
Moritz Schönfeld wurde am 5. Februar 1891 in Kesselbach, heute ein Ortsteil der Rabenau, geboren. Sein Vater, der Metzger Simon Schönfeld, geboren am 15. Juli 1859 in Kesselbach, konnte seinen väterlichen Stammbaum bis mindestens zur Mitte des 18. Jahrhunderts zurückverfolgen. Seine Mutter Malchen oder Amalie, geb. Katzenstein, war am 8. Oktober 1866 in Frankenau im Kreis Waldeck-Frankenberg geboren worden, wo bis 1938/39 eine jüdische Gemeinde bestand, deren Entstehung in die Zeit des 17./18. Jahrhunderts zurückgeht.
Moritz Schönfeld war das zweite von vier Kindern, die alle in Kesselbach das Licht der Welt erblickten: Arthur, geboren am 8. März 1889, Hermann, geboren am 9. März 1898, und Walter Isidor, geboren am 12. September 1906. Nur drei von ihnen erreichten das Erwachsenenalter – Moritz‘ jüngerer Bruder Hermann starb im Alter von fast vier Jahren vormittags um 10 Uhr in Kesselbach.
Nach dem Volksschulbesuch in Kesselbach trat Moritz Schönfeld im Alter von elf Jahren in die Höhere Bürgerschule in Grünberg ein. In seiner Klasse waren noch zwei weitere jüdische Schüler: Nathan Simon aus Kesselbach und Leopold Wertheim aus Rüddingshausen.
Den Schulweg legte Moritz Schönfeld mit Lumdatalbahn zurück, deren erster Teilabschnitt von Grünberg bis Londorf am 1. August 1896 eröffnet worden war. Zum Fahrgeld dürfte noch Büchergeld hinzugekommen sein und natürlich das Schulgeld von 50 Mark jährlich in den ersten beiden Schuljahren und 60 Mark im dritten und vierten Schuljahr, plus Zuschlag von 10 Mark für die alten Sprachen. Moritz‘ Eltern ließen sich die Schulbildung ihres Sohnes also etwas kosten. Auch Moritz‘ jüngerer Bruder Walter Isidor sollte im Jahr 1916 in die Quinta der Höheren Bürgerschule Grünberg eingeschult werden.

veröffentlicht im Grünberger Anzeiger vom 29. April 1916 (© Stadtarchiv Grünberg)
Allzu etabliert war die Höhere Bürgerschule in Grünberg zu Moritz‘ Schulzeit noch nicht. Gegründet 1876, schwankten die Schülerzahlen in den Anfangsjahren zwischen 23 und 43. Im Schuljahr 1902/03, Moritz‘ Eintrittsjahr, besuchten insgesamt 39 Kinder – 32 Jungen und 7 Mädchen – die Schule, davon 22 aus Grünberg selbst und 17 Auswärtige. Die Kinder lernten in zwei Klassen bzw. Doppeljahrgängen: Die Klasse II umfasste die Quinta (heute 6. Klasse) und die Quarta (heute 7. Klasse), die Klasse I Untertertia (heute 8. Klasse) und Obertertia (heute 9. Klasse).

(heute: Grundschule am Diebsturm); Festschrift 1926, S. III (© Archiv der Theo-Koch-Schule)

rechtes Foto, Mitte: W. Angelberger, Schulleiter von 1904 bis 1929; Festschrift 1926, S. IV
(© Archiv der Theo-Koch-Schule)

Festschrift (1911), S. 15 (© Archiv der Theo-Koch-Schule)
Moritz‘ Unterricht fand in dem 1888 errichteten Backsteingebäude an der heutigen Schulstraße statt, das die Kinder der Höheren Bürgerschule gemeinsam mit den höheren Klassen der Volksschule beherbergte.1 (Heute sind dort Klassenräume der Grundschule am Diebsturm.) Unterrichtet wurden die Kinder der Höheren Bürgerschule von drei Lehrern und zwei bzw. später drei Hilfslehrern. Bei den Hilfslehrern handelte es sich um Lehrkräfte der Volksschule, die Turnen, Singen und Zeichnen unterrichteten, sowie den zweiten Stadtpfarrer, der den evangelischen Religionsunterricht erteilte.
