen sein, wie einige Erinnerungen an unseren Lehrer, dessen politische Rolle ich schon erwähnt habe, vermuten lassen. Eines Tages, als ich etwa zwölf Jahre alt war, das war also 1890, komme ich vom Spiel auf der Gasse nach Hause gestürzt, und als ich die Tür zum Wohnzimmer aufreiße, da sitzt der Herr Lehrer mit seiner ‚Frau Lehrer‘ in ‚trauter‘ Unterhaltung mit meinen Eltern, als ob es nie anders gewesen wäre. Wie angewurzelt blieb ich an der Tür stehen und brachte nicht einmal das ‚Guten Tag‘ über die Lippen. Und ich weiß es heute noch, daß es nicht nur Überraschung war. Es war Absicht, den Erwachsenen, auch den Eltern, meine Ablehnung dieser neuen Freundschaft gegenüber zu zeigen. Es muß auch so etwas in meinem Gesicht zu lesen gewesen sein, denn die vier Leute saßen da wahrhaftig verlegen vor dem Schuljungen. Meine Eltern haben mir dann später die Situation verständlich zu machen versucht und mir erklärt, wie das Leben im engen Kreis die Menschen zueinander zwingt, oft auch gegen ihren Willen. Als ich ein Jahr später Barmizwa wurde, war auch das Lehrer-Ehepaar unter den Gästen, und das machte nicht wenig Aufsehen, denn es war das erstemal, daß Christen zu einer Barmizwa eingeladen waren.“48
Noch zu Hans Ludwig Strauß‘ Kinder- und Jugendzeit, sogar noch Anfang der 1930er Jahre, waren die Beziehungen zwischen jüdischer und nicht-jüdischer Bevölkerung in Nordeck harmonisch: „[T]hey were fine, fine, people. And there was a close relationship between the Jews of the village and the farmers. And they treated each other with much respect, and they’d like to be together. I used to go to church with my friends. That’s because they wanted me to be part of their lives.“49 – Auf die Frage des Interviewers, ob seine nicht-jüdischen Freunde auch mit ihm zur Synagoge gingen, antwortet Jack Strauss: „Some of them did. […] As I said, some of the people that worked for us knew more about Judaism than ninety percent in this country do today [chuckling].“50
Gefragt, ob er als Dreizehn- oder Vierzehnjähriger, also im Jahr 1932/33, realisierte, was Hitler und die Nazis taten und was in anderen Teilen Deutschlands geschah, antwortet Jack Strauss: „Not really, because someone sheltered me, the village sheltered me.“51
Antisemitismus in Grünberg – aber nicht bei allen
Anders sah es in Grünberg aus – aber auch hier differenziert Jack Strauss: „Some antisemitism started to develop in the high school where I was going, which was a town […], where there were no Jews. And there were only about four or five Jewish kids in the whole high school. And some signs developed of antisemitism.“
Auch in der Grünberger Öffentlichkeit wuchs die antijüdische Stimmung: „The town’s people started to turn antisemitic, even though they didn’t have any Jews. […] And […] the party, the people showed up in uniforms, marching, it […] developold as time went on. But it was the beginnings of it, you could feel it. You could feel it.“52
Beim Lehrerkollegium hingegen beobachtete Jack Strauss eine gewisse Widerständigkeit – mit einer interessanten Begründung: „And the high school itself, the teaching staff, was not antisemitic at all. As a matter of fact, the reason, they were not, it’s an interesting story […]. This high school, as I told you, the teachers were state employed. And this was an out of the way high school. Way out of the way high school. And whenever they had teachers that didn’t conform to the norm, they’d send them to that school. So, we had terrific teachers, who were not like the rest of the German education, which was very rigid, as you know.“53
Nach der Machtübernahme der Nazis zeigte sich schnell, wer auf welcher Seite stand: „In 1933, the day, Hitler came into power, the next day, half of my school was in uniform. […] I couldn’t believe it. And they started singing the Horst Wessel song which was their anthem. And everybody got up. I didn’t get up. And half of my teachers didn’t get up. My teachers were not Nazis. None of them. It was a great way to be. Because after all, I stayed in school another year.“54
Andere jüdische Kinder mussten die Schule schon nach der Verkündigung des rassistischen ‚Gesetzes gegen die Überfüllung der deutschen Schulen und Hochschulen‘ im April 1933 verlassen. Dies betraf Edith Bick aus Nieder-Ohmen, Else Jacob aus Nieder-Gemünden und Siegbert Glück aus Allendorf an der Lumda. Hermann Roth aus Nieder-Ohmen durfte nur deshalb trotz seiner jüdischen Herkunft an Ostern 1934 das Abitur machen, weil sein Vater als Soldat im Ersten Weltkrieg gestorben war und er damit unter das ‚Frontkämpferprivileg‘ fiel.
