
(© Archiv der Theo-Koch-Schule)
Willi (Willy) Jonas kam am 19. Juni 1904 in Kesselbach, heute ein Ortsteil der Gemeinde Rabenau, zur Welt. Seine Eltern waren der Textilwarenhändler Julius Jonas, geboren am 14. Januar 1878 in Kesselbach, und Rosa Stiebel, geboren am 22. Oktober 1881 im nahegelegenen Allendorf an der Lumda. Dort hatte am 10. August 1903 die Hochzeit stattgefunden. Zwei Tage später waren die Eheleute von Rabbiner Dr. David Sander in Gießen religiös getraut worden.1 Im Jahr von Willis Geburt gründeten Julius und Rosa Jonas ein Textilwarengeschäft in Kesselbach. Am 20. Februar 1906 wurde ein weiteres Kind geboren, das aber schon nach zwei Stunden starb. Anfang 1907 übersiedelte die Familie mitsamt Textilgeschäft nach Londorf in die Grünbergerstr. 6 (heute Gießener Straße 49), wo die Eltern bis zu den Novemberpogromen 1938 wohnen sollten. Am 22. Januar 1908 wurde in Londorf der jüngere Bruder Manfred geboren; am 21. Oktober 1910 kam Willis Schwester Elli zur Welt.
Über den jüdischen Alltag in Londorf – dem Zentrum der jüdischen Gemeinschaft in der Rabenau – schreibt Artur Rothmann: „In der heutigen Gießener Straße befand sich die Synagoge. Bei dieser handelte es sich um einen alten dreistöckigen Fachwerkbau. Der Betraum lag in dem Gebäude nach hinten, vorne war die Lehrerwohnung, die später vermietet wurde. Der Betraum umfasste 80–100 Plätze, seine Decke war – wie bei vielen Synagogen – gewölbt und blau gestrichen mit aufgemalten goldfarbenen Sternen. Eine Galerie, auf der die Frauen getrennt von den Männern saßen, gab es nicht. In der Synagoge gab es sieben bis acht Torarollen […]. Zur Synagoge gehörte eine ‚Mikwa‘, ein Bad zur rituellen Reinigung, das hinter der Synagoge vor dem Abhang zur Lumda hin lag. Die Außenmauern sind noch zu sehen.“2
Zum Textilgeschäft von Manfreds Eltern Julius und Rosa Jonas heißt es bei Rothmann: „Sie handelten im Laden mit Wäsche, Hemden und Stoffen. Wenn Julius Jonas von Haus zu Haus ging, hatte er einen Stoffballen in ein schwarzes Segeltuch gehüllt, um den er einen Riemen schnallte. Den Packen trug er an einem Spazierstock über der Schulter und pflegte ihn den Leuten auf den Tisch zu donnern mit der Frage: ‚Wos fehlt hau‘ [Oberhessisch für: ‚Was fehlt euch?‘].“3
Willis jüngerer Bruder Manfred Jonas erinnert sich im Entschädigungsverfahren: „Die Art des Geschaeftes war, dass meine Mutter den ganzen Tag im Geschaeft taetig war und mein Vater die umliegende Doerfer im Umkreise von 10–15 km taeglich besucht hat. Das im Jahre 1904 gegründete Geschaeft meines Vaters hatte einen sehr ausgedehnten Kundenkreis, der zum groessten Teil aus Bauern und Fabrikarbeitern bestanden hat. Es war unumgaenglich das Geschaeft mit Krediterteilung zu betreiben und ich weiss genau, dass die Aussenstaende sich immer zwischen 8.–10.000 Mark beliefen […].“4

Die Umsätze beliefen sich nach späteren Schätzungen von Willis Bruder Manfred auf 35.–50.000 RM; das Jahreseinkommen habe bei 8–10.000 RM gelegen. Die Textilwaren seien aus Frankfurt bezogen worden: „Die Fa. Bauer [aus Frankfurt, bei der Manfred Jonas später angestellt war] hat an das Geschaeft meiner Eltern Textil-Schnittwaren verkauft. […] Uebrigens hat mein Vater auch von anderen Firmen Textilschnittwaren bezogen, wie z. B. von der Fa. Aumann & Rapp in Frankfurt a.M. und Veith Wohlfarth, Frankfurt a.M.. Im vaeterlichen Geschaeft wurde ausser Textilschnittwaren auch noch Herrenkonfektion verkauft. Nach meiner Schaetzung waren die Umsaetze in Herrenkonfektion in etwa der gleichen Hoehe wie in Schnittwaren. In Londorf befand sich ausser dem elterlichen Geschaeft nur noch ein anderes in der ungefaehr gleichen Art.“5
Ebenso wie später sein jüngerer Bruder Manfred besuchte Willi Jonas die Grünberger Realschule. Eingeschult wurde er in Sexta an Ostern 1913. In seiner Klasse war ein weiterer jüdischer Schüler: Siegfried Simon aus Londorf. An Ostern 1919 verließ Manfred Jonas die Schule mit der Obersekundareife, damals „Einjährig-Freiwilligen-Prüfung“ oder schlicht „Das Einjährige“ genannt. Dieser Abschluss berechtigte für den einjährig-freiwilligen Militärdienst, der wiederum die Voraussetzung für eine Offizierslaufbahn war, und entspricht einem heutigen Realschulabschluss.


