Else Jacob (verh. Rothschild)

Geb. am 29. November 1919 in Nieder-Gemünden; Schulbesuch in Grünberg von 1930 bis 1933; nach Israel emigriert

Eintrag für Else Jacob in der Schülerliste der Oberrealschule Grünberg, Eintrittsjahr 1930 (© TKS-Archiv)

Else Jacob wurde am 29. November 1919 in Nieder-Gemünden bei Alsfeld geboren. Ihre Eltern waren der Kaufmann Willy (auch Willi oder Wilhelm) Jacob, geboren am 19. Februar 1891 in Nieder-Gemünden, und die Kauffrau Erna Jacob, Geburtsname Stern, geboren am 25. April 1887 in Mülheim an der Ruhr. Elses ältere Schwester Käthe war am 10. März 1914 in Erfurt zur Welt gekommen. Zur Zeit von Käthes Geburt hatte Willy Jacob noch als Handlungsgehilfe in Metz gearbeitet; Erna Jacob hatte in Nordhausen bei Erfurt gewohnt. Spätestens 1919, Elses Geburtsjahr, müssen die Jacobs nach Nieder-Gemünden gekommen sein. Am 8. März 1928 – Käthe war fast vierzehn, Else acht Jahre alt – kam in Nieder-Gemünden die kleine Schwester Klara Ruth zur Welt.

Wie sah der jüdische Alltag in der kleinen Vogelsberggemeinde aus? „In Nieder-Gemünden“, so schreibt der Historiker Klaus-Dieter Alicke, „existierte bis ins beginnende 20. Jahrhundert eine kleine jüdische Gemeinde, der auch die wenigen Familien aus Rülfenrod angeschlossen waren. Beide Dörfer unterstanden ehemals der Patrimonialherrschaft der Freiherren von Schenk von Schweinsberg. Jüdische Bewohner waren seit Ende des 17. Jahrhunderts dort ansässig; sie bestritten ihren Lebensunterhalt als Viehhändler, Kleinkaufleute und als Landwirte. Die bekannteste jüdische Familie am Ort war die weitverzweigte Familie Jacobs [sic].“1 – Der Betraum der kleinen jüdischen Gemeinde befand sich in einem Privathaus. Schon vor 1933 waren viele jüdische Personen aus Nieder-Gemünden weggezogen.

Die Jacobs gehörten zu denen, die vorerst in der Heimat blieben. „Ich besuchte von Ostern 1926 bis Ostern 1930 die Volksschule in Niedergemuenden“, schrieb Else Jacob, verheiratete Rothschild, nach dem Krieg in ihrem Entschädigungsverfahren. „Danach besuchte ich drei Jahre lang [Ostern 1930 bis Ostern 1933] die ersten drei Klassen, Sexta [heute 5. Klasse], Quinta und Quarta der Oberrealschule in Gruenberg in Oberhessen. Der Direktor der Schule hiess [Johannes] Huetwohl.“2

Else Jacob war nicht die einzige jüdische Schülerin in der Grünberger Oberrealschule. Von den 356 Schülerinnen und Schülern des Schuljahres 1930/31 waren 7 jüdisch, davon 3 in Sexta (neben Else Jacob und Edith Bick aus Nieder-Gemünden: Manfred Eckstein aus Kesselbach), einer in Quinta (Hans-Ludwig Strauß aus Nordeck), einer in Obertertia (Erwin Stiebel aus Allendorf), einer in Untersekunda (Hermann Roth aus Nieder-Ohmen), eine in Obersekunda (Edith Buxbaum aus Grünberg) und einer in der Oberprima (Ernst Simon aus Londorf). Auch ihr Großcousin Willi Jacob, geboren 1885, der Neffe ihres Großvaters Abraham Jacob, war von 1898 bis vermutlich 1899 in Grünberg zur Schule gegangen.