Ob antisemitisch oder nicht – gegen die strukturelle Diskriminierung der jüdischen Kinder unternahm die Schulleitung der Grünberger Oberrealschule also offensichtlich nichts. Im Gegenteil: Mindestens sieben ‚arischen‘ Abiturienten des Jahrgangs 1932/33 wurde trotz schwacher Leistungen das Abitur zuerkannt – und zwar mit folgender Begründung im Reifezeugnis: „Gemäß Verfügung des Herrn Hessischen Ministers für Kultus und Bildungswesen vom 9. Juni 1933 wurde dem Obengenannten unter Hinweis auf Verfügung vom 25. April 1933 [d. i. das ‚Gesetz gegen die Überfüllung der deutschen Schulen und Hochschulen‘] das Reifezeugnis ausgestellt.“ Auf der Rückseite heißt es weiter: „Der entscheidende Satz der Verfügung […] lautet: ‚Mit Rücksicht auf den starken Anteil, den die älteren Schüler höherer Schulen an der nationalen Bewegung und Erhebung des letzten Jahres genommen haben, kann in diesem Jahre von der Anwendung der verschärften Versetzungsbestimmungen Abstand genommen werden.’“55
Bei dem jüdischen Schüler Robert Katz, der aus Bad Wildungen kam und 1932/33 als Gastschüler in Grünberg sein Abitur versuchte, wurden die „verschärften Versetzungsbestimmungen“ hingegen selbstverständlich angewandt – er bestand wegen schwacher Leistungen die Reifeprüfung nicht. Aber noch aus einem anderen Grund musste er Grünberg verlassen: „Im Jahre 1933 wurde der Antisemitismus in dieser Stadt so gross und da ich der einzige Jude war, der in der Stadt Grünberg wohnte, fürchtete ich für mein Leben und musste meine weitere Ausbildung aufgeben, da keine Aussicht für mich mehr bestanden hat.“56
Der spätere Schulleiter Peter Süßkand bestätigte im Entschädigungsverfahren Robert Katz‚ Darstellung: „Ich bin in der Lage, die Behauptung des Herrn Katz von der Aussichtslosigkeit seines weiteren Verbleibens auf der Schule erhärten zu können. Sein damaliger Klassenlehrer, Studienrat Rausch, ist noch an dieser Schule tätig und entsinnt sich eines Vorfalls, der Herrn Katz seinerzeit zum Verlassen der Schule bewogen hat. Katz wurde im Beginn des Jahres 1933 von einigen Rowdies auf der Straße überfallen, wobei ihm sein Mantel zerrissen wurde. Es handelte sich bei den Tätern nicht um Schulkameraden. Der Klassenlehrer begab sich daraufhin zum 0rtsgruppenleiter der NSDAP, um sich zu beschweren. Seine Beschwerde wurde nicht nur abgewiesen, sondern er selbst sehr ernsthaft bedroht. Vorstehendes ist eine dienstliche Aussage des mir als äußerst gewissenhaft bekannten Kollegen.“57
Im Schuljahr 1933/34 nahm der Antisemitismus zu, aber noch immer gab es Kinder, die Hans Ludwig Strauß unterstützten: „There were some antisemitic remarks. But a lot of kids stuck up for you. A lot of the kids.“ Die Frage des Interviewers, ob er ausgegrenzt wurde, wenn er nicht zum Absingen des Horst Wessel-Liedes aufstand, verneinte Jack Strauss mit der Begründung: „Because the teachers were with me, they couldn’t say much.“ Allerdings war das „[a]t that point [in 1933]. That changed afterwards. In 1934. By that time, it changed.“58
Für Hans Ludwig Strauß endete die Schullaufbahn ein Jahr nach der Machtübernahme der Nazis: Am 30. April 1934 musste er, weil er Jude war, die Grünberger Oberrealschule aus Untersekunda (heute 10. Klasse) verlassen. Die Lehrer hatten zu ihm gesagt, „[t]hat there was no room for me anymore.“59 Einige Lehrer hatten ihn sogar gewarnt, dass der Rauswurf bevorstand. Ändern konnten oder wollten sie daran aber nichts.
Die Grünberger Nazi-Anhänger triumphierten, wie Jack Strauss sich erinnert: „When I left school, in easter of 1934, I was the last Jew in the school. And they raised a flag after I left. That they were now what they called ‚judenfrei‘, which means ‚free of Jews‘.“60
Inzwischen hatte sich Hans Ludwig Strauß‘ Berufswunsch gewandelt, wie er später im Entschädigungsverfahren zu Protokoll gab: „Es war die Absicht meiner Eltern und mein Wunsch Jury [Jura] zu studieren. […] Antisemitische Exzesse gegenüber jüdischen Schülern sowie die Aussichtslosigkeit der Erlernung eines academischen Berufes für Juden in damaligem Zeitraum führten dazu, daß ich das Studium unter dem Zwang der gegebenen Situation, aufgeben musste.“61
Die Schlinge zieht sich zu
Zuvor hatte auch sein Bruder Alfred Strauß die bittere Erfahrung des Unerwünscht-Seins machen müssen: „My brother had to come back to [Nordeck]. He was going to University in Giessen, which is a town a little further on the other side. He was going to medical school. And he was halfway through. They kicked him out before they kicked me out.“62
Hans Ludwig Strauß bekam zu diesem Zeitpunkt nach eigener Aussage noch wenig von der politischen Lage mit. Bei seinen Eltern war das anders: Sie besaßen – als einzige in Nordeck – ein Radio und lasen die Frankfurter Zeitung. Leopold Strauß war sogar kommunalpolitisch engagiert: „My father was a Social Democrat, which was a little to the left. And he belonged to […] the Reichsbanner […]. They actually wore uniforms of sorts, and the nazis started fighting with those people. Right in ’33 they had big fights with them. Not so much in our village, but in the bigger cities […].“63
Die Straußens erfuhren immer öfter von Repressalien gegen die jüdische Bevölkerung: „We heard that people couldn’t trade with them anymore. We heard that there started to be accusations about sexual harassment of the Jews to the gentile servants, and the Stürmer was out […] and being read by many people who did not understand it; and especially the young people. They didn’t know any better. They […] never had any contact with Jews.“64
Fluchtpläne und Lehrjahre in Frankfurt
Hans Ludwigs Mutter Hilda Strauß machte sich keine Illusionen. Ihrem älteren Sohn Alfred prophezeite sie: „There is no future for you here.“65 Sie bat ihren Bruder, der bereits in den USA lebte – in Colombus, Ohio –, ein Affidavit zu besorgen. Dies gelang, und Alfred Strauß emigrierte 1934, also zu einem sehr frühen Zeitpunkt, in die USA.
Hans Ludwig Strauß blieb zunächst in Deutschland. Er ging nach Frankfurt am Main, um sich in einem jüdischen Lehrlingsheim auf die Auswanderung nach Palästina vorzubereiten. Es wurde beschlossen, dass er Elektriker werden sollte. Weil es kaum jüdische Elektriker gab – „For the reasons we all know: They weren’t allowed to be in trade unions“ –, bekam er eine Lehrstelle bei einem Christen, „who was a very fine man, who said ‚I don’t put up with the stuff of these [nazi] people'“. Der Beruf war aber nicht das Richtige für Hans Ludwig Strauß: „I was such a lousy electrician, that after a year I couldn’t change a light bulb.“66
1935 wechselte er als Kaufmannslehrling zu einer jüdischen Firma, die mit Schmuck und Knöpfen handelte, unter anderem mit der Tschechoslowakei, Frankreich und England. Um die Lehrstelle zu bekommen, hatte er einen Brief auf Englisch schreiben müssen – hier kam ihm seine höhere Bildung aus Grünberg zugute.