Willi Jacobs Schulzeit war nicht reibungslos verlaufen. Im Tagebuch der Grünberger Realschule von 1916/17 notierte der Lehrer Dr. Anton Planck, der den im Kriegsdienst stehenden Schulleiter Wilhelm Angelberger vertrat, am 2. November 1917: „Herr Jonas spricht wegen seines Sohnes Willy vor, wünscht Nachhilfestunden im Deutschen, führt Beschwerde über Lehrer Bender6 wegen einer angeblich antisemitischen Äusserung dem Sohn gegenüber und wegen Schädigung der Gesundheit durch Schlag gegen das eine Ohr. Nach Feststellung des Arztes ist das Trommelfell gerissen. Jonas verlangt, dass Lehrer B. die Behandlungskosten trägt. – Rücksprache mit Lehrer Bender. – Gemeinsame Aussprache mit Jonas und Bender.“7
Drei Tage später, am 5. November 1917, notiert Dr. Planck: „Lehrer Bender spricht wegen des Falles Jonas vor. Er erklärt, dass er sich vorbehalten will, ob er die Behandlungskosten trägt.“8 Im März 1918 scheint der Vorfall immer noch nicht geklärt zu sein. Lehrer Julius Walter, der seit Ende Februar als Stellvertreter von Direktor Angelberger die Amtsgeschäfte führt, notiert am 8. März 1918: „Herr Lehrer Bender spricht vor und bittet, Herrn Jonas zu einer nochmaligen mündlichen Aussprache zu bestellen.“9 – Wie die Geschichte ausging, lässt sich nicht ermitteln, weil der Fall im Tagebuch nicht mehr erwähnt wird.
Wie ging es für Willi Jonas nach der Schule weiter? Im Mai 1920 zog er nach Gießen und begann eine Banklehre. Er wohnte in Alicestaße 2. Später war er Bankbeamter bei der Disconto Gesellschaft in Gießen. Im Oktober 1922 zog er nach Frankfurt a. M. Im Ehemaligenverzeichnis der Jubiläumsschrift der Grünberger (Ober-)Realschule von 1926 ist er als „Kaufmann“ in Frankfurt a. M. gelistet.
Im September 1938, also noch vor der Reichspogromnacht, gelang Willi Jonas die Flucht in die USA. Er heiratete Helen Lakin, Jahrgang 1922, deren Mutter aus Gießen stammte. Im Jahr 1943 wurde die Tochter Judith geboren, 1951 der Sohn John David.10 Willi, der sich in der neuen Heimat William nannte, und Helen durften sich über vier Enkelkinder freuen. Die Geburt der vier Urenkel erlebten sie nicht mehr. Willi (William) Jonas starb am 14. Januar 2000 im Alter von 96 Jahren in New Jersey. Seine Frau Helen war bereits am 21. September 1996 gestorben.
