Irma Ilse Simon (verh. Bauer)

Geb. am 7. Oktober 1909 in Londorf; Schulbesuch in Grünberg von Ostern bis Weihnachten 1919; nach Süd-Afrika emigriert

Eintrag für Irma Simon, genannt Ilse; Hauptliste der Realschule Grünberg, Eintrittsjahr 1919/20
(© Archiv der Theo-Koch-Schule)

Irma Simon, genannt Ilse, wurde am 7. Oktober 1909 in Londorf, einem Ortsteil der heutigen Rabenau in Oberhessen, geboren. Ihr Vater war der Metzgermeister und Häutehändler Abraham Simon, geboren am 27. Januar 1876 in Londorf. Bereits Ilses Großvater Anselm Simon und ihr Urgroßvater Seligmann Simon hatten in Londorf koschere Metzgereien betrieben. Ilses Mutter Nanny, geb. Katz, war am 23. Mai 1882 in Bobenhausen II geboren. Geheiratet hatten die Eltern am 20. Dezember 1908 im Geburtsort der Mutter. Am 13. August 1913 bekam die dreijährige Ilse einen kleinen Bruder: Ernst Josef. Die Simons lebten zunächst in der Hintergasse 10 und dann – spätestens ab 1927 – in der Marburger Straße 45 (heute Nr. 29).

Bei Artur Rothmann, dessen Aufsatz über das jüdische Leben in der Rabenau zu einem großen Teil auf Zeitzeugenaussagen beruht, heißt es: „In der Marburger Straße 29 wohnte Abraham Simon, Metzger wie sein Bruder Isaak, dem er half. Bevor sie das Haus in der Marburger Straße kauften, lebten die Simons in der heutigen Wallstraße. Abrahams Frau Nanni verkaufte im Laden Fleisch für ihren Schwager, während ihr Mann Fleisch in einer Mulde, abgedeckt mit einem weißen Tuch, auf der Schulter nach Nordeck, Winnen und Allertshausen trug und verkaufte. Abraham Simon war, wie andere Glaubensgenossen auch, Mitglied im Gesangverein ‚Frohsinn‘ und saß im Festausschuss bei der Vorbereitung des Bundesfestes des Lahntal-Sängerbundes. Abraham und Nanni hatten zwei Kinder, eine Tochter Ilse [eigentlich Irma] und einen Sohn Ernst […]. Er galt in Londorf als guter Handballer.“1

Die jüdische Gemeinschaft in Londorf hatte eine lange Tradition, wie Paul Arnsberg in seiner Studie über die jüdischen Gemeinden in Hessen berichtet: „Das Gebiet der ‚Rabenau‘ – zu dem die Orte Londorf wie auch Geilshausen, Kesselbach und Rüddingshauen gehörten – unterstand den Freiherren von Nordeck zur Rabenau. Diese Patrimonialherren hatten schon seit 1650 das Recht zur Judenaufnahme. Da bereits 1722 ein ‚Judenbegräbnis‘ bestand, ist ziemlich sicher, daß um diese Zeit schon eine Judengemeinde Londorf (mit Filialorten) existierte. […] Die Patrimonialrechte der Herren von Nordeck wurden erst nach 1822 aufgehoben.“2

Die Synagoge in Londorf in der Allendorfer Straße war ein alter Fachwerkbau“, heißt es bei Arnsberg weiter. „[D]er Betraum hatte etwa 80 bis 100 Plätze. Im Erdgeschoß des Hauses war die Lehrerwohnung, und im Hof befand sich die Mikwa. Das Synagogengebäude (3stöckig) wurde vor dem Ersten Weltkrieg renoviert. Die Gemeinde hatte 8 Thorarollen. […] Der letzte Vorsitzende der Gemeinde Adolf Joseph ist um 1935 nach den USA ausgewandert (er war 16 Jahre lang Gemeindevorsteher). […] Im November 1938 wurde die Synagoge demoliert; die Inneneinrichtung sowie alle Kultgegenstände verbrannten.“3

Dies stand noch bevor, als Ilse Simon an Ostern 1919 nach vierjährigem Volksschulbesuch in Londorf in die Sexta (heute 5. Klasse) der Grünberger Realschule eintrat. In ihrer Klasse waren drei weitere jüdische Kinder: Isidor Roth aus Nieder Ohmen, Nathan Stern aus ihrem Heimatort Londorf und Fritz Weinberg (geb. 19104) aus Allendorf an der Lumda. Isidor Roth und Nathan Stern sollte die Flucht vor der nationalsozialistischen Verfolgung gelingen: Isidor Roth emigrierte vermutlich nach Shanghai, Nathan Stern in die USA. Ilses ehemaliger Klassenkamerad Fritz Weinberg hingegen wurde nach Treblinka deportiert und ermordet.

Nach nur acht Monaten, vor den Weihnachtsferien 1919, verließ Ilse Simon die Grünberger Realschule. Ob ihre Schulleistungen nicht ausreichten oder ob der Austritt finanzielle Gründe hatte – das Schulgeld betrug zu dieser Zeit immerhin 70 Mark jährlich –, ist nicht bekannt, da die Zeugnisse aus diesen Jahren nicht erhalten sind. Ilses Bruder Ernst Josef jedenfalls sollte die Stufenfolge der Grünberger (Ober-)Realschule vollständig durchlaufen und als einer von drei jüdischen Schülern 1931 sein Abitur machen.

Weil sie noch schulpflichtig war, muss Ilse Simon nach den Weihnachtsferien 1919/20 in die Volksschule Londorf zurückgekehrt sein und diese bis 1923 besucht haben. Im Jahr 1926 befand sie sich – so die Auskunft im Ehemaligenverzeichnis der in diesem Jahr publizierten Grünberger Festschrift – noch in Londorf. Vermutlich half sie in der Metzgerei der Eltern mit.

Eintrag für Ilse Simon im Ehemaligenverzeichnis der (Ober-)Realschule Grünberg,
Festschrift zum 50-jährigen Schuljubiläum, 1926 (© Archiv der Theo-Koch-Schule)

Am 11. Juni 1934 starb Ilses Vater Abraham Simon im Alter von 58 Jahren. Sein Grabstein ist auf dem Jüdischen Friedhof in Londorf in Reihe 11, Nr. 9., erhalten. Ilses Mutter, so heißt es bei Rothmann, „wanderte noch lange nach Nordeck und Winnen, um Außenstände einzutreiben. Sie hatte aber keinen Erfolg, wie eine Zeitzeugin berichtet, die seit 1934 bei ihr wohnte. Finanziell ging es ihr sehr schlecht und sie musste ihre Pfannkuchen auf der Herdplatte backen, um Öl zu sparen.“5

Bei Rothmann ist zu lesen, dass „Ilse […] in Caputh bei Potsdam Kindergärtnerin war.“6 Hanno Müller vermutet,7 dass es sich dabei um eine Verwechslung mit Ilses drei Jahre älterer Cousine Irma Simon handelt, die am 9. Oktober 1907 in Londorf geboren worden war, von 1918 bis 1922 die weiterführende Schule in Grünberg besuchte und sich 1935 nach Caputh abmeldete. Es ist durchaus denkbar, dass beide Cousinen in dem jüdischen Kinder- und Landschulheim arbeiteten. Aus Ilses Entschädigungsakte geht jedenfalls hervor, dass sie sich vor ihrer Auswanderung im Regierungsbezirk Berlin aufhielt.

Fest steht jedenfalls, dass Ilse Simon den am 22. September 1900 in einem jüdischen Elternhaus in Leihgestern bei Gießen geborenen Hugo Bauer heiratete. Der Zeitpunkt der Hochzeit ist nicht bekannt. Nachdem Ilses Bruder Ernst Josef bereits im März 1935 nach Palästina emigriert war, reisten die Bauers am 19. August 19368 nach Johannesburg in Süd-Afrika aus und entkamen so dem bevorstehenden Genozid an den europäischen Juden. Sie ließen sich nieder in Benoni, circa 26 Kilometer östlich von Johannesburg, wo es seit 1907 eine jüdische Gemeinde gab, die bis 2023 bestand.9 Die Bauers waren eine von mehreren hundert jüdischen Familien, die aus Europa geflüchtet waren. Nach Rothmann waren sie dort so erfolgreich, dass „sie schließlich drei Farmen besaßen.“10

In Benoni wurden den Bauers die Söhne Gerald und Harry geboren. Im Herbst 1954 verbrachte Ilses Bruder Ernst Josef Simon – ob allein oder mit seiner Frau Miriam und den Kindern Edna, Dalia und Avner, ist nicht bekannt – einige Wochen bei seiner Schwester und deren Familie. Von Benoni aus stellte er seinen Antrag auf Entschädigung des durch die NS-Verfolgung erlittenen Unrechts.

Auch Ilse Bauer ließen die Folgen des Holocaust nicht los. Neben den eigenen traumatischen Erfahrungen von Verfolgung und Vertreibung hatten die Geschwister den gewaltsamen Tod der Mutter zu verkraften, über deren Schicksal Rothmann schreibt: „Schließlich war [Nanny Simon] gezwungen, ihr Haus und ihren Acker [in Londorf] zu verkaufen, wahrscheinlich, weil diese noch vom Kauf und von den Kosten der Auswanderung der Kinder belastet waren.11 Sie wurde dann von der Familie Markus Kares aufgenommen. Am 30. September 1942 wurde sie mit Frieda Kares nach Polen [vemutlich Treblinka] deportiert; bei der Verhaftung [in Londorf] soll man auf sie eingeschlagen haben.“12

Grabstein von Abraham Simon; abgedruckt in: Rothmann, in: Hofmann u. Jung (2008), S. 98 (© Verein für Heimat- und Kulturgeschichte der Rabenau e. V.)

Auch die Entwicklung im Nachkriegsdeutschland machte Ilse Bauer Sorgen und empörte sie. In Londorf wurde der Jüdische Friedhof laut Alemannia Judaica „mehrfach geschändet: 1940, 1947 und 1965 wurden Grabsteine umgestürzt und zerstört.“13 1952 – so teilt Artur Rothmann mit – beschwerte sich Ilse Bauer „in einem Brief beim Londorfer Bürgermeister, dass der Grabstein ihres Vaters zerbrochen worden ist und verlangte eine Fotografie als Beweis dafür, dass der Stein repariert worden ist. Möglicherweise handelt es sich hier [s. Abb.] um eine solche Fotografie.“14

Über das weitere Schicksal von Ilse Bauer, geborene Simon, und ihrer Familie ist nichts bekannt.


  • Hauptliste der Schüler und Schülerinnen der Höheren Bürgerschule Grünberg i. H. (bis Ostern 1914) und Realschule (O. 1914–O. 1926) und Oberrealschule (O. 1926–O. 1938) und Oberschule für Jungen (ab O. 139). Angefangen: Ostern 1910. Beendet mit Schluß des Schuljahres 1938/39 (Archiv der Theo-Koch-Schule).
  • 50 Jahrfeier der Oberrealschule zu Grünberg in Hessen. 22.–24. Mai 1926. Gedenkblätter von Oberstudiendirektor W. Angelberger und Studienrat O. Steuernagel, Grünberg i. H. 1926 (Archiv der Theo-Koch-Schule).
  • Entschädigungsakte von Irma Simon, verh. Bauer, Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden (HHStAW), Best. 518, Nr. 28315.
  • Entschädigungsakte von Ernst Josef Simon, Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden (HHStAW), Best. 518, Nr. 29145.
  • Paul Arnsberg: Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang, Untergang, Neubeginn. Erster Band, Frankfurt a. M. 1971.
  • Hanno Müller: Juden in Gießen. 1788–1942. Hg. vom Magistrat der Universitätsstadt Gießen, Gießen 2012.
  • Arthur Rothmann: Jüdisches Leben in der Rabenau. In: Gabriele Hofmann und Harald Jung (Hg.): 1250 Jahre Londorf. Die Zeit von 1958 bis 2008, Rabenau 2008 (=Schriftenreihe des Vereins für Heimat- und Kulturgeschichte der Rabenau e.V., Bd. 2).
  • Hanno Müller: Juden in Rabenau. Geilshausen, Kesselbach, Londorf, Rüddingshausen. Jüdische Schüler in Grünberg, Lich 2023.
  • Eintragung für Nanny Simon, geb. Katz, im online-Gedenkbuch des Bundesarchivs.
  • https://en.wikipedia.org/wiki/Benoni,_South_Africa (zuletzt aufgerufen am 4. September 2026).
  • https://www.alemannia-judaica.de/londorf_friedhof.htm (zuletzt aufgerufen am 4. September 2026).

  1. Rothmann, in: Hofmann u. Jung (2008), S. 97. ↩︎
  2. Arnsberg (1971), S. 499. ↩︎
  3. Arnsberg (1971), S. 500. ↩︎
  4. Zur Unterscheidung von Fritz Weinberg (geb. 1913), ebenfalls aus Alllendorf an der Lumda. ↩︎
  5. Rothmann, in: Hofmann u. Jung (2008), S. 97. ↩︎
  6. Rothmann, in: Hofmann u. Jung (2008), S. 97. ↩︎
  7. Vgl. Müller (2023), S. 53, [Lon-122]. ↩︎
  8. Bei Rothmann, in: Hofmann u. Jung (2008), S. 98, ist irrtümlich das Jahr 1933 als Auswanderungsdatum angegeben. ↩︎
  9. Vgl. den Wikipedia-Artikel: https://en.wikipedia.org/wiki/Benoni,_South_Africa (zuletzt aufgerufen am 4. September 2026). ↩︎
  10. Rothmann, in: Hofmann u. Jung (2008), S. 98. ↩︎
  11. Im Rückerstattungsverfahren, das teilweise in der Entschädigungsakte von Ilse Simon, verh. Bauer, dokumentiert ist, heißt es, das Mobiliar von Nanny Simon sei von der NSV versteigert bzw. von der Gestapo veräußert worden. ↩︎
  12. Rothmann, in: Hofmann u. Jung (2008), S. 98. ↩︎
  13. https://www.alemannia-judaica.de/londorf_friedhof.htm (zuletzt aufgerufen am 4. September 2026). ↩︎
  14. Rothmann, in: Hofmann u. Jung (2008), S. 98. ↩︎