Walter Joseph

Geb. am 4. August 1912; Schulbesuch in Grünberg von 1923 bis 1930; in die USA emigriert

Walter Joseph als Untersekundaner; Ausschnitt aus einem Klassenfoto der Oberrealschule Grünberg, Ostern 1930 (© Archiv der Theo-Koch-Schule)

Ludwig Walter Joseph wurde am 4. August 1912 in Londorf geboren. Er erhielt den Rufnamen Walter. Seine Eltern waren der Kaufmann Adolf Joseph, geboren am 19. Juli 1880 in Rüddingshausen, heute ein Ortsteil der Rabenau, und Frieda Rothensis, geboren am 22. Februar 1883 im südhessischen Zwingenberg an der Bergstraße, wo bis 1938 eine jüdische Gemeinde bestand. In Zwingenberg fand am 1. Mai 1907 die standesamtliche Trauung statt. Religiös getraut wurden sie einen Tag später in Gießen von Rabbiner Dr. Sander.1 Walters Vater hatte ein Textilwarengeschäft, zunächst in seinem Geburtsort Rüddingshausen, ab 1908 im benachbarten Londorf, das heute ebenfalls zur Kommune Rabenau gehört.

Walter war das jüngste von fünf Geschwistern: Am 3. Juli 1908 war in Londorf Walters ältester Bruder Alfred zur Welt gekommen; ein Jahr später, am 1. Juni 1909, war Ernst-Albert geboren worden. Das dritte Kind, Ludwig, geboren am 6. November 1910, hatte nur wenige Stunden gelebt. Die Schwester Hilde war am 4. August 1912 geboren worden.

Die Joseph-Geschwister wuchsen in einem arbeitsreichen Elternhaus auf: „In der Marburger Straße 1 hatte Alfred [gemeint ist Adolf!2], genannt ‚Tausendschön‘, ein Geschäft mit Stoffen und feiner Konfektion. Er kam meistens ins Haus, während seine Frau Frieda im Laden verkaufte.“3 Aus der Entschädigunsakte von Alfred Joseph ist zu erfahren, dass der Textilwarenhandel florierte und dass Adolph Joseph seine ländlichen Kunden meist mit dem Fahrrad bediente.

Walter Josephs ältere Geschwister (v. l. n. r.): Alfred, Hilde und Ernst-Albert Joseph (© Amos Levi, Israel)

Walters Vater war eine wichtige Persönlichkeit in der jüdischen Gemeinde Londorf, die eine lange Geschichte hatte: „Das Gebiet der ‚Rabenau‘ – zu dem die Orte Londorf wie auch Geilshausen, Kesselbach und Rüddingshauen gehörten – unterstand den Freiherren von Nordeck zur Rabenau. Diese Patrimonialherren hatten schon seit 1650 das Recht zur Judenaufnahme. Da bereits 1722 ein ‚Judenbegräbnis‘ bestand, ist ziemlich sicher, daß um diese Zeit schon eine Judengemeinde Londorf (mit Filialorten) existierte. […] Die Patrimonialrechte der Herren von Nordeck wurden erst nach 1822 aufgehoben.“4

Anfang der 1930er Jahre „lebten in Londorf noch 15 Juden (Familien). […] Die Synagoge in Londorf in der Allendorfer Straße war ein alter Fachwerkbau; der Betraum hatte etwa 80 bis 100 Plätze. Im Erdgeschoß des Hauses war die Lehrerwohnung, und im Hof befand sich die Mikwa. Das Synagogengebäude (3stöckig) wurde vor dem Ersten Weltkrieg renoviert. Die Gemeinde hatte 8 Thorarollen. […] Der letzte Vorsitzende der Gemeinde Adolf Joseph [Walter Josephs Vater] ist um 1935 nach den USA ausgewandert (er war 16 Jahre lang Gemeindevorsteher). […] Im November 1938 wurde die Synagoge demoliert; die Inneneinrichtung sowie alle Kultgegenstände verbrannten.“5

Als Walter Joseph in Londorf zur Volksschule ging, war der Antisemitismus latent, konnte aber jederzeit manifest werden: „Für [den Historiker] Jacob Toury ist es unbestritten, ‚daß die Ablehnung der jüdischen Dorfbewohner durch die bäuerliche Bevölkerung, analog ihrer wirtschaftlichen Situation, vom gutmütigen ‚Leben und Lebenlassen‘, über Indifferenz und schweigende Ablehunung bis zur wütenden Verfolgung periodisch mit der Konjunktur schwankte‘. In den hessischen Landen seien die jüdischen Dorfbewohner wohl in einer Außenseiterposition geblieben. Toury gibt folgende Selbsteinschätzung eines jüdischen Historikers wieder: ‚Wir gehörten zum Dorf, und gehörten doch nicht ganz zu ihm.‘ Ein nichtjüdischer Historiker paraphrasiert diesen Befund wie folgt: Die Juden waren ‚im Dorfe, aber nicht vom Dorfe.'“6