Für die jüdischen Kinder der Höheren Bürgerschule hieß es im Jahresbericht von 1906/07: „Die Schüler nehmen an dem Religionsunterricht ihrer Gemeinde teil.“2 Mit seinen zwei jüdischen Klassenkameraden Leopold Wertheim aus Rüddingshausen und Nathan Simon aus Kesselbach besuchte Moritz Schönfeld demnach wahrscheinlich den jüdischen Religionsunterricht bei Lehrer Schiff bzw. Lehrer Banda in Londorf. Es ist davon auszugehen, dass sie während der zwei wöchentlichen Religionsstunden der evangelischen und katholischen Kinder Freistunden hatten.
Mit der Sekundareife, also nach der 9. Klasse, verließ Moritz Schönfeld die Höhere Bürgerschule in Grünberg. Über seinen weiteren Weg sind wir durch eine eidesstattliche Versicherung in der Entschädigungsakte gut informiert: „Ich trat dann in das Manufakturwarengeschaeft M. Marxheimer in Bad Langenschwalbach ein. Bei dieser Firma war ich ab Ostern 1906 bis April 1909. Im April 1909 trat ich bei der Firma Moses Sternberg, Manufakturwaren-Versandhaus in Limburg/Lahn ein und blieb dort bis 30. Juni 1911. Am 1. Juli 1911 trat ich bei der Firma Johann Spiess & Cie., Schirmfabrik in Giessen als Leiter der Buchhaltung und Reisender ein. Ich verliess diese Firma am 31. Maerz 1913 und nahm dann eine Stelle in dem Textilwarenversandhaus Goldberg in Elberfeld als Geschaeftsfuehrer an. Dort blieb ich bis Kriegsausbruch am 3. August 1914.“3

(© Archiv der Theo-Koch-Schule)
Wie viele jüdische Deutsche sah auch Moritz Schönfeld den Kriegsdienst als patriotische Pflicht an: „Ich meldete mich freiwillig in den Krieg, wurde aber abgelehnt, da nicht genuegend Plaetze zur Ausbildung vorhanden waren. Ich ging dann zu meinem Vater ins Geschaeft und half denselben [sic], da er erkrankt war, seine Metzgerei fort zu fuehren. Im November 1916 wurde ich zum Militaer eingezogen. Bei Kriegsschluss im November 1918 wurde ich entlassen. Ich war dann wieder zu Hause in der vaeterlichen Metzgerei.“4
Am 13. September 1922 heiratete Moritz Schönfeld im benachbarten Londorf Hedwig Blumenthal, die am 21. November 1893 in Londorf geboren worden war. Hedwigs Vater Simon Siegmund Blumenthal, geboren am 29. Oktober 1855 in Londorf, war zwei Jahre vor der Hochzeit am 24. Juni 1920 in Londorf gestorben. Sein Grabstein ist auf dem jüdischen Friedhof, Reihe 9, Nr. 13, erhalten. Hedwigs Mutter Bertha, geb. Baum, war am 29. März 1857 in Wittelsbach geboren. Der jüngere Bruder Moritz Blumenthal hatte von 1911 bis 1913 die weiterführende Schule in Grünberg besucht.

Nach der Hochzeit zog Moritz Schönfeld nach Londorf in Hedwigs Elternhaus in der Freigasse 15 und übernahm die Metzgerei und das Viehhandelsgeschäft seines verstorbenen Schwiegervaters.


Am 19. Dezember 1923 wurde in der Freigasse 15 in Londorf Hedwigs und Moritz‘ einziger Sohn Siegmund geboren, benannt nach seinem verstorbenen Großvater mütterlicherseits. Später in den USA nannte er sich Sidney oder Sid Schonfeld – bei seiner Entlassung aus der Armee wurde durch einen Schreibfehler das ‚e‘ aus dem Nachnamen ‚Schoenfeld‘ gelöscht – und wurde ein erfolgreicher Geschäftsmann in der Lebensmittelindustrie. Seine Memoiren mit dem Titel „A Good Name“ eröffnet er mit einer Charakterisierung seiner beiden Großmütter:
„My maternal grandmother’s name was Bertha and she survived her husband by many years living well into her eighties. My grandmother was a very tough lady; she would have fit in perfectly with the liberated women of today. She was such a magnet that every Saturday whoever lived near us in the immediate family, and even others in our town, all came after shabbos services to have coffee and cake with her. My paternal Grandmother’s name was Malchen Schoenfeld and she was an easy-going woman compared to my other grandmother.“5
Als Siegmund/Sidney vier Jahre alt war, starb am 24. Februar 1928 in Kesselbach sein Großvater Simon Schönfeld. Sein Grabstein ist auf dem jüdischen Friedhof in Londorf in Reihe 10, Nr. 13, erhalten.

