
Siegfried Simon wurde am 31. August 1904 in Londorf, heute ein Ortsteil der Kommune Rabenau in Oberhessen, geboren. Sein Vater war der Metzgermeister Isaak Simon, geboren am 17. August 1871 in Londorf. Bereits Siegfrieds Großvater Anselm Simon und sein Urgroßvater Seligman Simon hatten in Londorf koschere Metzgereien betrieben. Siegfrieds Mutter Johanna, geborene Joseph, war am 30. August 1882 im benachbarten Allendorf an der Lumda zur Welt gekommen. Moses Joseph, Siegfrieds Großvater mütterlicherseits, war Branntweinhändler und Gastwirt in Allendorf; Siefrieds Großmutter Karolina, geborene Weinberg, stammte aus einer Allendorfer Kaufmannsfamilie.
Siegfried Simon hatte noch drei jüngere Geschwister, die alle in Londorf das Licht der Welt erblickten: Julius, geboren am 14. Dezember 1905, Irma, geboren am 9. Oktober 1907, und Brunhilde, genannt Hilde, geboren am 30. September 1910. Die Simons lebten zusammen mit Siegfrieds Großeltern Anselm Simon und Jette, geb. Löwenstein – sie stammte aus Kraftsolms – in der Kirchgasse 2 in Londorf.
In einem Interview für die Shoah Foundation im Jahr 1997 erzählt Siegfrieds Schwester Irma – sie war zu diesem Zeitpunkt 89 Jahre alt und trug den Nachnamen ihres zweiten Ehemannes, Haas – von ihrer Kindheit in Londorf: „When I was a child, there lived about twenty, twenty-two Jewish families there. In small places in Germany, they were all Orthodox. They did not work on Shabbos. There was a synagogue, there was a mikvah, and we had a Hebrew teacher. But we had no Jewish school.„1
Siegfrieds Vater Isaak Simon legte im März 1909 in Gießen die Schächterprüfung ab. Er diente als Soldat im Ersten Weltkrieg. Nach seiner Heimkehr verschob sich der Schwerpunkt seiner beruflichen Arbeit. Siegfrieds Schwester Irma: „My father had togther with his brother Abraham a butcher store. But our father mainly worked for an insurance company. […] Animal insurances. All the butchers and farmers insured their animals. And that’s where he traveled around and made insurances.“2

Im Aufsatz über das jüdische Leben in der Rabenau von Artur Rothmann heißt es über Siegfrieds Vater: „Isaak Simon war als zweiter Bass aktiver Sänger im Gesanverein ‚Frohsinn‘. Zum Bundesfest des Lahntal-sängerbundes 1926 war er im Presseausschuss. Im gleichen Jahr wurde er Ehrenmitglied im Gesangsverein.“3 – Isaak Simon war auch theologisch gebildet, wie Siegfrieds Schwester Irma zu berichten weiß: „He studied as a young boy after school in a Hebrew seminary [in Giessen?]. And he was a wonderful hazzan. And he read the Torah every Shabbos in our synagogue.“4
Vom Großvater Anselm Simon, der 1893 Vorsteher der Jüdischen Gemeinde gewesen war, erzählt Siegfrieds Schwester Irma: „Our grandfather was, as long as we children knew him, always in bed. He had rheumatic fever. He couldn’t be up. And they had a grocery store, but he couldn’t do it anymore.“5 Die Frage der Interviewerin, ob die Großeltern auch orthodox gewesen seien, bejaht sie und erklärt: „Jewish people in the country in Germany didn’t know anything about Conservative or Reform. It did not exist.“6 – Siegfrieds Großeltern väterlicherseits starben kurz nacheinander in Londorf: Anselm Simon am 15. Dezember 1918 und Jette, geb. Löwenstein, am 9. September 1920. Ihre Grabsteine sind auf dem Jüdischen Friedhof in Londorf in Reihe 9, Nr. 10 und Nr. 14, erhalten.