Isolation und Solidarität in Nordeck
Auch während dieser zweiten Lehre wohnte er in dem Lehrlingsheim in Frankfurt, das von einer orthodoxen jüdischen Organisation betrieben wurde. An Wochenenden und Feiertagen fuhr er heim nach Nordeck, wo sich die Lage für die zurückgebliebenen Jüdinnen und Juden zuspitzte. Für seine nichtjüdischen Freunde wurde es schwierig, sich mit ihm zu treffen, denn die örtlichen Nazis machten Druck: „Not in the village [Nordeck], but in the villages around, where the county leaders sat, of the party. Not to associate with Jews any longer. My father’s business deteriorated to nothing. So, that was the beginning of the end.“67
Eine alte Schulfreundin aus dem Nachbardorf hielt zu ihm: „[A] very bright girl. […] We had walked togehter every day to school. She had a lot of pressure. People didn’t want her to do that. […] And we’d talk. She belonged to the German girls‘ organization, called BdM. She wore a uniform sometimes. And I would rave [?] about Hitler, about what a terrible person he was, and she could have turned me in anytime. I would have ended up in jail. She never did.“68
Jack Strauß‘ Verwandter Heinemann Stern, der inzwsichen in Breslau und Berlin wirkte, schreibt über einen Besuch in der alten Heimat Nordeck: „Während der Hitlerzeit bin ich nur einmal zu Hause gewesen, im Sommer 1935. Damals lebten noch drei Familien dort, völlig isoliert, aber unbelästigt. Als ich ins Dorf kam, fand ich am Eingang ein Schild mit der ungelenken Aufschrift: Juden unerwünscht. Bald traf ich auf der Straße den alten Gemeindediener. Es gab die übliche Begrüßung: ‚Na, auch mal wieder da?‘ – ‚Ja, aber zu unrecht; Juden sind doch bei euch jetzt unerwünscht.‘ – ‚Daraus mach dir nix, das haben die Lausbuben gemacht. Zuerst haben sie die Stange auf die Chaussee gestellt, da hab ich sie auf die Seite gelegt. Dann haben sie sie auf die Wiese daneben gesteckt, und das ist Privateigentum, da kann ich nichts machen.'“69
Während Hilda Strauß ihren älteren Sohn in Sicherheit wusste, sorgte sie sich um den jüngeren: „But my mother was smart enough. She said: ‚There’s no future for you, go.‘ […] I wanted to go to Israel. She said: ‚No, you cannot go to Israel. You have to go to America, to be with your brother, because we wanna come, when we can, and we want to get out as we can.‘ And she was different from a lot of Jews who could have been saved if they would have […] been able to give up everything and then start from scratch. Which she did.“70
Fasziniert von Hitlers Rhetorik
Ob er etwas von Razzien und Konzentrationslagern mitbekommen habe, wird Jack Strauss im Interview gefragt. Seine Antwort macht betroffen: „I heard of a cousin of my father’s, who lived in Munich, who went to Dachau. Dachau was started in 1933. And he […] was killed there. I heard that. But […] that’s all I heard at that point. People didn’t talk about [it] that much. And my father was a first world war veteran, so he belonged to the German Jewish veterans‘ organization. And they came out with a statement, saying ‚This isn’t gonna last, and we’re gonna be protected, and there is not gonna be any problem.‘ And a lot of people bought it and died because of it. Not because of it, but … Yeah, I would say, because of it.“71
Wie wirkungsvoll die NS-Propaganda war, zeigt Jack Strauss an einem selbst erlebten Beispiel: „The radios in Frankfurt were all over town, because when Hitler spoke, everybody stopped to listen. And I’m up listening to him speaking. He was such a dynamic speaker. He could sway you so much. And I wanted to clap, when he got through. […] That’s the effect he had on the average German. If I felt that way, you can understand how the Germans felt like.“72
Dabei hatte Hitler nie einen Hehl aus seinen exterminatorischen Plänen gemacht: „He never changed his tune. From the beginning, he said that the Jews were the cause of all evil in Germany. […] And [that] they caused the first world war, and [that] they had to do with the treaty of Versailles, everything. […] He never changed. I read his book [‚Mein Kampf‘], if you would read it today, you would see that he’d never changed. He said exactly what he was going to do, and he did it, and nobody believed. Because they said: ‚Ah, he’s not gonna last, and how can such a nut, who is not even a German, do these things. He’s not gonna last.'“73
„Das Land von Milch und Honig“ – Flucht in die Vereinigten Staaten
Seinen Plan, nach Palästina bzw. Israel zu emigrieren, hatte Hans Ludwig Strauß auf Wunsch der Mutter aufgegeben. Auf die Frage des Interviewers, was er sich in Israel erhofft hatte, antwortete er: „Because that seemed to be the place where Jews could live. And be accepted more. It didn’t work out that way afterwards. But you felt that that was a place to go. […] My cousins went there, from the village. They went on a youth transport. My mother’s brother went there, whose family still lives there today. Another cousin went there. There was a lot of family there. And I wanted to work with my hands. I wanted to go back to the land. That’s what I dreamt about […].“74
Im Mai 1936 war es soweit: Mit dem Affidavit des Onkels hatte das Visum auf dem amerikanischen Konsulat in Stuttgart besorgt werden können. Mit zehn Mark und einem Schiffsticket in der Tasche – mehr war nicht erlaubt – reiste Jack Strauss von Nordeck nach Le Havre in Frankreich – mit gemischten Gefühlen: „On the one hand, it was a new experience. Here you are coming to America, the land of milk and honey, and everything is gonna be great. An the other hand, you don’t know what’s gonna be with your family. You left all your friends. Yeah, hundreds of years of living in the village, the graves with my grandparents and great-grandparents […] in it. […] For a young kid, it was a very difficult thing to do.“
Von Le Havre ging es mit dem britischen Schiff ‚Britannic‘ – auf dem er später als US-Soldat nach Europa zurückkehren sollte – nach New York. Sein Bruder Alfred, der zu dieser Zeit in New York lebte und in einem jüdischen Waisenhaus arbeitete, holte ihn ab. Er besuchte zunächst seine Tante in Philadelphia und reiste dann zu seinem reichen Onkel und dessen noch reicherer Frau nach Columbus, Ohio. Das kinderlose Ehepaar wollte ihn adoptieren, aber er lehnte ab, weil das bedeutet hätte, dass seine Eltern nicht hätten in die USA nachkommen können. Nach drei oder vier Monaten kehrte er zurück nach New York.
Dort arbeitete er mit seinem Bruder im jüdischen Waisenhaus, wo er Englisch lernte mit Filmen der Warner Brothers, die diese, weil sie selbst Waisen waren, jeden Tag an das jüdische Waisenhaus schickten. Es folgten zahlreiche Gelegenheitsjobs: als Bote für eine jüdische Handschuh- und Lederwarenhandlung, als Kellner in einem Restaurant, als Hotelangestellter.