Die Grünberger Oberrealschule kannte Else Jacob außerdem von den Erzählungen ihrer großen Schwester Käthe: Ostern 1923 eingeschult, verließ Käthe Jacob die Schule an Ostern 1929 aus Untersekunda (heute 10. Klasse) mit der Obersekundareife, die einem mittleren Abschluss entsprach. Auch Else Jacob strebte diesen Abschluss an – und hatte noch ambitioniertere Ziele: „Sowohl meine Eltern wie ich selbst wollten, dass ich die Oberrealschule mit dem Abitur abschliesse, und danach einen Beruf erlerne, zu dem die Ablegung des Abiturs die Voraussetzung ist.“3 Dazu sollte es aber nicht kommen.

„Wegen meiner guten Leistungen in der Schule hatte ich eine Freistelle“, so Else Jacob im Rückblick. „Das System an der Schule war das, dass nach einem halben Jahre in der Sexta die finanziellen Verhältnisse der Schueler, deren Leistungen gut waren, einer Pruefung unterzogen wurden, und wenn die finanziellen Verhaeltnisse der Eltern und die Leistungen der Schueler es rechtfertigten, wurde eine Freistelle gewaehrt. Ich war im Genuss einer solchen Freistelle bis zur sogenannten nationalsozialistischen Machtergreifung, und es ist kein Zweifel, dass ich bei gleichbleibenden Leistungen in der Schule ohne Schulgeld bis zur Ablegung des Abiturs haette bleiben koennen. Aber im Jahre 1933 wurden den juedischen Schuelern und Schuelerinnen diese Schulgeldverguenstigungen entzogen. Meine Eltern waren nicht in der Lage, mich auf ihre eigenen Kosten weiterlernen zu lassen. Mein Vater war Kaufmann, er handelte mit Oelen für landwirtschaftliche Maschinen und sein Kundenkreis waren die Landwirte der Umgebung, die unter starkem nationalsozialistischem Einfluss standen und juedische Kaufleute boykottierten. Ungefaehr gleichzeitig mit der Entziehung der Freistelle setzten somit auch finanzielle Schwierigkeiten meines Vaters ein.“4

Ein Blick in die Jahresberichte der Schule bestätigt diese Angaben: „Freistellen“, so heißt es etwa im Jahresbericht für 1930/31, „können an begabte, strebsame Kinder mit gutem Betragen verliehen werden, wenn die Eltern den Nachweis erbringen, daß ihnen die Zahlung des Schulgeldes schwer fällt oder unmöglich ist. Die Verleihung erfolgt stets auf Widerruf und höchstens auf 1 Jahr. Gesuche für das kommende Schuljahr sind – auch von seitherigen Freistelleninhabern – auf Vordrucken, die bei der Direktion zu haben sind, bis zum 2. Mai einzureichen. An neu in die Schule eintretende Kinder sollen im ersten Jahr in der Regel keine Freistellen verliehen werden. Nach Anordnung des Kultusministeriums kommen nur solche Schüler in Betracht, deren Fleiß nicht beanstandet ist und die in Betragen, in Aufmerksamkeit und in den Leistungen die Note 1 oder 2 haben.“5

Else Jacobs Hauptbogen mit Stammdaten und Zeugnisnoten ist im Schularchiv erhalten. Mit ihren hervorragenden Noten erfüllte sie eindeutig die Kriterien für das Stipendium. Dieses muss der fünfköpfigen Familie Jacob sehr willkommen gewesen sein, denn das monatliche Schulgeld betrug für die unteren und mittleren Klassen bei zwei Geschwistern 17 Reichsmark monatlich, für die oberen Klassen 20 Reichsmark.

