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Erinnerungsarbeit an Grünberger Schulen geht weiter

Von Christina Müller (veröffentlicht am 19. Dezember 2025)1

Nach der Sommerpause 2025 geht die Erinnerungsarbeit in Grünberg weiter. So pflanzten Lernende und Lehrkräfte der Gallus-Schule und der Theo-Koch-Schule (TKS) am 23. Oktober eine Allee mit sieben Obstbäumen auf dem Schulcampus. Die Bäume stehen für die sieben Heimatorte der 51 jüdischen Schüler und Schülerinnen, die bis 1934 die weiterführende Schule in Grünberg besucht haben: Treis an der Lumda, Allendorf an der Lumda, Nordeck, Rabenau, Grünberg, Nieder-Ohmen und Nieder-Gemünden. Die Baumallee soll zu einem Gedenkort für die Schulgemeinden, die Nachkommen der jüdischen Ehemaligen und die interessierte Öffentlichkeit werden. Dafür stellten die Teilnehmenden einer Projektwoche in der Gallus-Schule Ende November Kerzenständer und Namensschilder her. Nachdem bereits die Baumschule Becker aus der Rabenau, der Grünberger Obst- und Gartenbauverein, der Förderverein der Gallus-Schule und engagierte Einzelpersonen für die Baumreihe gespendet hatten, trafen im November weitere Finanzierungszusagen ein: vom Förderverein der Theo-Koch-Schule, der Sparkasse Grünberg, dem Freundeskreis des Museums im Spital Grünberg und Dietrich Christian Bender als Paten der TKS-Gruppe „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“.

Bäume pflanzen und erinnern; Schulcampus TKS und Gallus-Schule, 23. Oktober 2025; von links nach rechts: Marc Lang, Schulsozialarbeiter TKS; Karl Otto Wiesner, Obst- und Gartenbauverein Grünberg; Fee Klein, Jg. 12; Mykhailo Momot, Jg. 10 (beide TKS)
Kerzenständer und Namensschilder basteln: Werkraum der Gallus-Schule, 26. November 2025; rechts im Bild: Monika Hotte, Lehrerin an der Gallus-Schule und Initiatorin der Erinnerungsallee

Auch die Kontakte zu Nachkommen der jüdischen Ehemaligen konnten weiter gepflegt werden. Am 25. November sprachen Mitglieder einer TKS-Arbeitsgruppe, die sich mit den Biografien jüdischer Ehemaliger beschäftigt, online mit zwei Nachkommen in den USA: Elaine Simonson und Lawrence Bacow sowie dessen Ehefrau Adele Fleet Bacow. Elaine Simonson und Lawrence Bacow – Letzterer war von 2018 bis 2023 Präsident der Harvard-Universität – sind die Enkelkinder von Leopold Wertheim. Geboren 1891 in Rüddingshausen in der nahegelegenen Rabenau, hatte Leopold Wertheim ab 1902 die Höhere Bürgerschule in Grünberg besucht und später als Viehhändler in Londorf gearbeitet. Im September 1942 war er mit Ehefrau Emma und Tochter Ruth aus Londorf nach Theresienstadt verschleppt worden. Von dort wurde die Familie im Oktober 1944 nach Auschwitz deportiert. Leopold und Emma Wertheim wurden in den Gaskammern des Vernichtungslagers ermordet.

Elaine Simonson und Lawrence Bacow haben ihre Großeltern also nie kennengelernt. Was sie über den jüdischen Alltag im Oberhessen der Vorkriegszeit wissen, haben sie von ihrer Mutter erfahren. In Auschwitz für Zwangsarbeit selektiert und einige Wochen später in das Arbeitslager Merzdorf im Riesengebirge verbracht – heute Marciszów in Polen –, überlebte Ruth Wertheim als Einzige die Deportation der Londorfer Jüdinnen und Juden. Eindrücklich schilderte Elaine Simonson in der Videokonferenz, wie ihre Mutter nach der Befreiung und tagelangem Fußmarsch quer durch Deutschland in ihr Elternhaus in Londorf zurückkehrte – das inzwischen von nichtjüdischen Nachbarn bezogen worden war. Hier erfuhr Ruth, dass auch ihre ältere Schwester Inge den Holocaust nicht überlebt hatte, und versuchte umso verzweifelter Kontakt aufzunehmen zu ihren Verwandten in Detroit. „In ihren Briefen schrieb sie“, so Elaine Simonson, „dass sie sich niemals in ihrem Leben so einsam gefühlt hat.“ Im Juli 1946 gelang Ruth Wertheim schließlich die Emigration in die Vereinigten Staaten, wo sie einige Jahre später Mitchell Bacow, einen jüdischen Immigranten, heiratete.