Und wie erging es Willis Londorfer Familie in der NS-Zeit? Sein jüngerer Bruder Manfred arbeitete für einen Textilhandel in Frankfurt und pendelte an den Wochenenden nach Londorf, um zu Hause nach dem Rechten zu sehen. Nach der Machtübernahme der Nazis ging das Geschäft von Willis Eltern zurück: „Hinsichtlich des Rueckgangs der Umsaetze nach 1933 moechte ich [Manfred Jonas] bemerken, dass das vaeterliche Geschaeft in den Jahren 1935 und 1936 um etwa 20% zurückgegangen war und von 1937 ab wohl mehr als die Haelfte des normalen Umsatzes nur noch aufwies.„11
Bei den Novemberpogromen wurde das Geschäft von Willis Eltern zerstört. Willis Bruder Manfred erinnert sich: „Am 9. November [1938] war ich geschaeftlich in Muenchen und bin in Anbetracht der Vorgaenge der sogenannten Kristallnacht, mit meinem Auto zurueck nach Frankfurt a.M. gefahren, wo ich abends gegen 10 Uhr ankam. Am folgenden Morgen, den 11. November, bin ich sofort zu meinen Eltern nach Londorf gefahren und fand das Haus verschlossen vor. Von Nachbarn hoerte ich, dass ich meine Mutter im Hause von Leopold Wertheim finden wuerde [Kirchgasse 12]. Dort fand ich sie in einem furchtbaren Zustande vor, vollkommen verstoert im Bett liegend, und war sie kaum faehig zu sprechen. Mein Vater war verhaftet und, wie sich später herausstellte, nach Buchenwald abtransportiert worden.“12
Für den Augenzeugen Manfred Jonas wurde die Anwesenheit in seinem Heimatort gefährlich: „Als ich mir die vorher geschilderten Verhaeltnisse im Hause ansah, kam ploetzlich die Polizei und warnte mich, dass man mich auch verhaften wuerde, wenn ich das Haus und Dorf nicht innerhalb einer halben Stunde verlassen wuerde. Ich habe das Haus dann abgeschlossen, mich von meiner Mutter verabschiedet und bin nach Frankfurt zurueckgefahren. Hier wurde ich dann am 16. November verhaftet und nach Dachau abtransportiert. Leider sind meine Eltern, sowie alle damals ansaessigen Juden, welche die Vorgaenge genau beschreiben koennten, waehrend des Kriegs ins Konzentrationslager abtransportiert worden und nie wieder zureuckgekehrt.“13
Die Ermittlungen im Entschädigungsverfahren ergaben schließlich, dass es doch noch eine Überlebende aus Londorf gab: Ruth Wertheim, die Tochter von Emma und Leopold Wertheim, bei denen Rosa und Julius Stiebel nach der Zerstörung ihres Hauses Unterschlupf gefunden hatten. Sie sollte später die Deportation von Julius und Rosa Stiebel nach Theresienstadt bezeugen. Außerdem fand sich als weitere Zeugin Marie Röhrig, geborene Theiß, die 1925 im Alter von 15 Jahren – sie war der gleiche Jahrgang wie Elli Jonas – als Hausgehilfin im Jonas’schen Haushalt anfing und diese Stellung bis 1928 und nochmals von 1931 an aushilfsweise innehatte.