Der spätere Schulleiter der Theo-Koch-Schule in Grünberg, Peter Süßkand, von der Entschädigungsbehörde nach einem Beleg für die Freistelle von Else Jacob gefragt, hatte ihren Hauptbogen im Schularchiv offenbar nicht gefunden, denn er antwortete: „Die Lückenhaftigkeit der Unterlagen aus den fraglichen Jahren läßt leider einen aktenmäßigen Beweis für die Angabe der Frau Rothschild, daß sie eine Freistelle an dieser Schule gehabt habe, nicht zu. Ebenso wenig kann ich die Schulzeugnisse aus den in Frage kommenden Jahren beibringen.“6

Damit hätte es der Schulleiter Peter Süßkand bewenden lassen können. Vielleicht erinnerte ihn Else Jacobs Geschichte jedoch an seine eigene Verfolgungsgeschichte: Weil er einen jüdischen Großelternteil hatte und damit nach den Nürnberger Gesetzen als „Vierteljude“ galt, war Peter Süßkand am 1. Juni 1933 aus dem Begabtenförderwerk ‚Studienstiftung des Deutschen Volkes‘ ausgeschlossen worden und hatte sein Stipendium verloren.7 Nach Bestehen seiner mündlichen Doktorprüfung im Juli 1933 hatte er eigentlich sofort das erste Staatsexamen für das Lehramt machen wollen; seine Zulassung wurde allerdings „unter Hinweis auf die nationalsozialistische Gesetzgebung abgelehnt.“8 Erst zwölf Jahre später, im März 1946, konnte Peter Süßkand schließlich das erste, ein Jahr später, im März 1947, dann das zweite Staatsexamen ablegen.9

So erklärt sich vielleicht die Hartnäckigkeit, mit der Peter Süßkand in Else Jacobs Fall verfuhr. In dem bereits zitierten Schreiben an die Entschädigungsbehörde, in dem er bedauerte, keine Beweise für Elses Freistelle beibringen zu können, heißt es weiter: „Der Zufall hat es jedoch ergeben, daß die derzeitige Verwaltungsangestellte der Schule, Frau Alice Hocke, geb. Jöckel, eine ehemalige Klassenkameradin von Frau Rothschild ist. Ich habe Frau Hocke gebeten, ihre Aussage über ihre ehemalige Mitschülerin in einer eidesstattlichen Versicherung niederzulegen und füge diese Versicherung in der Anlage bei.“10

Else Jacob, so versicherte denn auch Alice Hocke, sei in den Klassen Sexta bis Quarta, also von 1930 bis 1933, ihre „Klassenkameradin“ gewesen: „Sie hatte ihren Platz in der Klasse neben mir. Ich erinnere mich genau, daß Else Jacob in diesen Jahren eine gute Schülerin gewesen ist; auf keinen Fall können schwache Leistungen sie zum Abgehen von der Schule veranlaßt haben. Es scheint mir wahrscheinlich, daß sie eine Freistelle gehabt hat, da die Eltern in sehr bescheidenen Verhältnissen lebten; ich habe sie einige Male an ihrem Wohnort besucht.“11

Zum gleichen Zeitpunkt wie ihre Klassenkameradin Edith Bick aus Nieder-Ohmen, die in ihrem Entschädigungsverfahren aussagte, „als juedisches Kind aus der Schule herausgeworfen“ worden zu sein,12 musste Else Jacob am 1. April 1933 die Grünberger Oberrealschule verlassen, um „in die Volksschule zu gehen“, wie es in ihrem Hauptbogen heißt.13 Dort findet sich, wahrscheinlich von der Hand ihrer Klassenlehrerin Dr. Martha Döll, unter der Rubrik ‚Veranlagung und Charaktereigenschaften‘ die aufschlussreiche Bemerkung: „gut veranlagt, sehr strebsam und willig, bei ihren Mitschülerinnen trotz ihrer Rasse auffallend wohlgelitten.“14

„gut veranlagt, sehr strebsam und willig, bei ihren Mitschülerinnen trotz ihrer Rasse auffallend wohlgelitten“
Bemerkung im Hauptbogen von Else Jacob, 1. April 1933 (© TKS-Archiv)