Sidney Schonfelds Erinnerungen lassen ein eindrückliches Bild vom jüdischen Leben in der Rabenau entstehen: „There were four towns [Geilshausen, Kesselbach, Londorf, Rüddingshausen] […], which were included in our Jewish community. People from the three other towns traveled to Londorf to participate in services on Saturdays and holidays. Most of these people were Orthodox and they had to walk 15 to 18 kilometers to reach the Synagogue.6 Since the distance was sometimes too far and the weather too difficult for them to walk both ways, accommodations were always offered by the the 15 or 16 Jewish families living in Londorf, so that people from surrounding towns could stay over the weekend. The Jewish community became almost like an extended family, and that is how my parents came to meet each other.“7
Über die Familie seiner Mutter schreibt er: „My mother’s name was Hedwig Blumenthal and she was one of six children. There were four girls and two boys and they were a very close family. I think I look a bit like my mother and I’m very energetic, which is also like her in temperament. My mother’s oldest sister was Selma and she lived in Kassel, which is a large city, and quite a distance from Londorf. She visited us often when I was a child and I remember thinking that she brought sunshine to our home because she always brought us oranges to eat. Oranges in the late 30’s and early 40’s were a luxury item, especially for children.“8
Zur väterlichen Familie heißt es in Sidney Schonfelds Memoiren: „My father had two brothers, an older brother named Arthur who married and lived with his family in Kesselbach, and a younger brother who was given the name of Isidore, which he later changed to Walter. Walter was the brains of the family with a PhD in German Literature.“9

Detailreich beschreibt Sidney Schonfeld das Leben auf dem Dorf: „The old-fashioned house we lived in was the typical German architecture of the time and it was a combination of a business and a home. Londorf was a very rural town. Our house was located next to a Protestant church and the front part of the house was our butcher shop, where people came to buy their meat. The house itself was a very low building and primitive; the only way you could heat it was by burning wood. Most of the roads in our town were dirt roads, although a few were paved with cobblestones, and our family had one horse for transportation, which my father used for his deliveries to nearby towns.“10
In der jüdischen Gemeinschaft gab es einen starken Zusammenhalt: „Family life was different then. There were not as many diversions back then so the main activity on Friday evenings and on the Sabbath was family togetherness. Our extended family would get together often and, even though I was an only child, I always felt like I had brothers, since my two cousins who lived only a few streets away from me were always around.“11
Als Absolvent der weiterführenden Schule in Grünberg konnte Moritz Schönfeld seinen Sohn beim Lernen unterstützen: „There was an elementary school in Londorf that I attended from about age four or five. At school I was one of the top students; my favorite subjects were math and history. In those days all of our schoolwork was done on slates that you would take home with you. My father would often help me with my homework, as he was a high school graduate, which was very rare in those days. I also went to Hebrew school every Sunday for four hours.“12
In Arthur Rothmanns Aufsatz „Jüdisches Leben in der Rabenau“, der überwiegend auf Zeitzeugenaussagen basiert, heißt es, Moritz Schönfeld sei im Dorf „Bessche“ genannt worden: „Moritz soll dieselbe Redensart wie sein Bruder Arthur in Kesselbach gehabt haben: ‚Willste net a beßche Flääsch?‘ [‚Willst du nicht ein bisschen Fleisch?‘] Schönfelds hatten ein kleines Schlachthaus und einen Backofen, der vom Haus aus bedient wurde und bis in die Kirchenmauer ging.“13
Sidney Schonfeld schreibt über das Geschäft seiner Eltern: „My parents‘ butcher shop was a very small business. My father slaughtered about one animal each week and made deliveries of the meat by horse and wagon. My mother took care of the customers who came to the store. I was also a part of the business by helping in my own little way while I was growing up. At the age of ten I began traveling to the surrounding towns by bicycle, collecting orders for weekly deliveries and payments from previous bills.“14