Zu den Ereignissen der Pogromnacht gab Marie Röhrig bei ihrer Befragung zu Protokoll: „Es ist richtig, daß ich von den Zerstörungen der Kristallnacht gehört habe, diese waren Stadtgespräch. Ich kann aber nicht angeben, inwieweit sie auf das Anwesen Jonas zutreffen. Nachgeschaut hatte ich in dieser Zeit nicht mehr.“14
Befragt nach den Zerstörungen in Manfred Jonas‘ Elternhaus, bezeugte Marie Röhrig: „Die Frage kann ich kaum beantworten, denn ich weiß nicht, ob und welche Sachen geplündert wurden. Eine Zurückgabe an die Erblasser [Rosa und Julius Jonas] dürfte kaum erfolgt sein. Ich kann mich auf die mir gut bekannte Ruth Wertheim besinnen, die von 1945 bis 47, bei mir hier im Hause, Kirchgasse 12, wohnte und die 1945 ihre Ansprüche stellte. […] In diesem Haus, Kirchgasse 12, wohne ich seit 1943. Bei meinem Einzug, oder deutlicher gesagt, bis zu meinem Einzug, wohnten Jonas hier im Haus. Mir ist weiter bekannt, daß neben Jonas auch die Wertheim und die Stern in diesem Haus wohnten. Die Familien kamen m.E. im Herbst 1942 fort, wohin weiß ich nicht. Die Ruth Wertheim ist mit der Familie Jonas zusammen gewesen.“15
Auf die Frage, ob das Haus in der Kirchgasse 12 als Sammelunterkunft für jüdische Personen gedient haben könne, antwortete Marie Röhrig: „Es ist durchaus möglich, daß dies Haus, Kirchstraße 12, als sogenanntes Judenhaus in Londorf bereitsgestellt wurde. Denn Jonas hat ja sein Haus in der Grünberger Straße 6 gehabt und wohnte dann mit Wertheim und Stern hier in diesem Hause bis Herbst 1942 (dem Tage ihres Abtransports). Wann sie aus der Grünberger Straße hinaus mußten, weiß ich nicht. Eine Familie Ernst Hillgärtner aus Londorf hat das Haus noch von den Jonas gekauft.“16
Fast vier Jahre lebten die Jonas‘, wenn Marie Röhrig richtig informiert war, mit Wertheims und Sterns in der Kirchgasse 12. Am 14. September 1942 wurden Rosa und Julius Jonas zusammen mit Emma und Leopold Wertheim, ihrer Tochter Ruth, Emma Wertheims Vater David Stern und den in der Allendorferstraße 14 wohnenden Markus und Betty Kares aus Londorf über Gießen und Darmstadt nach Theresienstadt deportiert.
„Ich war damals 15 Jahre alt“, schrieb Ruth Wertheim 1993 in einem Brief an die Historikerin Monica Kingreen, „als der Befehl kam, einen kleinen Koffer zu packen und sich zur Abreise fertigzumachen. Da ich schon so viel herumgeschubst worden war (Aufenthalte zur Schulausbildung in der Jüdischen Bezirksschule in Bad Nauheim und dann in Frankfurt sind gemeint, MK), war ich nicht so voller Angst, wie ich eigentlich hätte sein müssen. Erst heute weiß ich, wie herzzerbrechend dies für meine Eltern und meinen Großvater, der 75 Jahre alt war, gewesen sein muß. Sie mußten ihre Lebenszeit zurücklassen mit all den Dingen, die sie zusammengetragen und geliebt hatten.“17
Der spätere Bürgermeister von Londorf, Wissner, schrieb am 28. Februar 1946 an den Internationelen Suchdienst in Bad Arolsen: „Julius Jonas ist nach Aussage der hier wohnenden Rut [sic] Wertheim im Januar oder Februar 1943 in Theresienstadt (KZ. Lager) gestorben, er war darmleidend. Rosa Jonas geb. Stiebel wurde nach Aussage der Rut [sic] Wertheim, die auch in Theresienstadt inhaftiert gewesen war, etwa ein Jahr nach dem Tod von Julius Jonas nach dem Lager Auschwitz verschickt, über das weitere Schicksal vermag Rut [sic] Wertheim keine Angabe zu machen. Die Leiche des Julius Jonas soll in Theresienstadt verbrannt worden sein.“18
Aus den Einträgen im Gedenkbuch des Bundesarchivs geht hervor, dass Julius Jonas am 14. Dezember 1942 in Theresienstadt starb – also etwas früher als von Ruth Wertheim erinnert. Rosa Jonas wurde laut Gedenkbuch am 16. Mai 1944 aus Theresienstadt nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.
Willis Bruder Manfred wurde, nachdem er nach dem Novemberpogrom aus Londorf nach Frankfurt zurückgekehrt war, am 16. November verhaftet und nach Dachau verschleppt, wo er bis zum 22. Dezember inhaftiert war. Von Januar bis April 1939 war er in Untersuchungshaft in Frankfurt a. M., weil man ihm fälschlicherweise vorgeworfen hatte, einen Kunden nicht darüber informiert zu haben, dass seine Frankfurter Firma jüdisch war. Nach seiner Entlassung aus der Untersuchungshaft erfuhr er, dass er auf einer Gestapoliste stand, und floh Hals über Kopf und ohne seine schwangere Frau Ilse, die er im Juni geheiratet hatte, über England in die USA. Ilse Jonas gelang schließlich Anfang 1941 die Flucht in die USA. Ihren Sohn Dan, der im März 1940 in Frankfurt geboren worden war, musste sie in der Obhut ihrer Mutter und ihrer Schwägerin Elli Jonas zurücklassen.
Willis jüngere Schwester Elli hatte nach der Volksschule die jüdische Haushaltsschule in Frankfurt a. M. besucht. Ab Februar 1933, also im Alter von 22 Jahren, hatte sie als Kindergärtnerin in dem reformpädagogischen jüdischen Landschul- und Kinderheim Caputh bei Potsdam gearbeitet. Wegen des schlechten gesundheitlichen Zustandes ihrer Eltern war sie 1939 nach Londorf zurückgekehrt. Ab Ende November 1940 hatte sie als Köchin in Frankfurt a. M. gearbeitet und im Reuterweg 91 gewohnt. Im Jahr 1941 lebte sie im Mauerweg 34 in Frankfurt. Aus diesem Haus, das im Frankfurter Westend lag, wurde Elli Jonas mit ihrem anderthalbjährigen Neffen Ralph Dan Jonas und vermutlich auch Ilses Mutter am 20. Oktober 1941 in das Ghetto Lodz deportiert.19
- Nach Müller (2023), S. 55, stammte Dr. Sander aus Kurnick/Schrimm in Posen, „war Nachfolger von Dr. Benedikt Levi als Rabbiner der liberalen israelitischen Gemeinde [Gießen], betreute von 1933 bis zu seinem Tode auch die Mitglieder der orthodoxen israelit. Gemeinde, war Provinzialrabbiner […]. Er wohnte in Landgrafenstr. 8 […] und starb [1939] in der Chirurgischen Universitätsklinik“. ↩︎
- Rothmann, in: Hofmann u. Jung (2008), S. 72 f. ↩︎
- Ebd., S. 94. ↩︎
- Entschädigungsakte Julius und Rosa Jonas, Erben Manfred und Willy Jonas, Bl. 49. ↩︎
- Ebd., Bl. 73. ↩︎
- Es handelt sich um Philipp Bender. Er war hauptberuflich Lehrer an der Volksschule, die sich im benachbarten Backsteingebäude befand, wurde später dort Rektor, wurde im Juni 1933 vorzeitig pensioniert. An der Realschule war er seit 1909 Hilfslehrer im Singen. – Laut Spruchkammerakte war Philipp Bender seit dem 1. Mai 1933 Mitglied der NSDAP. Seit 1910 gehörte er dem Kriegerverein Grünberg an, seit 1935 war er Mitglied bei der NS-Volkswohlfahrt (NSV). Von der Spruchkammer wurde er in die Gruppe 4 der Mitläufer eingestuft und es wurde ihm eine einmalige Buße von 500 DM für den Wiederaufbaufonds auferlegt. In der Begründung der Spruchkammer vom 12. August 1947 heißt es: „Der Betroffene, der kurz vor seinem 65. Lebensjahr stand, hatte sich zufolge der damaligen Propaganda veranlasst gesehen, im Jahre 1933 der Partei beizutreten, um dadurch eine vorzeitige Pensionierung seiner Person als Rektor der Volksschule zu verhindern. Trotz diesen Schrittes wurde er nicht berücksichtigt, sondern am 1.6.1933 – vor Vollendung des 65. Lebensjahres – in den Ruhestand versetzt. Seine Kollegenschaft bewog ihn jedoch trotz seines Ausscheidens, die ihm angebotene Vertretung im Gemeinderat zu übernehmen und damit die Schulinteressen zu wahren. Die eidesstattlichen Erklärungen von Herrn N. K., Gewerbelehrer in Grünberg, sowie des Herrn Dr. Kurt Mildner, Gr. Gerau, gewesener hauptamtlicher Bürgermeister von Januar 1931 bis Januar 1935, bezeugen, dass der Betroffene während seiner Tätigkeit als Gemeinderat stets gerechtdenkend seinen Standpunkt vertreten hat und sie ihn als einen zuverlässigen Mitarbeiter in ihrem Sinne schätzen gelernt haben. Aufgrund des unentwegten Kampfes gegen die Grünberger Nazis und der besonderen Stellungnahme im Gemeinderat gegen den eingebrachten Antrag der Nazis auf Umbenennung der Schulstr. in Adolf-Hitler-Str. und außerdem noch weiteren Widerständen gegen den nationalsozialistischen Gemeinderat mussten die Zeugen ihr Amt niederlegen und der Betroffene wurde gleichfalls vom Gemeinderat ausgeschlossen. Ein Antrag von seiten der Partei in Bezug eines Austrittes aus der Kirche wurde von dem Betroffenen kategorisch abgelehnt, umsomehr, da er bereits seit 1911 ununterbrochen Kirchenvorstand gewesen ist und sich aktiv für die kirchlichen Belange stets einsetzte.“ (Spruchkammerakte von Philipp Bender, o. P. [S. 7 f.] ↩︎
- Tagebuch der Grünberger Realschule von 1916–19, Eintrag vom 2. November 1917. ↩︎
- Ebd, Eintrag vom 5. November 1917. ↩︎
- Ebd., Eintrag vom 8. März 1918. ↩︎
- Am 14. September 2022 nahmen Willis Sohn David, der aus Kalifornien angereist war, und dessen Sohn Jared mit seiner Frau Cynthia aus Darmstadt an der Eröffnung der Gedenkstätte in Londorf teil. Am darauffolgenden Tag waren die Jonas‘ bei einer Gedenkveranstaltung der Theo-Koch-Schule im Museum im Spital in Grünberg zu Gast. ↩︎
- Ebd., Bl. 73. ↩︎
- Ebd., Bl. 48. ↩︎
- Ebd., Bl. 49. ↩︎
- Ebd., Bl. 56 v. ↩︎
- Ebd. ↩︎
- Ebd. ↩︎
- Brief von Ruth Wertheim an Monica Kingreen von 1993, in: Kingreen (2000), S. 25 f. (Übersetzung aus dem Englischen von Monica Kingreen). – Zu den Deportationen aus Oberhessen im September 1942 über Gießen und Darmstadt nach Theresienstadt vgl. Kingreen (2023), S. 321–325 („Vorbereitungen“); S. 338–346 („Die Deportationen aus Oberhessen“); S. 346–350 („Die Zusammenführung der Deportierten in Darmstadt“), S. 351–355 („Die Deportation am 27. September 1942 in das Ghetto Theresienstadt“). ↩︎
- ITS-Akte von JONAS, ROSA, Bl. 3. ↩︎
- Zu den Einzelheiten der Deportation vgl. die entsprechenden Passagen in der Biografie von Manfred Jonas. ↩︎
Quellen:
- Heiratsurkunde von Julius Jonas und Rosa Stiebel vom 10. August 1903, Standesamt Allendorf an der Lumda, Heiratsnebenregister, 1896–1905, Hessisches Staatsarchiv Marburg (HStAMR), Best. 905, Nr. 31.
- Hauptliste der Schüler und Schülerinnen der Höheren Bürgerschule Grünberg i. H. (bis Ostern 1914) und Realschule (O. 1914–O. 1926) und Oberrealschule (O. 1926–O. 1938) und Oberschule für Jungen (ab O. 139). Angefangen: Ostern 1910. Beendet mit Schluß des Schuljahres 1938/39 (Archiv der Theo-Koch-Schule).
- Tagebuch der Grünberger Realschule von 1916–1919, Stadtarchiv Grünberg, Best. 1GrünbergA, Nr. XIV, U.25, F.2.
- 50 Jahrfeier der Oberrealschule zu Grünberg in Hessen. 22.–24. Mai 1926. Gedenkblätter von Oberstudiendirektor W. Angelberger und Studienrat O. Steuernagel, Grünberg i. H. 1926 (Archiv der Theo-Koch-Schule).
- Spruchkammerakte von Philipp Bender, Hessisches Haupstaatsarchiv Wiesbaden (HHStAW), Best. 520/16, Nr. 12281.
