Willi Jacob

Geb. am 29. Mai 1885 in Nieder-Gemünden; Schulbesuch in Grünberg von Juni 1898 bis vermutlich Ostern 1899; 1911 Kaufmann in Frankfurt a. M.; 1926 Kaufmann in Nieder-Gemünden; weiteres Schicksal unbekannt
Eintrag für Willi Jacob (hier mit ‚k‘ geschrieben), Eintrittsjahr 1898, Festschrift der Oberrealschule Grünberg, 1926
(TKS-Archiv)

Willi Jacob wurde am 29. Mai 1885 in Nieder-Gemünden geboren.1 Seine Eltern waren der Kaufmann Isidor Jacob, geboren am 16. Januar 1847 in Nieder-Gemünden,2 dessen Vater Wolf Viehhändler am Ort war,3 und Fanny, Geburtsname Haas, geboren am 1. Mai 1851 in Walldorf/Meinigen im heutigen Thüringen.4 Willi hatte noch einen älteren Bruder Siegfried, der am 11. März 1882 in Nieder-Gemünden zur Welt gekommen war.5 Die Familie wohnte in der Hombergerstraße 8; Isidor Jacob hatte das Haus, das von einem Bahnmeister gebaut worden war, käuflich erworben.6

Über das jüdische Leben in Nieder-Gemünden schreibt der Historiker Klaus-Dieter Alicke: „In Nieder-Gemünden existierte bis ins beginnende 20. Jahrhundert eine kleine jüdische Gemeinde, der auch die wenigen Familien aus Rülfenrod angeschlossen waren. Beide Dörfer unterstanden ehemals der Patrimonialherrschaft der Freiherren von Schenk von Schweinsberg. Jüdische Bewohner waren seit Ende des 17. Jahrhunderts dort ansässig; sie bestritten ihren Lebensunterhalt als Viehhändler, Kleinkaufleute und als Landwirte. Die bekannteste jüdische Familie am Ort war die weitverzweigte Familie Jacobs [sic].“7

Am 24. Juni 1898 trat Willi Jacob als Vierzehnjähriger in die Höhere Bürgerschule in Grünberg ein.8 Zu diesem Zeitpunkt bestand die erst 1876 gegründete Schule noch „aus zwei Klassen von je zwei kombinierten Abteilungen, mit Schülern von 10 bis 14 Jahren.“9 Willi Jacob kam in die obere Klasse, in der der Lehrplan der Realschule galt.10 Er war nach Abraham Bauer aus Merlau und Salli Baum aus Geilshausen bereits der dritte jüdische Schüler an der weiterführen Schule in Grünberg. Seinen Schulweg machte er wahrscheinlich mit der Vogelsbergbahn, die im Jahr 1870 eröffnet worden war.11

Willi Jacob verließ die Höhere Bürgerschule vermutlich an Ostern 1999, blieb also nur ein Jahr an der Schule.12

Stundentafel im Schuljahr 1877, Höhere Bürgerschule bzw. (damals noch) Erweiterte Volksschule Grünberg; in: Festschrift Höhere Bürgerschule Grünberg, 1911, S. 11 (Stadtarchiv Grünberg, Kopie im TKS-Archiv)

Wie Willi Jacobs Bildungsweg weiter verlief, ist nicht bekannt. Fest steht, dass seine Eltern im Jahr 1904 – Willi Jacob war zu diesem Zeitpunkt neunzehn Jahre alt – das Haus in der Hombergerstraße 8 an einen Herrn Linker für 5.500 Mark verkauften.13 Vermutlich zogen sie an einen anderen Ort.14

Über Willi Jacobs beruflichen Weg geben die Ehemaligenverzeichnisse in den Schulfestschriften Auskunft: Im Jahr 1911 wohnte der 26-Jährige in Frankfurt in der Güntersburg-Allee 61 und arbeitete als Kaufmann.15 Vierzehn Jahre später, so der Eintrag in der Schulfestschrift von 1926, lebte Willi Jacob wieder als Kaufmann an seinem Heimatort Nieder-Gemünden.16

Eintrag für Willi Jacob, Ehemaligenverzeichnis der Festschrift der Höheren Bürgerschule Grünberg, 1911
(Stadtarchiv Grünberg, Kopie im TKS-Archiv)

Sterbeort und -datum von Willi Jacob und das weitere Schicksal seiner Eltern sind nicht bekannt. Über seinen Bruder Siegfried, der Studienrat wurde und am 3. Juli 1946 in Manchester/Großbritannien starb, existiert eine Entschädigungsakte in Wiesbaden, die allerdings noch eingesehen werden muss.17


  1. Vgl. die Geburtsurkunde: Standesamt Nieder-Gemünden, Geburtsnebenregister 1876–1893, HStAMR Best. 921 Nr. 674. Da der Nachname in der Geburtsurkunde mit ‚c‘ geschrieben wird, haben wir uns für diese Schreibweise entschieden.
    ↩︎
  2. Vgl. Judenmatrikel Rülfenrod: Schriftwechsel, HStAD C 12 298/1, S. 14 des Digitalisats.
    ↩︎
  3. Vgl. ebd.
    ↩︎
  4. Vgl. ebd. und die Heiratsurkunde vom 8. Juni 1881, Standesamt Nieder-Gemünden Heiratsnebenregister 1876–1897, HStAMR Best. 921 Nr. 675, S. 48 des Digitalisats. – Der reichsritterschaftliche Ort Walldorf war noch im 18. Jahrhundert zwischen drei Rittergutsbesitzern aufgeteilt, in denen es jeweils eine jüdische Gemeinde gab, die erst Ende des 18. Jahrhunderts vereinigt wurden. Dementsprechend war der jüdische Bevölkerungsanteil in Walldorf besonders hoch: 1849, zwei Jahre vor Fanny Haas‘ Geburt, lag er zum Beispiel bei 34,3 Prozent (562 jüdische Personen bei einer Gesamtzahl von 1.637 Personen); vgl. den Eintrag auf ‚Alemannia Judaica‘ (aufgerufen am 29. Dezember 2025): Die Synagoge in Walldorf an der Werra (Landkreis Schmalkalden)
    ↩︎
  5. Vgl. Judenmatrikel Rülfenrod: Schriftwechsel, HStAD C 12 298/1, S. 14 des Digitalisats.
    ↩︎
  6. Vgl. ebd.
    ↩︎
  7. Jüdische Gemeinde – Nieder-Gemünden (Felda/Hessen), aufgerufen am 29. Dezember 2025.
    ↩︎
  8. Vgl. den Eintrag in: Handschriftliche Schülerliste von 1876 bis 1902. Nach Notizen des früheren Lehrers Friedrich Wilhelm Hamburger zusammengestellt vom Oberstudiendirektor Wilhelm Angelberger (Schulleiter 1909-1929), Grünberg 1909, hier: Eintrittsjahr 1898/99 (Archiv der Theo-Koch-Schule).
    ↩︎
  9. Höhere Bürgerschule zu Grünberg. Festschrift zur Einweihung des neuen Schulgebäudes am 23., 24. und 25. September 1911. Zusammengestellt von Rektor Angelberger, Grünberg 1911, S. 10 (Stadtarchiv Grünberg, Kopie im TKS-Archiv).
    ↩︎
  10. Vgl. ebd.
    ↩︎
  11. Vgl. den Wikipedia-Eintrag ‚Bahnstrecke Gießen-Fulda‘, aufgerufen am 29. Dezember 2025.
    ↩︎
  12. Vgl. Handschriftliche Schülerliste (a. a. O.)
    ↩︎
  13. Vgl. Judenmatrikel Rülfenrod: Schriftwechsel, HStAD C 12 298/1, S. 14 des Digitalisats.
    ↩︎
  14. Vgl. ebd.
    ↩︎
  15. Eintrag in der Ehemaligenliste, Eintrittsjahr 1898, in: Höhere Bürgerschule zu Grünberg. Festschrift zur Einweihung des neuen Schulgebäudes am 23., 24. und 25. September 1911. Zusammengestellt von Rektor Angelberger, Grünberg 1911, S. 37 (Stadtarchiv Grünberg; Kopie im TKS-Archiv).
    ↩︎
  16. 50 Jahrfeier der Oberrealschule zu Grünberg i. H. 22.–24. Mai 1926. Gedenkblätter von Oberstudiendirekter W. Angelberger und Studienrat O. Steuernagel, Grünberg 1926, S. 15 (TKS-Archiv).
    ↩︎
  17. HHStAW Best. 518 Nr. 58974.
    ↩︎