
Schuljahr 1911/12 (© Archiv der Theo-Koch-Schule)
Moritz Blumenthal wurde am 11. November 1898 in Londorf geboren. Seine Eltern waren der Metzgermeister Simon Blumenthal, genannt Siegmund, geboren am 29. November 1855 in Londorf, und Bertha Baum, geboren am 29. März 1857 in Wittelsberg. Moritz Blumenthal war das jüngste von sechs Geschwistern: Recha, geb. 1887, Selena, geb. 1888, Jenny, geb. 1890, David, geb. 1891, und Hedwig, geb. 1893. Moritz war der Cousin von Joseph (Julius) Blumenthal, dessen Sohn Martin von 1925 bis 1929 die weiterführende Schule in Grünberg besuchte. Die Familie von Moritz Blumenthal lebte von 1905 bis 1910 in der Freigasse 98 in Londorf und ab 1910 ein paar Häuser entfernt in der Freigasse 15.
Im April 1911 trat Moritz Blumenthal im Alter von 12 Jahren in die Quarta (heute 7. Klasse) der Höheren Bürgerschule Grünberg ein. Zwar war die Mehrheit der damaligen Schülerschaft evangelisch – im Schuljahr 1911/12 waren es 121 von 128 Kindern, also rund 95 Prozent –, aber es gab auch eine kleine katholische Minderheit (2 von 128 Kindern, also rund 2 Prozent) und 4 jüdische Kinder (rund 3 Prozent): in der Quarta neben Moritz Blumenthal noch Jakob Lion aus Nordeck, in der Untertertia dessen Bruder Hugo Lion und in der Obertertia Albert Stern aus Nieder-Ohmen.
Im Schuljahr 1912/13 wiederholte Moritz Blumenthal die Quarta. In diesem Schuljahr kamen weitere jüdische Schüler dazu – Ebo Rothschild aus Londorf und Leopold Stiebel aus Allendorf/Lumda in Sexta und Paul Wetzstein aus Treis an der Lumda in Quinta –, so dass der jüdische Anteil auf rund 5 Prozent (6 von insgesamt 134 Kindern) stieg.
An Ostern 1913 verließ Moritz Blumenthal die Schule, vielleicht um in der Metzgerei seines Vaters mitzuarbeiten und dann auch selbst das Metzgerhandwerk zu erlernen. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass der Abgang von der weiterführenden Schule auch finanzielle Gründe hatte, muss doch das jährliche Schulgeld – zu Moritz‘ Zeit betrug es 72 Mark – eine erhebliche Belastung für eine kinderreiche Familie wie die Blumenthals gewesen sein. So überrascht es nicht, dass, soweit bekannt, Moritz Blumenthal als einziger von den sechs Geschwistern in den Genuss einer höheren Bildung kam – wenn auch nur kurzzeitig.
Im Juni 1920 starb Moritz‘ Vater im Alter von 64 Jahren. Zu diesem Zeitpunkt lebte Moritz Blumenthal in Londorf und arbeitete als Viehhändler. Im Oktober 1923 heiratete er Lina Stern, geboren am 13. Mai 1903 in Gießen-Wieseck. Wie aus seiner Entschädigungsakte hervorgeht, übernahm Moritz Blumenthal die Metzgerei und den Viehhandel der Schwiegereltern in der Gießener Straße 89 in Wieseck. In den Jahren 1925 und 1926 wurden die Kinder Margot und Ludwig geboren.
Über den Geschäftsgang vor 1933 berichtet Moritz Blumenthal rückblickend: „Von Mitte Oktober eines jeden Jahres bis zum März des darauf folgenden Jahres wurden wöchentlich 6–8 Stück Grossvieh geschlachtet und auch des öfteren Jungkälber bis zu 3 Wochen alt. Das Grossvieh hatte durchschnittlich ein Gewicht von 250–300 Kilo. Das Fleisch wurde oft in ganzen Viertel während der Hausschlachterei an die Kunden verkauft und mit dem Schweinefleisch zu Wurst verarbeitet. Von März bis zum Oktober wurden in der Woche durchschnittlich zwei Tiere geschlachtet, ohne die Kälber. Zwischendurch wurde auch der Viehhandel betrieben. […] Ganz besonders in den letzten Jahren vor 1933 florierte das Geschäft sehr gut, sodass die Absicht bestand, das untere Stockwerk des Hauses zu einem Laden umzubauen und das Hausgeschäft zu vergrössern. Durch den Hitlerismus wurde dieser Plan vereitelt und das ganze Geschäft zerstört.“1
In einer anderen Erklärung deutet er die brutalen Methoden der Nazis an: „Ich […] wurde kurz nach der Machtübernahme durch das 3. Reich, derart boykottiert, dass mein Geschäft schon 1933, fast vollständig zum Stillstand kam. Über die Methoden der Parteiorgane, brauch ich wohl keine näheren Angaben zu machen, dieselben sind wohl allgemein bekannt.“2
Bis 1933 hatte das Geschäft genug eingebracht, um eine Haushälterin für die fünfköpfige Familie – Linas Mutter lebte mit im Haus – bezahlen zu können. Nach dem Boykott mussten die Blumenthals bis zu ihrer Auswanderung „von der Substanz“ leben.3 Um emigrieren zu können, war die Familie gezwungen, alles, was sich losschlagen ließ, „zu Schleuderpreisen“ zu verkaufen: das Wohnzimmer-, Schlafzimmer- und Küchenmobiliar und die „Metzgerei-Einrichtung mit sämtlichem Zubehör, Handwerkszeug sowie zwei Waagen und Dezimalwaagen für Wurst- und Fleischwaren“4 – und schließlich ihr gesamtes Anwesen, das aus einem Wohnhaus und einem Scheunen- und Stallgebäude bestand.
