Martin Blumenthal

Geb. am 8. Mai 1915 in Londorf; Schulbesuch in Grünberg von 1925 bis 1929; in die USA emigriert

Martin Blumenthal (© Paul Liffman)

Martin Blumenthal wurde am 8. Mai 1915 in Londorf geboren. Seine Eltern waren der Viehhändler Joseph (Julius) Blumenthal, geboren am 2. März 1884 in Londorf, und Kathinka Kugelmann, geboren am 14. August 1892 in Wohra. Am 8. Oktober 1924, als Martin neun Jahre alt war, kam seine Schwester Berti zur Welt. Die Familie lebte in der früheren Allendorfer Straße 12 in Londorf (heute Gießener Straße 80).

An Ostern 1925 trat Martin Blumenthal in die Sexta (heute 5. Klasse) der Oberrealschule Grünberg ein. Bereits sein Verwandter Moritz Blumenthal, der Cousin seines Vaters, hatte von 1911 bis 1913 diese Schule besucht. Seinen Schulweg legte Martin mit der Lumdatalbahn zurück, die in Londorf und Kesselbach hielt. In Martins Klasse waren außer ihm und seinem jüdischen Mitschüler Hermann Roth aus Nieder-Ohmen alle Kinder evangelisch.

Höhere Bildung war damals teuer. Ende der 1920er Jahre betrug das monatliche Schulgeld für die Oberrealschule 31 RM – eine nicht geringe Summe für Martins Eltern, deren Viehhandel vor 1933 nach einer Schätzung im Entschädigungsverfahren durchschnittlich 3000 RM netto im Jahr einbrachte. Waren die 31 Reichsmark alle Monate des Jahres, also auch in der Ferienzeit fällig (was nicht sicher ist), so machte das Schulgeld immerhin 12,4 Prozent des Nettoeinkommens der vierköpfigen Familie aus.

Im August 1927 – Martin war inzwischen im dritten Schulbesuchsjahr, also in der Quarta (heute 7. Klasse) – zog die Familie Blumenthal mit den Großeltern väterlicherseits von Londorf nach Kesselbach. In Kesselbach wohnten sie in der früheren Appenborner Straße 11 (heute Alsfelder Straße).

An Ostern 1929 verließ Martin Blumenthal die Oberrealschule Grünberg aus der Untertertia (heute 8. Klasse). Seinen weiteren Ausbildungsweg schildert er rückblickend so: „Ich kam dann in die Vogtsche Handelsschule in Gießen und trat daran anschliessend als Lehrling bei der Firma Leiser in Bad Wildungen ein.1 […] Während meiner Tätigkeit in Bad Wildungen erkrankte ich. Nach meiner Wiederherstellung nahm mich mein Vater in sein gut gehendes Unternehmen auf.“2

Der Viehhandel seines Vaters sei jedoch bald, so Martin Blumenthal im Rückblick, „wie üblich von den Nazis lahmgelegt“ worden.3 Ein zentraler Umschlagplatz für das Vieh der Blumenthals muss die Stadt Grünberg gewesen sein. Zwischen April und November wurden dort jährlich acht bis neun Viehmärkte abgehalten. Der wichtigste davon, der traditionsreiche Gallusmarkt, fand immer im Oktober an einem Mittwoch oder Donnerstag statt. Bereits für den 1933er Gallusmarkt wurde jedoch von der Stadtverwaltung „Judenfreiheit proklamiert. Im darauffolgenden Jahr waren jüdische Händler nicht mehr zugelassen.

Martin Blumenthal scheint diesen Widerständen zunächst getrotzt zu haben. So versichert er im Entschädigungsverfahren: „Durch meine Tätigkeit wurde das Geschaeft meines Vaters weiter ausgedehnt, da ich neue Kundschaft herbeibrachte und andere Ortschaften wie mein Vater besuchte.“4 In der Londorfer Chronik wird diese Darstellung bestätigt: „Eine Zeitzeugin berichtet, dass Martin, als es den Juden schon verboten war, Vieh zu verkaufen, sich diesem Verbot widersetzte und an einen ‚fremden‘ Hof in der Allertshäuser Straße dennoch Vieh veräußerte.“5

Als die Umstände immer prekärer wurden, sah Martin Blumenthal in Kesselbach für sich jedoch keine Perspektive mehr. Im Spätsommer 1938 quartierte er sich unter der Woche bei Verwandten in Frankfurt ein, um beim Regierungspräsidium in Darmstadt seine Auswanderung in die USA zu betreiben. Im September 1938 gelang ihm schließlich die Flucht. Über seine Ankunft im Exilland gibt er später zu Protokoll: „Unterdessen war ich 23 Jahre alt geworden und kam, ohne etwas gelernt zu haben, hier in New York an. Ich war absolut mittellos und war gezwungen, bei einer jüdischen Organisation einige Wochen zu essen und zu schlafen. Nach wochenlangem Suchen, fand ich eine untergeordnete Stellung in einem Lebensmittelgeschaeft, mit einem Wochenlohn von 8 Dollar.6 Der Name des Lebensmittelgeschaeftes war New Yorker Delicatessen, Inc. New York, N. Y.“7