Wie in vielen ländlichen jüdischen Metzgereien, bediente auch Moritz Schönfeld sowohl jüdische wie nicht-jüdische Kunden: „My father slaughtered very young cows under the Jewish guidelines of kashrut, the Jewish dietary laws. He sold the kosher part of the animal to the Jewish community in Londorf and the surrounding towns, and the non-kosher part of the animal to the non-Jewish people. My father never made enough money for us to live in any kind of luxury; he made enough for us to live, but never enough to accumulate any kind of wealth.“15
Die Scheu davor, zu expandieren, hatte – aus der Sicht seines Sohnes Sidney – ihren Grund in Moritz Schönfelds Persönlichkeitsstruktur: „My father, if he had any fault at all, [it] was that he was too good-natured. He could not ask people to pay their bills if they owed him money; he simply said, ‚When they have the money, they will pay.‘ My father was also afraid to compete for new customers and was intimidated about increasing the size of his business for fear that he might hurt his competitors and jeopardize their livelihood.“16
Mag Moritz Schönfelds Gutmütigkeit auch den wirtschaftlichen Erfolg verhindert haben – für seinen Sohn war er ein Vorbild: „My father liked doing tzedakah, which means doing good for others and to help others; it means to be concerned about your fellow man. I cannot begin to tell my story without emphasizing how aware I was of this even as a child and it is this concept that I’ve lived by throughout my entire life. If a poor person came to our synagogue on a Friday night, my father would bring the person home for dinner and to sleep over in our house and celebrate Shabbat with us. It gave my parents great pride to be kind to people in this way, which is a concept I adopted. I learned a lesson from my father, which I’ve followed throughout my life. It is that you must be honest, you must be decent, and by all means you must maintain your good name.“17
Mit der Machtübernahme der Nazis endete das – aus Sidneys Sicht – harmonische Zusammenleben von jüdischer und nicht-jüdischer Bevölkerung in Londorf: „Wenn Hitler came to power, everything changed. Anti-Semitism exploded aross Germany and it was even more severe in small towns because everybody knew who was Jewish. Suddenly, all the non-Jewish children my age belonged to the Hitler Youth. They all had uniforms, wore the swastika on their arm sleeves and had frequent parades throughout the town.“18
Die nichtjüdischen Nachbarkinder, mit denen Siegmund Fußball gespielt hatte, wollten plötzlich nichts mehr von ihm wissen. In der weiterführenden Schule in Gießen, die per Lumdatalbahn etwa eine Stunde entfernt war, wurde er geschlagen. Der Direktor warnte Moritz Schönfeld, er könne nicht mehr für die Sicherheit seines Sohnes garantieren, weshalb Siegmund in die Volksschule Londorf zurückkehren musste.
Sehr schnell wirkte sich die neue Politik auch auf die Metzgerei aus, wie sich Moritz Schönfeld im Entschädigungsverfahren erinnert: „Mit der Machtergreifung Adolf Hitlers im Jahre 1933 kam mein Geschaeft fast sofort zum Stillliegen. Ich hatte vielfach zahlreiche juedische Bevoelkerung in Londorf und Umgebung zur Kundschaft. Durch das Schaechtverbot der Nazis durften die Juden, die nach ihrer religioesen Einstellung kein nicht geschaechtetes Fleisch kaufen wollten, nichts mehr von mir [kaufen], aber auch die nichtjuedische Bevoelkerung wurde durch den bekannten Boykott gegen Juden abgehalten, von mir zu kaufen.“19
In Londorf und dem benachbarten Allendorf an der Lumda hatten inzwischen fanatische Nazis das Sagen: „Besonders die oertliche Nazileitung in Londorf wurde durch den Nazifuehrer, Tierarzt Hardt in Allendorf angehalten, den Boykott von Juden in Londorf und Umgebung auf das Schaerfste durchzufuehren. Der Tierarzt Hardt wurde ja auch wegen seiner Untaten gegen Juden und anders Gesinnte bestraft.“20
Die Existenzbedingungen für die Schönfelds wurden immer prekärer: „Ich konnte also von 1933 ab nichts mehr verdienen, um so mehr, da mir fuer das Jahr 1936 ueberhaupt verboten wurde, noch mein Geschaeft weiter zu betreiben. Schon vorher aber war es ja auch schon fast unmoeglich, weil mir eines Teils, wie schon erwaehnt, die Bauern, Beamten und Arbeiter nichts abkaufen wollten und durften. Den Beamten war es durch ihre Organisationen verboten, und den Bauern wurde gedroht, dass sie von der Genossenschaft kein Saatgut und keine Futtermittel erhalten wuerden, wenn sie mit mir in geschaeftliche Verbindung treten wuerden.“21