Nach ihrem zwangsweisen Abgang aus der weiterführenden Schule – Else war noch nicht 14 Jahre alt und stand deshalb noch im schulpflichtigen Alter – musste sie die Volksschule in Nieder-Gemünden noch bis Ostern 1934 besuchen. Über ihren weiteren Weg schreibt sie rückblickend: „Da damals schon klar war, dass ich in Deutschland keine Zukunft mehr hatte, bereitete ich mich auf die Auswanderung nach Palaestina vor. Nachdem ich nach Beendigung der Volksschule bis etwa Oktober 1934 bei meinen Eltern in Niedergemuenden geblieben war, wurde ich auf Kosten der Juedischen Gemeinde in Mainz auf eine juedische Haushaltungsschule nach Muenchen geschickt, die ich etwa 7 Monate bis April 1935 besuchte. Danach war ich kurze Zeit in einem Vorbereitungslager der sogenannten Jugend Aliyah, der Organisation zur Vorbereitung der Auswanderung Jugendlicher nach Palaestina, in Ruecknitz bei Berlin, und kehrte von dort Ende Mai 1935 zu meinen Eltern nach Niedergemuenden zurueck, wo ich bis Januar 1936 bis zu meiner Auswanderung nach Palaestina verblieb.“15

Dieser Aufenthalt in ihrem Heimatdorf unter der NS-Diktatur muss schwer zu ertragen gewesen sein: „Während dieser Zeit war ich gezwungen, die Fortbildungsschule in Niedergemuenden zu besuchen, trotz der feindseligen Einstellung der Lehrer und Schueler gegen mich als Juedin, die zu meiner vollstaendigen Isolation dort fuehrte. Ich wurde gezwungen, auf einer abgesonderten Bank zu sitzen.“16

Wie es danach weiterging, schilderte Else Rothschild, rückblickend wie folgt: „Im Januar 1936 wanderte ich von Deutschland nach dem damaligen Mandatsgebiet Palaestina aus und trat mit einer Gruppe Jugendlicher, die ebenso wie ich mit der Jugend Aliyah gekommen waren, in den Kibbuz Ayelet Hashachar ein [35 km südlich der Stadt Kiryat Shmona im oberen Galiläa gelegen]. Dort blieb ich 16 Jahre und trat danach mit einer groesseren Gruppe von Migliedern des Kibbuz Ayelet Hashachar in den Kibbuz Hagoshrim ueber [5 km östlich von Kiryat Shmona gelegen], in dem ich heute [1956] noch bin. Sowohl im Kibbuz Ayelet Hashachar wie im Kibbuz Hagoshrim war ich landwirtschaftliche Arbeiterin.“17

Else Jacob, verheiratete Rothschild, in Israel Esther genannt, hatte zum Zeitpunkt der Antragsstellung an die Entschädigungsbehörde im Juni 1956 vier Kinder im Alter von 17, 12, 8 und anderthalb Jahren. Acht Jahre später – ihre drei älteren Kinder waren inzwischen aus dem Haus, für das jüngste musste sie noch sorgen – wurde Esther Rothschild nach Paragraph 117 des Bundesentschädigungsgesetzes, der die Ansprüche auf Darlehen von im Nationalsozialismus Verfolgten regelt, ein Darlehen „zur Anlage, Bearbeitung und Nutzung einer Apfelpflanzung auf einer Fläche von 30 Dunam (1 Dunam = 1000 qm)“18 zugesprochen. Vier weitere Kibbuz-Mitglieder, offensichtlich alle jüdische Exilanten aus Hessen, beantragten ebenfalls Darlehen, um die Apfelbaumplantage gemeinsam zu bewirtschaften.

Die letzte Nachricht von Else (Esther) Jacob, verheiratete Rothschild, ist der Rentenbescheid vom Juni 1983. Sterbeort und -datum sind nicht bekannt.