„Was gemacht werden soll, machen wir selber“ – ‚Kristallnacht‘ in Deutschland
Seine Eltern waren inzwischen von Nordeck nach Augsburg gezogen, eine halbe Stunde von Leopold Strauß‘ Geburtsort Binswangen entfernt. In Augsburg lebten sie bei Verwandten, Leopold Strauß arbeitete in einem jüdischen „Country Club“75 – so die Formulierung von Jack Strauss – als Buchhalter. Von Politik war in den vielen Briefen, die zwischen Augsburg und New York hin und her wechselten, kaum die Rede – und wenn, dann höchstens „sehr kryptisch“, wie Jack Strauss sich ausdrückt: „‚Uncle Joe moved to some other place, he had to leave the town‘, that type of stuff, very cryptic.“76
Wenn Jack Strauss mit jüdischen Menschen in den USA über das sprach, was in Hitler-Deutschland geschah, glaubten sie ihm nicht: „After all, the Germans, the leaders at culture in the world, how could they be doing stuff like this? And when the Kristallnacht came, [they] even didn’t believe that. […] And that was very disappointing for me, because I did hear things from Europe […], and I knew what was happening to my family, and I knew what was happening to their livelihoods.“77
Über die Reichspogromnacht, die seine Eltern in Augsburg erlebten, schrieben sie in ihren Briefen keine Zeile: „I think they were scared to write about it“, vermutet Jack Strauss. „And in Augsburg a lot of destruction happened, you know, the synagogue was destroyed there. And a lot of other businesses … There was a wealthy Jewish community. […] And they left […] at ’38, shortly thereafter.“
Was während der Reichspogromnacht in Nordeck geschah, schildert Jack Strauss‘ Onkel Heinemann Stern: „Über die Vorgänge in der Novembernacht und in der Folge hörte ich indirekt, ohne daß ich die Richtigkeit der Nachrichten nachprüfen konnte: Vor der Unglücksnacht ließen Nazis eines benachbarten Dorfes dem örtlichen SS-Führer sagen, sie kämen nachts herauf – wie ja bekanntlich die anbefohlenen Verbrechen in den kleinen Ortschaften vielfach, aus naheliegenden Gründen, von Auswärtigen ausgeführt wurden. – Darauf ließ der ‚Führer‘ erwidern: ‚Es braucht niemand zu kommen. Was gemacht werden soll, machen wir selber.‘ – In der Nacht saß er dann, mit dem Revolver in der Tasche, in der Nähe des jüdischen Hauses, aber es passierte nichts. Als der betreffende Jude – mein alter Kamerad […] – mit seinem Sohn verhaftet worden war, sorgten die Bauern für den Unterhalt der zurückgebliebenen Frau und Schwester. Nicht selten stand frühmorgens, wenn sie die Haustür öffnete, ein Sack Kartoffeln oder Mehl vor der Tür. Sogar der auswärtige Ölmüller, der das aus dem Leinsamen der Bauern geschlagene Öl brachte, lieferte nach wie vor das übliche Quantum ab, ohne Bezahlung zu fordern und zu erhalten.“78
In dem Buch über das jüdische Landleben im Kreis Marburg ist zu lesen: „Der einzige Fall im Landkreis, bei dem Zerstörungsaktionen durch öffentliche Mandatsträger aufgehalten wurden, ist aus Nordeck, das damals zum Landkreis Marburg gehörte, bekannt. Der Bürgermeister dieser Gemeinde verhinderte durch sein persönliches Eingreifen die Zerstörung der Synagoge. Das Gebäude steht heute noch und wird als Wohnhaus genutzt.“79
„Ich fühlte mich total hoffnungslos“ – Auf der Suche nach einem Platz im neuen Leben
In der neuen Heimat suchte Jack Strauss seinen Platz im Leben. Er hangelte sich von Job zu Job, lebte „von der Hand in den Mund“, sein höchster Wochenlohn war 12 Dollar. Er war, wie er im Interview sagt, „total hoffnungslos“. Einmal, als er einen Job verlor und nur noch einen Vierteldollar übrig hatte, wandte er sich an seinen reichen Onkel in Ohio, der ihm – ziemlich knausrig – lediglich ein paar Dollar zukommen ließ. Wer ihm wirklich half, das waren die jüdischen Geflüchteten aus Osteuropa. Er erklärt sich das so: „It’s understandable, because they were closer to what had happened to them, only one generation. The German Jews, they were three, four generations before, and didn’t have as much understanding. They [the Easter European Jews] saved my life, many a time.“80
Für drei oder vier Monate wohnte Jack Strauss in Pittsburgh, Pennsylvania, bei seinem Bruder Alfred und seiner Schwägerin. Er trug Zeitungen aus und besuchte ein paar Wochen die High school. Als die Sommerferien kamen, ging er mit zwei Freunden nach Atlantic City und versuchte in einem Hotel zu arbeiten. Die Freunde „verhungerten beinahe“, weil es die ganze Zeit regnete und keine Touristen kamen. Schließlich bekam er einen Job als „bus boy“ in einem strikt koscheren Hotel, wo er seine spätere Frau Natalie traf, die dort als Kellnerin arbeitete. Ihre jüdischen Großeltern waren aus Litauen eingewandert.
Von Atlantic City zogen Jack und Natalie zurück nach New York und lebten mit Natalies Bruder in einer Art Wohngemeinschaft in der Nähe des Central Park, wo sie zusammen kochten auf einem winzigen Herd, der auf einem Kühlschrank in einem kleine Alkoven stand. Inzwischen – es war das Jahr 1938 – waren die Eltern Strauß aus Deutschland gekommen. Durch ein Affidavit von Alfred – er arbeitete zu dieser Zeit auf einer Hühnerfarm außerhalb von Pittsburgh, wo Mitarbeit gebraucht wurde – hatten Hilda und Leopold es tatsächlich geschafft, ein Visum für die USA zu bekommen. Zwei Jahre später sollten die Straußens – ein unwahrscheinliches Glück – den 85-jährigen Großvater Josef in die Arme schließen, der Nazi-Deutschland in letzter Sekunde entkommen war.
1939 heirateten Jack und Natalie. Ein Jahr später kaufte Alfred in Pittsburgh eine Hühner- und Eierfarm, die er zusammen mit seinen Eltern und seinem Großvater bewirtschaftete. Auch Natalie und Jack zogen in das dreistöckige Haus auf dem Gelände, Jack half beim Durchleuchten und Ausfahren der Hühnereier.
Als „Ritchie Boy“ zurück nach Europa
Nach dem Überfall auf Pearl Harbor im Dezember 1941 wollte sich Jack Strauss im Januar des darauffolgenden Jahres freiwillig für die US-Army melden, aber man lehnte ihn ab, weil er kein amerikanischer Staatsbürger war und als deutscher Flüchtling als „feindlicher Ausländer“ galt. So kehrte er zunächst auf die Hühnerfarm in Pittsburgh zurück. Im September 1942, als seine Frau Natalie mit dem ersten Kind schwanger war, wurde er schließlich eingezogen.
