
Ebo Rothschild wurde am 4. November 1902 in Londorf geboren. Sein Vater war der Fruchthändler Markus Rothschild, geboren am 26. Dezember 1863 in Londorf, dessen Vorfahren seit mindestens zwei Generationen in dem oberhessischen Dorf ansässig waren. Seine Mutter Emma, geb. Mosheim, war am 12. Januar 1865 in Adorf bei Diemelsee im Kreis Waldeck-Frankenberg geboren worden, wo bis 1938 eine kleine jüdische Gemeinde bestand. Ebo Rothschild hatte keine Geschwister. Die Rothschilds wohnten in der Gießener Straße 70, „am Kreuz“. In ihrem Laden verkauften sie auch Mehl.1
Die jüdische Gemeinde hatte eine lange Tradition in Londorf: „Das Gebiet der ‚Rabenau‘ – zu dem die Orte Londorf wie auch Geilshausen, Kesselbach und Rüddingshauen gehörten – unterstand den Freiherren von Nordeck zur Rabenau. Diese Patrimonialherren hatten schon seit 1650 das Recht zur Judenaufnahme. Da bereits 1722 ein ‚Judenbegräbnis‘ bestand, ist ziemlich sicher, daß um diese Zeit schon eine Judengemeinde Londorf (mit Filialorten) existierte. […] Die Patrimonialrechte der Herren von Nordeck wurden erst nach 1822 aufgehoben.“2
Ebos Vater war 1924 einer der drei Vorsteher der Israelitischen Religionsgemeinde in Londorf. „Die Synagoge in Londorf in der Allendorfer Straße war ein alter Fachwerkbau“, heißt es bei dem Historiker Paul Arnsberg. „[D]er Betraum hatte etwa 80 bis 100 Plätze. Im Erdgeschoß des Hauses war die Lehrerwohnung, und im Hof befand sich die Mikwa. Das Synagogengebäude (3stöckig) wurde vor dem Ersten Weltkrieg renoviert. Die Gemeinde hatte 8 Thorarollen. […] Der letzte Vorsitzende der Gemeinde Adolf Joseph ist um 1935 nach den USA ausgewandert (er war 16 Jahre lang Gemeindevorsteher). […] Im November 1938 wurde die Synagoge demoliert; die Inneneinrichtung sowie alle Kultgegenstände verbrannten.“3
Nach dem Volksschulbesuch in Londorf trat Ebo Rothschild an Ostern 1912 in die Sexta (heute 5. Klasse) der Grünberger Realschule ein. In seiner Klasse war ein weiterer jüdischer Schüler: Leopold Stiebel aus Allendorf/Lumda. Ebo Rothschild durchlief die Quinta (6. Klasse), Quarta (7. Klasse), Untertertia (8. Klasse) und Obertertia (9. Klasse). Am 22. Dezember 1916 ging er aus Obertertia von der Grünberger Realschule ab, um auf das Realgymnasium Gießen (heute Herderschule) zu wechseln.
Am Gießener Realgymnasium legte Ebo Rothschild am 25. Februar 1921 das Abitur ab. Er studierte sieben Semester Jura an den Universitäten München und Gießen. An der Universität Gießen bestand er am 21. November 1924 die erste juristische Staatsprüfung. Im Juni 1928 legte er die zweite juristische Staatsprüfung mit der Note „gut“ ab. Zwischen der ersten und zweiten Staatsprüfung starb am 25. November 1926 Ebos Vater Markus Rothschild im Alter von 83 Jahren. Sein Grab ist auf dem jüdischen Friedhof in Londorf, Reihe 10, Nr. 9, erhalten.
Nach seinem zweiten Staatsexamen war Ebo Rothschild als Gerichtsassessor im hessischen Justizdienst tätig. Am 3. September 1929 wurde er, inzwischen 26-jährig, zur Rechtsanwaltschaft beim Landgericht der Provinz Starkenburg in Darmstadt zugelassen. Anschließend war er als jüngstes Mitglied mit den Rechtsanwälten Dr. Mainzer und Dr. Hermann Wolf in Darmstadt assoziiert. Die Kanzlei befand sich in der Bismarckstraße 48. Ob Ebo Rothschild selbstständiger Partner oder lediglich Angestellter seiner älteren Kollegen war, konnte im Entschädigungsverfahren nicht geklärt werden.4 Privat wohnte er in der Hermannstraße 14, später in der Friedrichstraße in Darmstadt. Seine Mutter Emma hatte ihr Haus in Londorf verkauft und war mit ihm nach Darmstadt gezogen.5 Sie starb im Alter von 67 Jahren am 9. Dezember 1932. Ihr Grab ist auf dem jüdischen Friedhof Londorf – neben dem Grab ihres Ehemannes Markus – erhalten.
