Alfred Strauss

Geb. am 21. September 1912 in Nordeck; Schulbesuch in Grünberg von 1922 bis 1931; in die USA emigriert

Alfred Strauß als Untersekundaner; Ausschnitt aus dem Klassenfoto von Ostern 1928 (s. u.), Oberrealschule Grünberg (© Archiv der Theo-Koch-Schule)

Alfred Strauß – später in den USA ‚Strauss‘ geschrieben – wurde am 21. September 1912 in Nordeck geboren, das damals zum Kreis Marburg und damit zu Preußen gehörte. Er hatte noch einen sieben Jahre jüngeren Bruder: Hans Ludwig, später Jack genannt, geboren am 11. Juli 1919 in Nordeck, der ebenso wie sein älterer Bruder die Oberrealschule in Grünberg besuchte.

Die mütterlichen Vorfahren von Alfred Strauß waren seit vielen Generationen in Nordeck ansässig. Seine Mutter Hilda Strauß, geb. Lion, geboren am 10. Januar 1889 in Nordeck, war die Tochter des Nordecker Kaufmanns Liebmann Lion und der Jette Lion, geb. Heinebach, aus Seligenstadt, beide Jahrgang 1860. Sie war das zweite von sechs Kindern. Ihre jüngeren Brüder Hugo Lion, geboren am 21. März 1897 in Nordeck, und Jacob Lion, geboren am 21. November 1898 ebenda, waren von 1911 bis 1912 bzw. von 1911 bis 1915 in Grünberg zur Höheren Bürgerschule gegangen.

Alfreds Vater Leopold Strauß hatte am 5. November 1911 nach Nordeck ‚eingeheiratet‘. Er war am 22. Februar 1886 im bayerisch-schwäbischen Binswangen als Sohn von Joseph Strauß und Bertha, geb. Pfeifer, geboren worden, wo eine jüdische Gemeinde bis 1940 bestand. Leopolds Elternhaus mit Metzgerei lag in der Hauptstraße 38 in Binswangen. Für den kleinen Bruder Hans Ludwig verbanden „sich seine schönsten Ferienerinnerungen mit den vielen Besuchen beim Großvater Josef Strauss in Binswangen“.1 Vermutlich galt das auch für Alfred.

Ehemaliges Wohnhaus der Familien Lion und Strauß in Nordeck; damals Haus 56, heute Rabenauer Straße 32; Aufnahme: 5. August 2026 (© Christina Müller)
Ehemalige Synagoge in Nordeck, heute ein Wohnhaus; Adresse: Rabenauer Straße 42 (© Christina Müller)

Die Straußens lebten zusammen mit den Großeltern Lion im Haus 56 in Nordeck, heute Rabenauer Straße 32. Als Alfred fünf Jahre alt war, starb seine Großmutter Jette Lion, geb. Heinebach, im Alter von 54 Jahren in Nordeck. Ihr Grabstein ist in Reihe 5, Nr. 4, auf dem jüdischen Friedhof Nordeck erhalten.2 Der Großvater Liebemann Lion starb, 70-jährig, am 21. Februar 1931. Auch seinen Grabstein kann man – in Reihe 5, Nr. 2 – noch heute besichtigen.3 Auch ein Kindergrab – Reihe 1, Nr. 5 – ist auf dem jüdischen Friedhof in Nordeck zu sehen: Alfred Strauß‘ Tante, die am 11. Juli 1890 geborene Selma Lion, starb im Alter von nur drei Jahren am 17. Oktober 1893.4

Zu den Vorfahren mütterlicherseits, den Lions, erklärte Alfreds Bruder Jack Strauss 1996 im Interview: „According to the legend, [the first Jewish families] came [to Nordeck] the year eight hundred. They were supposed to be my ancestors. They came out of Spain. My mother’s name maiden name was Lion. We spelled that L.i.o.n, but half of the family spelled tha L.e.o.n, which is a Spanish Jewish name. Supposedly they came with two weapon carriers of Charlemagne’s, who got the whole area and built the castle. […] Supposedly there is a document in the Archives of Marburg, which is the county seat, where it talks about a Jew Lion, who lived in the area in the thirtheenth century. But […] I have not been able to find it. […] The first document I have is from the year 1688,5 where there were five Jewish families in Nordeck, who were the slaves of the count […]. He was called a Freiherr. Which was very unusual, to have that many Jewish families in a small village. What happened is, the emperor […] gave the rights to the aristocrats to keep Jews […] to be [their] slaves. They were called the Freiherrn von Nordeck zu der Rabenau. […] And […] the document that I have from 1688 […] mentions one of my ancestors […]. And it says in the document […]: What do we do of the privileges of being allowed to live in the area? Because after all, they’d lived there for two hundred years already, […] which would put you back to 1488.“6

Die Straußens betrieben ein Geschäft für Getreide-, Futter- und Düngemittel in Nordeck. Es war eines der größten Geschäfte dieser Art im Landkreis Marburg. Elisabeth Reinhardt, die Tochter der ehemaligen Strauß’schen Haushälterin Marie, erinnert sich: „Ja, die hatten vor allen Dingen Mehl- und Getreidehandel. Da war ’n Lager in der Allendorfer Straße, ’n großes Lager, steht heute noch [das Gebäude], wo das Lager war. Das hat jetzt die Raiffeisenbank, hat das gehabt. Das [Geschäft] war ja nicht nur auf Nordeck bezogen, sondern das war im ganzen Ebsodorfer Grund, da hat er gehandelt. Und auch nach Allendorf [Lumda] runter und Londorf runter. Die Bäcker hat er beliefert mit Mehl und so weiter und so fort. Hier neben, da war der Bücker Wüst, der hat viel mit Herr Strauß gehandelt, gell? Also, das war schon ’n großes Geschäft.“7

Von 1918 bis 1922 besuchte Alfred Strauß die Volksschule in Nordeck-Winnen. Was sein Bruder Hans Ludwig (Jack) Strauss erzählt, der dieselbe Schule von 1925 bis 1929 besuchte, gibt einen guten Eindruck von den damaligen Zuständen: „If I tell you about what my school was like … You being involved in teaching …8 Your hair would stand up. We had a [chuckling] … a teacher who was my mother’s teacher, when she went to school. He was still there and … Teachers in Germany were civil servants of the state. What had nothing to do with the city or the county. And once you got that job you … It was for life, I mean, you had tenure. And this fellow, about the time I went to school, when I first started, first grade, all he did is drink beer. And play the violin. So, it was my job for two years to go to the Wirtshaus, which was the bar, and pick up beer every day for him to have it. And I’d go back, and he’d play the violin, and we’d sing. When I was nine years old … You go to high school over there … If you go to high school, you used to go at ten. So, when I was nine years old, I didn’t know how to read and to write or anything. So, we got a new teacher during that period. And that guy worked with me, like you wouldn’t believe, so I could pass to get into high school.“9

An Ostern 1922 wurde Alfred Strauß im Alter von neuneinhalb Jahren in die Sexta (heute 5. Klasse) der Oberrealschule in Grünberg aufgenommen. In seiner Klasse waren zwei weitere jüdische Schüler: Ernst-Josef Simon aus Londorf und Fritz Weinberg aus Allendorf an der Lumda. Sie durchliefen die Sexta, Quinta, Quarta, Untertertia, Obertertia und Untersekunda (heute 10. Klasse). An Ostern 1928 machten Ernst-Josef Simon und Alfred Strauß die Mittlere Reife, die damals „Einjährig-Freiwilligen-Prüfung“ oder „Obersekundareife“ genannt wurde. Fritz Weinberg scheint eine Klasse wiederholt zu haben, denn er legte die Mittlere-Reife-Prüfung erst an Ostern 1929 ab und verließ danach die Schule.

Die Untersekunda der Grünberger Oberrealschule, Ostern 1928; jüdische Schüler: Alfred Strauß aus Nordeck (hinten links neben Direktor Wilhelm Angelberger) und Ernst-Josef Simon aus Londorf (2. Reihe von unten, 2. v. r., mit Brille); Fritz Weinberg aus Allendorf an der Lumda, der in derselben Klasse gewesen war, legte die Mittlere-Reifeprüfung erst ein Jahr später an Ostern 1929 ab (© Archiv der Theo-Koch-Schule)
Foto von Alfred Strauß im Abiturzeugnis der Oberrealschule Grünberg vom 13. Februar 1931; in: Entschädigungsakte Alfred Strauß, Bl. 6 (© HHStA Wiesbaden)

Ernst-Josef Simon und Alfred Strauß machten weiter, durchliefen die Oberstufe: Obersekunda, Unterprima und Oberprima. Am 13. Februar 1931 bestanden sie ihr Abitur – dieses konnte man an der Grünberger Oberrealschule erst seit 1926 erwerben – und schlossen damit ihre erfolgreiche Schullaufbahn ab.

Alfred Strauß und Ernst-Josef Simon sind zwei von drei jüdischen Schülern, die das Abitur an der Grünberger Oberrealschule erreichten. Alfreds jüngerem Bruder Hans Ludwig Strauß sollte dieser höchste Schulabschluss und somit die Zugangsberechtigung zur Universität verwehrt bleiben: Er wurde 1934 als Jude von der Schule geworfen. Der dritte jüdische Abiturient, Hermann Roth aus Nieder-Ohmen, durfte die Abiturprüfung nur deshalb ablegen, weil sein Vater als Soldat im Ersten Weltkrieg gestorben war und er damit unter das ‚Frontkämpferprivileg‘ fiel. Robert Katz aus Bad Wildungen, ein weiterer jüdischer Schüler, der als Gastschüler im Schuljahr 1932/33 das Abitur an der Grünberger Oberrealschule versuchte, bestand die Prüfungen nicht. Die große Ungerechtigkeit: Mindestens sieben weiteren erfolglosen Abiturienten dieses Jahres wurde „[m]it Rücksicht auf den starken Anteil, den die älteren Schüler höherer Schulen an der nationalen Bewegung und Erhebung des letzten Jahres genommen haben“,10 trotz nicht ausreichender Leistungen dennoch das Abitur zuerkannt.

Nach seinem Abitur nahm Alfred Strauß zum Sommersemester 1931 an der Hessischen Ludwigs-Universität zu Gießen ein Medizinstudium auf. Von einigen seiner Aktivitäten sind wir durch die Unterlagen in der Entschädigungsakte unterrichtet: So nahm er im Wintersemester 1931/32 an den Präparier-Übungen im anatomischen Institut „regelmäßig und mit Erfolg“ teil, im Sommersemester 1932 absolvierte er erfolgreich das chemische Praktikum für Mediziner im chemischen Institut und am 20. Februar 1933 bestand er die Ergänzungsprüfung in Latein mit der Note „im ganzen gut“; seine Lateinkenntnisse entsprachen damit „der Primareife des Realgymnasiums“.11 Insgesamt belegte er in den fünf Semestern seines Medizinstudiums 108 Semesterwochenstunden medizinische Vorlesungen und Übungen.

Als Anfang 1933 die Nazis an die Macht kamen, war Alfred Strauß im vierten Semester (WS 1932/33). Das Sommersemester 1933 hielt er noch durch, danach sah er für sich keine Perspektive mehr: „Die Aussichtslosigkeit für eine Fortsetzung des Studiums an der Universität Gießen, infolge der damals gegen jüdische Studenten gerichteten Maßnahmen, zwangen mich zur Aufgabe des von mir beabsichtigten Medizinstudiums.“12 Am 10. November 1933 wurde ihm von der Universitätsverwaltung die Exmatrikulation bescheinigt.

Alfred Strauß schätzte seine Lage realistisch ein. Nach dem rassistischen „Gesetz gegen die Überfüllung der deutschen Schule und Hochschulen“ vom April 1933 hätte er niemals sein Staatsexamen ablegen können. Weitere Schikanen waren zu befürchten. So heißt es in einer Studie über die medizinische Fakultät der Gießener Ludwigs-Universität in der NS-Zeit: „Studenten und Promovenden jüdischer Herkunft waren jenseits einer sich stetig verschärfenden Gesetzeslage von der konkreten politischen Beurteilung durch Universitätsprofessoren, durch den Dekan und den Rektor abhängig. Die Zulassung zum Promotionsverfahren, die Erteilung der Venia promovendi oder die Vergabe von Ausbildungsstellen bedurften des Wohlwollens der Entscheidungsträger.“13

Auch Alfreds Mutter Hilda Strauß machte sich keine Illusionen. Sie prophezeite ihrem älteren Sohn, so erzählt es Jack Strauss im Interview: „There is no future for you here.“14 Sie bat ihren Bruder, der bereits in den USA lebte – in Colombus, Ohio –, ein Affidavit zu besorgen. Dies gelang, und Alfred Strauß emigrierte am 14. August 1934, also zu einem sehr frühen Zeitpunkt, in die USA. Von dort aus konnte er für seinen Bruder und seine Eltern Affidavits besorgen, so dass diese 1935 bzw. 1938 ebenfalls in den Vereinigten Staaten Zuflucht finden konnten.

Sein erster Weg im Exilland führte Alfred Strauss zu seinem reichen Onkel nach Colombus, Ohio. Dort verdiente er als Lagerarbeiter einen Wochenlohn von 10 Dollar „bei nicht freier Station“. Im Februar 1935 zog er zurück nach New York, wo er ca. drei Monate arbeitslos war. Ab Mai 1935 verdiente er in einem jüdischen Waisenheim 40 Dollar im Monat „einschl. Kost und Wohnung“ mit „Beschäftigung jeder Art“. Hier arbeitete er mit seinem Bruder Hans Ludwig zusammen, der im Mai 1935 aus Deutschland fliehen konnte. Ab Juni 1936 arbeitete Alfred Strauss bei der Firma Otto Rosenfelder, einer Häute- und Fellhandlung, in der 27th Street in New York bei einem Wochenlohn von 15 Dollar „bei nichtfreier Station. Im Januar 1937 wurde der Lohn infolge vorübergehender Geschäftsstockung auf $ 10.- reduziert.“ Wegen einer Krankheit musste Alfred Strauss die Stelle bei Rosenfelder aufgeben. „[A]ls mittelloser Emigrant“ wurde er unentgeltlich durch Dr. Wechsler und Dr. Oppenheimer in New York behandelt. Durch die Erkrankung war er vier bis fünf Monate arbeitslos.15

Im Oktober 1937 zog Alfred Strauss nach Pittsburgh in Pennsylvania, wo er für einen Wochenlohn von 20 Dollar „bei nichtfreier Station“ als Verkäufer bei der Firma Kaufmanns Dep. Stores arbeitete. Auch diese Stelle musste er aufgeben, weil das Unternehmen Umsatzrückgänge zu verzeichnen hatte. Bis Mai 1938 schlug er sich mit Gelegenheitsarbeiten durch. Von Pittsburgh zog er nach Evans City, Pennsylvania, wo er bei der Sachs-Hühnerfarm für einen Wochenlohn von 7 Dollar „bei freier Kost und Wohnung“ bis 1940 arbeitete.16

Nach so vielen Abbrüchen sehnte sich Alfred Strauss sicher nach etwas Solidem. In Prospect, Pennsylvania, übernahm er eine Farm – „ca. 80 acres“, also etwa 32 ha – „durch die Baron Hisch’e Stiftung“. Auch sein jüngerer Bruder Hans Ludwig und dessen frisch angetraute Frau Natalie, seine Eltern Hilda und Leopold und sein Großvater Josef Strauß, der 1940 in letzter Minute hatte in die USA fliehen können, arbeiteten auf der Farm mit. Allerdings dauerte das Farmerleben nur „bis zum 5. Mai 1942. Mangel an Betriebsmitteln und der Umstand, daß mir ausreichende landwirtschaftliche Kenntnisse nicht zur Verfügung standen, führten zwangsläufig zur Aufgabe dieser Existenz.“ Zum Glück war Alfred Strauss zweigleisig gefahren: „Während der Zeit, wo ich als Farmer tätig war besuchte ich [a]bends einen Kursus zur Erlernung der Elektro-Feinmechanik, da ich beruflich umzuschichten gezwungen war.“17

In der Zwischenzeit hatte sich Alfred Strauss mit einer jüdischen Emigrantin aus Deutschland verheiratet, die als Näherin arbeitete, wie Jack Strauss im Interview erzählt. 1940 war das erste Kind geboren worden. Nach Beendigung seiner Elektrotechnik-Ausbildung fand Alfred Strauss im Sommer 1942 Anstellung bei der Firma ‚Westinghouse Electric‘ in Sharon, Pennsylvania. Er verdiente jetzt deutlich mehr, nämlich 30 Dollar pro Woche, allerdings ohne Kost und Wohnung. Bis 1949 erhöhte sich der Wochenlohn auf 60 Dollar. 1945 wurde das zweite Kind geboren.

Im Oktober 1949 zog Alfred Strauss mit seiner Familie nach Denver, Colorado. Dort wohnten bereits die anderen Familienangehörigen. Sein Bruder und seine Schwägerin hatten sich die Stadt gezielt ausgesucht, wie Jack im Interview erzählt: „I came home [from Europe] and it was 46, and we had decided many years ago that we not wanted to live in New York. […] And we had picked cities that we wanted to live in. And then we had certain criteria, that they had to have culture, they had to have universities, they had to have a Jewish community. We wanted to raise our kids Jewish. Things of that type. And of all the cities we picked Denver.“18

In Denver fand Alfred Strauss eine Anstellung als Feinmechaniker bei der Firma Winter-Weiss Co. Im Jahr 1950 wurde das dritte Kind geboren. Drei Jahre später, im April 1953, trat er bei Winter-Weiss aus und fand eine Stelle als Lagerhausverwalter bei der Textilwarenhandlung Hilb & Co, derselben Firma, bei der auch sein Bruder Jack arbeitete.

Wie dieser hatte auch Alfred Strauß seinen ursprünglichen Berufswunsch nicht verwirklichen können. Während Jack als Kind davon geträumt hatte, Archäologe zu werden, und später Jura studieren wollte, war Alfreds Traum der Arztberuf gewesen. Die Schilderung seines von Umbrüchen, Scheitern und Neuanfang geprägten Berufsweges im Exilland beendet er mit folgender Aussage: „Aus der vorstehenden Tätigkeits-Schilderung ist zu schließen, daß mir die Fortsetzung des begonnenen Medizin-Studium[s] unmöglich war, weil 1.) die erforderlichen Mittel für ein Studium an einer Universität in den USA fehlten, 2.) [ich] für den Unterhalt meiner Familie (auch während eines Studiums) zu sorgen habe, 3.) eine Fortsetzung des Studiums infolge meines Alters nicht mehr in Frage kommen kann.“19


Und was geschah mit Alfred Strauss‘ Angehörigen in Europa? Am Ende des zweieinhalbstündigen Interviews mit der Shoah Foundation zeigt sein Bruder Jack Strauss Bilder von seiner Familie. Auf einem Foto sieht man seine Tante Erna, geb. Strauß, aus Binswangen mit ihrem Ehemann Leo Stern aus Nordeck und ihrer jüngsten Tochter Hilde. Das Foto in die Kamera haltend, kommentiert Jack Strauss: „This is my cousin, Hilde Stern, 9 years old, taken to Riga and shot on the beach.“20

Die Sterns waren 1935 von Nordeck nach dem baden-württembergischen Göppingen gezogen. Von dort wurden sie im November 1941 nach Riga deportiert und im März 1942 ermordet. Ihr Schicksal ist ausführlich dokumentiert auf der Website der Stolpersteininitiative Göppingen.21

Am 2. Oktober 2013 wurden Stolpersteine zum Andenken an Erna, Leo und Hilde Stern vor dem Haus in der Göppinger Franklinstraße 5 gelegt, dem letzten frei gewählten Wohnsitz der Familie.