Was den jüdischen Menschen bevorstand, konnte man in Hitlers ‚Mein Kampf‘ lesen. Moritz Schönfelds Verwandte, die Schwägerin seiner Frau Hedwig, „was extremely street-smart and interpreted the contents of that book [Hitlers ‚Mein Kampf‘] to be a warning to the Jewish people in Germany. She contacted a distant cousin of hers in the United States whose name was Dr. Reiss, who ultimately became the major source of extending affidavits for people in my family to come to the United States.“22
Antisemitische Übergriffe in Londorf bestärkten die Schönfelds in ihrem Entschluss zur Flucht. Siegmund (Sidney) Schönfeld erinnert sich: „There was one occasion when some Germans knocked out every window in our house with big stones, and another time when they beat my grandmother very badly, just because she was Jewish. She was in her late seventies at the time and she was outside working. We had a little patio with a bench and she would do some of her kitchen work there, like cleaning vegetables and peeling potatoes. These people saw her sitting there and they beat her and harmed her badly.“23
Die Schönfelds überlegten, wie sie sich wehren und den Nazis entgegentreten könnten. Bald erkannten sie jedoch, dass diese in der Überzahl waren und dass es am besten wäre, „to keep quiet, swallow our pride and make the best of it. In fact, in 1935 the Nazis passed a law that stripped the Jewish people of all our rights, so that all government protection we previously had as citizens of the state was no longer avilable to the Jewish population. […] I don’t believe the police even respondedd to requests for help from Jewish people. The German police became very much a part of the entire Hitler movement.“24
Siegmund (Sidney) konnte sich schnell mit dem Auswanderungsplan anfreunden. Für ihn waren die USA ein Land, in dem, wer sich anstrengte, es zu etwas bringen konnte. Ganz anders stellte sich die Situation für seine Eltern dar: „My parents, in contrast to me, were very frightened. They were in their mid to late 40s at the time. They were coming from a tiny town that was very provincial and antiquated, and moving to New York, a city of world renown, that had modern conveniences like telephones and cars. They were going to a new world that they knew they were unprepared for educationally, professionally, and, of course, financially.„25
Entschlossen trennten sich die Schönfelds von ihrem Besitz: „Vor meiner Auswanderung nach Amerika war ich genoetigt, einen grossen Teil unserer Moebel [sowie der Metzgereieinrichtung und der landwirtschaftlichen Geräte] zu verschleudern. […] Die Namen der Kaeufer sind mir nicht bekannt, da sich solche fuerchteten, bei uns Juden zu kaufen, infolge des herrschenden Boykotts gegen uns. Sie kamen daher auch aus der Umgebung und wurden auf diese Weise auch nicht von den Nachbarn erkannt und liefen nicht Gefahr, denunziert zu werden. Ihre Namen nannten sie in keinem Falle.“26
Auch alle Grundstücke in Kesselbach und Londorf mussten veräußert werden – unter großen Verlusten. Im April 1936, kurz vor der Ausreise, verkauften die Schönfelds die auf Hedwig eingetragene Hofreite in der Freigasse 15 in Londorf samt Grab- und Grasgarten „zum Preise von RM 4.500.– […] an die Eheleute Reichsbahnschaffner Georg Hillgärtner und Helene geborene Wissner in Londorf.“27 – Im Rückerstattungsverfahren machten die Eheleute Schönfeld einen Schaden von 3.500,– geltend, „da das Anwesen mit Grab- und Grasgarten RM 8000.– wert war.“28
Visumsbeschaffung und Umzugsvorbereitungen kosteten Nerven und Geld, wie sich Moritz Schönfeld erinnert: „Ferner bezahlte ich fuer die Reise nach Stuttgart zum Amerikanischen Konsulat, um das Visum zu erhalten […] 500,-. Ich hatte 11 Kisten von einem Schreinermeister in Londorf anfertigen und verpacken lassen. Die Fracht dieser 11 Kisten bis nach New York kostete mich damals 950,-.“29
Und auch die eigentliche Emigration war kostspielig: Am 16. April 1936 „fuhr [ich] mit meiner Frau, meiner Schwiegermutter und meinem Sohne […] von Londorf, meinem Wohnsitz, mit dem Schiff der Hamburg-Amerika Linie der ‚Hansa‘ [nach New York] und bezahlte fuer 4 Fahrkarten Mk. 2.000,-. Ferner bezahlte ich fuer die Reise […] zu dem Seehafen Hamburg mit Uebernachten 500,-. […]. In New York kostete es mich vom Peer in die Wohnung zu bringen […] 250,-.“30
Anders als für seine Eltern, war die Emigration für Siegmund/Sidney Schönfeld ein Abenteuer: „Leaving the house for the last time was not emotional for me because I was very anxious to leave Londorf, to leave the old world and to experience new opportunities in the United States. […] For my parents, the journey was much more depressing and fearsome.“31