Für die in Kesselbach zurückgebliebene Familie spitzte sich die Lage zu. Beim Novemberpogrom 1938 wurde die Londorfer Synagoge in der Allendorfer Straße von SA-Leuten verwüstet; dabei verbrannten die Inneneinrichtung und alle Kultgegenstände. Bei der darauffolgenden „Judenaktion“ wurde Martins Vater Joseph in Buchenwald inhaftiert.

Martin Blumenthals Neffe Dr. Paul Liffman hat die Kindheitserinnerungen seiner Mutter Berti aufgeschrieben. Über die „Kristallnacht, ein einschneidendes Trauma für die ganze Familie“, berichtet er: „Als mein Großvater [Joseph Blumenthal] verhaftet wurde, kam er wie Zehntausende andere für mehrere Wochen nach Buchenwald, bis die jüdische Gemeinde dem deutschen Volk ein hohes Lösegeld zahlte und sie freigelassen wurden. Diese Erfahrung schien ihn für immer zu verändern. Fotos von kurz davor und danach zeigen die Verwandlung eines stämmigen, rotbackigen Bauern in einen hageren, gequält wirkenden Mann.“8

Die Entrechtung und Enteignung der jüdischen Bevölkerung schritt unerbittlich fort. Nach seiner Entlassung aus Buchenwald, so Liffman, „wurde mein Großvater gezwungen, sein Haus und seine kleinen Grundstücke an einen örtlichen Nazi zu ‚verkaufen‘, und sie zogen weg, zuerst nach Offenbach […]. Von dort aus zogen sie nach Frankfurt, in die Nähe der IG-Farben Fabrik, wo die Möglichkeit britischer Luftangriffe bestand; sie waren also in einer Zwickmühle. Sie hatten immer Koffer unter ihren Betten, für den Fall, dass die Bomben fielen oder die Gestapo vor der Tür stand. Zu dieser Zeit hatte mein Großvater buchstäblich Löcher in den Schuhen, als er zu den verschiedenen Konsulaten ging, um ein Visum für eine Ausreise aus Deutschland zu bekommen. Das ging ein paar Jahre so, was zweifellos zu seinem hageren Aussahen beitrug.“9

Martin Blumenthal sorgte sich um das Schicksal seiner Familie in Nazi-Deutschland und setzte sich für ihre Rettung ein – mit Erfolg, so sein Neffe: „Ende 1940 gelang es meinem Onkel Martin, der bereits seit einigen Jahren in New York lebte, mit Hilfe einer Gruppe von Verwandten, die bereits etwas länger in den USA lebten, ein Visum zu erhalten (was vor allem ein Treuhandkonto von 5.000 Dollar erforderte, das die US-Regierung als Sicherheit für solche Einwanderer verlangte). So erhielten meine Mutter und ihre Eltern im Dezember desselben Jahres ein Visum zur Ausreise aus Deutschland.“10

Nach Zeitzeugenberichten soll Martin „1945 beim Einzug der Amerikaner aus seinem Panzer gestiegen und schnell in sein Elternhaus in der Allendorfer Straße [in Londorf] gegangen sein. […] Dieses Haus und die Scheune wurden später abgerissen und durch einen Neubau ersetzt.“11

Nach Auskunft seines Neffen betrieb Martin Blumenthal eine Serie von Delikatessenläden in Midtown Manhattan, New York. Er heiratete Edith Rosenberg und bekam zwei Töchter – Linda (geb. 1950) und Helen (geb. 1952). 1989 starb seine Ehefrau und Martin verheiratete sich erneut. Am 27. Dezember 2009 starb er in New York.


Die von Dr. Paul Liffman aufgeschriebenen Erinnerungen seiner Mutter sind sehr lesenswert. Eine deutsch-englische Version kann hier heruntergeladen werden: Berti Blumenthal-Liffman_1924-2016