Dieses Gedenken erlebte Alfred Strauss nicht mehr. Er starb am 7. Dezember 1984 im Alter von 72 Jahren in Denver. Auch die Familienangehörigen starben in der Wahlheimat Denver: Leopold Strauss am 21. Juli 1970 im Alter von 74 Jahren, Hilda Strauss am 8. April 1980 im Alter von 91 Jahren und Jack Strauss am 1. Februar 2006 im Alter von 86 Jahren.


  • Gesuch der Juden im Gericht Nordeck um Bestätigung ihrer Privilegien, 1688, Hessisches Staatsarchiv Marburg (HStAM), Best. 17 e, Nordeck 7.
  • Hauptliste der Schüler und Schülerinnen der Höheren Bürgerschule (bis Ostern 1914) und Realschule (O. 1914–O. 1926) und Oberrealschule (O. 1926–O. 1938) und Oberschule für Jungen (ab O. 1938) Grünberg i. H. Angefangen Ostern 1910, beendet mit Schluss des Schuljahres 1938/39 (Archiv der Theo-Koch-Schule).
  • 50 Jahrfeier der Oberrealschule zu Grünberg i. H. 22.–24. Mai 1926. Gedenkblätter von Oberstudiendirektor W. Angelberger und Studienrat O. Steuernagel, Grünberg 1926 (Archiv der Theo-Koch-Schule).
  • Entschädigungsakte von Alfred Strauss, Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden (HHStAW), Best. 518, Nr. 71490.
  • Entschädigungsakte von Jack Strauss alias Hans Ludwig Strauss, Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden (HHStAW), Best. 518, Nr. 71504.
  • Heinemann Stern: Warum hassen sie uns eigentlich? Jüdisches Leben zwischen den Kriegen. Erinnerungen. Hg. und kommentiert von Hans Ch. Meyer, Düsseldorf 1970.
  • Interview mit Jack Ludwig Strauss, 26. März 1996, Denver, CO, USA; Interviewer: Gary Lubell; USC Shoah Foundation, Visual History Archive (Suchbegriff Jack L. Strauss); Transkription: Christina Müller.
  • Barbara Händler-Lachmann, Harald Händler, Urlich Schütt (Hg.): „Purim, Purim, liebe Leut, wißt ihr, was Purim bedeut?“ Jüdisches Landleben im Landkreis Marburg im 20. Jahrhundert, Marburg 1995.
  • Gernot Römer: „Wir haben uns gewehrt“. Wie Juden aus Schwaben gegen Hitler kämpften und wie Christen Juden halfen, Augusburg 1995 (darin das Kapitel „Jack Strauss aus Binswangen – ‚Man muß menschlich sein'“, S. 126–129).
  • Sigrid Oehler-Klein: Die Medizinische Fakultät der Universität Gießen im Nationalsozialismus: Institutionen und Personen – Umbrüche und Kontinuitäten. In: MOHG 93 (2008), S. 329–351.
  • Christine Hühn: Familienbuch der jüdischen Familien von Nordeck. Hg. von der Arbeitsgemeinschaft Heimatgeschichte Allendorf a. d. Lumda e. V., o. J. [2021].
  • Lothar Tetzner: Der jüdische Friedhof in Nordeck. Hg. vom Heimat- und Verschönerungsverein Ebsdorf e. V., o. J.
  • Stefan Gotthelf Hoffmann: Der „Nordecker Judenmord“. Hintergründe zum Tode von Salomon und Johanna Wolf am 3. März 1884. Ein Beitrag zur Familiengeschichte des Schriftstellers Friedrich Wolf (1884–1953). 2 Bände. 1. Band, Gransee 2022.
  • https://www.alemannia-judaica.de/binswangen_synagoge.htm (zuletzt aufgerufen am 28. August 2026).
  • Stern, Erna, Leo und Hilde Berta – Stolpersteine Göppingen (zuletzt aufgerufen am 1. September 2026).