Im Juni 1936 emigrierten Moritz und Lina Blumenthal mit ihren Kindern und Linas Mutter schließlich in die USA. Sie ließen sich in Norwich im Staat New York nieder und betrieben eine Farm mit Viehhandel. Bereits drei Jahre später kam bei Morris Blumenthal – so nannte er sich im Exilland – eine schwere Diabetes mellitus zum Ausbruch. Mit seinem Rechtsanwalt kämpfte Morris jahrelang um die Anerkennung der Diabetes als verfolgungsbedingt – ohne Erfolg. Der Vertreter der Entschädigungsbehörde argumentierte: Wenn Diabetes tatsächlich durch traumatische Erlebnisse ausgelöst würde, hätte es viel mehr Diabetesfälle bei der bombardierten Bevölkerung Deutschlands geben müssen. Das sei aber nicht der Fall gewesen. Vielmehr sie die Zahl der Diabeteserkrankungen durch die schlechte Ernährungslage zurückgegangen.
Mit welchen Schwierigkeiten die Familie Blumenthal auf ihrer Farm zu kämpfen hatte, lässt ein Schreiben von Morris‘ Anwalt an die Entschädigungsbehörde erahnen: „In den USA war dieses Jahr [1955] eine besonders große Hitzewelle und es ist dadurch eine große Dürre eingetreten, wodurch sämtliches Grün verbrannt ist und es mußten erhebliche Stücke Vieh mit großem Verlust verkauft werden, um das Vieh nicht verhungern und verdursten zu lassen. Die Wasserknappheit ging so weit, daß das Wasser noch nicht einmal für den eigenen Bedarf im Haushalt reichte. Nach der ungeheuren Hitzewelle trat eine Überschwemmungskatastrophe ein.“5
Im Juni 1956 kam nach längerem Hin und Her schließlich ein Vergleich zustande: Morris Blumenthal wurde für erlittenen Schaden im beruflichen und wirtschaftlichen Fortkommen eine einmalige Kapitalentschädigung und eine geringe monatliche Rente zugesprochen. Im Januar 1959 wurden mit 522 DM und 25 Pfennig die Kosten für die Auswanderung kompensiert. Am 22. Januar 1960 starb Morris Blumenthal im Alter von 61 Jahren im Chenango Memorial Hospital in Norwich an den Folgen seiner Diabeteserkrankung. Sein Gießener Anwalt kämpfte noch weiter um eine Rentenerhöhung für die Witwe – vergeblich. Lina Blumenthals Sterbedaten sind nicht bekannt. Von den Kindern wissen wir nur, dass Margot, die ältere Tochter, nach ihrer Heirat in Florida lebte und dass das Paar zwei Kinder hatte.
Moritz‘ Londorfer Familie scheint die Shoah überlebt zu haben: Seine Mutter Bertha emigrierte 1937 mit Recha und ihrer Familie in die USA. Der Bruder David war mit seiner Familie bereits 1934 in die USA geflohen. Die Schwester Hedwig hatte im Jahr 1922 Moritz Schönfeld geheiratet, der am 5. Februar 1891 in Kesselbach geboren worden war und von 1902 bis 1906 Zeitpunkt die weiterführende Schule in Grünberg besucht hatte. Mit ihrem Sohn Siegmund/Siegbert gelang den Schönfelds 1936 die Flucht in die Vereinigten Staaten. Siegmund Schönfeld nannte sich später Sidney. Sein Enkel Zachary Schonfeld nahm im September 2022 an der Eröffnung der Gedenkstätte in Londorf teil. — Der weitere Weg der Schwestern Selena und Jenny ist nicht bekannt.
- Entschädigungsakte Martin Blumenthal, Bl. 33 f. ↩︎
- Ebd., Bl. 4. ↩︎
- Ebd., Bl. 25. ↩︎
- Ebd., Bl. 114. ↩︎
- Ebd., Bl. 32. ↩︎
Quellen:
- Hauptliste der Schüler und Schülerinnen der Höheren Bürgerschule (bis Ostern 1914) und Realschule (O. 1914–O. 1926) und Oberrealschule (O. 1926–O. 1938) und Oberschule für Jungen (ab O. 1938) Grünberg i. H. Angefangen Ostern 1910, beendet mit Schluss des Schuljahres 1938/39 (Archiv der Theo-Koch-Schule).
- Höhere Bürgerschule zu Grünberg in Hessen. (Sexta bis Unter-Sekunda einschl.) Bericht über das Schuljahr 1911/12, Grünberg 1912 (Archiv der Theo-Koch-Schule).
- Höhere Bürgerschule zu Grünberg in Hessen. (Militärberechtigte Realschule.) Bericht über das Schuljahr 1912/13, Grünberg 1913 (Archiv der Theo-Koch-Schule).
- 50 Jahrfeier der Oberrealschule zu Grünberg i. H. 22.–24. Mai 1926. Gedenkblätter von Oberstudiendirektor W. Angelberger und Studienrat O. Steuernagel, Grünberg 1926 (Archiv der Theo-Koch-Schule).
- Entschädigungsakte von Moritz Blumenthal, Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden (HHStAW), Best. 518, Nr. 29643.
- Hanno Müller: Juden in Gießen. 1788–1942. Hg. vom Magistrat der Stadt Gießen, Gießen 2012.
- Hanno Müller: Juden in Rabenau. Geilshausen, Kesselbach, Londorf, Rüddingshausen. Jüdische Schüler in Grünberg, Lich 2023.