In Hamburg hatte Moritz Schönfeld seinen Bruder Walter Isidor zum letzten Mal gesehen. Siegmund/Sidney erinnert sich: „The highlight of our departure was that my uncle Walter, my father’s younger brother, came from Holland to say goodbye to us. For him to come to Hamburg was taking a real risk because he did not have permission to travel, which was required for Jewish people in those days. It was the highlight of my departure to see him because I sat on his lap and he spoke to me almost like an adult rather than as a boy. He kept repeating to me ‚You must take every opportunity you can to learn and to study and to expand your horizons.'“32
Nach ihrer gelungenen Flucht mussten sich die Schönfelds im Exilland eine neue Existenz aufbauen. Moritz Schönfeld erinnert sich: „Ich kam nach New York und wurde dort von Verwandten auf einer Farm [in Catskill] aufgenommen, da ich keine Arbeit finden konnte. Ich war mit meiner Familie auf dieser Farm fast ohne Bezahlung bis zum Jahr 1938.“33
Der Verwandte war David Blumenthal, der Bruder von Hedwig, der ein Jahr zuvor aus Londorf emigriert war. Sidney Schonfeld erinnert sich genau: „It was May 6, 1936, and one of the hottest days on record. My mother and my grandmother sat up front with him on the way and my father and I sat with the luggage in the back of his panel truck. My uncle took us to his farm in Catskill, NY. In Germany he had been a cattle dealer, so by renting a farm in Catskill he could continue the profession he knew best. In the summer months, my aunt and uncle converted the farmhouse into a boarding house and rooms were rented out to German Jewish people from New York City, who came to spend a week or two as guests in the country. My aunt and mother were the main cooks, while my uncle and cousins took care of the milking and farming, and my father and I were the dishwashers in the summer, from six in the morning until 10 at night. Many of the guests felt sorry for me, I think, seeing this young kid that had to help wash pots in the ealry morning and then do dishes all day long, but I didn’t mind. I didn’t really know any different. I thought that work was a part of life even for a boy.“34
Im Jahr 1938 zogen die Schönfelds nach New York City, in den Stadtteil Washington Heights, der wegen der vielen deutschen jüdischen Flüchtlinge „Das vierte Reich“ genannt wurde. Die Schönfelds mussten bei Null anfangen, wie Sidney sich erinnert: „My parents really, truly started at the bottom of the ladder in New York. My father became a dishwasher, working in a local [Jewish] hospital, and my mother cleaned homes. I became a delivery boy for a drugstore to help out as well. My parents also rented out three rooms in our six-room apartment to men who came from Germany without their wives, in order to look for work. These men lived in my parents‘ home and had dinner with us in exchange for a weekly rent, which in turn helped my parents live in the apartment almost rent-free.“35
Im Dezember 1940 gab Moritz Schönfeld, der sich jetzt Schoenfeld schrieb, die Stelle in dem jüdischen Krankenhaus auf: „Ich […] arbeitete dann bei dem Restaurant Hicks & Son fuer $ 14,– pro Woche, im Jahre 1941 & 1942, $ 189,– pro Woche. Im Jahr 1943 verliess ich diese Stelle, da die Zahlung mir zu gering war und fing als Metzger bei der Firma [unlesbar] und Maeyer an. Ich erhielt hier pro Woche $ 40,–. Im Jahre 1944 arbeitete ich dann bei der Anglo-American Packing Co fuer $ 44,– pro Woche und im Jahre 1945 fuer $ 48,– pro Woche.“36
So ging es für die Schoenfelds langsam bergauf, aber die fremde Sprache machte immer noch Schwierigkeiten, wie Sidney sich erinnert: „It was much more difficult for my parents to adjust to life in New York than it was for me. We always spoke German at home, but my father had learned English in high school as a young man, so he picked up the English language quite rapidly once he was here. My mother was hard of hearing, which made it difficult for her to learn English. My father eventually left his dishwashing job and was able to finally practice his trade as a butcher again. He worked as a wholesale butcher, boning the meat before it was made into baloney, frankfurters and other products.“37
Auch in religiöser Hinsicht konnte Moritz Schoenfeld wieder Fuß fassen: „Soon after we had moved to Washington Heights, a German Jewish Synagogue was established called Emes Wozedek, which means ‚truth and justice‘. My father was one of the founders of the synagogue […].“38

Nachdem Sidney Schonfeld seinen Dienst als US-Soldat in Neu Guinea und auf den Philippinen abgeleistet hatte, kehrte er in die USA zurück und heiratete 1947 Hildegard Steinberger, geboren am 4. Juni 1923, die er in der Jugendgruppe seiner Synagoge kennenlernt hatte.


