Ernst-Albert (Ernest) Joseph

Geb. am 1. Juni 1909 in Londorf; Schulbesuch in Grünberg von 1918 bis 1924; vor der Shoah (1928) in die USA emigriert

Ernst-Albert Joseph als Untersekundaner,
Realschule Grünberg, Ostern 1924
(© Archiv der Theo-Koch-Schule)

Ernst-Albert Joseph wurde am 1. Juni 1909 in Londorf geboren. Seine Eltern waren der Kaufmann Adolf Joseph, geboren am 19. Juli 1880 in Rüddingshausen, heute ein Ortsteil der Rabenau, und Frieda Rothensis, geboren am 22. Februar 1883 im südhessischen Zwingenberg an der Bergstraße, wo bis 1938 eine jüdische Gemeinde bestand. Im Heimatdorf von Frieda fand am 1. Mai 1907 die standesamtliche Trauung statt. Religiös getraut wurden sie einen Tag später in Gießen von Rabbiner Dr. Sander.1 Ernst-Alberts Vater hatte ein Textilwarengeschäft, zunächst in seinem Geburtsort Rüddingshausen, ab 1908 im benachbarten Londorf, das heute ebenfalls zur Kommune Rabenau gehört.

In Londorf war im Juni 1908 Ernst-Alberts älterer Bruder Alfred zur Welt gekommen. Am 6. November 1910 wurde Ludwig geboren; das Kind lebte nur wenige Stunden. Am 4. August 1912 kam die kleine Schwester Hilde zur Welt; der keine Bruder Ludwig Walter, genannt Walter, folgte am 8. September 1914.

Die Joseph-Geschwister wuchsen in einem arbeitsreichen Elternhaus auf : „In der Marburger Straße 1 hatte Alfred [gemeint ist Adolf!2], genannt ‚Tausendschön‘, ein Geschäft mit Stoffen und feiner Konfektion. Er kam meistens ins Haus, während seine Frau Frieda im Laden verkaufte.“3 Aus der Entschädigunsakte von Alfred Joseph, Ernst-Alberts Bruder, ist zu erfahren, dass der Textiwarenhandel florierte und dass Adolph Joseph seine ländlichen Kunden meist mit dem Fahrrad bediente.

Alfreds Vater war eine wichtige Persönlichkeit in der jüdischen Gemeinde Londorf, die eine lange Geschichte hatte: „Das Gebiet der ‚Rabenau‘ – zu dem die Orte Londorf wie auch Geilshausen, Kesselbach und Rüddingshauen gehörten – unterstand den Freiherren von Nordeck zur Rabenau. Diese Patrimonialherren hatten schon seit 1650 das Recht zur Judenaufnahme. Da bereits 1722 ein ‚Judenbegräbnis‘ bestand, ist ziemlich sicher, daß um diese Zeit schon eine Judengemeinde Londorf (mit Filialorten) existierte. […] Die Patrimonialrechte der Herren von Nordeck wurden erst nach 1822 aufgehoben.“4

Anfang der 1930er Jahre „lebten in Londorf noch 15 Juden (Familien). […] Die Synagoge in Londorf in der Allendorfer Straße war ein alter Fachwerkbau; der Betraum hatte etwa 80 bis 100 Plätze. Im Erdgeschoß des Hauses war die Lehrerwohnung, und im Hof befand sich die Mikwa. Das Synagogengebäude (3stöckig) wurde vor dem Ersten Weltkrieg renoviert. Die Gemeinde hatte 8 Thorarollen. […] Der letzte Vorsitzende der Gemeinde Adolf Joseph [Ernst-Alberts Vater] ist um 1935 nach den USA ausgewandert (er war 16 Jahre lang Gemeindevorsteher. […] Im November 1938 wurde die Synagoge demoliert; die Inneneinrichtung sowie alle Kultgegenstände verbrannten.“5

Als Ernst-Albert Joseph in Londorf zur Volksschule ging, war der Antisemitismus latent, konnte aber jederzeit manifest werden: „Für [den Historiker] Jacob Toury ist es unbestritten, ‚daß die Ablehnung der jüdischen Dorfbewohner durch die bäuerliche Bevölkerung, analog ihrer wirtschaftlichen Situation, vom gutmütigen ‚Leben und Lebenlassen‘, über Indifferenz und schweigende Ablehunung bis zur wütenden Verfolgung periodisch mit der Konjunktur schwankte‘. In den hessischen Landen seien die jüdischen Dorfbewohner wohl in einer Außenseiterposition geblieben. Toury gibt folgende Selbsteinschätzung eines jüdischen Historikers wieder: ‚Wir gehörten zum Dorf, und gehörten doch nicht ganz zu ihm.‘ Ein nichtjüdischer Historiker paraphrasiert diesen Befund wie folgt: Die Juden waren ‚im Dorfe, aber nicht vom Dorfe.'“6

An Ostern 1918 trat Ernst-Albert Joseph in die Sexta (heute 5. Klasse) der Grünberger Realschule ein. Sein Bruder Alfred war eine Klasse über ihm. In Ernst-Alberts Klasse war zeitweise ein weiterer jüdischer Schüler, Albert Reiss aus Röllbach in Bayern, der allerdings bereits an Ostern 1921 aus Grünberg weg zurück nach Bayern zog. An Ostern 1924 verließ Alfred Joseph die Grünberger Realschule in Untersekunda (heute 11. Klasse) mit dem „Einjährig-Freiwilligen“-Abschluss, der einem heutigen Realschulabschluss entspricht.