Wie es weiterging, beschreibt der Journalist Gernot Römer in seinem Sammelband über jüdische Schicksale aus Schwaben – wegen seiner Binswanger Wurzeln zählt er Jack Strauss dazu: „Den Eid auf die Verfassung schwört er erst im Mai 1943.81 Er wird für den Einsatz als Schütze in B-17-Bombern der amerikanischen Luftwaffe trainiert, doch in den Krieg nach Europa reist er als Angehöriger des IPW-Teams 127 des Intelligence Service, des Nachrichtendiestes der US-Armee. Der braucht Männer, die deutsch sprechen. Deshalb wird Strauss wie viele Emigranten aus Deutschland nach Camp Ritchie, die Schule des Intelligence Service, abkommandiert. 120 Soldaten beginnen mit ihm den anstrengenden Kurs. 20 stehen ihn erfolgreich durch. Zu dieser kleinen Gruppe gehört Jack Strauss.“82
Was hat ein ‚Ritchie Boy‘, wie die Mitglieder dieser besonderen Aufklärungs-Einheit genannt wurden, zu tun? Gernot Römer fasst es so zusammen: „‚Feindaufklärung‘ nennen die Militärs das, was der aus Deutschland stammende Amerikaner im Hauptquartier der Division zu tun hat, nämlich deutsche Gefangene zu verhören. Es gilt herauszufinden, welche deutschen Divisionen den amerikanischen gegenüberstehen, wie die gegnerischen Einheiten ausgerüstet sind, in welcher körperlichen und moralischen Verfassung sie sich befinden. Wichtige Erkenntnisse werden sofort weitergegeben: an das Hauptquartier des Korps und in ganz besonderen Fällen an das Hauptquartier des Oberbefehlshabers General Eisenhower.“83
Zum Zustand der deutschen Soldaten zitiert Römer Jack Strauss: „Die Truppen der Wehrmacht waren moralisch so sehr am Boden und so deprimiert, daß ein paar Zigaretten, etwas Besonderes zum Essen wie ein Stück Schokolade, genügten, um zu erfahren, was wir wissen wollten. Zwischen Offizieren und Mannschaften war da kein Unterschied. Nur die Offiziere und Mannschaften der Waffen-SS waren immer noch überzeugte Nazis und wurden sofort von den anderen Einheiten getrennt und in besondere Gefangenenlager zurückgeschickt, wo sie intensiv verhört wurden.“84
„Jack Strauss“, so Römer weiter, „tut Dienst im Stab der 20. Panzerdivision von General Pattons 3. Armee. In Salzburg erlebt er das Ende des Krieges, aber Zeit zum Ausruhe bleibt keine. Mehrere Intelligence-Einheiten werden in Prien am Chiemsee und zeitweilig auch in Bad Tölz zusammengezogen. Es gilt, höhere Funktionäre der NSDAP herauszufinden und Tausende von deutschen Soldaten, die aus Italien zurückströmen, zu untersuchen. Strauss: ‚Es waren so viele und die Zeit so knapp, daß es nicht möglich war, mit jedem mehr als ein paar Sekunden zu sprechen. So befahlen wir ihnen, die Oberkörper freizumachen und einer nach dem anderen mit erhobenen Armen vor uns hinzutreten. Dann schauten wir, ob die Blutgruppe, wie bei der Waffen-SS üblich, auf einem Arm eintätowiert oder an dieser Stelle eine Narbe war. Außerdem stellten wir Fragen zu ihrem Wehrpaß. SS-Männer wurden verhaftet und wie die höheren Nazi-Funktionäre in das ehemalige Konzentrationslager Dachau gebracht, die anderen Soldaten entlassen und in ihre Heimat zurückgeschickt.“85
Jack Strauss war selbst in Dachau gewesen, nachdem es am 29. April 1945 befreit worden war: „The day after the war ended or even before that […] a part of our unit went to Dachau, was going through Dachau, and I had heard about it. […] And that was an experience that I’ll never forget. Because Dachau was burning, the SS left, they started burning the stuff there. And there was a train there that had come from the eastern front, from Auschwitz probably or one of the camps, which had … I don’t know how many … maybe thousand, two thousand dead bodies on them. The smell was so bad you could smell it from fifty miles. And I still can smell that smell today.“86
Wiederholt empört sich Jack Strauss im Interview, dass niemand in Deutschland etwas von den grauenhaften Vorgängen gewusst haben will – auch nicht die Bürgerinnen und Bürger von Dachau, wo das KZ mitten im Ort lag: „Dachau is a small city […]. We marched most of the dignitaries to the camp to show what the heck was going on there […]. And nobody had ever heard of it, and you could smell it from fifty miles. The death, you could smell it. But they never heard of anything, they never saw anything, nobody.“87
„Damit so etwas nie wieder passiert“ – Tikkun Olam
Es ist kaum vorstellbar, wie Jack Strauss nach seiner Rückkehr in die USA im Jahr 1946 mit diesen traumatischen Erlebnissen weiterleben konnte. Aber er schaffte es. Im Jahr 1943 war sein Sohn Stephen zur Welt gekommen. 1946 und 1950 folgten Linda und David, die schon in der neuen Wahlheimat Denver geboren wurden. Nach mehreren Fehlversuchen fand Jack Strauss einen Job als Vertreter bei einem Lebensmittelgroßhändler in Denver, mit dem er seine Familie ernähren konnte. Natalie und Jack Strauss engagierten sich in der jüdischen Gemeinde und erzogen ihre Kinder im jüdischen Glauben.
In einer E-Mail vom 8. Mai 2026 schreibt Jack Strauss‘ Tochter Linda Weiss, geborene Strauss: „I don’t know if you know the expression tikkun olam. It means healing or repairing the world and my father did that every day of his life in different ways. I could give you example after example.“
Nach während seiner beruflich aktiven Zeit kehrte Jack Strauss mehrere Male nach Deutschland zurück. Dabei wurden alte Wunden aufgerissen: „I […] wanted to take Natalie to see Nordeck. […] I drove there, and we stayed […] at a hotel and we visited my friends, who were still […] there. Because people didn’t move. […] And we stayed over night and I […] will never forget […]: There was a bar downstairs in the hotel, and they were singing German marching songs at night […]. I went out of my mind.“88
Am nächsten Tag fuhren Natalie und Jack Strauss weiter an den Rhein. Dort sahen sie einen Mann mit ‚Schmiss‘, also einer von einer Mensur herrührenden Narbe im Gesicht, die ihren Träger als Mitglied einer schlagenden antisemitischen Studentenverbindung ausweist. Jack Strauss: „I almost flipped. So we […] got to the Dutch border and I took all the German money I had and I threw it out of the [window]. And I said, ‚I never come back.‘ But it didn’t work that way. Because then after […] I retired, I went to Jerusalem, to the archives, and I […] went to Germany, to Marburg, to the archives, where I worked a lot. And I met some people there. […] Rightly or wrongly, I now feel that in order to do something about the Germans, so this type of thing will never happen again, any place, I don’t care if it’s Germans or not, but Germans especially … […] We have to somehow support them. To give them strength.“89
Jack Strauss nahm sein Engagement sehr ernst: „I joined an organization, where I’m active. Which is called ‚Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit‘, which means ‚Organization for Christian-Jewish Cooperation‘. They work with each other. There’s about six hundred of these groups in Germany, and in the town of Marburg, which is a small university city, they have over seven hundred [members] who belong there. So it’s a large organization. They have […] readings and they are doing great work. And I have great hope that they can do something about the Germans.“90
Auch in den Wiederaufbau des jüdischen Lebens in Deutschland setzte er seine Hoffnung: „They now have a small synagogue in Marburg. It’s a university city. It’s about 70.000 people in the town. And about 30.000 students. That’s why they have some teachers there, Jewish teachers, they have some Russian immigrants that came in the town. […] And I went to the dedication [of the synagogue] a few years ago. […] To give an example, just to give you a little flavor of what they do. The leader of this group is a man by the name of [Willy] Sage, who took me to the Jewish cemetery which the kept immaculate from what I’ve seen. […] And we get to the entry, and he says: ‚Were’s your yarmulke?‘ He says: ‚You can’t go to a cemetery without a yarmulke.‘ He pulls one out and puts it on my head. […] I said: ‚How do you know so much about Judaism?‘ He says: ‚I was a Shabbos goy.'“91
Holocaust Education als Schlüssel
Einen weiteren Schlüssel zur Antisemitismus-Prävention sah Jack-Strauss in der Arbeit mit jungen Menschen. Dazu erzählt er im Interview von seinem Schulfreund Johannes Rabenau: „I had a very close friend [Johannes Rabenau] who was my best friend in […] the high school, who came from a labor family. Very poor. And he got a scholarship to go to high school. Because you had to pay to go to high school. And he was ostracized by the other kids; they were much wealthier. They had nice clothes. He didn’t have anything. And I fathered him and mothered him. We fathered him like nobody can imagine. My best friend. And he lasted for […] two, three years, and he dropped out because he couldn’t take the pressure.92 […] His father worked as a laborer at a mill […]. And he ended up as a laborer in the mill also. And I lost touch when I went to the United States.“93
Bei einem seiner Besuche in Nordeck traf Jack Strauss Elisabeth Reinhardt, die Tochter der Strauß’schen Haushälterin Marie. Sie teilte ihm mit, dass Johannes Rabenau ihn sehen wolle: „So he came to see me and we went to his house […] If I could vouch for anybody that he wasn’t an antisemite … This guy [wasn’t] an antisemite. Anyhow. I came back the second time for another meeting, and he had died.“94
Bei diesem erneuten Besuch informierte ihn Elisabeth Reinhardt, dass Johannes Rabenaus Sohn Edwin ihn kennenlernen wollte: „And his son came to see me. And his son is a professor at a teacher’s college [Studienseminar] in Gießen […]. And he says: ‚I wanted to talk to you. […] My whole life I was formed by […] the relationship you and my father had. And he talked about you all the time.‘ […] He said that I was the only friend that didn’t pretend anything. […] And he says: ‚I’m trying to pay it back. […] I have a chance. I teach teachers.’ And he says: ‘Before anybody can graduate from my class in Gießen […], they must go to Israel, that’s part of the curriculum. They must meet a survivor. They must go to Yad Vashem.'“95
Das Schicksal von Erna, Leo und Hilde Stern
Am Ende des zweieinhalbstündigen Interviews mit der Shoah Foundation zeigt Jack Strauss Bilder von seiner Familie. Auf einem Foto sieht man seine Tante Erna, geb. Strauß, aus Binswangen mit ihrem Ehemann Leo Stern aus Nordeck und ihrer jüngsten Tochter Hilde. Das Foto in die Kamera haltend, kommentiert Jack Strauss: „This is my cousin, Hilde Stern, 9 years old, taken to Riga and shot on the beach.“96
Die Sterns waren 1935 von Nordeck nach dem baden-württembergischen Göppingen gezogen. Von dort wurden sie im November 1941 nach Riga deportiert und im März 1942 ermordet. Ihr Schicksal ist ausführlich dokumentiert auf der Website der Stolpersteininitiative Göppingen.97
Am 2. Oktober 2013 wurden Stolpersteine zum Andenken an Erna, Leo und Hilde Stern vor dem Haus in der Göppinger Franklinstraße 5 gelegt, dem letzten frei gewählten Wohnsitz der Familie.
Dieses Gedenken erlebte Jack Strauss nicht mehr. Er starb am 1. Februar 2006 in Denver.
Quellen:
- Gesuch der Juden im Gericht Nordeck um Bestätigung ihrer Privilegien, 1688, Hessisches Staatsarchiv Marburg (HStAM), Best. 17 e, Nordeck 7.
- Hauptliste der Schüler und Schülerinnen der Höheren Bürgerschule (bis Ostern 1914) und Realschule (O. 1914–O. 1926) und Oberrealschule (O. 1926–O. 1938) und Oberschule für Jungen (ab O. 1938) Grünberg i. H. Angefangen Ostern 1910, beendet mit Schluss des Schuljahres 1938/39 (Archiv der Theo-Koch-Schule).
- 50 Jahrfeier der Oberrealschule zu Grünberg i. H. 22.–24. Mai 1926. Gedenkblätter von Oberstudiendirektor W. Angelberger und Studienrat O. Steuernagel, Grünberg 1926 (Archiv der Theo-Koch-Schule).
- Abiturzeugnis von E. N. (Archiv der Theo-Koch-Schule).
- Zeugnis von Johannes Rabenau (Archiv der Theo-Koch-Schule).
- Entschädigungsakte von Jack Strauss alias Hans Ludwig Strauss, Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden (HHStAW), Best. 518, Nr. 71504.
- Entschädigungsakte von Moritz Schönfeld, 2 Bde., Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden (HHStAW), Best. 518, Nr. 26810.
- Entanzifizierungsakte von Dr. Friedrich Hardt, Allendorf/Lda, Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden (HHStAW), Best. 520/Gi, Nr. 4152/47 (muss noch eingesehen werden).
- Entschädigungsakte von Robert Katz, Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden (HHStAW), Best. 518, Nr. 19214.
- Heinemann Stern: Warum hassen sie uns eigentlich? Jüdisches Leben zwischen den Kriegen. Erinnerungen. Hg. und kommentiert von Hans Ch. Meyer, Düsseldorf 1970.
