Julius Simon

Geb. am 14. Dezember 1905 in Londorf; Schulbesuch in Grünberg von 1916 bis 1922; in die USA emigriert

Julius Simon als Untersekundaner (Ausschnitt); Realschule Grünberg, Ostern 1922 (© Archiv der Theo-Koch-Schule)

Julius Simon wurde am 31. August 1904 in Londorf, heute ein Ortsteil der Kommune Rabenau in Oberhessen, geboren. Sein Vater war der Metzgermeister Isaak Simon, geboren am 17. August 1871 in Londorf. Bereits Julius‘ Großvater Anselm Simon und sein Urgroßvater Seligman Simon hatten in Londorf koschere Metzgereien betrieben. Julius‘ Mutter Johanna, geborene Joseph, war am 30. August 1882 im benachbarten Allendorf an der Lumda zur Welt gekommen. Moses Joseph, Julius‘ Großvater mütterlicherseits, war Branntweinhändler und Gastwirt in Allendorf; Julius‘ Großmutter Karolina, geborene Weinberg, stammte aus einer Allendorfer Kaufmannsfamilie.

Julius Simon war das zweite von vier Kindern, die alle in Londorf zur Welt kamen: Der ältere Bruder Siegfried war am 31. August 1904 geboren worden; die Schwestern Irma, geboren am 9. Oktober 1907, und Brunhilde, genannt Hilde, geboren am 30. September 1910, vervollständigten das Quartett. Die Simons lebten zusammen mit Julius‘ Großeltern Anselm Simon und Jette, geb. Löwenstein – sie stammte aus Kraftsolms – in der Kirchgasse 2 in Londorf.

In einem Interview für die Shoah Foundation im Jahr 1997 erzählt Julius‘ Schwester Irma – sie war zu diesem Zeitpunkt 89 Jahre alt und trug den Nachnamen ihres zweiten Ehemannes, Haas – von ihrer Kindheit in Londorf: „When I was a child, there lived about twenty, twenty-two Jewish families there. In small places in Germany, they were all Orthodox. They did not work on Shabbos. There was a synagogue, there was a mikvah, and we had a Hebrew teacher. But we had no Jewish school.1

Julius‘ Vater Isaak Simon legte im März 1909 in Gießen die Schächterprüfung ab. Er diente als Soldat im Ersten Weltkrieg. Nach seiner Heimkehr verschob sich der Schwerpunkt seiner beruflichen Arbeit. Julius‘ Schwester Irma: „My father had togther with his brother Abraham a butcher store. But our father mainly worked for an insurance company. […] Animal insurances. All the butchers and farmers insured their animals. And that’s where he traveled around and made insurances.“2

Kirchgasse 2 in Londorf, das Haus der Familie Simon; abgedruckt in Müller (2023), S. 109 (© Verein für Heimat- und Kulturgeschichte der Rabenau)

Im Aufsatz über das jüdische Leben in der Rabenau von Artur Rothmann heißt es über Julius‘ Vater: „Isaak Simon war als zweiter Bass aktiver Sänger im Gesanverein ‚Frohsinn‘. Zum Bundesfest des Lahntal-sängerbundes 1926 war er im Presseausschuss. Im gleichen Jahr wurde er Ehrenmitglied im Gesangsverein.“3 – Isaak Simon war auch theologisch gebildet, wie Julius‘ Schwester Irma zu berichten weiß: „He studied as a young boy after school in a Hebrew seminary [in Giessen?]. And he was a wonderful hazzan. And he read the Torah every Shabbos in our synagogue.“4

Vom Großvater Anselm Simon, der 1893 Vorsteher der Jüdischen Gemeinde gewesen war, erzählt Julius‘ Schwester Irma: „Our grandfather was, as long as we children knew him, always in bed. He had rheumatic fever. He couldn’t be up. And they had a grocery store, but he couldn’t do it anymore.“5 Die Frage der Interviewerin, ob die Großeltern auch orthodox gewesen seien, bejaht sie und erklärt: „Jewish people in the country in Germany didn’t know anything about Conservative or Reform. It did not exist.“6 – Siegfrieds Großeltern väterlicherseits starben kurz nacheinander in Londorf: Anselm Simon am 15. Dezember 1918 und Jette, geb. Löwenstein, am 9. September 1920. Ihre Grabsteine sind auf dem Jüdischen Friedhof in Londorf in Reihe 9, Nr. 10 und Nr. 14, erhalten.