Die „Einjährigen“ (=Obersekundareife bzw. mittlerer Abschluss) der Grünberger Realschule an Ostern 1924;
Ernst-Albert Joseph in der mittleren Reihe, 2. v. l. (© Archiv der Theo-Koch-Schule)

Wir wissen nur wenig über den weiteren Ausbildungsweg von Ernst-Albert Joseph. Im Ehemaligenverzeichnis der Grünberger Realschule von 1926 ist neben seinem Namen als Beruf „Kaufmann“ vermerkt und als Adresse „Gießen, Bahnhofstraße 54“. Ende Januar 1928 wanderte er in die USA aus, genauer nach New York. Er nannte sich Ernest und hatte mindestens eine Tochter. Er starb am 16. April 2001 in San Diego, USA.


Seine Tochter Cassondra Joseph berichtete im Februar 2026 in einer E-Mail-Korrespondenz, sie habe als 20-jährige Studentin im Jahr 1969 für einen halben Tag Londorf besucht. „Ganz zufaellig“ sei der Bürgemeister (vermutl. Wissner) ihr Fremdenführer gewesen. Es habe sich herausgestellt, dass ihr Onkel Walter, der Jüngste der Joseph-Geschwister, der beste Freund des Bürgermeisters gewesen war, „als sie zusammen in Londorf aufwuchsen“. Später habe der Bürgermeister vorgeschlagen, dass ihr Onkel und ihr Vater ihre alte Heimat Londorf besuchen sollten, was sie im folgenden Sommer getan hätten.


  1. Nach Müller (2012), S. 55, stammte Dr. Sander aus Kurnick/Schrimm in Posen, „war Nachfolger von Dr. Benedikt Levi als Rabbiner der liberalen israelitischen Gemeinde [Gießen], betreute von 1933 bis zu seinem Tode auch die Mitglieder der orthodoxen israelit. Gemeinde, war Provinzialrabbiner […]. Er wohnte in Landgrafenstr. 8 […] und starb [1939] in der Chirurgischen Universitätsklinik“. ↩︎
  2. Rothmann verwechselt offensichtlich Vater [Adolf] und Sohn [Alfred]. Auch seine Angaben zu den Kindern sind größtenteils unzutreffend: Walter wird als Ältestes der vier Kinder genannt, während er in Wahrheit das jüngste ist. Ernst-Albert wird fälschlich Karl-Heinz genannt. Hilda ist korrekt als drittes Kind benannt. Irrtümlich wird noch eine weitere Tochter vermutet, „Name unbekannt“; Rothmann, in: Hofmann u. Jung (2008), S. 97. – Hanno Müller (2023), S. 63, vermutet als Ursache für die fehlerhaften Angaben „Irrtümer der Zeitzeugen.“ ↩︎
  3. Rothmann, in: Hofmann u. Jung (2008), S. 96. ↩︎
  4. Arnsberg (1971), S. 499. ↩︎
  5. Ebd., S. 500. ↩︎
  6. Hoffmann (2022), S. 51. – Zitiert wurde aus: Jacob Toury: Antisemitismus auf dem Lande. Der Fall Hessen 1881–1885. In: Studien zur deutsch-jüdischen Geschichte. Hg. von Monika Richarz und Reinhard Rürup, Tübingen 1997, S. 173–188, hier S. 174 u. 187 f. ↩︎

Quellen:

  • Hauptliste der Schüler und Schülerinnen der Höheren Bürgerschule Grünberg i. H. (bis Ostern 1914) und Realschule (O. 1914–O. 1926) und Oberrealschule (O. 1926–O. 1938) und Oberschule für Jungen (ab O. 139). Angefangen: Ostern 1910. Beendet mit Schluß des Schuljahres 1938/39 (Archiv der Theo-Koch-Schule).
  • 50 Jahrfeier der Oberrealschule zu Grünberg in Hessen. 22.–24. Mai 1926. Gedenkblätter von Oberstudiendirektor W. Angelberger und Studienrat O. Steuernagel, Grünberg i. H. 1926 (Archiv der Theo-Koch-Schule).
  • Entschädigungsakte von Alfred Joseph, Ernst-Albert Josephs Bruder, Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden (HHStAW), Best. 518, Nr. 17783.
  • Paul Arnsberg: Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang, Untergang, Neubeginn. Erster Band, Frankfurt a. M. 1971.
  • Arthur Rothmann: Jüdisches Leben in der Rabenau. In: Gabriele Hofmann und Harald Jung (Hg.): 1250 Jahre Londorf. Die Zeit von 1958 bis 2008, Rabenau 2008 (=Schriftenreihe des Vereins für Heimat- und Kulturgeschichte der Rabenau e.V., Bd. 2).
  • Hanno Müller: Juden in Gießen. 1788–1942. Hg. vom Magistrat der Universitätsstadt Gießen, Gießen 2012.
  • Stefan Gotthelf Hoffmann: Der ‚Nordecker Judenmord‘. Hintergründe zum Tode von Salomon und Johanna Wolf am 3. März 1884. Ein Beirrag zur Familiengeschichte des Schriftstellers Friedrich Wolf (1888–1953). Band 1 von 2, Gransee 2022.
  • Hanno Müller: Juden in Rabenau. Geilshausen, Kesselbach, Londorf, Rüddingshausen. Jüdische Schüler in Grünberg, Lich 2023.
  • https://www.alemannia-judaica.de/zwingenberg_hp_synagoge.htm (zuletzt aufgerufen am 26. Juli 2026).
  • E-Mail-Korrespondenz mit Cassondra Joseph, Ernst Albert Josephs Tochter, im Februar 2026.