Josef Rosenberg

Geb. am 15. Oktober 1913 in Rosenthal, Kreis Frankenberg; wohnhaft in Kesselbach; Schulbesuch in Grünberg von 1923 bis 1929; am 19. Oktober 1941 aus Frankfurt a.M. nach Lodz deportiert, ermordet

Josef Rosenberg als Untersekundaner; Ausschnitt aus einem Klassenfoto der Oberrealschule Grünberg, Ostern 1929 (© Archiv der Theo-Koch-Schule)

Josef Rosenberg wurde am 15. Oktober 1913 in Rosenthal im Kreis Frankenberg geboren, wo bis mindestens 1938 eine jüdische Gemeinde bestand. Seine Mutter Klara, geb. Simon, geboren am 24. August 1888 in Kesselbach, einem Ortsteil der heutigen Rabenau, war die ältere Schwester von Nathan Simon, Jahrgang 1891, der von 1902 bis 1906 die weiterführende Schule in Grünberg besuchte.

Josefs Vater war der Handelsmann und Metzger Adolf Rosenberg, geboren am 17. August 1886 in Rosenthal. Dessen Vater Josef Rosenberg, verheiratet mit Fanni, geb. Stiebel, aus Geilshausen bzw. Allendorf/Lumda, war Metzger und Handelsmann in Rosenthal gewesen und im Dezember 1910 verstorben – nur wenige Tage nach seinem Vater, Josefs Urgroßvater, Jacob Rosenberg, dem ehemaligen Vorsteher der jüdischen Gemeinde in Rosenthal.1

Josefs Eltern hatten am 26. Dezember 1912 in Kesselbach geheiratet und lebten in Rosenthal. Am 25. Mai 1919 – Josef war sechs Jahre alt – wurde in Marburg an der Lahn der jüngere Bruder Martin geboren. Helmut, der Jüngste, kam am 19. Oktober 1922 in Rosenthal zur Welt.

Die jüdische Gemeinde in Rosenthal blickte auf eine lange Geschichte zurück. „Erstmals sind Schutzjuden in Rosenthal um 1604 erwähnt“, schreibt der Historiker Paul Arnsberg. „[I]m 18. Jahrhundert waren bereits einige jüdische Familien in Rosenthal wohnhaft. Es sind Geburten verzeichnet in den Jahren 1770, 1776 usw. Aus einer Liste (von c. 1824 bis 1846) ist ersichtlich, daß es damals ca. 15 bis 20 Familienhäupter bzw. Steuerzahler gab, mit den Familiennamen Rosenberg, Rosenfeld, Rosenthal u. ä. Die Zahl der jüdischen Seelen betrug 1895 noch 55, sie verringerte sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts und bis 1933 auf 27 Seelen. […] Berufsstruktur: Hauptsächlich Händler und Kaufleute (Viehhandel usw.); je ein Schneider, Schreiner, Schlosser und Arbeiter, ein Hausierer. […] Für Rosenthal war der Friedhof in Gemünden/Wohra zuständig.“2

Durch die verwandtschaftlichen Beziehungen seiner Mutter kam Josef Rosenberg spätestens im Frühjahr 1923 nach Oberhessen. Er lebte bei seinen Großeltern Jakob Simon und Rebekka, geb. Schönfeld, im Haus Nr. 40 in Kesselbach. Mit im Haus lebten seine Tante Lina Simon und sein Onkel Nathan Simon. Dieser hatte, wie erwähnt, von 1902 bis 1906 die weiterführende Schule in Grünberg besucht. Ein Jahr, nachdem Josef Rosenberg bei den Simons einzog, übernahm Nathan Simon das Geschäft seines Vaters. Ein weiteres Jahr später, am 26. August 1925, wurde Josefs Cousine Elfriede geboren.

