
Albert Reiß wurde am 21. November 1909 in Röllbach, Bayern, geboren, wo bis in die 1920er Jahre eine jüdische Gemeinde bestand. Sein Vater war der Handelsmann Joseph Reiß aus Röllbach; ob es sich bei ihm um den letzten Vorsteher der jüdischen Gemeinde in Röllbach handelt,1 ist unklar. Den Vornamen von Albert Reiß‘ Mutter kennen wir nicht.
Albert Reiß lebte mindestens seit Herbst 1918 in Nieder-Ohmen, denn zu diesem Zeitpunkt trat er in die Sexta (heute 5. Klasse) der Realschule im benachbarten Grünberg ein. In den Publikationen des Nieder-Ohmener Chronisten Heinrich Reichel zu den jüdischen Familien wird nur eine Person mit dem Namen Reiß erwähnt: Berta Reiß, verheiratete Stern, vielleicht eine Verwandte, bei der Albert Reiß während seines Grünberger Schulbesuchs gewohnt haben könnte.2
Über das jüdische Leben in Nieder-Ohmen schreibt Heinrich Reichel aus eigener Anschauung: „Bis 1933 waren und fühlten sich die Juden als Deutsche mit jüdischem Glauben. Sie waren und lebten in der politischen Gemeinde wie die übrigen Einwohner. Nieder-Ohmen hatte zu dieser Zeit etwa 1400 Einwohner. Davon waren 89 Juden. Es waren somit ca 6,4 % von der Gesamtbevölkerung. Ich habe sie fast alle gekannt. Juden und Christen pflegten nachbarlichen und geschäftlichen Verkehr. Es bestanden freundschaftliche Beziehungen zwischen den Familien. Die Juden hatten fast alle ein Geschäft. In der Schule war kein Unterschied, außer dem Religionsunterricht.„3
In Albert Reiß‘ Klasse an der Grünberger Realschule war ein weiterer jüdischer Schüler: Ernst-Albert Joseph aus Londorf. Anders als dieser durchlief Albert Reiß jedoch nicht den ganzen Bildungsgang der Realschule bis zur mittleren Reife, sondern verließ die Schule an Ostern 1920 aus Quarta (7. Klasse), um in die Oberrealschule in Würzburg zu gehen.

1926, so geht es aus dem Ehemaligenverzeichnis der Grünbeger Oberrealschule hervor, lebte Albert Reiß in seinem Heimatort Röllbach in Bayern und arbeitete als Kaufmann. Am 30. Januar 1936 heiratete er Berta Bernheimer. Sie war am 5. April 1914 in Mainbernheim im unterfränkischen Kreis Kitzingen geboren worden, wo bereits seit dem späten Mittelalter eine jüdische Gemeinde bestand.
Am 11. Oktober 1936 wurde die Tochter Helga Ellen geboren. Ab März 1938 lebten die Reiß‘ in Frankfurt am Main in der Hölderlinstraße 7. Von dort aus organisierten sie ihre Auswanderung nach New York, USA. Als Beruf war in Albert Reiß‘ Auswanderungsdokumenten „Kaufmann, selbstständig“ angegeben. Aus der Umzugsliste geht hervor, dass er einen Gewerbebetrieb hatte, aus dem er folgende Geräte ins Exil mitnehmen wollte: „1 Handbohrapparat | 1 Metallsäge | 25 verschiedene Werkzeuge | 1 Kasten mit Schrauben“.4 An Büchern standen auf der Liste: „5 deutsche Lehrbücher | 3 Kochbücher | 43 jüdische Bücher | 4 Wörterbücher | 1 Thorarolle“.5
Im Dezember 1939 bat Albert Reiß die Devisenstelle in Frankfurt am Main um Erlaubnis zur „Ausfuhr eines Elektrisierapparates“, den er zur Behandlung seines fast vollständig gelähmten Oberarmes benötigte. Aus seiner Antragsbegründung geht hervor, wie prekär die finanzielle Situation der Familie zu diesem Zeitpunkt war: „In der Anlage gestatte ich mir höfl. Ihnen ein Attest meines behandelnden Arztes zu überreichen, dass die Anschaffung eines Elektrisierapparates notwendig ist, da ich denselben zur Behanalung meines Leidens beötige. Ich wäre Ihnen sehr zu Dank verpflichtet, wenn Sie mir hierfür keinen Golddiskont berechnen würden, da mein Lebensunterhalt z.Zt. von Verwandten bestritten wird und die Arztrechnung das [jüdische] Fürsorgeamt bezahlt. Meine Aussenstände sind momentan uneinbringbar.“6
Albert, Berta und Helga Reiß emigrierten vermutlich im Februar 1940 nach New York. Ihre weiteren Lebenswege sind nicht bekannt.