(© Stephanie Mitchell, Harvard Photography)
Hedwig und Moritz Schoenfeld bekamen zwei Enkel, Vicoria und Gary. Zachary Schonfeld, der älteste Sohn von Gary, war im September 2022 in Oberhessen zu Gast anlässlich der Einweihung der Gedenkstätte für die deportierten jüdischen Familien aus Londorf. In einem Gespräch mit Lernenden der Theo-Koch-Schule am 15. September 2022 im Museum im Spital Grünberg betonte er, wie viel es ihm bedeute, das, was sein Großvater von Oberhessen erzählt habe, nun lokalisieren zu können.
Moritz Schoenfeld starb am 9. Oktober 1975 in Manhattan, New York. Drei Jahre später, am 28. Oktober 1978, starb seine Frau Hedwig, geb. Blumenthal, ebenfalls in New York.
Und was wurde aus seiner Herkunftsfamilie? Moritz‘ Bruder Arthur Schönfeld emigrierte 1937 mit seiner Frau Paula, seinen drei Kindern und seiner Mutter Amalie in die USA. Moritz‘ jüngerer Bruder Walter Isidor Schönfeld überlebte den Holcaust jedoch nicht. Von Holland, wohin er und seine Frau Margarethe vor den Nazis geflohen waren und wo ihre Tochter Trude geboren worden war, wurden die beiden im September 1943 über das Sammellager Westerbork nach Auschwitz deportiert und ermordet. Ihre Tochter Trude, Moritz Schönfelds Nichte, konnte gerettet werden, emigrierte in die USA, heiratete und bekam einen Sohn.
Quellen:
- Jahresbericht der Höheren Bürgerschule Grünberg. 1906/07, Grünberg 1907 (Archiv der Theo-Koch-Schule).
- Handschriftliche Schülerliste von 1876 bis 1902. Nach Notizen des früheren Lehrers Friedrich Wilhelm Hamburger zusammengestellt von Oberstudiendirektor Wilhelm Angelberger (Schulleiter 1909-1929), Grünberg 1909 (Archiv der Theo-Koch-Schule).
- Höhere Bürgerschule zu Grünberg in Hessen. Festschrift zur Einweihung des neuen Schulgebäudes am 23., 24. und 25. September 1911. Zusammengestellt von Rektor [Wilhelm] Angelberger, Grünberg 1911 (Archiv der Theo-Koch-Schule).
- 50 Jahrfeier der Oberrealschule zu Grünberg in Hessen. 22.–24. Mai 1926. Gedenkblätter von Oberstudienrat W. Angelberger und Studienrat O. Steuernagel, Grünberg 1926 (Archiv der Theo-Koch-Schule).
- Entschädigungsakte von Moritz Schönfeld, 2 Bde., Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden, Best. 518, Nr. 26810.
- Sidney Schonfeld: A Good Name. My Life’s Journey, Echo Memoirs, Vancouver, Kanada, o. J. (Kopie zur Verfügung gestellt von Jens Hausner, Verein für Heimat- und Kulturgeschichte der Rabenau e.V.).
- Entanzifizierungsakte von Dr. Friedrich Hardt, Allendorf/Lda, Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden, Best. 520/Gi, Nr. 4152/47 (muss noch eingesehen werden).
- Artur Rothmann: Jüdisches Leben in der Rabenau. In: Gabriele Hofmann und Harald Jung (Hg.): 1250 Jahre Londorf. Die Zeit von 1958 bis 2008. Schriftenreihe des Vereins für Heimat- und Kulturgeschichte der Rabenau e. V., Londorf 2008, S. 72–112.
- Hanno Müller: Juden in Rabenau. Geilshausen, Kesselbach, Londorf, Rüddingshausen. Jüdische Schüler in Grünberg, Lich 2023.
- https://www.alemannia-judaica.de/frankenau_synagoge.htm (zuletzt aufgerufen am 20. August 2026).
- https://www.alemannia-judaica.de/londorf_synagoge.htm (zuletzt aufgerufen am 23. August 2026).
- Eintrag für Walther Isidor Schönfeld im online-Gedenkbuch des Bundesarchivs.
- Eintrag für Margareta Schönfeld, geb. Katz, im online-Gedenkbuch des Bundesarchivs.
- „Neben vier großen Sälen der Volksschule und einem Saale für den Handarbeitsunterricht wurden darin ein für beide Schulen gemeinsames Lehrerzimmer, ein gemeinschaftliches Sammlungszimmer vorgesehen und für unsere unterrichtlichen Zwecke zwei Lehrsäle für je höchstens 42 Kinder.“ – Festschrift (1911), S. 14. ↩︎
- Jahresbericht Höhere Bürgerschule (1906/07), S. 3. ↩︎
- Eidesstattliche Versicherung von Moritz Schönfeld vom 25. Juli 1955, Entschädigungsakte Moritz Schönfeld, Bd. 1, Bl. 20. ↩︎
- Eidesstattliche Versicherung von Moritz Schönfeld vom 25. Juli 1955, Entschädigungsakte Moritz Schönfeld, Bd. 1, Bl. 20. ↩︎
- Schonfeld (o. J.), S. 12. ↩︎
- Die angegebenen Distanzen sind wohl etwas zu groß. Die Strecke von Rüddingshausen nach Londorf und zurück beträgt etwa zehn Kilometer. ↩︎
- Schonfeld (o. J.), S. 12. ↩︎
- Schonfeld (o. J.), S. 13. ↩︎
- Schonfeld (o. J.), S. 13. ↩︎
- Schonfeld (o. J.), S. 16. ↩︎
- Schonfeld (o. J.), S. 16. ↩︎
- Schonfeld (o. J.), S. 16. ↩︎
- Rothmann, in: Hofmann u. Jung (2008), S. 99. ↩︎
- Schonfeld (o. J.), S. 19. ↩︎
- Schonfeld (o. J.), S. 19. ↩︎
- Schonfeld (o. J.), S. 19. ↩︎
- Schonfeld (o. J.), S. 19. ↩︎
- Schonfeld (o. J.), S. 22. ↩︎
- Eidesstattliche Versicherung von Moritz Schönfeld vom 29. Dezember 1953, Entschädikgungsakte Moritz Schönfeld, Bd. 1, Bl. 5a. ↩︎
- Eidesstattliche Versicherung von Moritz Schönfeld vom 29. Dezember 1953, Entschädikgungsakte Moritz Schönfeld, Bd. 1, Bl. 5a. – Die Entnazifizierungsakte von Dr. Friedrich Hardt, geboren am 30. Januar 1898, wohnhaft in Allendorf/Lumda, muss noch eingesehen werden. ↩︎
- Eidesstattliche Versicherung von Moritz Schönfeld vom 29. Dezember 1953, Entschädikgungsakte Moritz Schönfeld, Bd. 1, Bl. 5a. ↩︎
- Schonfeld (o. J.), S. 22. ↩︎
- Schonfeld (o. J.), S. 23. ↩︎
- Schonfeld (o. J.), S. 23. ↩︎
- Schonfeld (o. J.), S. 24. ↩︎
- Eidesstattliche Versicherung von Moritz Schönfeld vom 23. Juli 1957, Entschädigungsakte Moritz Schönfeld, Bd. 1, Bl. 75. ↩︎
- Anmeldung zur Rückerstattung von Hedwig und Moritz Schönfeld vom 21. Dezember 1948, Entschädigungsakte Moritz Schönfeld, Bd. 1, Bl. 78. ↩︎
- Anmeldung zur Rückerstattung von Hedwig und Moritz Schönfeld vom 21. Dezember 1948, Entschädigungsakte Moritz Schönfeld, Bd. 1, Bl. 79. ↩︎
- Eidesstattliche Versicherung von Moritz Schönfeld vom 27. Oktober 1954, Entschädigungsakte Moritz Schönfeld, Bd. 1, Bl. 12. ↩︎
- Eidesstattliche Versicherung von Moritz Schönfeld vom 27. Oktober 1954, Entschädigungsakte Moritz Schönfeld, Bd. 1, Bl. 12. ↩︎
- Schonfeld (o. J.), S. 24. ↩︎
- Schonfeld (o. J.), S. 24. ↩︎
- Eidesstattliche Versicherung von Moritz Schönfeld vom 29. Dezember 1953, Entschädikgungsakte Moritz Schönfeld, Bd. 1, Bl. 5a. ↩︎
- Schonfeld (o. J.), S. 28. ↩︎
- Schonfeld (o. J.), S. 35. ↩︎
- Eidesstattliche Versicherung von Moritz Schönfeld vom 29. Dezember 1953, Entschädikgungsakte Moritz Schönfeld, Bd. 1, Bl. 5a. ↩︎
- Schonfeld (o. J.), S. 35. ↩︎
- Schonfeld (o. J.), S. 35. ↩︎