Was geschah mit Elses Familie? Ihre ältere Schwester Käthe konnte Ende August 1939 – zu dieser Zeit wohnte sie mit ihren Eltern in Frankfurt am Main – zunächst nach England, später in die USA auswandern. Über den Umzug ihrer Eltern schreibt Käthe Jacob, verheiratete Peters: „Nachdem [mein Vater] seine Existenz als selbstständiger Kaufmann in Nieder-Gemuenden, verloren hatte, arbeitete er im Buero der Juedischen Anlernwerkstatt, Frankfurt/M. Fischerfeldstrasse. Dies war eine Institution der Juedischen Gemeinde in der junge Juden durch handwerkliche Ausbildung auf die Auswanderung vorbereitet wurden. Soweit mir bekannt ist wurde er dann noch ein Jahr vor seiner Verschleppung auf den Juedischen Friedhof zu schwerer, koerperlicher Arbeit beordert.“19

Nach der Reichspogromnacht war Elses Vater Willi Jacob vom 14. November bis zum 28. Dezember 1938 im Konzentrationslager Dachau interniert. Als Adresse war die Max Eythstr. 73 in Frankfurt am Main angegeben, seine Häftlingsnummer war 25687. Am 12. November 1941 wurden Elses kleine Schwester Klara Ruth – zu diesem Zeitpunkt war sie zwölf Jahre alt –, ihre Mutter Erna – 54 Jahre alt – und ihr Vater Willi – 50 Jahre alt – von Frankfurt in das Getto Minsk deportiert.

Die Historikerin Monica Kingreen schreibt zu dieser am 11. November 1941 gestarteten „Evakuierungs“-Aktion: „Verglichen mit der ersten Deportation [am 19. Oktober 1941 nach Lodz], standen nun viel mehr Familien mit Kindern […] und Heranwachsenden […] auf der Liste. […] Die Wohn- und Vermögensverhältnisse der zur Deportation Ausgewählten lagen deutlich niedriger als bei der ersten Deportation aus dem Westend.“20

Vermutlich am 17. November 1941 trafen die Frankfurter Deportierten am Minsker Güterbahnhof ein und wurden von SS-Leuten durch die völlig zerstörte Stadt in das Ghetto getrieben, das die Wehrmacht im Juli 1941 nach der Eroberung der Stadt errichtet hatte. „Zum Schicksal der mehr als 1.000 aus Frankfurt a.M. verschleppten Menschen ist folgende ungefähre Schätzung möglich“, schreibt Kingreen: „In den ersten Monaten starben etwa 100 an Krankheit, Hunger und Verzweiflung, mindestens weitere 100 Personen an Krankheit in der folgenden Zeit. Etwa 400 Personen wurden bei ‚Aktionen‘ im Ghetto getötet oder in Gaswagen weggebracht oder kamen nicht zurück von ihren Arbeitskommandos. 270 Personen wurden bei der Elimination des Ghettos getötet. Etwa 30 Männer wurden im April 1943 in andere Lager gebracht, ebenso im September 1943 etwa 80 Männer und 30 Frauen.“21

Die genauen Umstände und Zeitpunkte des Todes von Elses Schwester und Eltern sind nicht bekannt.


  1. https://www.jüdische-gemeinden.de/index.php/gemeinden/m-o/2512-nieder-gemuenden-felda-hessen, zuletzt aufgerufen am 19. Juli 2026. ↩︎
  2. Entschädigungsakte von Else Jacob, Bl. 5. ↩︎
  3. Ebd., Bl. 6. ↩︎
  4. Ebd. ↩︎
  5. Hüthwohl (1931), S. 13. ↩︎
  6. Entschädigungsakte Else Jacob, Bl. 20. ↩︎
  7. Peter Süßkand, geboren am 6. Juni 1919 in Sorau/Lausitz, hatte u. a. in Göttingen englische Philologie studiert. Der ‚Ausschuß für Suspension von Mitgliedern der Studienstiftung‘, der auf Anweisung des Universitäts-Rektors gegründet worden war, beriet am 29. Mai 1933 über drei Fälle ’nichtarischer Abstammung‘, darunter den ‚Fall‘ Süßkand. Im Protokoll heißt es: „Peter Süßkand: er hat einen jüdischen Großelternteil. Die über ihn vorliegenden Gutachten zeichnen ihn als fleißig, nachdenklich, feinsinnig. Süßkand steht in diesem Semester vor dem Examen. Er macht einen durchaus guten Eindruck. Er hat selbst von dem jüdischen Großelternanteil nichts gewußt, da er im übrigen aus einer preußisch-theologischen Familie stammt.“ (StA WÜ RSF I 60 p 575: Abschrift Protokoll der Sitzung des örtlichen Ausschusses für Suspension von Mitgliedern der Studienstiftung, 29.5.1933; zitiert in: Kunze [2001], S. 163) – Bei der nächsten Sitzung des Ausschusses am 1. Juni 1933 wurde der ‚Fall‘ Süßkand entschieden. Im Vorfeld war darauf hingewiesen worden, dass nur Mitglieder der vom NS-Studentenbund dominierten ‚Deutschen Studentenschaft‘ auch Mitglieder der Studienstiftung sein können; ‚Nicht-Arier‘ wie der Student Süßkand waren von der Mitgliedschaft in der Deutschen Studentenschaft – und damit auch von der Mitgliedschaft in der Studienstiftung – ausgeschlossen (vgl. ebd., S. 163, Fußnote 232). Peter Süßkands Protest dagegen war erfolglos; so hieß es im Sitzungsprotokoll: „Süßkand ist zu einem Viertel Jude. Er verweist auf das Urteil seiner Lehrer, die ihn in jeder Beziehung günstig beurteilen. Herr Roosch weist aber darauf hin, daß Herr Süßkand während seines Studiums nicht an der studentischen Wirtschafts- und Gemeinschaftsarbeit sich beteiligt hat, sondern nach seinen eigenen Äußerungen sein Hauptaugenmerk auf die Beendigung seines Studiums richtete. (…) Süßkand hat gegen die Nichtaufnahme in die DSt Einspruch erhoben. Wenn diesem Einspruch stattgegeben wird, besteht auch keinerlei Bedenken gegen die Zugehörigkeit von Süßkand zur Studienstiftung.“ (StA WÜ RSF I 60 p 575: Abschrift Protokoll über die Sitzung des Ausschusses zur Suspension von Mitgliedern der Studienstiftung, 1.6.1933; zitiert in: ebd., S. 163, Fußnote 230) Offensichtlich wurde Süßkands Antrag auf Aufnahme in die Deutsche Studentenschaft nicht stattgegeben, denn am 1. Juni 1933 teilte das Studentenhaus Göttingen dem Deutschen Studentenwerk mit, dass die in Frage stehenden ’nichtarischen‘ Studienstiftungs-Mitglieder, darunter auch Peter Süßkand, „infolge Nichtzugehörigkeit zur DSt. [Deutschen Studentenschaft] als suspendiert zu gelten haben.“ (StA WÜ RSF I 60 p 575: Studentenhaus Göttingen an DSW, Göttingen, 1.7.1933, zitiert in: ebd., S. 163) ↩︎
  8. Entschädigungsakte Peter Süßkand, Bl. 2. ↩︎
  9. Vgl. ebd. – Da er nicht in den Schuldienst treten konnte, war Peter Süßkand „zunächst ohne Einkommen (1933 – 1934), dann Hauslehrer (1934–35) […], anschließend ein Jahr bei der Wehrmacht und ein halbes Jahr im Ausland ohne Einkommen. Von November 1937 bis September 1939 war ich Bürohilfskraft […]. Von September 1939 bis 3.1.245 war ich Soldat […].“ (Ebd.) ↩︎
  10. Entschädigungsakte Else Jacob, Bl. 20. ↩︎
  11. Ebd., Bl. 22. ↩︎
  12. Entschädigungsakte Edith Bick, Bl. 7. ↩︎
  13. Hauptbogen Else Jacob (TKS-Archiv). ↩︎
  14. Ebd. ↩︎
  15. Entschädigunsakte Else Jacob, Bl. 5. ↩︎
  16. Ebd. ↩︎
  17. Ebd., Bl. 6. ↩︎
  18. Ebd., Bl. 40 ff. ↩︎
  19. Entschädigungsakte Käthe Jacob, verh. Peters, Bl. 13. ↩︎
  20. Kingreen (2023), S. 69. ↩︎
  21. Ebd., S. 84. ↩︎

Quellen: