Isidor Roth

Geb. am 29. Mai 1909 in Nieder-Ohmen; Schulbesuch in Grünberg von 1919 bis 1921; vermutlich nach Shanghai emigriert

Eintrag für Isidor Roth in der Hauptliste der Grünberger Realschule (© Archiv der Theo-Koch-Schule)

Isidor Roth wurde am 29. Mai 1909 in Nieder-Ohmen geboren. Sein Vater war der Handelsmann Emanuel Roth, geboren am 30. April 1872 in Nieder-Ohmen. Seine Mutter Karoline, geb. Bär, war am 27. Juni 1879 in Nieder-Moos geboren, einem Ortsteil der heutigen Kommune Freiensteinau im Vogelsberg.1 Die Roths wohnten in Nieder-Ohmen in der Bernsfelder Straße Nr. 4 1/10 (heute Nr. 6). Der Dorfname war „Manuels“.

Isidor Roth hatte noch zwei jüngere Brüder, die beide in Nieder-Ohmen zur Welt kamen: Joseph, geboren am 7. Dezember 1910, und Gustav, geboren am 25. Dezember 1915.

Über das jüdische Leben in Nieder-Ohmen schreibt der Dorfchronist Heinrich Reichel aus eigener Anschauung: „Bis 1933 waren und fühlten sich die Juden als Deutsche mit jüdischem Glauben. Sie waren und lebten in der politischen Gemeinde wie die übrigen Einwohner. Nieder-Ohmen hatte zu dieser Zeit etwa 1400 Einwohner. Davon waren 89 Juden. Es waren somit ca 6,4 % von der Gesamtbevölkerung. Ich habe sie fast alle gekannt. Juden und Christen pflegten nachbarlichen und geschäftlichen Verkehr. Es bestanden freundschaftliche Beziehungen zwischen den Familien. Die Juden hatten fast alle ein Geschäft. In der Schule war kein Unterschied, außer dem Religionsunterricht.2

Dieses Bild einer noch ungetrübten dörflichen Idylle wird von der Holocaust-Überlebenden Carola Stern, geboren 1925 in Nieder-Ohmen, im Wesentlichen bestätigt. Ihre Eltern waren seit mehreren Generationen in Nieder-Ohmen ansässig und betrieben einen Viehhandel mit Landwirtschaft: „We had a marvelous time, especially when we were young. We had eggs and we raised potatoes and we had a whole farm. […] We had a stall with cattles where my mother reluctantly went in the morning to milk the cows. It was a little shtetl. And we had people who helped. We were farmers just like anybody else in Nieder-Ohmen. There was never any difference. We were Jewish, but we didn’t feel it. We were Germans first. Jews was secondary, nobody bothered with this religion. And since my father was a veteran of World War I, he was very well liked.“3

Nach dem Volksschulbesuch in Nieder-Ohmen wurde Isidor Roth an Ostern 1919 in die Sexta (heute 5. Klasse) der Grünberger Realschule eingeschult. In seiner Klasse waren drei weitere jüdische Kinder: Irma (genannt Ilse) Simon und Nathan Stern aus Londorf sowie Fritz Weinberg aus Allendorf/Lumda. Isidor Roth wiederholte die Sexta im Schuljahr 1920/21 und ging an Ostern 1921 mit der Quinta-Reife von der Grünberger Realschule ab und wieder in die Nieder-Ohmener Volksschule zurück.

Die Wiederholung der Klasse fällt mit dem Tod seiner Mutter zusammen: Karoline Roth, geb. Bär, starb am 9. Mai 1920. Isidors Vater heiratete noch zweimal: Berta, geb. Hirsch, geboren am 18. Januar 1882 in Naunheim, gestorben am 9. April 1934 in Nieder-Ohmen, und Ida, geb. Rothschild, geboren am 13. September 1886 in Londorf.

Über Isidor Roths weiteren Weg ist wenig bekannt. Nach Reichel machte er ab 1924 eine Kaufmannslehre in Herborn. Im Ehemaligenverzeichnis der Jubiläumsschrift der Grünberger Oberrealschule von 1926 ist er als Handelsmann in Nieder-Ohmen aufgeführt. Vermutlich ist er nach Shanghai emigriert.

Emanuel Roth, Isidors Vater, und seine dritte Ehefrau Ida meldeten sich am 2. Dezember 1935 nach Frankfurt a. M. ab. Sie emigrierten nach Shanghai. Isidors Bruder Joseph ging nach Reichel „von Nieder-Ohmen fort. Lebt in Amerika.“4 Der jüngste Bruder Gustav „lernte ab 1934 Metzer in Lütgeneder. Lebt in Shanghai.“5

Isidor Roths Sterbedatum ist nicht bekannt.


Quellen:

  • Hauptliste der Schüler und Schülerinnen der Höheren Bürgerschule Grünberg i. H. (bis Ostern 1914) und Realschule (O. 1914–O. 1926) und Oberrealschule (O. 1926–O. 1938) und Oberschule für Jungen (ab O. 139). Angefangen: Ostern 1910. Beendet mit Schluß des Schuljahres 1938/39 (Archiv der Theo-Koch-Schule).
  • 50 Jahrfeier der Oberrealschule zu Grünberg in Hessen. 22.–24. Mai 1926. Gedenkblätter von Oberstudiendirektor W. Angelberger und Studienrat O. Steuernagel, Grünberg i. H. 1926 (Archiv der Theo-Koch-Schule).
  • Heinrich Reichel: Juden in Nieder-Ohmen, Vogelsbergkreis, Nieder-Ohmen 1998.
  • Heinrich Reichel: Juden in Nieder-Ohmen zwischen 1933–1940. Angaben über Personen und Familien. Ich habe viele von ihnen gekannnt. Schriftenreihe des Kulturrings Nieder-Ohmen, Nr. 10, Nieder-Ohmen 2001.
  • Heinrich Reichel: „Ich habe viele von ihnen gekannt!“ Das Schicksal der jüdischen Einwohner von Nieder-Ohmen. Bemerkenswerte Ereignisse in Nieder-Ohmen während der Kriegsjahre 1939 bis 1945. Hg. von der Evangelischen Kirchengemeinde Nieder-Ohmen, Nieder-Ohmen 2009.
  • https://www.alemannia-judaica.de/lichenroth_synagoge.htm (zuletzt aufgerufen am 15. August 2026).
  • https://collections.ushmm.org/search/catalog/irn504861 (zuletzt aufgerufen am 31. Juli 2026).

  1. Die jüdischen Personen aus Nieder-Moos gehörten vermutlich zur jüdischen Gemeinde in Lichenroth; vgl. https://www.alemannia-judaica.de/lichenroth_synagoge.htm (zuletzt aufgerufen am 15. August 2026). ↩︎
  2. Reichel (2001), S. 4. ↩︎
  3. Oral History Interview Carola Stern, Tape 1. ↩︎
  4. Reichel (2009), S. 28. ↩︎
  5. Reichel (2009), S. 28. ↩︎