- Interview mit Jack Ludwig Strauss, 26. März 1996, Denver, CO, USA; Interviewer: Gary Lubell; USC Shoah Foundation, Visual History Archive (Suchbegriff Jack L. Strauss); Transkription: Christina Müller.
- Barbara Händler-Lachmann, Harald Händler, Urlich Schütt (Hg.): „Purim, Purim, liebe Leut, wißt ihr, was Purim bedeut?“ Jüdisches Landleben im Landkreis Marburg im 20. Jahrhundert, Marburg 1995.
- Gernot Römer: „Wir haben uns gewehrt“. Wie Juden aus Schwaben gegen Hitler kämpften und wie Christen Juden halfen, Augusburg 1995 (darin das Kapitel „Jack Strauss aus Binswangen – ‚Man muß menschlich sein'“, S. 126–129).
- Christine Hühn: Familienbuch der jüdischen Familien von Nordeck. Hg. von der Arbeitsgemeinschaft Heimatgeschichte Allendorf a. d. Lumda e. V., o. J. [2021].
- Lothar Tetzner: Der jüdische Friedhof in Nordeck. Hg. vom Heimat- und Verschönerungsverein Ebsdorf e. V., o. J.
- Stefan Gotthelf Hoffmann: Der „Nordecker Judenmord“. Hintergründe zum Tode von Salomon und Johanna Wolf am 3. März 1884. Ein Beitrag zur Familiengeschichte des Schriftstellers Friedrich Wolf (1884–1953). 2 Bände. 1. Band, Gransee 2022.
- https://www.alemannia-judaica.de/binswangen_synagoge.htm (zuletzt aufgerufen am 28. August 2026).
- https://en.wikipedia.org/wiki/Wimpel (zuletzt aufgerufen am 30. August 2026).
- Stern, Erna, Leo und Hilde Berta – Stolpersteine Göppingen (zuletzt aufgerufen am 1. September 2026).
- Römer (1995), S. 126. ↩︎
- Deutsche Inschrift: „Hier ruht | Jettchen Lion | geb. Hainebach | geb. 23. Januar 1860 | gest. 2. November 1917 | Ich habe die Menschen geliebt | mögen sie liebend meiner gedenken.“ – Übersetzung der hebräischen Inschrift: „Hier ruht | ein Frau rechtschaffen in ihren Handlungen, | Krone ihres Mannes [Sprüche 2,4] und Zierde ihrer Kinder, | ihre Wege waren liebenswürdig gegenüber allen, die sie kannten. | Jettchen, Tochter des Zwi, | sie starb am 17. Marcheschwan 678 der kleinen Zählung [Freitag, 2. November 1917]. | Ihre Seele sei eingebunden in das Bündel des Lebens [1. Samuel 25,29].“ – Tetzner (o. J.), S. 27. ↩︎
- Deutsche Inschrift: „Hier ruht in Frieden | Liebmann Lion | geb. 28. August 1860 | gest. 4. Febr. 1931 | Er war ein aufrichtiger Menschenfreund“. – Übersetzung der hebräischen Inschrift: „Hier ruht | Eliezer | Sohn des Arje [= Löwe] | ein Mann von Treue [Sprüche 20,6], lauter wandelnd, | sein Wirken war gut und vollkommen. | Er wirkte Gutes ihm Nahestehenden und auch der Kommune [wörtl.: Obrigkeit]. | Er starb am heiligen Sabbat, 4. Adar 681 der kleinen Zählung. | Seine Seele sei eingebunden in das Bündel des Lebens [1. Samuel 25,29].“ – Tetzner (o. J.), S. 26 f. – Tetzners irrtümliche Übersetzung „Wolf“ für „Arje“ wurde zu „Löwe“ verbessert. ↩︎
- Deutsche Inschrift: „Hier | ruht in Gott | Selma Lion | Tochter des Li[e]bmann Lion | geb. den 11. Januar 1890 | gest. den 17. Okt. [1893].“ – Übersetzung der hebräischen Inschrift: „Hier ruht | die teure kleine | Sara, Tochter des Eliezer | Lion. Sie starb [am] 7. Cheschwan | 654 der kleinen Zählung. | Ihre Seele sei eingebunden in das Bündel des Lebens [1. Samuel 25,29].“ – Tetzner (o. J.), S. 9 f. ↩︎
- Es muss sich um folgendes Dokument handeln: Gesuch der Juden im Gericht Nordeck um Bestätigung ihrer Privilegien, 1688, Hessisches Staatsarchiv Marburg (HStAM), Best. 17 e, Nordeck 7. ↩︎
- Interview Jack Strauss (1996), Tape 1. ↩︎
- Interview Jack Strauss (1996), Tape 1. ↩︎
- Händler-Lachmann et al. (1995), S. 90. ↩︎
- Händler-Lachmann et al. (1995), S. 90 f. ↩︎
- Interview Jack Strauss (1996), Tape 1. ↩︎
- Händler-Lachmann et al. (1995), S. 47. ↩︎
- Händler-Lachmann et al. (1995), S. 48. ↩︎
- Wie bereits erwähnt, besuchten die jüngeren Brüder Hugo und Jacob Lion die Höhere Bürgerschule in Grünberg von 1911 bis 1912 bzw. von 1911 bis 1915. Die älteren Brüder gingen wahrscheinlich in Gießen zur weiterführenden Schule. ↩︎
- Interview Jack Strauss (1996), Tape 1. ↩︎
- Händler-Lachmann et al. (1995), S. 40. ↩︎
- Händler-Lachmann et al. (1995), S. 40. ↩︎
- Händler-Lachmann et. al. (1995), S. 41. ↩︎
- Händler-Lachmann et al. (1995), S. 41. ↩︎
- Interview Jack Strauss (1996), Tape 1. ↩︎
- Interview Jack Strauss (1996), Tape 1. ↩︎
- Der Interviewer Gary Lubell war zu dieser Zeit Professor für Geschichte in Denver, Colorado. ↩︎
- Interview Jack Strauss (1996), Tape 1. ↩︎
- Kühn (2021), S. 8. ↩︎
- Interview Jack Strauss (1996), Tape 1. ↩︎
- Interview Jack Strauss (1996), Tape 1. ↩︎
- Interview Jack Strauss (1996), Tape 1. ↩︎
- Anmerkung des Herausgebers Hans Ch. Meyer: „Ein Melamed ist ein Kleinkinderlehrer ohne seminaristische Vorbildung. Es gab gute und unfähige.“ – Stern (1970), S. 321. ↩︎