Der Familienzusammenhalt der Simons war stark. Siegfrieds Schwester Irma: „Our mother was a wonderful person. She lived only for the family. We were four children, two older brothers, and then I, and then my younger sister, Hilde [….]. We were very close, as children, and as grown-ups too.“7 – Artur Rothmann schreibt: „Die Familie [Simon] hatte ein Dienstmädchen, das mit der Mutter einer Zeitzeugin befreundet war und mit dieser zum gleichen Spinnstuben-Jahrgang gehörte.“8
Am 31. März 1913 trat Siegfried Simon in die Sexta (heute 5. Klasse) der Grünberger Realschule ein. Die Fahrt mit der Lumdatalbahn dauerte etwa eine Dreiviertelstunde, wie Siegfrieds Schwester Irma im Interview erklärt. In Siegfrieds Klasse war mit Willi Jonas aus Kesselbach bzw. später Londorf ein weiterer jüdischer Schüler. Im Schuljahr 1916/17, als Siegfried in Untertertia war (heute 8. Klasse), trat sein jüngerer Bruder Julius in die Sexta der Grünberger Realschule ein. Irma Simon, Siegfrieds jüngere Schwester, wurde an Ostern 1918 eingeschult. Auch Siegfrieds Londorfer Vettern Irma Ilse Simon und Ernst Josef Simon besuchten die Grünberger Realschule; letzterer sogar bis zum Abitur.
Siegfried Simon und sein jüdischer Klassenkamerad Willi Jonas durchliefen den gesamten damals möglichen Bildungsgang der Realschule und verließen sie an Ostern 1919 aus Untersekunda (10. Klasse) mit dem „Einjährig-Freiwilligen“-Zeugnis, einem Pendant zur heutigen mittleren Reife, damals auch „Obersekundareife“ genannt.

Wie es nach der Schule für Siegfried Simon weiterging, ob er an einer anderen Schule, etwa in Gießen, sein Abitur machte oder ob er gleich in die Lehre ging, ist unbekannt. Fest steht jedenfalls, dass er 1926 – so steht es im Ehemaligenverzeichnis der Grünberger Oberrealschule – als Kaufmann in Stettin lebte und arbeitete.
Siegfrieds Schwester Irma, die im November 1938 in Berlin als Kindergärtnerin arbeitete, erzählt im Interview über ihren Bruder: „[Stettin] was about two hours from Berlin. He [Siegfried] was a salesman for a big men’s confection factory. And the evening before [the Reichspogromnacht], he came back from a trip to France. He was there on a business trip. And I met him in Berlin. And I said to him: ‚Stay overnight.‘ He said: ‚I can’t. I have to bring my orders in. I have to be there tomorrow morning.‘ So he left. We were about an hour together, and he left. And I went home. […] After I came back from the school, I got a call from Stettin, from friends of his. And they told me that he was arrested and sent to the concentration camp Sachsenhausen, that was near Berlin.“9
Es begann eine dramatische Rettungsaktion. Irma Simon wurde von Siegfrieds Stettiner Freunden gebeten, den Bekannten aufzusuchen, der ihm ein Visum für Kuba verkauft hatte. Auf dem Weg dorthin sah sie die von den Nazis angezündete Synagoge in der Oranienburger Straße. Der Bekannte bestätigte, dass Irmas Bruder Siegfried in Sachsenhausen inhaftiert worden war. Allerdings könne er nichts für ihn tun, denn nach ihm selbst werde auch gesucht, weshalb er in den Untergrund gehen wolle.
Irma Simon hatte eine andere Idee, wie sie ihrem Bruder helfen könnte. Sie rief ihre Schwester Hilde an, die bereits 1933 nach Holland emigriert war: „She and her fiancé [Simon Eisenmann] got a visa for Brazil … For Bolivia first. […] For our brother. And I went with that visa to Stettin to the Gestapo, which was located in the same house where the Jewish congregation was. And they told me: ‚Don’t go up. You won’t come back.‘ And I said: ‚I have to go up.‘ And I went up, and I was called in, and there was the Gestapo man sitting, and he said: ‚What do you want?‘ Of course in German. And I told him. He said: ‚What’s the name of your brother?‘ I told him too. So he opened the drawers. There were lots of passports in. Our brother had come back from France, he had his passport still on him. So he pulled the passport out. He said: ‚That’s your brother?‘ I said: ‚Yes.‘ He said: ‚Let me see the visa.‘ I showed him the visa. And he said: ‚Go home, in a week your brother will be home.‘ I said: ‚Is that sure?‘ He said: If I tell you so, it’s sure.‘ So downstairs I left. They [the Jewish congregation officials] said: ‚Don’t believe him.‘ After one week our brother was back.“10

In der Zwischenzeit hatten Irmas Schwester und ihr Verlobter Simon Eisenmann ein Visum nach Brasilien organisieren können. Simon Eisenmann fuhr nach Stettin und dann mit Siegfried Simon weiter nach Frankreich, weil sein Schiff in Marseille ablegen sollte. Die Geschwister verbrachten ein paar Wochen zusammen in Paris, bevor Siegfried Simon im Februar 1939 nach Brasilien emigrierte. „That’s how he was saved“, so Irma Simon.11
Siegfried Simon starb am 30. September 1983 im Alter von 78 Jahren in Sao Paulo, Brasilien. Er hatte mindestens einen Sohn, James Simon, der heute in Spanien lebt.