Videokonferenz mit Nachkommen; Theo-Koch-Schule, 25. November 2025; oben links: Lernende und Lehrende der Theo-Koch-Schule; oben rechts: Elaine Simonson, Enkelin von Leopold Wertheim; unten: Adele Fleet Bacow; Lawrence Bacow, Enkel von Leopold Wertheim

„Wie konnte es sein“, fragte ein Mitglied der TKS-Arbeitsgruppe in der Videokonferenz, „dass das Leben eines erfolgreichen Geschäftsmanns und angesehenen Bürgers wie Leopold Wertheim durch bloße Ideologie vollkommen zerstört werden konnte?“ – „Das ganze Konzept von Antisemitismus bzw. Rassismus“, so die Antwort von Lawrence Bacow, „ist es, Menschen zu entmenschlichen. Sie nicht mehr als Individuen zu sehen, sondern als Labels. Schaut euch an, wie während des Holocausts Menschen beschrieben wurden: als Ungeziefer, als Tiere. Sobald man Menschen nicht mehr als Individuen sieht, beraubt man sie ihrer Würde. Sie zu töten, ist dann wie … einen Käfer zu zerquetschen. Das war die Strategie der Nationalsozialisten: die Juden zu entmenschlichen, sie für alles Schlechte verantwortlich zu machen. Das passiert auch heute noch – mit allen Gruppen, die diskriminiert werden.“

Gespräch mit (von links nach rechts) Carol Kazmer Liffman; Paul Liffman (Neffe von Martin Blumenthal); TKS-Lehrer Nico Gehle; Bibliothek der Theo-Koch-Schule, 28. November 2025

Am 28. November, drei Tage nach der Videokonferenz, wurde in Grünberg ein weiterer Nachkomme persönlich begrüßt: Paul Liffman, Neffe des ehemaligen Grünberger Schülers Martin Blumenthal, war mit seiner Ehefrau Carol Kazmer Liffman aus den USA angereist. Interessierte Lehrkräfte und Lernende aus beiden Schulen kamen in der Bibliothek der Theo-Koch-Schule mit den Gästen ins Gespräch. Beim Betrachten eines Bilderbuches für Kinder über den Holocaust bemerkte Carol Kazmer-Liffman, es sei offensichtlich ein Stereotyp, dass alle Juden dunkelhaarig seien: „Aber wir wissen, dass zum Beispiel Pauls Mutter und Großmutter blaue Augen und helles Haar hatten.“

Dies war eine gute Gelegenheit für Paul Liffman, eine Geschichte aus dem Erinnerungsrepertoire seiner Familie zu erzählen: Seine Mutter Berti Blumenthal wurde 1924 in Londorf geboren. Sie wuchs in Kesselbach auf. An einem heißen Sommertag ging sie mit ihrer Mutter, Pauls Großmutter, in einer nahegelegenen Stadt einkaufen. Es muss Mitte der 1930er Jahre gewesen sein, nach der Verkündigung der Nürnberger Gesetze, die die jüdische Präsenz im öffentlichen Leben kriminalisierten. Wegen der Hitze waren die Türen der Geschäfte aufgestemmt. So konnte Pauls Großmutter das Schild nicht sehen, auf dem stand: „Juden nicht erwünscht.“ Sie ging in den Laden und wurde mit „Heil Hitler“ begrüßt. Stereotyp „arisch“ aussehend, wurde sie glücklicherweise nicht als Jüdin erkannt. Sie erwiderte den Nazi-Gruß, nahm Bertis Hand und ging so schnell wie möglich hinaus.

Berti Blumenthal und ihrer Familie gelang beinahe in letzter Minute die Flucht vor den Nazis. Mithilfe ihres Bruders Martin, der bereits mehr als zwei Jahre zuvor emigriert war, erreichten sie und ihre Eltern im Januar 1941 New York. Nach dem Krieg heiratete sie Leo Liffman, einen jüdischen Flüchtling aus Wiesbaden. Für Leo Liffman und seine Eltern, Paul Liffmans Großeltern, sollen im kommenden Jahr in Wiesbaden Stolpersteine verlegt werden. Pauls Großvater väterlicherseits wurde in Auschwitz ermordet. Seine Großmutter, eine „arische“ Konvertitin zum Judentum aus Wien, lebte isoliert in einem sogenannten „Judenhaus“, bevor sie, statt in ein Konzentrationslager deportiert zu werden, an einer schweren Krankheit starb. Lernende und Lehrkräfte der Theo-Koch-Schule möchten für diese Stolpersteine die Patenschaft übernehmen.

  1. Jörg Keller, Paul Liffman und Elaine Simonson danke ich für wertvolle Korrekturhinweise und Ergänzungen. ↩︎