  1. Römer (1995), S. 126. ↩︎
  2. Deutsche Inschrift: „Hier ruht | Jettchen Lion | geb. Hainebach | geb. 23. Januar 1860 | gest. 2. November 1917 | Ich habe die Menschen geliebt | mögen sie liebend meiner gedenken.“ – Übersetzung der hebräischen Inschrift: „Hier ruht | ein Frau rechtschaffen in ihren Handlungen, | Krone ihres Mannes [Sprüche 2,4] und Zierde ihrer Kinder, | ihre Wege waren liebenswürdig gegenüber allen, die sie kannten. | Jettchen, Tochter des Zwi, | sie starb am 17. Marcheschwan 678 der kleinen Zählung [Freitag, 2. November 1917]. | Ihre Seele sei eingebunden in das Bündel des Lebens [1. Samuel 25,29].“ – Tetzner (o. J.), S. 27. ↩︎
  3. Deutsche Inschrift: „Hier ruht in Frieden | Liebmann Lion | geb. 28. August 1860 | gest. 4. Febr. 1931 | Er war ein aufrichtiger Menschenfreund“. – Übersetzung der hebräischen Inschrift: „Hier ruht | Eliezer | Sohn des Arje [= Löwe] | ein Mann von Treue [Sprüche 20,6], lauter wandelnd, | sein Wirken war gut und vollkommen. | Er wirkte Gutes ihm Nahestehenden und auch der Kommune [wörtl.: Obrigkeit]. | Er starb am heiligen Sabbat, 4. Adar 681 der kleinen Zählung. | Seine Seele sei eingebunden in das Bündel des Lebens [1. Samuel 25,29].“ – Tetzner (o. J.), S. 26 f. – Tetzners irrtümliche Übersetzung „Wolf“ für „Arje“ wurde zu „Löwe“ verbessert. ↩︎
  4. Deutsche Inschrift: „Hier | ruht in Gott | Selma Lion | Tochter des Li[e]bmann Lion | geb. den 11. Januar 1890 | gest. den 17. Okt. [1893].“ – Übersetzung der hebräischen Inschrift: „Hier ruht | die teure kleine | Sara, Tochter des Eliezer | Lion. Sie starb [am] 7. Cheschwan | 654 der kleinen Zählung. | Ihre Seele sei eingebunden in das Bündel des Lebens [1. Samuel 25,29].“ – Tetzner (o. J.), S. 9 f. ↩︎
  5. Es muss sich um folgendes Dokument handeln: Gesuch der Juden im Gericht Nordeck um Bestätigung ihrer Privilegien, 1688, Hessisches Staatsarchiv Marburg (HStAM), Best. 17 e, Nordeck 7. ↩︎
  6. Interview Jack Strauss (1996), Tape 1. ↩︎
  7. Händler-Lachmann et al. (1995), S. 90 f. ↩︎
  8. Der Interviewer Gary Lubell war zu dieser Zeit Professor für Geschichte in Denver, Colorado. ↩︎
  9. Interview Jack Strauss (1996), Tape 1. ↩︎
  10. Reifezeugnis von E. N. (Archiv der Theo-Koch-Schule). ↩︎
  11. Entschädigungsakte Alfred Strauss, Bl. 9–13. ↩︎
  12. Anlage zum Entschädigungsantrag vom 19. September 1953, Entschädigungsakte Alfred Strauss, Bl. 3. ↩︎
  13. Oehler-Klein (2008), S. 337. ↩︎
  14. Interview Jack Straus (1996), Tape 2. ↩︎
  15. Anlage zum Entschädigungsantrag vom 19. September 1953, Entschädigungsakte Alfred Strauss, Bl. 3. ↩︎
  16. Anlage zum Entschädigungsantrag vom 19. September 1953, Entschädigungsakte Alfred Strauss, Bl. 3. ↩︎
  17. Anlage zum Entschädigungsantrag vom 19. September 1953, Entschädigungsakte Alfred Strauss, Bl. 4. ↩︎
  18. Interview Jack Strauss (1996), Tape 4. ↩︎
  19. Anlage zum Entschädigungsantrag vom 19. September 1953, Entschädigungsakte Alfred Strauss, Bl. 4. ↩︎
  20. Interview Jack Strauss (1996), Tape 8. ↩︎
  21. Stern, Erna, Leo und Hilde Berta – Stolpersteine Göppingen (zuletzt aufgerufen am 1. September 2026). ↩︎