Quellen:
- Hauptliste der Schüler und Schülerinnen der Höheren Bürgerschule Grünberg i. H. (bis Ostern 1914) und Realschule (O. 1914–O. 1926) und Oberrealschule (O. 1926–O. 1938) und Oberschule für Jungen (ab O. 139). Angefangen: Ostern 1910. Beendet mit Schluß des Schuljahres 1938/39 (Archiv der Theo-Koch-Schule).
- 50 Jahrfeier der Oberrealschule zu Grünberg in Hessen. 22.–24. Mai 1926. Gedenkblätter von Oberstudiendirektor W. Angelberger und Studienrat O. Steuernagel, Grünberg i. H. 1926 (Archiv der Theo-Koch-Schule).
- Devisenakte von Albert Reiß, 1939–1940, Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden (HHStAW), Best. 519/3, Nr. 16061.
- Heinrich Reichel: Juden in Nieder-Ohmen, Vogelsbergkreis, Nieder-Ohmen 1998.
- Heinrich Reichel: Juden in Nieder-Ohmen zwischen 1933–1940. Angaben über Personen und Familien. Ich habe viele von ihnen gekannnt. Schriftenreihe des Kulturrings Nieder-Ohmen, Nr. 10, Nieder-Ohmen 2001.
- Heinrich Reichel: „Ich habe viele von ihnen gekannt!“ Das Schicksal der jüdischen Einwohner von Nieder-Ohmen. Bemerkenswerte Ereignisse in Nieder-Ohmen während der Kriegsjahre 1939 bis 1945. Hg. von der Evangelischen Kirchengemeinde Nieder-Ohmen, Nieder-Ohmen 2009.
- https://www.alemannia-judaica.de/roellbach_synagoge.htm (zuletzt aufgerufen am 7. August 2026).
- https://alemannia-judaica.de/mainbernheim_synagoge.htm (zuletzt aufgerufen am 7. August 2026).
- „Um 1924, als [in Röllbach] noch 16 jüdische Gemeindeglieder gezählt wurden (in drei Familien; 1,3 % von insgesamt etwa 1.200 Einwohnern), war Vorsteher der Gemeinde Josef Reiss.“ – https://www.alemannia-judaica.de/roellbach_synagoge.htm (zuletzt aufgerufen am 7. August 2026). ↩︎
- Berta Stern, geb. Reiß, geboren am 9. August 1875 in Ulrichstein, gestorben am 27. Septemer 1925 in Nieder-Ohmen. Sie war verheiratet mit Adolf Stern, geboren am 24. Juli 1871 in Nieder-Ohmen. Die Familie wohnte in der Elpenröder Straße 17 und 18, wo ab 1900 im Obergeschoss die Synagoge war. Adolf Stern war im Gemeinderat von 1918 bis 1931. Er meldete sich am 17. Mai 1935 mit den Kindern Moritz und Julius, geboren am 4. Mai 1900 bzw. am 11. Dezember 1904, in die USA ab. Der Dorfname der Familie war „Adolfs“. ↩︎
- Reichel (2001), S. 4. ↩︎
- Devisenakte Albert Reiß, Bl. 7. ↩︎
- Devisenakte Albert Reiß, Bl. 8. ↩︎
- Devisenakte Albert Reiß, Bl. 24. ↩︎
