„Wichtige Arbeit für eigene unruhige Zeiten“ – Wiesbadener Ehrenamtliche erinnern an Familie Liffman (veröffentlicht am 9. Februar 2026)
Wer aufmerksam durch die hessische Landeshauptstadt geht, sieht sie überall: Stolpersteine für Wiesbadener Bürgerinnen und Bürger, die von den Nationalsozialisten und ihren Unterstützern verfolgt und ermordet wurden. Zu den Opfern gehören auch die Großeltern von Paul Liffman. Der promovierte Anthropologe hat lange Jahre am Colegio de Michoacán in Mexiko gelehrt. Seit seiner Emeritierung lebt er in Houston im US-Bundesstaat Texas. Schon mehrfach war er in Grünberg zu Gast, dem Ort, an dem Martin Blumenthal, sein Onkel mütterlicherseits, zur Schule ging. Als kritischer Freund und engagierter Gesprächspartner begleitet Paul Liffman die erinnerungskulturellen Aktivitäten an der Grünberger Theo-Koch-Schule.

(Foto: Stephanie Mitchell, Harvard Photography)

3. u. 4. v. r.: Inge Naumann-Götting und Roberta Donath, verantwortlich für Recherche und Publikation der Erinnerungsblätter im Aktiven Museum Spiegelgasse Wiesbaden (AMS);
3. v. l.: Elisabeth Lutz-Kopp, verantwortlich für die Stolpersteinverlegung im AMS
4. v. r.: Roland Presber (SPD), stellvertretender Ortsvorsteher des Bezirks Wiesbaden-Mitte
Im November 2026 sollen in Wiesbaden, dem Heimatort seines Vaters Leo und seiner Großeltern Johanna und Moritz Liffmann, Stolpersteine verlegt werden, und zwar vor der Emser Straße 11, dem letzten frei gewählten Wohnsitz der Familie. In Vorbereitung darauf präsentierte Inge Naumann-Götting, pensionierte Studienrätin und ehrenamtliche Mitarbeiterin des Aktiven Museums Spiegelgasse, am 3. Februar 2026 im Wiesbadener Rathaus eine Kurzbiografie der Familie Liffmann. Dieses sogenannte Erinnerungsblatt soll demnächst auf der Webseite des Museums, das sich dem Gedenken an die ehemaligen jüdischen Wiesbadener Mitbürgerinnen und Mitbürger widmet, veröffentlicht werden. Die Patenschaft für das Erinnerungsblatt Liffmann übernimmt der Ortsbeirat von Wiesbaden-Mitte, der bei der Präsentation im Rathaus durch den stellvertretenden Ortsvorsteher Roland Presber (SPD) vertreten wurde.
Während seine Mutter und die Großeltern Blumenthal durch die Unterstützung des Onkels im Dezember 1940 in die USA emigrieren konnten, hat Paul Liffman seine Großeltern väterlicherseits nie kennengelernt: Moritz Liffmann, Geschäftsführer in einem renommierten Wiesbadener Kaufhaus, später als Handlungsreisender und unter dem NS-Regime als Auswanderungshelfer tätig, wurde am 1. August 1942 nach sechswöchiger Inhaftierung im Wiesbadener Polizeigefängnis nach Auschwitz deportiert und ermordet. Johanna Liffmann, geborene Dewertoll, aus katholischem Elternhaus in Wien stammend, hatte mit der Heirat die deutsche Staatsbürgerschaft erworben und war zum Judentum übergetreten. Unter dem NS-Regime blieb sie mit ihrem jüdischen Ehemann zusammen, obwohl sie sich damit der nationalsozialistischen Verfolgung aussetzte. Zweieinhalb Jahre, nachdem sie vom gewaltsamen Tod ihres Ehemannes hatte erfahren müssen, starb sie am 19. Januar 1945 nach schwerer Erkrankung in einem Wiesbadener Hospiz.


Anfang der 1930er Jahre (Foto: Paul Liffman)
Was Paul Liffman über seine Wiesbadener Großeltern wusste, hatte er von seinem Vater Leo erfahren. Diesem war nach dreiwöchiger Inhaftierung in Buchenwald im Dezember 1938 die Flucht in die Vereinigten Staaten gelungen, wo er das zweite ‚n‘ seines Nachnamens ablegte und sich als Ingenieur etablierte. Im Mai 1985 gab Leo Liffman dem Historiker Sidney Bolkosky, Professor an der Universität von Michigan-Dearborn, ein ausführliches Interview. Darin schilderte er anschaulich sein Aufwachsen im bürgerlich-assimilierten jüdischen Milieu der Kurstadt, erzählte von Theaterbesuchen und Schabbat-Essen im gastfreien Elternhaus, aber auch von antisemitischen Schikanen durch nichtjüdische Mitschüler – und dies seit Mitte der 1920er Jahre, also lange vor der Regierungsübernahme der Nationalsozialisten.
Das Bild des jüdischen Vorkriegsmilieus in Wiesbaden, das sich Paul Liffman durch die Erzählungen seines Vaters gemacht hatte, konnte durch die Erinnerungsarbeit der Wiesbadener Ehrenamtlichen schärfer konturiert werden. Bereits im November 2025 hatte der pensionierte Studienrat Klaus Flick eine ausführliche Familienbiografie der Liffmanns veröffentlicht, und zwar auf seiner Webseite über die sogenannten „Judenhäuser“ Wiesbadens. In zwei solcher Zwangsquartiere – in die Blumenstraße 7, später in die Rheinstraße 81 – hatte nämlich auch das Ehepaar Liffmann auf Anordnung der nationalsozialistischen Stadtverwaltung umziehen müssen. Johanna Liffmann-Dewertoll blieb im „Judenhaus“ Rheinstraße 81 wohnen, auch nachdem ihr Ehemann verhaftet und deportiert worden war.
Für die Präsentation des Erinnerungsblatts im Wiesbadener Rathaus hatte Paul Liffman eine Videobotschaft aufgezeichnet. Darin dankte er dem Wiesbadener Stadtarchiv, Klaus Flick und Inge Naumann-Götting sowie den anderen Engagierten des Aktiven Museums Spiegelgasse für ihre erinnerungskulturelle Arbeit. „Ich bin mir sicher“, erklärte Paul Liffmann, „dass meinem Vater diese Anerkennung viel bedeutet hätte, denn ich erinnere mich, dass es ein Wendepunkt in seinem Leben war, als er eine offizielle Einladung in 1988 annahm, zum ersten Mal seit seiner Flucht im Jahr 1938 und kurz vor seinem Tod im Jahr 1992 die Stadt seiner Geburt, Jugend und seines Jungen-Erwachsenenalters zu besuchen.“ Die „öffentliche Erinnerung an die grausamen Mechanismen der rechtsextremen Herrschaft“, so Liffmans Fazit, „ist eindeutig eine wichtige Form der historischen und politischen Arbeit für unsere eigenen unruhigen Zeiten.“
Solidarität mit der jüdischen Gemeinde in Gießen (veröffentlicht am 19. Januar 2026)
Wir als Theo-Koch-Schule und als Mitglieder der TKS-Gruppe „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ solidarisieren uns mit den Mitgliedern der jüdischen Gemeinde in Gießen, auf deren Beit Jaakov-Synagoge am Dienstag, dem 13. Januar 2026, ein Brandanschlag verübt wurde. Wir schließen uns den Worten der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Gießen-Wetzlar e. V. und des Partnerschaftsvereins Gießen-Netanya e. V. an, bei dem TKS-Lehrerin Christina Müller Mitglied ist:
„Mit großem Entsetzen und Erschrecken hat der Vorstand [der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Gießen-Wetzlar e. V.; Anm. d. Red.] den Brandanschlag am vergangenen Dienstagabend auf die Synagoge der jüdischen Gemeinde in Gießen aufgenommen. Wie gut, dass aufmerksame Bürger Schlimmeres verhindert haben. Die Gewalttat zeigt, wie gefährdet nach wie vor jüdisches Leben in unserer Mitte ist und wir alle zur höchsten Wachsamkeit und Solidarität mit unseren jüdischen Geschwistern aufgerufen sind. Neben dem Schutz durch die staatliche Macht ist die bürgerliche Wachsamkeit aller Menschen gefragt. Die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Gießen-Wetzlar steht der jüdischen Gemeinde zur Seite und setzt sich mit ihr weiterhin für ein tolerantes und gewaltfreies Miteinander aller Menschen ein. Wir bitten gemeinsam Gott, um seinen Schutz und um Weisheit und Mut, allem antisemitischen Denken und Aktivitäten wirksam entgegenzutreten.“1
„Am Dienstagabend ist ein Brandanschlag auf die Synagoge in Gießen verübt worden. Mit Betroffenheit und Erschütterung haben wir diesen Angriff aufgenommen. Der Versuch, ein jüdisches Gotteshaus in Brand zu stecken, hat eine historische Dimension und erinnert daran, was jüdischen Menschen im November 1938 auch ich Gießen angetan wurde. Als Partnerschaftsverein Gießen-Netanya e. V. drücken wir unsere Solidarität mit unseren jüdischen Freundinnen und Freunden aus und verurteilen auf das Entschiedenste Antisemitismus und jede Form von Gewalt. Wir stehen an der Seite der jüdischen Gemeinde Gießen. Unsere Solidarität gründet sich auf die vielfältigen Kontakte und Beziehungen, die wir pflegen. Wir stehen miteinander in engem Austausch, wir nehmen gegenseitig an Festen Anteil und treten gemeinsam für freiheitliche Demokratie und Toleranz ein. Umso betroffener macht uns dieser erneute und besonders schlimme Angriff auf jüdisches Leben mitten unter uns, umso mehr erschüttert uns der Antisemitismus und die Bedrohung, denen unsere Freundinnen und Freunde ausgesetzt sind.“2
Erinnerungsarbeit an Grünberger Schulen geht weiter (veröffentlicht am 19. Dezember 2025)3
Nach der Sommerpause 2025 geht die Erinnerungsarbeit in Grünberg weiter. So pflanzten Lernende und Lehrkräfte der Gallus-Schule und der Theo-Koch-Schule (TKS) am 23. Oktober eine Allee mit sieben Obstbäumen auf dem Schulcampus. Die Bäume stehen für die sieben Heimatorte der 51 jüdischen Schüler und Schülerinnen, die bis 1934 die weiterführende Schule in Grünberg besucht haben: Treis an der Lumda, Allendorf an der Lumda, Nordeck, Rabenau, Grünberg, Nieder-Ohmen und Nieder-Gemünden. Die Baumallee soll zu einem Gedenkort für die Schulgemeinden, die Nachkommen der jüdischen Ehemaligen und die interessierte Öffentlichkeit werden. Dafür stellten die Teilnehmenden einer Projektwoche in der Gallus-Schule Ende November Kerzenständer und Namensschilder her. Nachdem bereits die Baumschule Becker aus der Rabenau, der Grünberger Obst- und Gartenbauverein, der Förderverein der Gallus-Schule und engagierte Einzelpersonen für die Baumreihe gespendet hatten, trafen im November weitere Finanzierungszusagen ein: vom Förderverein der Theo-Koch-Schule, der Sparkasse Grünberg, dem Freundeskreis des Museums im Spital Grünberg und Dietrich Christian Bender als Paten der TKS-Gruppe „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“.


Auch die Kontakte zu Nachkommen der jüdischen Ehemaligen konnten weiter gepflegt werden. Am 25. November sprachen Mitglieder einer TKS-Arbeitsgruppe, die sich mit den Biografien jüdischer Ehemaliger beschäftigt, online mit zwei Nachkommen in den USA: Elaine Simonson und Lawrence Bacow sowie dessen Ehefrau Adele Fleet Bacow. Elaine Simonson und Lawrence Bacow – Letzterer war von 2018 bis 2023 Präsident der Harvard-Universität – sind die Enkelkinder von Leopold Wertheim. Geboren 1891 in Rüddingshausen in der nahegelegenen Rabenau, hatte Leopold Wertheim ab 1902 die Höhere Bürgerschule in Grünberg besucht und später als Viehhändler in Londorf gearbeitet. Im September 1942 war er mit Ehefrau Emma und Tochter Ruth aus Londorf nach Theresienstadt verschleppt worden. Von dort wurde die Familie im Oktober 1944 nach Auschwitz deportiert. Leopold und Emma Wertheim wurden in den Gaskammern des Vernichtungslagers ermordet.
Elaine Simonson und Lawrence Bacow haben ihre Großeltern also nie kennengelernt. Was sie über den jüdischen Alltag im Oberhessen der Vorkriegszeit wissen, haben sie von ihrer Mutter erfahren. In Auschwitz für Zwangsarbeit selektiert und einige Wochen später in das Arbeitslager Merzdorf im Riesengebirge verbracht – heute Marciszów in Polen –, überlebte Ruth Wertheim als Einzige die Deportation der Londorfer Jüdinnen und Juden. Eindrücklich schilderte Elaine Simonson in der Videokonferenz, wie ihre Mutter nach der Befreiung und tagelangem Fußmarsch quer durch Deutschland in ihr Elternhaus in Londorf zurückkehrte – das inzwischen von nichtjüdischen Nachbarn bezogen worden war. Hier erfuhr Ruth, dass auch ihre ältere Schwester Inge den Holocaust nicht überlebt hatte, und versuchte umso verzweifelter Kontakt aufzunehmen zu ihren Verwandten in Detroit. „In ihren Briefen schrieb sie“, so Elaine Simonson, „dass sie sich niemals in ihrem Leben so einsam gefühlt hat.“ Im Juli 1946 gelang Ruth Wertheim schließlich die Emigration in die Vereinigten Staaten, wo sie einige Jahre später Mitchell Bacow, einen jüdischen Immigranten, heiratete.

„Wie konnte es sein“, fragte ein Mitglied der TKS-Arbeitsgruppe in der Videokonferenz, „dass das Leben eines erfolgreichen Geschäftsmanns und angesehenen Bürgers wie Leopold Wertheim durch bloße Ideologie vollkommen zerstört werden konnte?“ – „Das ganze Konzept von Antisemitismus bzw. Rassismus“, so die Antwort von Lawrence Bacow, „ist es, Menschen zu entmenschlichen. Sie nicht mehr als Individuen zu sehen, sondern als Labels. Schaut euch an, wie während des Holocausts Menschen beschrieben wurden: als Ungeziefer, als Tiere. Sobald man Menschen nicht mehr als Individuen sieht, beraubt man sie ihrer Würde. Sie zu töten, ist dann wie … einen Käfer zu zerquetschen. Das war die Strategie der Nationalsozialisten: die Juden zu entmenschlichen, sie für alles Schlechte verantwortlich zu machen. Das passiert auch heute noch – mit allen Gruppen, die diskriminiert werden.“

Am 28. November, drei Tage nach der Videokonferenz, wurde in Grünberg ein weiterer Nachkomme persönlich begrüßt: Paul Liffman, Neffe des ehemaligen Grünberger Schülers Martin Blumenthal, war mit seiner Ehefrau Carol Kazmer Liffman aus den USA angereist. Interessierte Lehrkräfte und Lernende aus beiden Schulen kamen in der Bibliothek der Theo-Koch-Schule mit den Gästen ins Gespräch. Beim Betrachten eines Bilderbuches für Kinder über den Holocaust bemerkte Carol Kazmer-Liffman, es sei offensichtlich ein Stereotyp, dass alle Juden dunkelhaarig seien: „Aber wir wissen, dass zum Beispiel Pauls Mutter und Großmutter blaue Augen und helles Haar hatten.“
Dies war eine gute Gelegenheit für Paul Liffman, eine Geschichte aus dem Erinnerungsrepertoire seiner Familie zu erzählen: Seine Mutter Berti Blumenthal wurde 1924 in Londorf geboren. Sie wuchs in Kesselbach auf. An einem heißen Sommertag ging sie mit ihrer Mutter, Pauls Großmutter, in einer nahegelegenen Stadt einkaufen. Es muss Mitte der 1930er Jahre gewesen sein, nach der Verkündigung der Nürnberger Gesetze, die die jüdische Präsenz im öffentlichen Leben kriminalisierten. Wegen der Hitze waren die Türen der Geschäfte aufgestemmt. So konnte Pauls Großmutter das Schild nicht sehen, auf dem stand: „Juden nicht erwünscht.“ Sie ging in den Laden und wurde mit „Heil Hitler“ begrüßt. Stereotyp „arisch“ aussehend, wurde sie glücklicherweise nicht als Jüdin erkannt. Sie erwiderte den Nazi-Gruß, nahm Bertis Hand und ging so schnell wie möglich hinaus.
Berti Blumenthal und ihrer Familie gelang beinahe in letzter Minute die Flucht vor den Nazis. Mithilfe ihres Bruders Martin, der bereits mehr als zwei Jahre zuvor emigriert war, erreichten sie und ihre Eltern im Januar 1941 New York. Nach dem Krieg heiratete sie Leo Liffman, einen jüdischen Flüchtling aus Wiesbaden. Für Leo Liffman und seine Eltern, Paul Liffmans Großeltern, sollen im kommenden Jahr in Wiesbaden Stolpersteine verlegt werden. Pauls Großvater väterlicherseits wurde in Auschwitz ermordet. Seine Großmutter, eine „arische“ Konvertitin zum Judentum aus Wien, lebte isoliert in einem sogenannten „Judenhaus“, bevor sie, statt in ein Konzentrationslager deportiert zu werden, an einer schweren Krankheit starb. Lernende und Lehrkräfte der Theo-Koch-Schule möchten für diese Stolpersteine die Patenschaft übernehmen.
- Email des evangelischen Vorstands der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit e. V., Wolfgang Grieb, vom 17. Januar 2026.
↩︎ - Social Media-Post von Matthias Weidenhagen, Vorstandsmitglied des Partnerschaftsvereins Gießen-Netanya, vom 18. Januar 2026.
↩︎ - Wir danken Jörg Keller, Paul Liffman und Elaine Simonson für wertvolle Korrekturhinweise.
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