Der Familienzusammenhalt der Simons war stark. Julius‘ Schwester Irma: „Our mother was a wonderful person. She lived only for the family. We were four children, two older brothers, and then I, and then my younger sister, Hilde [….]. We were very close, as children, and as grown-ups too.“7 – Artur Rothmann schreibt: „Die Familie [Simon] hatte ein Dienstmädchen, das mit der Mutter einer Zeitzeugin befreundet war und mit dieser zum gleichen Spinnstuben-Jahrgang gehörte.“8

An Ostern 1916 trat Julius Simon in die Sexta (heute 5. Klasse) der Grünberger Realschule ein. Die Fahrt mit der Lumdatalbahn dauerte etwa eine Dreiviertelstunde, wie Julius‘ Schwester Irma im Interview erklärt. Julius war zwar der einzige jüdische Schüler in seiner Klasse, aber in anderen Jahrgangsstufen lernten jüdische Kinder aus den umliegenden Dörfern: In Untersekunda (heute 10. Klasse) Paul Wetzstein aus Treis an der Lumda, in Obertertia (heute 9. Klasse) Siegfried Stern aus Kesselbach, in Untertertia (heute 8. Klasse) Willi Jonas aus Kesselbach bzw. Londorf und Julius‘ Bruder Siegfried Simon, in Quarta (heute 7. Klasse) Julius Stern aus Nieder-Ohmen und in Quinta (heute 6. Klasse) Walter Isidor Schönfeld aus Kesselbach. Julius‘ jüngere Schwester Irma wurde an Ostern 1918 eingeschult, da war Julius in Quarta (7. Klasse). Auch Julius‘ Londorfer Cousine Irma Ilse Simon besuchte im Schuljahr 1919/20 die Grünberger Realschule. Sein Cousin Ernst Josef Simon trat 1922 ein und machte 1931 sein Abitur.

Vielleicht hätte auch Julius Simon die weiterführende Schule in Grünberg bis zum Abitur besucht, aber diesen Abschluss konnte man dort erst ab 1926 erwerben. Zu Julius‘ Schulzeit gab es die Mittlere Reife, auch „Einjährig-Freiwilligen-Prüfung“ oder „Obersekundareife“ genannt. Mit diesem Abschluss verließ Julius Simon an Ostern 1922 die Grünberger Realschule.

Die Untersekunda (~Mittlere Reife) der Grünberger Realschule, Ostern 1922; Julius Simon: mittlere Reihe, 1. v. l.
(© Archiv der Theo-Koch-Schule)

Wie es nach der Schule für Julius Simon weiterging, ob er an einer anderen Schule, etwa in Gießen, sein Abitur machte oder ob er gleich in die Lehre ging, ist unbekannt. Fest steht jedenfalls, dass er 1926 – so steht es im Ehemaligenverzeichnis der Grünberger Oberrealschule – als Kaufmann in Chemnitz arbeitete und in der Lindenstraße 1 wohnte.

Über das weitere Schicksal von Julius Simon erfahren wir einiges aus dem Interview, das seine Schwester Irma 1997 der Shoah Foundation gegeben hatte: 1936 lebte er wahrscheinlich in Berlin. Im September 1938 emigrierte er in die Vereinigten Staaten und ließ sich in Philadelphia nieder. Irma Simon hatte sich für seine Rettung eingesetzt: „I had been here [in the US] 1937 on my vacation trip to get the papers for my brother. Because […] a sister of our grandmother had sent the papers. But on the consulate, they said, she is too old. So … Her sons didn’t speak German. I went here [to the US], and I got affidavits from the sons, and our brother got out.“9

Nach dem Krieg erkundigte sich Julius Simon nach dem Verbleib der Eltern, wie seine Schwester Irma berichtet: „[Julius] got […] the date when our parents had been brought from Theresienstadt in October of ’44 … There went two trains, they said, to Switzerland. One train went to Switzerland. A cousin of our grandmother was on it. And she came back to Holland. She told us. The other train went to Auschwitz. So the Red Cross wrote us, said people were right away gassed there. So we took a date as the Yahrzeit [Yiddish for anniversary of death], which the Red Cross gave us. That’s all we know about them.“10 – Paul Arnsberg teilt mit, dass Isaak Simon noch vor seinem Abtransport nach Auschwitz das Kol Nidre – das Gebet vor dem Abendgebet des Versöhnungstages – gebetet haben soll.11

Julius Simon erkundigte sich auch nach dem Schicksal seiner Schwestern Irma und Hilde, die das Konzentrationslager Bergen-Belsen überlebt hatten und in ihrer Exilheimat Holland verzweifelt versuchten, mit den Verwandten in den USA Kontakt aufzunehmen. Über das Rote Kreuz bekam er ihre Adressen. Im Dezember 1946 verließen die Schwestern Amsterdam und fuhren zunächst nach England. In London verbrachten sie drei Wochen bei den Verwandten von Irmas verstorbenem Ehemann Erwin Rothschild, die ihnen die Einreisepapiere verschafft hatten. Von England aus schifften sie sich nach New York ein. Auf der ‚Queen Elisabeth‘, für die Julius Simon und ein Onkel die Tickets besorgt hatten, überquerten sie den Atlantik. Am 1. Januar 1947 landete die ‚Queen Elisabeth‘ in New York. Die Schwestern verbrachten vier Wochen bei Julius in Philadelphia, bevor sie weiterzogen nach Washington Heights, New York, wo sie sich niederließen.