- Stern (1970), S. 32. ↩︎
- Händler-Lachmann et al. (1995), S. 135. ↩︎
- Es handelt sich um folgendes Buch: Barbara Händler-Lachmann, Harald Händler, Urlich Schütt (Hg.): „Purim, Purim, liebe Leut, wißt ihr, was Purim bedeut?“ Jüdisches Landleben im Landkreis Marburg im 20. Jahrhundert, Marburg 1995. ↩︎
- Interview Jack Strauss (1996), Tape 1. ↩︎
- Händler-Lachmann et al. (1995), S. 104. ↩︎
- Interview Jack Strauss (1996), Tape 1. ↩︎
- Händler-Lachmann et al. (1995), S. 120. ↩︎
- Händler-Lachmann et al. (1995), S. 58. ↩︎
- Interview Jack Strauss (1996), Tape 1. ↩︎
- Interview Jack Strauss (1996), Tape 1. ↩︎
- Interview Jack Strauss (1996), Tape 1. ↩︎
- Interview Jack Strauss (1996), Tape 1. ↩︎
- Interview Jack Strauss (1996), Tape 1. ↩︎
- Interview Jack Strauss (1996), Tape 1. ↩︎
- Interview Jack Strauss (1996), Tape 1. – Zur Wimpel-Tradition vgl. https://en.wikipedia.org/wiki/Wimpel (zuletzt aufgerufen am 30. August 2026). ↩︎
- Es handelt sich um den Kreisleiter, Tierarzt Dr. Friedrich Hardt. Vgl. die Aussage von Hans Ludwig Strauß‘ jüdischem Mitschüler Moritz Schönfeld, der in Londorf eine Metzgerei betrieb: „Besonders die oertliche Nazileitung in Londorf wurde durch den Nazifuehrer, Tierarzt Hardt in Allendorf angehalten, den Boykott von Juden in Londorf und Umgebung auf das Schaerfste durchzufuehren. Der Tierarzt Hardt wurde ja auch wegen seiner Untaten gegen Juden und anders Gesinnte bestraft.“ Eidesstattliche Versicherung von Moritz Schönfeld vom 29. Dezember 1953, Entschädigungsakte Moritz Schönfeld, Bd. 1, Bl. 5a. – Die Entnazifizierungsakte von Dr. Friedrich Hardt, geboren am 30. Januar 1898, wohnhaft in Allendorf/Lumda, muss noch eingesehen werden. ↩︎
- Interview Jack Strauss (1996), Tape 2. ↩︎
- Ausführlich zum ‚Nordecker Judenmord‘: Hoffmann, Bd. 1 (2022). ↩︎
- Stern (1970), S. 25. ↩︎
- Stern (1970), S. 27. ↩︎
- Stern (1970), S. 27. ↩︎
- Interview Jack Strauss (1996), Tape 2. ↩︎
- Interview Jack Strauss (1996), Tape 2. ↩︎
- Interview Jack Strauss (1996), Tape 2. ↩︎
- Interview Jack Strauss (1996), Tape 2. ↩︎
- Interview Jack Strauss (1996), Tape 2. ↩︎
- Interview Jack Strauss (1996), Tape 2. ↩︎
- Reifezeugnis von E. N. (Archiv der Theo-Koch-Schule). ↩︎
- Entschädigungsakte Robert Katz, Bl. 29. ↩︎
- Entschädigungsakte Robert Katz, Bl. 46. ↩︎
- Interview Jack Strauss (1996), Tape 2. ↩︎
- Interview Jack Strauss (1996), Tape 2. ↩︎
- Interview Jack Strauss (1996), Tape 2. ↩︎
- Entschädigungsakte Hans Ludwig Strauß, Bl. 4. ↩︎
- Interview Jack Strauss (1996), Tape 2. ↩︎
- Interview Jack Strauss (1996), Tape 2. ↩︎
- Interview Jack Strauss (1996), Tape 2. ↩︎
- Interview Jack Strauss (1996), Tape 2. ↩︎
- Interview Jack Strauss (1996), Tape 2. ↩︎
- Interview Jack Strauss (1996), Tape 2. ↩︎
- Interview Jack Strauss (1996), Tape 2. ↩︎
- Stern (1970), S. 44. ↩︎
- Interview Jack Strauss (1996), Tape 2. ↩︎
- Interview Jack Strauss (1996), Tape 2. ↩︎
- Interview Jack Strauss (1996), Tape 2. ↩︎
- Interview Jack Strauss (1996), Tape 2. ↩︎
- Interview Jack Strauss (1996), Tape 2. ↩︎
- Interview Jack Strauss (1996), Tape 3. ↩︎
- Interview Jack Strauss (1996), Tape 3. ↩︎
- Interview Jack Strauss (1996), Tape 3. ↩︎
- Stern (1970), S. 44 f. ↩︎
- Händler-Lachmann et al. (1995), S. 179. ↩︎
- Interview Jack Strauss (1996), Tape 3. ↩︎
- Bei seiner Einbürgerung wurde sein Vorname von „Hans“ nach „Jack“ geändert. ↩︎
- Römer (1995), S. 126 f. ↩︎
- Römer (1995), S. 127. ↩︎
- Römer (1995), S. 127. – Römer verzichtet auf genaue Quellenangaben. Das Zitat stammt vermutlich aus einem Interview. ↩︎
- Römer (1995), S. 127 f. ↩︎
- Interview Jack Strauss (1996), Tape 4. ↩︎
- Interview Jack Strauss (1996), Tape 4. ↩︎
- Interview Jack Strauss (1996), Tape 4. ↩︎
- Interview Jack Strauss (1996), Tape 4. ↩︎
- Interview Jack Strauss (1996), Tape 4. ↩︎
- Interview Jack Strauss (1996), Tape 5. – Ein „Shabbos Goy“ ist ein nicht-jüdischer Mensch, der für jüdische Menschen Arbeiten verrichtet, die nach dem jüdischen Religionsgesetz am Schabbat oder an Feiertagen nicht erlaubt sind. ↩︎
- Vgl. die Bemerkung im Abgangszeugnis vom 21. Oktober 1931: „Auf Wunsch des Vaters aus wirtschaftlichen Gründen in die Volksschule Nordeck übergetreten.“ – Zeugnis von Johannes Rabenau (Archiv der Theo-Koch-Schule). ↩︎
- Interview Jack Strauss (1996), Tape 5. ↩︎
- Interview Jack Strauss (1996), Tape 5. ↩︎
- Interview Jack Strauss (1996), Tape 5. ↩︎
- Interview Jack Strauss (1996), Tape 8. ↩︎
- Stern, Erna, Leo und Hilde Berta – Stolpersteine Göppingen (zuletzt aufgerufen am 1. September 2026). ↩︎