Ausführliche Informationen über das Schicksal von Siegfried Simons Eltern und Geschwistern sind in der Biografie von Irma Simon nachzulesen.
Quellen:
- Hauptliste der Schüler und Schülerinnen der Höheren Bürgerschule (bis Ostern 1914) und Realschule (O. 1914–O. 1926) und Oberrealschule (O. 1926–O. 1938) und Oberschule für Jungen (ab O. 1938). Grünberg i. H. Angefangen Ostern 1910, beendet mit Schluss des Schuljahres 1938/39 (Archiv der Theo-Koch-Schule).
- Oberrealschule Grünberg in Hessen. Schülerlisten 1929–1932/33 (Archiv der Theo-Koch-Schule).
- Haas, Irma (born Simon). Interview 32295. Interview by Miriam Horowitz. Visual History Archive, USC Shoah Foundation, 04 August 1997. https://vha.usc.edu/testimony/32295. Last accessed 08 Sep 2026. – Transkription von Christina Müller. An manchen Stellen, vor allem in Tape 2, wurden Erzählsequenzen nach chronologischen Gesichtspunkten neu angeordnet.
- Paul Arnsberg: Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang, Untergang, Neubeginn. Erster Band, Frankfurt a. M. 1971.
- Studienkreis Deutscher Widerstand (Hg.): Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933–1945. Band 1/2: Hessen II. Regierungsbezirke Gießen und Kassel, Frankfurt a. M. 1996.
- Hanno Müller: Juden in Gießen. 1788–1942. Hg. vom Magistrat der Universitätsstadt Gießen, Gießen 2012.
- Arthur Rothmann: Jüdisches Leben in der Rabenau. In: Gabriele Hofmann und Harald Jung (Hg.): 1250 Jahre Londorf. Die Zeit von 1958 bis 2008, Rabenau 2008 (=Schriftenreihe des Vereins für Heimat- und Kulturgeschichte der Rabenau e.V., Bd. 2).
- Christine Hühn: Familienbuch der Juden in Allendorf an der Lumda. Hg. von der Evangelischen Kirchengemeinde Alllendorf und der Arbeitsgemeinschaft Heimatgeschichte Allendorf a. d. Lumda e.V., o. O. u. o. J. [2019].
- Stefan Gotthelf Hoffmann: Der „Nordecker Judenmord“. Hintergründe zum Tode von Salomon und Johanna Wolf am 3. März 1884. Ein Beitrag zur Familiengeschichte des Schriftstellers Friedrich Wolf (1884–1953). 2 Bände. 1. Band, Gransee 2022.
- Hanno Müller: Juden in Rabenau. Geilshausen, Kesselbach, Londorf, Rüddingshausen. Jüdische Schüler in Grünberg, Lich 2023.
- Joseph Berger: A Bond Tragedy and Time Couldn’t Break, New York Times vom 29. Dezember 2004; vgl. https://isurvived.org/InTheNews/2sisters.html (zuletzt aufgerufen am 9. September 2026).
- Interview Irma Haas, geb. Simon (1997), Tape 1. ↩︎
- Interview Irma Haas, geb. Simon (1997), Tape 1. ↩︎
- Rothmann, in: Hofmann u. Jung (2008), S. 90. ↩︎
- Interview Irma Haas, geb. Simon (1997), Tape 1. ↩︎
- Interview Irma Haas, geb. Simon (1997), Tape 1. ↩︎
- Interview Irma Haas, geb. Simon (1997), Tape 1. ↩︎
- Interview Irma Haas, geb. Simon (1997), Tape 1. ↩︎
- Rothmann, in: Hofmann u. Jung (2008), S. 90. – Damals trafen sich die unverheirateten Mädchen eines Jahrgangs an Winterabenden in einem der Elternhäuser, um gemeinsam für die Aussteuer zu spinnen. Dies diente der Geselligkeit und sparte Ressourcen; vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Spinnstube (zuletzt aufgerufen am 5. September 2026). ↩︎
- Interview Irma Haas, geb. Simon (1997), Tape 1. ↩︎
- Interview Irma Haas, geb. Simon (1997), Tape 1. ↩︎
- Interview Irma Haas, geb. Simon (1997), Tape 1. ↩︎
