Edith Bick (verh. Stern)

Geb. am 26. Dezember 1919 in König im Odenwald; wohnhaft in Nieder-Ohmen; Schulbesuch in Grünberg von 1930 bis 1933; in die USA emigriert

Eintrag für Edith Bick, Hauptliste der Schüler und Schülerinnen der Höheren Bürgerschule Grünberg i. H.,
Schuljahr 1930/31 (© Archiv der Theo-Koch-Schule)

Edith Bick wurde am 26. Dezember 1919 in König (heute Bad König) im Odenwald geboren. Die Familie ihrer Mutter Martha Strauß, geboren am 17. März 1891, war schon seit mehreren Generationen in König ansässig. Dort hatte Martha Strauß Anfang März 1919 Jakob Bick geheiratet. Er war am 08. Oktober 1883 in Preßburg (Pozsony), damals Ungarn, heute Bratislava in der Slowakei, geboren worden und als Kaufmann nach Michelstadt im Odenwald gekommen. Am 29. Oktober 1923 bekam Edith einen kleinen Bruder Armin.

Im Mai 1930 zog die vierköpfige Familie von König nach Nieder-Ohmen, ein kleines Dorf im Vogelsberg mit orthodoxer jüdischer Gemeinde. Hier arbeitete Jakob Bick bis Juni 1936 als israelitischer Religionslehrer. Die Bicks wohnten in dieser Zeit in verschiedenen Mietwohnungen.

Nach vierjährigem Besuch der Volksschule in König trat Edith Bick im Mai 1930 in die Sexta der Oberrealschule Grünberg ein. Sie war nicht die einzige jüdische Schülerin in der Grünberger Oberrealschule. Von den 356 Schülerinnen und Schülern des Schuljahres 1930/31 waren 7 jüdisch, davon 3 in Sexta (neben Edith Bick und Else Jacob aus Nieder-Gemünden: Manfred Eckstein aus Kesselbach), einer in Quinta (Hans-Ludwig Strauß aus Nordeck), einer in Obertertia (Erwin Stiebel aus Allendorf), einer in Untersekunda (Hermann Roth aus Nieder-Ohmen), eine in Obersekunda (Edith Buxbaum aus Grünberg) und einer in der Oberprima (Ernst Simon aus Londorf).

Allerdings besuchte Edith Bick nach einem Aktenvermerk samstags, also am Schabbat, den Unterricht nicht. Bei den anderen jüdischen Kindern der Grünberger weiterführenden Schule finden wir diesen Vermerk nicht. Vermutlich wurde Edith Bick auch zu den jüdischen Feiertagen freigestellt, was im Großherzogtum Hessen nach Erlasslage möglich war.

Am 1. April 1933 verließ sie die Schule in Quarta (heute: 7. Klasse) trotz guter Noten, „um in die Volksschule zu gehen“, wie es in ihrem Abgangszeugnis vielsagend heißt. Rückblickend schildert Edith Bick den Vorgang so: „Ich ging bis zum Jahre 1930 zur Volksschule nach Koenig im Odenwald. Als meine Eltern nach Niederohmen bei Giessen verzogen, kam ich in die Oberrealschule nach Gruenberg in Oberhessen, weil ich Lehrerin werden wollte, wie auch mein Vater Lehrer war. Im Jahre 1933 musste ich diese Ausbildung abbrechen, weil ich als juedisches Kind aus der Schule herausgeworfen wurde. Da ich das Ende des schulpflichtigen Alters zu diesem Zeitpunkt noch nicht erreicht hatte, musste ich noch einmal im Jahre 33 ein Jahr lang die Volksschule in Niederohmen besuchen.“1

Im Jahr 1936 zogen Martha und Jakob Bick mit Edith (und Bruder Armin?) nach Frankfurt am Main, „weil sie sich als Juden in dem kleinen Platz [Nieder-Ohmen] nicht mehr halten konnten.“2 In der Mainmetropole wohnten sie zunächst in der Friedberger Landstr. 57 und später in der Feststraße 16. Ihr Ziel, Lehrerin zu werden, konnte Edith nicht mehr verwirklichen: „Vom Jahre 1934 bis 1937 konnte ich wegen der damals herrschenden Verhaeltnisse keine regulaere Ausbildung mehr erhalten und wanderte deswegen im Jahre 1937 nach den Vereinigten Staaten aus, wo ich sofort als Dienstbote zu arbeiten begann, da ich keinerlei Mittel hatte, noch eine berufliche Ausbildung zu erhalten, insbesondere nicht um Lehrerin zu werden, wie dies meine urspruengliche Absicht war.“3

Aus ihrer Entschädigungsakte erfahren wir, dass Edith Bick in den USA heiratete und den Nachnamen ihres Mannes, Stern, annahm. Sie bekam ein Kind, das im Juni 1956, als Edith Bick ihren Antrag auf Entschädigung einreichte, 8 Jahre alt war.

Die letzte (indirekte) Nachricht von Edith Stern, geborene Bick, ist ein Brief der Claims Conference an die Entschädigungsbehörde vom November 2013 mit der Bitte um Übersendung der Akte. Edith Stern hatte einen Antrag auf finanzielle Kompensierung der erlittenen Verfolgung aus dem von der Bundesregierung eingerichteten Härtefall-Fonds gestellt, da sie bisher kaum Entschädigung erhalten hatte. Zu diesem Zeitpunkt war Edith Stern bereits 94 Jahre alt und lebte in einem Apartmenthaus in der Bronx. Die Behörde übersandte die Akte im März 2014. Eine Nachricht darüber, ob Edith Sterns Antrag Erfolg hatte, ist nicht erhalten.


Und was geschah mit Ediths Familie? Ihr jüngerer Bruder Armin wurde als Sechzehnjähriger im Jahr 1939 durch einen Kindertransport nach England gerettet und emigrierte später in die USA. Jakob und Martha Bick meldeten sich im Juni 1936 von Nieder-Ohmen nach Frankfurt am Main ab. Zuletzt wohnten sie in der Feststraße 16/1. Von dort wurden sie am 15. September 1942 in das Ghetto und Konzentrationslager Theresienstadt deportiert. Jakob Bick starb in Theresienstadt am 16. Mai 1943. Am 9. Oktober 1944 wurde Martha Bick weiter in das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz deportiert und ermordet.


  1. Eidesstattliche Versicherung vom 17. Januar 1957, in: Entschädigungsakte Edith Bick, Blatt 7. ↩︎
  2. Ebd. ↩︎
  3. Ebd. ↩︎

Quellen: