
Albert Stern wurde am 1. Februar 1898 in Nieder-Ohmen geboren. Sein Vater war der Viehhändler und Landwirt Hirsch Stern, geboren am 14. September 1847 in Nieder-Ohmen. Er war im Jahr 1888 Ortsbürger in Nieder-Ohmen geworden. Alberts Mutter Röschen, Geburtsname Anton, war am 3. September 1859 geboren worden. Woher sie stammte, ist nicht bekannt.
Albert war das jüngste von fünf Kindern, die alle in Nieder-Ohmen zur Welt kamen: Toni, geboren am 22. November 1889; Mayer (auch Maier oder Meier geschrieben), geboren am 28. Mai 1891; Josef, geboren am 29. September 1895, und Bertha, geboren am 29. Juli 1897. Die Sterns wohnten in der Hintergasse 5, dem Elternhaus von Hirsch Stern, jetzt Rathausgasse in Nieder-Ohmen. Der Dorfname war „Abrahams“ nach Hirschs Vater.
Über das jüdische Leben in Nieder-Ohmen schreibt der Nieder-Ohmener Heinrich Reichel aus eigener Anschauung: „Bis 1933 waren und fühlten sich die Juden als Deutsche mit jüdischem Glauben. Sie waren und lebten in der politischen Gemeinde wie die übrigen Einwohner. Nieder-Ohmen hatte zu dieser Zeit etwa 1400 Einwohner. Davon waren 89 Juden. Es waren somit ca 6,4 % von der Gesamtbevölkerung. Ich habe sie fast alle gekannt. Juden und Christen pflegten nachbarlichen und geschäftlichen Verkehr. Es bestanden freundschaftliche Beziehungen zwischen den Familien. Die Juden hatten fast alle ein Geschäft. In der Schule war kein Unterschied, außer dem Religionsunterricht.„1
Dieses Bild einer noch ungetrübten dörflichen Idylle wird von Albert Sterns Nichte Karola, der Tochter seines Bruders Mayer Stern, geboren 1925, im Wesentlichen bestätigt: „We had a marvelous time, especially when we were young. We had eggs and we raised potatoes and we had a whole farm. […] We had a stall with cattles where my mother reluctantly went in the morning to milk the cows. It was a little shtetl. And we had people who helped. We were farmers just like anybody else in Nieder-Ohmen. There was never any difference. We were Jewish, but we didn’t feel it. We were Germans first. Jews was secondary, nobody bothered with this religion. And since my father was a veteran of World War I, he was very well liked.“2
An Ostern 1907 trat Albert Stern im Alter von neun Jahren in die Sexta der Höheren Bürgerschule in Grünberg ein. Die Schule war im Jahr 1876 gegründet worden. Vor ihm hatte es bereits weitere jüdische Schüler gegeben: Abraham Bauer aus Merlau (Schulbesuch Ostern 1884 bis Ostern 1886), Salli Baum aus Geilshausen (November 1887 bis Ostern 1890), Willi Jacob aus Nieder-Gemünden (Juni 1898 bis Ostern 1899), Moritz Schönfeld aus Kesselbach (Ostern 1902 bis Ostern 1906), Nathan Simon aus Kesselbach (Ostern 1902 bis Ostern 1906), Leopold Wertheim aus Rüddingshausen (Ostern 1902 bis Ostern 1906) und Fritz Moritz Stern aus Nieder-Ohmen (Ostern 1903 bis Ostern 1907).
Seit 1912 war es möglich, an der Höheren Bürgerschule in Grünberg die sogenannte „Einjährig-Freiwilligen-Prüfung“ abzulegen, das heißt einen mittleren Abschluss zu machen. Diese Möglichkeit nutzte Albert Stern. Als erster jüdischer Schüler absolvierte er am 24. Februar 1913 erfolgreich die Prüfung und erwarb damit die „wissenschaftliche Befähigung zum einjährig-freiwilligen Militärdienst“.3 Als Berufswunsch gab er „Kaufmann“ an.

Wie es nach der Schule für Albert Stern weiterging, ob er an einem Realgymnasium das Abitur machte oder direkt mit einer Lehre begann, ist nicht bekannt. Aus dem Ehemaligenverzeichnis in der Festschrift der Grünberger Schule, die 1926 veröffentlicht wurde, geht hervor, dass Albert Stern zu diesem Zeitpunkt als Bankbeamter in Frankfurt am Main arbeitete.
Sein weiteres Schicksal ist unbekannt.
Über den Verbleib seiner Familienangehörigen wissen wir einiges mehr: Seine Eltern Röschen und Hirsch Stern starben am 20. Mai 1925 und am 7. Oktober 1930 im Alter von 66 und 83 Jahren in Nieder-Ohmen.
Alberts älteste Schwester Toni hatte eine geistige Beeinträchtigung. Sie blieb im Elternhaus wohnen, auch nachdem ihre Eltern gestorben waren und ihr Bruder Mayer und dessen Frau die Landwirtschaft und den Viehhandel fortführte. Am 15. Juni 1942 wurde Toni Stern aus der Heil- und Pflegeanstalt Bendorf-Sayn bei Koblenz, zu dieser Zeit ein Euthanasie-Sammellager, über Köln und Düsseldorf in das Vernichtungslager Sobibor deportiert und ermordet.
Der zweite Bruder Mayer Stern heiratete am 24. Dezember 1922 Hedwig Roth, geboren am 22. November 1902 in Nieder-Ohmen. Am 1. Januar 1924 und am 8. März 1925 wurden ihre Kinder Hilda und Karola geboren. Mayer Stern führte den Viehhandel und die Landwirtschaft seiner Eltern weiter und blieb mit seiner Familie in der Hintergasse 5 wohnen. 1932 war er Vorsteher der Jüdischen Gemeinde in Nieder-Ohmen. 1938 wurde er nach Buchenwald verschleppt. Erst 1940 zogen Mayer und Hedwig Stern aus Nieder-Ohmen fort und gingen nach Frankfurt am Main. Von dort wurden sie am 20. Oktober 1941 nach Lodz deportiert und ermordet.
Alfreds Nichte Hilda Stern machte eine Ausbildung als jüdische Religionslehrerin in Würzburg und unterrichtete an der jüdischen Schule in Bad Nauheim. 1941 wurde sie in das Ghetto Lodz und von dort in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert. Sie überlebte und emigrierte über Österreich in die USA, wo sie Werner Cohen heiratete. 1997 starb sie in Baltimore. Ihre Memoiren sind postum unter dem Titel „Genagelt ist meine Zunge. Lyrik und Prosa einer Holocaust-Überlebenden“ erschienen.
Alfreds zweite Nichte Karola Stern besuchte ein jüdisches Internat in Bad Nauheim, das in der Reichspogromnacht zerstört wurde, und musste Zwangsarbeit in einer Flugzeugfabrik in Berlin verrichten. Im März 1943 wurde sie nach Auschwitz deportiert, wo sie gezwungen wurde, ihren Mithäftlingen die Haare zu scheren. Ihre Schwester Hilda traf sie im August 1944 in Auschwitz wieder. Im Januar 1945 musste sie auf einen Todesmarsch nach Ravensbrück und von dort nach Malchow gehen, wo sie im Mai 1945 von den Alliierten befreit wurde. 1946 emigrierte sie zusammen mit ihrer Schwester Hilda über Österreich in die USA.
Alfreds Bruder Josef Stern, der dritte der fünf Stern-Geschwister, heiratete Johanna, geb. Nußbaum, aus Ulmbach. Mit ihrer Tochter Ruth emigrierten sie in die USA.
Von der Zweitjüngsten, Bertha Stern, ist das weitere Schicksal unbekannt.
Quellen:
- Höhere Bürgerschule zu Grünberg in Hessen. (Militärberechtigte Realschule.) Bericht über das Schuljahr 1912-13. Grünberg 1913 (Archiv der Theo-Koch-Schule).
- 50 Jahrfeier der Oberrealschule zu Grünberg in Hessen. 22.–24. Mai 1926. Gedenkblätter von Oberstudiendirektor W. Angelberger und Studienrat O. Steuernagel, Grünberg i. H. 1926 (Archiv der Theo-Koch-Schule).
- Heinrich Reichel: Juden in Nieder-Ohmen, Vogelsbergkreis, Nieder-Ohmen 1998.
- Heinrich Reichel: Juden in Nieder-Ohmen zwischen 1933–1940. Angaben über Personen und Familien. Ich habe viele von ihnen gekannnt. Schriftenreihe des Kulturrings Nieder-Ohmen, Nr. 10, Nieder-Ohmen 2001.
- Heinrich Reichel: „Ich habe viele von ihnen gekannt!“ Das Schicksal der jüdischen Einwohner von Nieder-Ohmen. Bemerkenswerte Ereignisse in Nieder-Ohmen während der Kriegsjahre 1939 bis 1945. Hg. von der Evangelischen Kirchengemeinde Nieder-Ohmen, Nieder-Ohmen 2009.
- Interview mit Carola Stern (1996), https://collections.ushmm.org/search/catalog/irn504861 (zuletzt aufgerufen am 31. Juli 2026).
- Hilda Stern Cohen: Genagelt ist meine Zunge. Lyrik und Prosa einer Holocaust-Überlebenden. Hg. von Erwin Leibfried und Sascha Feuchert, Frankfurt 2003 (=Reihe Memento, Bd. 2).
- https://de.wikipedia.org/wiki/Hilda_Stern_Cohen (zuletzt aufgerufen am 12. September 2026).
- https://www.alemannia-judaica.de/stadtallendorf_synagoge.htm (zuletzt aufgerufen am 1. August 2026).
- Eintrag für Toni Stern im online-Gedenkbuch des Bundesarchivs.
- Eintrag für Meier Stern im online-Gedenkbuch des Bundesrachivs.
- Eintrag für Hedwig Stern, geb. Roth, im online-Gedenkbuch des Bundesarchivs.