Am 22. April 1984 starb Julius Simon im Alter von 78 Jahren in New York.


  • Hauptliste der Schüler und Schülerinnen der Höheren Bürgerschule (bis Ostern 1914) und Realschule (O. 1914–O. 1926) und Oberrealschule (O. 1926–O. 1938) und Oberschule für Jungen (ab O. 1938). Grünberg i. H. Angefangen Ostern 1910, beendet mit Schluss des Schuljahres 1938/39 (Archiv der Theo-Koch-Schule).
  • Oberrealschule Grünberg in Hessen. Schülerlisten 1929–1932/33 (Archiv der Theo-Koch-Schule).
  • Haas, Irma (born Simon). Interview 32295. Interview by Miriam Horowitz. Visual History Archive, USC Shoah Foundation, 04 August 1997. https://vha.usc.edu/testimony/32295. Last accessed 08 Sep 2026. – Transkription von Christina Müller. An manchen Stellen, vor allem in Tape 2, wurden Erzählsequenzen nach chronologischen Gesichtspunkten neu angeordnet.
  • Paul Arnsberg: Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang, Untergang, Neubeginn. Erster Band, Frankfurt a. M. 1971.
  • Studienkreis Deutscher Widerstand (Hg.): Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933–1945. Band 1/2: Hessen II. Regierungsbezirke Gießen und Kassel, Frankfurt a. M. 1996.
  • Hanno Müller: Juden in Gießen. 1788–1942. Hg. vom Magistrat der Universitätsstadt Gießen, Gießen 2012.
  • Arthur Rothmann: Jüdisches Leben in der Rabenau. In: Gabriele Hofmann und Harald Jung (Hg.): 1250 Jahre Londorf. Die Zeit von 1958 bis 2008, Rabenau 2008 (=Schriftenreihe des Vereins für Heimat- und Kulturgeschichte der Rabenau e.V., Bd. 2).
  • Christine Hühn: Familienbuch der Juden in Allendorf an der Lumda. Hg. von der Evangelischen Kirchengemeinde Alllendorf und der Arbeitsgemeinschaft Heimatgeschichte Allendorf a. d. Lumda e.V., o. O. u. o. J. [2019].
  • Stefan Gotthelf Hoffmann: Der „Nordecker Judenmord“. Hintergründe zum Tode von Salomon und Johanna Wolf am 3. März 1884. Ein Beitrag zur Familiengeschichte des Schriftstellers Friedrich Wolf (1884–1953). 2 Bände. 1. Band, Gransee 2022.
  • Hanno Müller: Juden in Rabenau. Geilshausen, Kesselbach, Londorf, Rüddingshausen. Jüdische Schüler in Grünberg, Lich 2023.
  • Joseph Berger: A Bond Tragedy and Time Couldn’t Break, New York Times vom 29. Dezember 2004; vgl. https://isurvived.org/InTheNews/2sisters.html (zuletzt aufgerufen am 9. September 2026).

  1. Interview Irma Haas, geb. Simon (1997), Tape 1. ↩︎
  2. Interview Irma Haas, geb. Simon (1997), Tape 1. ↩︎
  3. Rothmann, in: Hofmann u. Jung (2008), S. 90. ↩︎
  4. Interivew Irma Haas, geb. Simon (1997), Tape 1. ↩︎
  5. Interview Irma Haas, geb. Simon (1997), Tape 1. ↩︎
  6. Interview Irma Haas, geb. Simon (1997), Tape 1. ↩︎
  7. Interview Irma Haas, geb. Simon (1997), Tape 1. ↩︎
  8. Rothmann, in: Hofmann u. Jung (2008), S. 90. – Damals trafen sich die unverheirateten Mädchen eines Jahrgangs an Winterabenden in einem der Elternhäuser, um gemeinsam für die Aussteuer zu spinnen. Dies diente der Geselligkeit und sparte Ressourcen; vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Spinnstube (zuletzt aufgerufen am 5. September 2026). ↩︎
  9. Interview Irma Haas, geb. Simon (1997), Tape 1. ↩︎
  10. Interview Irma Haas, geb. Simon (1997), Tape 3. ↩︎
  11. Arnsberg (1971), S. 500. ↩︎