An Ostern 1923 trat Walter Joseph in die Sexta (heute 5. Klasse) der Grünberger Realschule ein. Sein ältester Bruder Alfred war bereits an Ostern 1917 eingetreten und der Zweitälteste, Ernst-Albert, ein Jahr später. Da Walter Joseph die Quarta (heute 7. Klasse) wiederholte, war er ab dem Schuljahr 1926/27 mit der jüdischen Schülerin Edith Buxbaum in einer Klasse. An Ostern 1930 bestand er die Prüfungen zur Aufnahme in die Obersekunda, was einem heutigen mittleren Abschluss entspricht.

Die Familie Joseph in den 1920er Jahren (v. l. n. r.): Frieda Joseph, geb. Rothensis; die Geschwister Alfred, Walter, Ernst-Albert und Hilde; Adolf Joseph (© Carol Phillips, USA)
Walter Joseph, Ausschnitt aus dem Klassenfoto rechts (© Archiv der Theo-Koch-Schule)
Die Quarta (heute 7. Klasse) der Grünberger Oberrealschule im Mai 1926; jüdische Lernende: Edith Buxbaum (vorne, 3. v. rechts) und Walter Joseph (s. Ausschnitt links) (© Archiv der Theo-Koch-Schule)
Die Untersekunda (heute 10. Klasse) der Grünberger Oberrealschule an Ostern 1930; jüdische Lernende: Edith Buxbaum (vorne, 2. v. l.) und Walter Joseph (2. Reihe, 2. v. r.) (© Archiv der Theo-Koch-Schule)

Nach der Schule ging Walter Joseph als Lehrling nach Gießen in das Kaufhaus Hansa im Seltersweg 28, das 1931 von Karstadt aufgekauft wurde.7 Am 6. April 1934 stellte die Kaufhausleitung Walter Joseph folgendes Zeugnis aus: „Herr Walter Joseph war in der Zeit vom 22.9.1930 bis 21.3.1935 als Lehrling und von diesem Tag bis 4.4.1933 als jüngerer Verkäufer in unserer Abteilung Baumwollwaren beschäftigt. Herr Joseph hatte während dieser Zeit Gelegenheit sich gute Fachkenntnisse anzueignen und sich zu einem tüchtigen Verkäufer heranzubilden. Herr Joseph war stets ehrlich, fleissig und pünktlich. Sein Austritt erfolgt wegen Umstellung des Betriebs.“8

Der Ausdruck „Umstelllung des Betriebs“ ist unter den gegebenen historischen Umständen, also dem Anbruch der NS-Diktatur, ein Euphemismus. Margot Joseph, Walters spätere Ehefrau, erklärte im Entschädigungsverfahren: „Eine Anstellung nach 1933 hat mein Mann, da er Jude war, nicht mehr erhalten. In Erwartung einer Änderung der Verhältnisse lebte er noch bis 1937 bei seinen Eltern [in Londorf und Gießen], wo er unterstützt und ernährt wurde.“9

Dabei hatte Walter Josephs Karriere gerade erst begonnen, wie er in einer Stellungnahme für die Entschädigungsbehörde selbst erklärte: „Obwohl meine Ausbildungszeit am 31.3.1933 bei der Fa. Rudolph Karstadt bezw. Kaufhaus Hansa, Giessen nach Angabe angeblich beendet war, so muß [ich] Ihnen sagen, dass ich schon als 1. Verkäufer am 31.3.1932 tätig war & verdiente [bei] meiner Entlassung RMK 400.- & war dies nur das Anfangsgehalt, da ich eine Chance hatte, als Einkäufer bei der Centrale in Berlin tätig zu sein. […] wurde dies durch die ’sogenannte‘ Umstellung des Betriebes unmöglich gemacht.“10

Walters Eltern hatten nach der Machtübernahme der Nazis zunächst ihren Textilwarenhandel in Londorf aufrechtzuerhalten versucht, sich aber bereits im November 1935 verfolgungsbedingt nach Gießen abgemeldet. Hier wohnten sie zunächst in der Bahnhofstraße 50 und ab Oktober 1936 in der Liebigstraße 2 bei Wetterhahn. Auf der Gießener Aufenthaltsbescheinigung von Walter Joseph ist als Adresse ab November 1935 Bahnhofstraße 48 I angegeben.