  1. Das Manufaktur- und Modewarenkaufhaus S. Leiser, gegründet 1873 von Samuel Leiser, befand sich in der Lindenstraße 9 in Bad Wildungen, dem Ort des heutigen Heimatmuseums. Der Inhaber Leopold Leiser (geb. 1876), seine Frau Berta, geborene Lion (geb. 1888) und ihre Tochter Ruth Eva (geb. 1923) wurden wahrscheinlich am 7. Dezember 1941 von Köln, wohin sie 1938 verzogen waren, nach Riga deportiert. – In der Lindenstraße 9 in Bad Wildungen wurden für die Familie Leiser Stolpersteine verlegt. ↩︎
  2. Entschädigungsakte Martin Blumenthal, Bl. 42. ↩︎
  3. Ebd., Bl. 3. ↩︎
  4. Ebd., Bl. 42. ↩︎
  5. Rothmann, in: Hofmann und Jung (2008), S. 95. ↩︎
  6. Anmerkung von Martins Neffen Dr. Paul Liffman: „$8 for a 40-hour week would have been less than the legal minimum wage of 25 cents/hour at the time.“ (E-Mail vom 17. September 2025) ↩︎
  7. Entschädigungsakte Martin Blumenthal, Bl. 3. ↩︎
  8. Liffman, in: Müller (2023), S. 43. – Im Original Englisch; Übersetzung von Nanni Müller. ↩︎
  9. Ebd., S. 44. – Im Original Englisch; Übersetzung von Nanni Müller. ↩︎
  10. Ebd. – Im Original Englisch; Übersetzung von Nanni Müller. ↩︎
  11. Rothmann, in: Hofmann und Jung (2008), S. 96. – Martins Neffe hält diese Episode für wenig glaubhaft. Auch Artur Rothmann schien seine Zweifel zu haben: „Leider lebt von der Familie Hillgärtner [den Käufern von Martin Blumenthals Elternhaus in Londorf] niemand mehr, der uns Näheres darüber erzählen könnte.“ (Ebd.) ↩︎

Quellen:

  • Hauptliste der Schüler und Schülerinnen der Höheren Bürgerschule (bis Ostern 1914) und Realschule (O. 1914–926) und Oberrealschule (O. 1926–O. 1938) und Oberschule für Jungen (ab O. 1938) Grünberg i. H. Angefangen Ostern 1910, beendet mit Schluss des Schuljahres 1938/39 (Archiv der Theo-Koch-Schule).
  • Schülerlisten, Schülerstatistiken, klassenbezogen, nach Jahrgängen geordnet. Den Klassenbüchern entnommen. Jg. 1922/23–1931/32 (Archiv der Theo-Koch-Schule).
  • 50 Jahrfeier der Oberrealschule zu Grünberg i. H. 22.–24. Mai 1926. Gedenkblätter von Oberstudiendirektor W. Angelberger und Studienrat O. Steuernagel, Grünberg 1926 (Archiv der Theo-Koch-Schule).
  • Hessische Oberrealschule zu Grünberg. Bericht über das Schuljahr 1929/30, Ostern 1930 (Archiv der Theo-Koch-Schule).
  • Veränderungsmeldungen 17.12.1938–23.12.1938, KL Buchenwald, 1.1.5/ 5278281/ ITS Digital Archive, Arolsen Archives (Joseph Blumenthal: laufende Nr. 26, Häftlingsnummer: 22516).
  • Entschädigungsakte von Martin Blumenthal, Hessisches Hauptsstaatsarchiv Wiesbaden (HHStAW), Best. 518, Nr. 40953.
  • Studienkreis Deutscher Widerstand (Hg.): Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933–1945. Band 1/2: Hessen II. Regierungsbezirke Gießen und Kassel, Frankfurt a. M. 1996.
  • Artur Rothmann: Jüdisches Leben in der Rabenau. In: Gabriele Hofmann und Harald Jung (Hg.): 1250 Jahre Londorf. Die Zeit von 1958 bis 2008. Schriftenreihe des Vereins für Heimat- und Kulturgeschichte der Rabenau e. V., Londorf 2008, S. 72–112.
  • Hanno Müller: Juden in Rabenau. Geilshausen, Kesselbach, Londorf, Rüddingshausen. Jüdische Schüler in Grünberg, Lich 2023.
  • Dr. Paul Liffman: “Berti Blumenthal-Liffman (1924–2016), from her childhood recollections”, verfasst am 6. September 2022. Übersetzung ins Deutsche von Nanni Müller. In: Müller (2023), S. 44 f.
  • Renate Krauß-Pötz: Grünberg in der Zeit des Nationalsozialismus. 1933–1945. Eine Chronik. Hg. vom Freundeskreis Museum Grünberg e. V., Grünberg 2024.
  • https://www.synagoge-voehl.de/images/pdf/lk/wil/Leiser_Leopold.pdf (zuletzt aufgerufen am 12. Juli 2026).
  • https://stolpersteine-badwildungen.de/stolpersteine.php (→Lindenstraße 9 für Familie Leiser) (zuletzt aufgerufen am 12. Juli 2026).
  • E-Mail-Korrespondenz mit Dr. Paul Liffman, Houston, Texas, USA.