- Jonas Family Tree (Stammbaum der Familie Jonas), zur Verfügung gestellt von Jared Jonas und Cynthia Will, Darmstadt.
- Häftlings-Karteikarte von Manfred Jonas, KZ Dachau, 1.1.6/ 10670562/ ITS Digital Archive, Arolsen Archives. Untersuchungshafts-Akte von Manfred Jonas, 1939, Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden (HHStAW), Best. 474/3, Nr. 733.
- Liste der am 19./20. Oktober 1941 aus Frankfurt nach Lodz Deportierten: https://www.statistik-des-holocaust.de/OT411019-24.jpg (zuletzt aufgerufen am 23. Juli 2026).
- Suchvorgänge des ITS, Liste vom 9. August 1948, Eintrag für Elly-Anna Jonas, 6.3.1/ 82492190/ ITS Digital Archive, Arolsen Archives.
- Eintrag für Elli Jonas im online-Gedenkbuch des Bundesarchivs.
- Suchvorgänge des ITS, Akte von Ralph Dan Jonas, 6.3.1/ 86252304–86252309/ ITS Digital Archive, Arolsen Archives.
- Eintrag für Dan Jonas im online-Gedenkbuch des Bundesarchivs.
- Liste der Deportation aus Darmstadt nach Theresienstadt am 27. September 1942, 1.2.1/ 11201592/ ITS Digital Archive, Arolsen Archives.
- Akte von JONAS, JULIUS, geboren am 14.01.1878, 6.3.1/ 86252251–86252253/ ITS Digital Archive, Arolsen Archives.
- Eintrag für Julius Jonas im online-Gedenkbuch des Bundesarchivs.
- Akte von JONAS, ROSA, geboren am 22.10.1881, 6.3.1/ 86252311–86252316/ ITS Digital Archive, Arolsen Archives.
- Eintrag für Rosa Jonas, geb. Stiebel, im online-Gedenkbuch des Bundesarchivs.
- Entschädigungsakte von Julius Jonas und Rosa Jonas, geb. Stiebel; Erben: Manfred Jonas und Willy Jonas, Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden (HHStAW), Best. 518, Nr. 57831.
- Entschädigungsakte von Manfred Jonas, Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden (HHStAW), Best. 518, Nr. 17770.
- Entschädigungsakte von Ilse Jonas, geb. Ascher, Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden (HHStAW), Abt. 467, Nr. 4466.
- Entschädigungsakte von Elli Jonas, Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden (HHStAW), Abt. 518, Nr. 17758.
- Monica Kingreen: Gewaltsam verschleppt aus Oberhessen. Die Deportationen der Juden im September 1942 und in den Jahren 1943–1945. In: Mitteilungen des Oberhessischen Geschichtsvereins Gießen 85 (2000), S. 5–95.
- Arthur Rothmann: Jüdisches Leben in der Rabenau. In: Gabriele Hofmann und Harald Jung (Hg.): 1250 Jahre Londorf. Die Zeit von 1958 bis 2008, Rabenau 2008 (=Schriftenreihe des Vereins für Heimat- und Kulturgeschichte der Rabenau e.V., Bd. 2).
- Hanno Müller: Juden in Gießen. 1788–1942. Hg. vom Magistrat der Universitätsstadt Gießen, Gießen 2012.
- Christine Hühn: Familienbuch der Juden in Allendorf an der Lumda. Hg.: Evangelische Kirchengemeinde Allendorf und Arbeitsgemeinschaft Heimatgeschichte Allendorf a. d. Lumda e. V., o. O. [Allendorf a. d. L.] 2019.
- Monica Kingreen: Die Deportationen der Juden aus Hessen 1940 bis 1945. Selbstzeugnisse, Fotos, Dokumente. Aus dem Nachlass herausgegeben und bearbeitet von Volker Eichler, Wiesbaden 2023 (=Schriften der Kommission für die Geschichte der Juden in Hessen, Bd. 32).
- Hanno Müller: Juden in Rabenau. Geilshausen, Kesselbach, Londorf, Rüddingshausen. Jüdische Schüler in Grünberg, Lich 2023.