Walter Joseph verbrachte die Jahre nach dem Rauswurf aus der Firma aber nicht nur bei den Eltern, wie er in seinem Lebenslauf für das Entschädigungsverahren erklärt: „Vom Jahre 1934 bis 1937 war ich in einem landwirtschaftlichen Ausbildungslager […] in Altwies (Luxemburg)11 um mich fuer die Auswanderung nach Palaestina vor zubereiten [sic].“12

Vom ersten Verkäufer eines renommierten Warenhauses mit der Option auf Beförderung und Versetzung in die Hauptstadt-Zentrale zum landwirtschaflichen Arbeiter – ein nur allzu typischer Biografie-Bruch bei jüdischen Deutschen aus Walter Josephs Generation. „Am 29. Juni 1937 wanderte ich [mit den Eltern] von Giessen nach Palaestina aus und setzte dort [in Raanana] meine landwirtschaftlische [sic] Ausbildung fort. Da ich dort keine Moeglichkeit hatte in wirtschaftlicher Hinsicht vorwaertz [sic] zu kommen, wanderte ich am 7. Mai 1946 nach Amerika weider [sic].“13

In den USA konnte Walter Joseph seine beruflichen Erfahrungen im Handel und in der Landwirtschaft anwenden: „Vom Juni 1946 bis November 1947 arbeitete ich in der Versandt Abteilung [sic] im Warenhaus Gimbel Bros., New York und verdiente dort etwa $30 pro Woche. Ab 1949 wurde ich von der Firma American Horticultral Supply Co. in New York als Reisevertreter angestellt.“14

Bei dieser Firma arbeitete sein älterer Bruder Ernst Albert, genannt Ernest, der bereits 1928 in die USA immigriert war. Im Januar 1949 hatte Walter Joseph eine nichtjüdische deutsche Immigrantin namens Margot geheiratet, die er in der Abendschule in Kalifornien kennengelernt hatte.15 Margots Vorfahren stammten aus Bensberg bei Bergisch Gladbach. Das junge Paar zog nach Michigan. Dort wohnten sie zusammen mit Mitchell und Ruth Bacow, geb. Wertheim, der Mutter des in Auschwitz ermordeten ehemaligen Grünberger Schülers Leopold Wertheim, in einem Doppelhaus. Am 20. Juni 1950 wurde der Sohn Robert, genannt Bob, geboren. Zwei Jahre später, am 2. November 1952, folgte die Tochter Sonja. Die Kinder der Josephs und Bacows wuchsen zusammen auf.

Die Familien Joseph und Bacow blieben befreundet, wie Bob Joseph in einer E-Mail schreibt: „[W]hen Larry’s [gemeint ist Ruth Wertheims Sohn Lawrence Bacow] parents bought a winter home in Boca Raton Florida my parents soon followed and bought one in Delray Beach, Florida.“16

Im Alter von 56 Jahren besucht Walter Joseph seine alte Heimat, wie seine Nichte Cassondra Joseph, die Tochter von Ernst-Albert, in einer E-Mail-Korrespondenz berichtet: Sie habe als 20-jährige Studentin im Jahr 1969 für einen halben Tag Londorf besucht. „Ganz zufaellig“ sei der Bürgemeister (vermutl. Wissner) ihr Fremdenführer gewesen. Es habe sich herausgestellt, dass ihr Onkel Walter der beste Freund des Bürgermeisters gewesen war, „als sie zusammen in Londorf aufwuchsen“. Später habe der Bürgermeister vorgeschlagen, dass ihr Onkel und ihr Vater die alte Heimat Londorf besuchen sollten, was sie im folgenden Sommer [1970] getan hätten.17


Quellen:

  • Hauptliste der Schüler und Schülerinnen der Höheren Bürgerschule Grünberg i. H. (bis Ostern 1914) und Realschule (O. 1914–O. 1926) und Oberrealschule (O. 1926–O. 1938) und Oberschule für Jungen (ab O. 139). Angefangen: Ostern 1910. Beendet mit Schluß des Schuljahres 1938/39 (Archiv der Theo-Koch-Schule).
  • 50 Jahrfeier der Oberrealschule zu Grünberg in Hessen. 22.–24. Mai 1926. Gedenkblätter von Oberstudiendirektor W. Angelberger und Studienrat O. Steuernagel, Grünberg i. H. 1926 (Archiv der Theo-Koch-Schule).
  • Entschädigungsakte von Alfred Joseph, Walter Josephs Bruder, Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden (HHStAW), Best. 518, Nr. 17783.
  • Entschädigungsakte von Walter Joseph, Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden (HHStAW), Best. 518, Nr. 58696.
  • Paul Arnsberg: Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang, Untergang, Neubeginn. Erster Band, Frankfurt a. M. 1971.
  • Hanno Müller: Juden in Gießen. 1788–1942. Hg. vom Magistrat der Universitätsstadt Gießen, Gießen 2012.
  • Arthur Rothmann: Jüdisches Leben in der Rabenau. In: Gabriele Hofmann und Harald Jung (Hg.): 1250 Jahre Londorf. Die Zeit von 1958 bis 2008, Rabenau 2008 (=Schriftenreihe des Vereins für Heimat- und Kulturgeschichte der Rabenau e.V., Bd. 2).
  • Stefan Gotthelf Hoffmann: Der ‚Nordecker Judenmord‘. Hintergründe zum Tode von Salomon und Johanna Wolf am 3. März 1884. Ein Beirrag zur Familiengeschichte des Schriftstellers Friedrich Wolf (1888–1953). Band 1 von 2, Gransee 2022.
  • Hanno Müller: Juden in Rabenau. Geilshausen, Kesselbach, Londorf, Rüddingshausen. Jüdische Schüler in Grünberg, Lich 2023. https://www.alemannia-judaica.de/zwingenberg_hp_synagoge.htm (zuletzt aufgerufen am 26. Juli 2026).
  • https://www.jüdische-gemeinden.de/index.php/gemeinden/m-o/2512-nieder-gemuenden-felda-hessen (zuletzt aufgerufen am 29. Juli 2026).
  • https://de.wikipedia.org/wiki/Kibbuz_HaOlim (zuletzt aufgerufen am 30. Juli 2026).
  • E-Mail-Korrespondenz mit Cassondra Joseph, Ernst Albert Josephs Tochter, im Februar 2026.

  1. Nach Müller (2012), S. 55, stammte Dr. Sander aus Kurnick/Schrimm in Posen, „war Nachfolger von Dr. Benedikt Levi als Rabbiner der liberalen israelitischen Gemeinde [Gießen], betreute von 1933 bis zu seinem Tode auch die Mitglieder der orthodoxen israelit. Gemeinde, war Provinzialrabbiner […]. Er wohnte in Landgrafenstr. 8 […] und starb [1939] in der Chirurgischen Universitätsklinik“. ↩︎
  2. Rothmann verwechselt offensichtlich Vater [Adolf] und Sohn [Alfred]. Auch seine Angaben zu den Kindern sind größtenteils unzutreffend: Walter wird als Ältester der vier Geschwister genannt, während er in Wahrheit der Jüngste ist. Ernst-Albert, das zweite Kind, wird fälschlich Karl-Heinz genannt. Hilda ist korrekt als drittes Kind benannt. Irrtümlich wird noch eine weitere Tochter vermutet, „Name unbekannt“; Rothmann, in: Hofmann u. Jung (2008), S. 97. – Hanno Müller (2023), S. 63, vermutet als Ursache für die fehlerhaften Angaben „Irrtümer der Zeitzeugen.“ ↩︎
  3. Rothmann, in: Hofmann u. Jung (2008), S. 96. ↩︎
  4. Arnsberg (1971), S. 499. ↩︎
  5. Ebd., S. 500. ↩︎
  6. Hoffmann (2022), S. 51. – Zitiert wurde aus: Jacob Toury: Antisemitismus auf dem Lande. Der Fall Hessen 1881–1885. In: Studien zur deutsch-jüdischen Geschichte. Hg. von Monika Richarz und Reinhard Rürup, Tübingen 1997, S. 173–188, hier S. 174 u. 187 f. ↩︎
  7. https://www.architektur-bildarchiv.de/image/Warenhaus-Karstadt-Gie%C3%9Fen-16398.html (zuletzt aufgerufen am 30. Juli 2026). ↩︎
  8. Entschädigungsakte Walter Joseph, Bl. 6. ↩︎
  9. Ebd., Bl. 8. ↩︎
  10. Ebd., Bl. 17. ↩︎
  11. Es handelt sich um den von der zionistischen Jugendorganisation Hechaluz 1933 gegründeten Kibbuz HaOlim bei Altwies an der luxemburgisch-französischen Grenze: https://de.wikipedia.org/wiki/Kibbuz_HaOlim (zuletzt aufgerufen am 30. Juli 2026). ↩︎
  12. Ebd., Bl. 29. ↩︎
  13. Ebd. ↩︎
  14. Ebd., S. 30. ↩︎
  15. Informationen von Bob Joseph, E-Mail vom 20. Oktober 2022 an Christina Müller. ↩︎
  16. Ebd. ↩︎
  17. E-Mail-Korrespondenz mit Cassondra Joseph, Ernst Albert Josephs Tochter, im Februar 2026. ↩︎