Auch Josefs jüngerer Bruder Martin lebte zeitweise bei den Simons in Kesselbach, wie aus einer Aussage Nathan Simons im Entschädigungsverfahren hervorgeht: „Im Jahre 1924 übernahm ich das Geschäft meines Vaters, in welchem ich vorher tätig war, Metzgerei, Vieh- und Pferdehandlung und Landwirtschaft. Ich konnte das Geschäft vergrößern und beschäftigte in meinem Betrieb ständig 5 Leute. Die Namen der zuletzt bei mir in Arbeit stehenden Personen folgen: Louise Dietz, verehel. Luhn, in Kesselbach als Dienstmädchen, Martin Rosenberg aus Rosenthal [Josef Rosenthals jüngerer Bruder] als junger Mann, Valentin Hillgärtner aus Kesselbach als Tagelöhner und Joseph und Moritz Stern aus Rüddingshausen als Viehtreiber.“3

Von Kesselbach aus besuchte Josef Rosenberg die Realschule in Grünberg. Am 9. April 1923 trat er in die Sexta (heute 5. Klasse) ein, absolvierte die Quinta (6. Klasse), Quarta (7. Klasse), Untertertia (8. Klasse) und Obertertia (9. Klasse) und machte im Schuljahr 1928/29 in Untersekunda (10. Klasse) die mittlere Reife, auch „Einjährig-Freiwilligen-Prüfung“ oder „Obersekundareife“ genannt. In seiner Klasse gab es weitere jüdische Kinder: Benno Wetzstein aus Kesselbach, der allerdings auf dem Abschlussfoto der Untersekunda fehlt – vielleicht hat er die Prüfung nicht gemacht –, Walter Joseph aus Londorf, Käthe Jacob aus Nieder-Gemünden und (ab dem Schuljahr 1924/25) Fritz Weinberg aus Allendorf/Lumda.

Untersekunda (heute: 10. Klasse) der Oberrealschule Grünberg, Ostern 1929; jüdische Schüler/-innen: hintere Reihe, 5. v. l. (links neben Direktor Angelberger): Fritz Weinberg aus Allendorf/Lda; dritte Reihe von unten, 1. v. l. (mit weißem Kragen): Josef Rosenberg aus Kesselbach; erste Reihe (sitzend), 3. v. l.: Käthe Jacob aus Nieder-Gemünden
(© Archiv der Theo-Koch-Schule)

Nach seiner Schulentlassung ging Josef Rosenberg vermutlich zu seinen Eltern nach Rosenthal zurück. Wenige Monate später traf die Familie ein schwerer Schlag: Am 28. Juni 1919 nahm sich Adolf Rosenberg das Leben; laut Sterbeurkunde wurde er mittags um viertel nach zwölf in der Scheune des Hauses Nr. 106 tot aufgefunden. – Josefs Mutter Klara hatte genug Berufserfahrung gesammelt, um für den Lebensunterhalt für sich und ihre verwaisten Söhne sorgen zu können: Nach der Volksschule in Kesselbach hatte sie eine Handelsschule in Frankfurt am Main besucht, war dann in einem Weingeschäft in Bingen angestellt gewesen und hatte im väterlichen Betrieb in Kesselbach mitgearbeitet. Seit ihrer Heirat 1912 hatte sie die Metzgerei in Rosenthal gemeinsam mit ihrem Mann betrieben.

„Nach dem Tode ihres Mannes 1929“, so heißt es in der Entschädigungsakte von Nathan Simon, Klaras Bruder, „verkleinerte [Klara Rosenberg] das Geschäft und verkaufte seitdem vor allem Kolonial- und Kurzwaren. Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme ging der Umsatz des schon vorher nur in kleinem Umfang betriebenen Geschäfts zurück. Da nichtjüdische Kunden wohl kaum noch das Geschäft zu betreten wagten, betrieb [Klara Rosenberg] den Handel vor allem in ambulanter Form. 1938, nach der Kristallnacht, gab [sie] das Geschäft gänzlich auf. Sie zog vorübergehend zu ihren Eltern nach Kesselbach. Bei einem Besuch in Rosenthal im April 1939 stellte sie fest, daß ihr Haus inzwischen mit Flüchtlingen aus dem Sudetenland belegt war. Im Oktober 1940 zog sie nach Frankfurt am Main.“4

Zuvor hatte Klara Rosenberg mit großen Verlusten ihr Haus und ihre Ländereien in Rosenthal verkaufen müssen, um den Lebensunterhalt für sich und ihre Söhne zu sichern. Auch ihr Bruder Nathan Simon unterstützte die Familie finanziell, bis er im April 1939 mit seiner Familie in die USA emigrierte.

Wahrscheinlich, um zum Lebensunterhalt der Familie etwas beitragen zu könnnen, hielt sich Josef Rosenberg vor dem Novemberpogrom in Kassel, in der Sporstraße 11, auf. Es ist nicht bekannt, welche Arbeit er dort ausübte. Jedenfalls wurde er von dieser Adresse am 11. November 1938 in das Konzentrationslager Buchenwald eingeliefert. Er erhielt die Häftlingsnummer 5165; seine Mutter schickte ihm aus Kesselbach Geld. Am 17. Februar 1939 wurde er aus Buchenwald entlassen. Auch sein Bruder Martin war in Buchenwald inhaftiert.

In Frankfurt lebten Klara, Josef, Martin und Helmut Rosenberg zunächst in der Freiherr vom Stein-Straße 46, später in der Kronbergerstraße 28. Von dort wurden sie am 19. Oktober 1941 – es war Helmuts 19. Geburtstag – in das Ghetto Litzmannstadt (Lodz) im besetzten Polen deportiert und ermordet.

Über den Transport nach Lodz schreibt die Historikerin Monica Kingreen: „Diese erste Massendeportation aus Frankfurt a.M. betraf 1.125 Personen […]. Fast alle wohnten im besten Viertel der Stadt, dem Westend. Viele Personen waren darunter, die [wie die Rosenbergs] aus dem weiteren Umland in der Stadt Zuflucht gesucht hatten. Die Frankfurter Gestapo, die die Deportationen organisierte, hatte die Namenslisten allein nach dem Vermögen der betroffenen Menschen sowie den dann freiwerdenden Wohnungen zusammengestellt.“5

Die Rosenbergs wurden „[a]m Morgen des Sonntag, dem 19. Oktober 1941, […] in der Frühe zwischen 6 und 7 Uhr überfallartig, ohne jede Vorwarnung, in ihren Wohnungen von bewaffnten SA-Leuten aufgesucht.“6 Es wurde ihnen eröffnet, „dass Sie innerhalb von 2 Stunden Ihre Wohnung zu verlassen haben. Die beauftragten Beamten sind gehalten, bis Sie Ihre Koffer gepackt und Ihre Wohnung ordnungsgemäß hergerichtet haben, bei Ihnen zu bleiben und Sie alsdann zum Sammelplatz zu bringen. […] Außerdem haben Sie sich selbst ein Schild um den Hals zu hängen, auf dem Ihr Name und Geburtstag angegeben sind, sowie [die] Kennummer“.7

In der städtischen Großmarkthalle an der Hanauer Landstraße wurden die Rosenbergs mit den mehr als Tausend anderen Proskribierten gesammelt, „und zwar so, dass die bewachten, mit Wartenummern versehenen Menschen den Keller vom Ostflügel – dem Kühlhaus mit seiner Eisfabrik – her über eine breite Rampe betraten, dann den etwa 300 Meter langen Weg vor den Lagerräumen im Süden entlanggeführt wurden, daraufhin die Westseite passierten und schließlich einzelne Kontrollstationen an aufgestellten Tischen durchlaufen mussten – ‚durchgeschleust‘ wurden. […] Nach diesen Abfertigungen, die sich bis weit in die Nacht hinzogen, wurden die Menschen in einen Raum im Ostflügel geführt, der mit Matratzen ausgelegt war. Im Keller der Großmarkthalle soll es nach Berichten eines Augenzeugen ‚dort in der Nacht schrecklich zugegangen sein mit Misshandlungen etc.‘.“8

Nach einer langen Zugfahrt über Berlin und Posen wurden Klara, Josef, Martin und Helmut Rosenberg mit den anderen Deportierten in die polnische Stadt Lodz gebracht, „umbenannt in ‚Litzmannstadt‘, wo ein heruntergekommener Stadtteil mit mehrstöckigen Mietshäusern als Ghetto für 160.000 Personen abgetrennt worden war. Zwangzigtausend reichsdeutsche Juden, darunter die Frankfurter, wurden dort nun im Herbst 1941 ‚eingesiedelt‘. Auf dem Weg ins Ghetto sah [eine Augenzeugin aus Frankfurt] ‚unaufhörlich Bilder nie geschauten Elends‘. Sie beschreibt in ihren Erinnerungen die Kinder ‚als in Lumpen gewickelte Skelette, barfüßig von Kot überkrustet‘ […].“9

Sollten die Rosenbergs den grassierenden Hunger und die Krankheiten im heillos überfüllten Ghetto überlebt haben, dürften sie spätestens im Mai 1942 auf einem der „Aussiedlungs“-Transporte in das 14 Kilometer entfernte Chelmno/Kulmhof ums Leben gekommen sein. „In einem Herrenhaus war [dort] seit Januar ein Vernichtungslager in Betrieb, wo die Menschen in ‚Gaswagen‘, in die etwa 50 Personen passten, auf der Fahrt in das vier Kilometer entfernte Waldlager getötet wurden. Dort waren jüdische Häftlinge gezwungen, die Leichen aus dem Wagen zu entladen, sie nach Wertsachen wie Gold zu untersuchen, ihnen Goldzähne zu ziehen, Ringe abzunehmen und sie dann in Massengräbern in mehreren Reihen übereinander zu legen. Später wurden die Massengräber wieder geöffnet, die Leichen verbrannt und die Knochenreste mit einer Knochenmühle zermahlen.“10

Klara, Josef, Martin und Helmut Rosenberg haben kein Grab. Als Todestag gilt der 19. Oktober 1941, der Tag des Transports nach Lodz und zugleich der 19. Geburtstag von Helmut. An der Gedenkstätte Neuer Börneplatz in Frankfurt erinnern drei Namensplaketten an die vier Rosenbergs aus Rosenthal und Kesselbach.


Quellen:


  1. Vgl. den Artikel in der „Allgemeinen Zeitung des Judentums“ vom 16. Dezember 1910: „Rosenthal, Regierungsbezirk Kassel, 11. Dezember (1910). Am 29. November ward hier der frühere Vorsteher unserer Gemeinde, Herr Jacob Rosenberg, beerdigt. Er hat nahezu das 95. Lebensjahr erreicht und erfreute sich bis zwei Tage vor seinem Tode einer seltenen geistigen und körperlichen Frische. Von nah und fern waren die Freunde und Bekannten des allgemein geachteten Mannes herbeigeeilt, um ihm die letzte Ehre zu erweisen. An seiner Bahre sprachen Herr Provinzialrabbiner Dr. Munk aus Marburg, der Sohn des Verstorbenen, Herr Rabbiner Dr. Rosenberg aus Thorn und Herr Lehrer (Willy) Spier aus Gemünden. In dem überaus großen Trauergefolge bemerkte man sehr viele hiesige christliche Einwohner, unter diesen den evangelischen Pfarrer und sämtliche Lehrer. – Der betagte Greis wurde durch seinen sanften Tod noch vor einer sehr schmerzlichen Erfahrung bewahrt. Denn wenige Tage nach ihm starb sein hier wohnender zweiter Sohn, der einer heftigen Lungenentzündung nach kurzer Zeit erlag und unter großem Trauergefolge an der Seite des Vaters beigesetzt wurde. Möge Gott die doppelt schmerzlich getroffene Familie trösten.“ Zitiert nach https://alemannia-judaica.de/rosenthal_synagoge.htm (zuletzt aufgereufen am 9. August 2026). ↩︎
  2. Arnsberg, Bd. 2 (1971), S. 232 f. ↩︎
  3. Entschädigungsakte Nathan Simon, Bd. 1, Bl. 77. ↩︎
  4. Entschädigungsakte Nathan Simon, Bd. 2, Bl. 135. ↩︎
  5. Kingreen (2023), S. 42. ↩︎
  6. Kingreen (2023), S. 42. ↩︎
  7. Verfügung der Staatspolizeistelle Frankfurt a. M., zitiert nach Kingreen (2023), S. 43. ↩︎
  8. Kingreen (2023), S. 50. ↩︎
  9. Kingreen (2023), S. 54. ↩︎
  10. ↩︎