Ebo Rothschilds Bevollmächtigter erklärte im Entschädigungsverfahren: „Die Anwaltssozietät Dr. Mainzer, Dr. Wolf und Rothschild genoß wegen der bekannten Tüchtigkeit ihrer Mitglieder einen hervorragenden Ruf weit über Hessen hinaus. Ein großer, zahlungskräftiger Klientenstamm vertraute ihr die Regelung aller Rechts- und Wirtschaftsangelegenheiten mit teilweise sehr hohen Streitwerten laufend an. Auch bei den Berufsgenossen standen die drei Anwälte in hohem Ansehen.“6
Dr. Wolf schrieb am 28. März 1933: „Ich hatte das Glück, mit Herrn Rechtsanwalt Ebo Rothschild einige Jahre assoziiert zu sein. In meiner nunmehr 27jährigen Praxis hatte ich eine große Reihe jüngerer Kollegen auf meinem Bureau zum Teil zur Ausbildung, zum Teil als Mitarbeiter beschäftigt. Keiner konnte sich mit Herrn Rothschild messen. Er ist nicht nur wissenschaftlich, sondern auch praktisch unerreicht geblieben. Seine Gewissenhaftigkeit ist mustergültig. Er nahm sich der Clientel als Mensch an u. hatte deshalb große Erfolge. Er ist dabei kaufmännisch durchgebildet und war deshalb der Clientel in schwierigen Verhältnissen eine besondere Stütze. Aber er war nicht nur Anwalt und Kaufmann, sondern vor allem mein bester Freund, der zuverlässigste Mensch, den ich neben meinem Bruder im Leben getroffen habe.“7
Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten begannen die antisemitischen Schikanen. Ebo Rothschild erinnert sich: „Bald nach der Wahl vom 5.3.1933 wurde ich aus meinem Buero, Darmstadt, Bismar[c]kstr. 48, von S.A.-Leuten herausgeholt und gezwungen, alte Wahlplakate der Linskparteien in unmittelbarer Naehe des Bueros mittels einer aetzenden Lauge abzukratzen, zusammen mit Rechtsanwalt Dr. Fritz Freund,8 der spaeter umgekommen ist.“9
Wenige Tage später folgte ein weiterer Schock: „Am Freitag, den 10. Maerz 1933 gegen Mitternacht hatte eine Rotte versucht, mich gewaltsam aus meiner Wohnung in Darmstadt, Friedrichstrasse, zu holen, offenbar von einem Prozessgegner namens Meder, damals Sturmbannfuehrer der S. A., geschickt. Ich weiss nicht, was geschehen waere, wenn mein Haustor nicht fest und die Schupo auf Telephonanruf nicht schnell zur Stelle gewesen waere.“10
Bald kam das Berufsverbot: Durch eine Verfügung des damaligen hessischen Justizministers vom 29. April 1933 wurde Ebo Rothschild mit Wirkung vom 1. Mai 1933 die Zulassung zur Anwaltschaft entzogen, weil er Jude war. Seine ebenfalls jüdischen Kollegen konnten die Kanzlei noch bis Oktober 1938 weiterführen, vermutlich weil sie bereits vor 1914 als Anwälte zugelassen worden waren oder weil sie unter das „Frontkämpferprivileg“ fielen.
Aber die Zerstörung der wirtschaftlichen Existenzgrundlage war noch nicht alles: „Bald nach der Entziehung der Anwaltschaft [a]nfangs Mai 1933 wurde ich eines Abends im Hause meines Sozius Dr. Mainzer zusammen mit diesem und dem Ministerialrat Dr. Schwamb verhaftet und zwar von S.A.-Leuten unter Fuehrung des vorgenannten Sturmbannfuehrers Meder. Zu unserem Glueck war ein Polizist in Uniform dabei, der verhinderte, dass man uns in’s ‚Braune Haus‘ brachte. Ich erinnere mich noch, dass beim Eintritt in’s Gefaengnis in der Runde[n] Turmstrasse – es war kein angenehmer Spaziergang von der Osannstrasse nachts zwischen 11 und 12 Uhr – Dr. Schwamb sagte: ‚Gott sei Dank, jetzt faengt die Sache an legal zu werden‘.“11
Über die Rechtsstaatlichkeit des NS-Regimes machte sich Ebo Rothschild nach diesen Erlebnissen keine Illusionen mehr – es blieb nur noch die Flucht. Der ehemalige Sozius Dr. Wolf hatte in dem bereits zitierten Zeugnis vom März 1933 geschrieben: „Ich bedauere unendlich seine [geplante] Ausreise aus Deutschland und hoffe und wünsche, daß er sich auch in seiner neuen Heimat die Herzen der Menschen erobern kann, wie sie ihm in Deutschland zuflogen.“12
Über die nun folgende Odyssee schrieb Ebo Rothschild im Entschädigungsverfahren: „Ich wollte, nachdem mir die Zulassung zur Rechtsanwaltschaft zum 1.5.1933 entzogen worden war, natuerlicherweise nicht unvorbereitet ins Ausland fahren und habe versucht mir Auslandsvertretungen zu beschaffen. Zu diesem Zwecke habe ich wiederholt Reisen nach Frankfurt, Stuttgart, Duesseldorf und sogar in die Schweiz gemacht. Dabei kam als relativ positives Ergebnis eine Vereinbarung mit dem inzwischen verstorbenen Herrn Julius BLOCH in Frankfurt/M zustande, der damals den gesamten Auslandsvertrieb der Produkte der Deutschen Milchwerke in Zwingeberg (Fissan)13 hatte und der mir die Vertretung dieser Produkte in Spanien in Aussicht stellte. Zu diesem Zwecke sollte ich mich nach Spanien begeben und an Ort und Stelle die Verhältnisse [zu] prüfen. Ich begann alsbald spanischen Sprachunterricht zu nehmen und fuhr Ende Dezember 1933 nach kurzem Zwischenaufenthalt in Düsseldorf zunaechst nach Holland, wo ich etwa zwei Wochen blieb, um mich nach Vertretungen umzusehen. Etwa Mitte Januar 1934 fuhr ich dann weiter nach Paris und versuchte auch hier Verbindungen anzuknuepfen, die mir eventuell in Spanien nuetzlich sein koennten. Etwas konkretes [sic] kam dabei nicht heraus und so fuhr ich am 8.2.1934 von Paris nach Barcelona.“14
Die Fissan-Vertretung gestaltete sich schwierig: „Da Herr Bloch die Bedingung gestellt hatte, dass die Fissan-Produkte nur mittels sogenannter Aerzte-Propagnada vertrieben werden sollen, war die praktische Arbeit von vornherein sehr schwierig. Ich erinnere mich, dass ich damals u.a. wiederholt mit Herrn Andress, der die Generalvertretung von Merk, Darmstadt und Knoll Ludwigshafen hatte, verhandelt habe, und dass ich auch eine ganze Reihe von Aerzten besucht habe. Gleichzeitig nahm ich weiter spanischen Sprachunterricht und begann die Prospekte ins spanische [sic] uebersetzen zu lassen. Damit verging das Jahr 1933 und ein Teil des Jahres 1934 und dann zerschlug sich die Angelegenheit Fissan, im wesentlichen weil sich inzwischen die Tochter des Herrn Bloch nach Spanien verheiratet hatte und Herr Bloch natuerlich seinen Schwiegersohn mit der Weiterfuehrung der Angelegenheit betraute.“15
Ebo Rothschild musste sich neu orientieren: „Ich nahm dann Verbindung mit der Firma Benavent y Marx in Barcelona auf, die die Vertretung der Fabriken Eisenwerk G. Meurer A.G. Cossebaude bei Dresden (Gasherde)[,] Prometheus Haller in Hamburg-Altona (Petroleumoefen) und Vaillant in Remscheid (Heisswasser-Speicher) fuer Spanien hatte. Diese Vertreterfirma wuenschte, dass ich mir die noetigen Fachkenntnisse durch den Besuch der vertretenen Fabriken aneignen solle und so fuhr ich, da mir die Sache aussichtsreich erschien, im August 1935 zunaechst in das Zweigwerk von Meurer nach Tetschen/Bodenbach (Sudetengebiet), wo ich etwa 14 Tage in der Fabrik arbeitete, dann nach Cossebaude, Altona und Remscheid. Die Gesamtreise duerfte meiner Erinnerung nach etwa 4–5 Wochen betragen haben. Nach meiner Rueckkehr nach Barcelona Ende September 1935 uebernahm ich dann die Vertretung der Firma Benavent y Marx fuer die Provinzen Valencia, Alicante, Murcia u. Almeria und zwar mit Wirkung ab 1.12.1935. Es gelang mir auch bald in Kontakt mit den Gaswerken der vorgenannten Provinzen zu kommen, vor allem mit dem Gaswerk in Valencia und der Verkauf schien sich gut anzulassen.“16
Doch der Erfolg war nicht von langer Dauer: „All meine Arbeit wurde aber schon nach kurzer Zeit zunichte und zwar durch den Ausbruch des sogenannten Buergerkriegs im Juli 1936. Ich sage ’sogenannt‘ weil schon sehr bald jedem im In- und Ausland klar wurde, dass die Urheber des Buergerkrieges Hitler und Mussolini waren, mit deren Unterstuetzung die Spanische Republik und somit das Asyl fuer juedische Emmigranten [sic] vernichtet wurde. […] Ich bemerke ausdruecklich, dass ich mich in Spanien niemals politisch betätigt habe und dass bei meinem Entschluss aus Spanien wegzuziehen nicht die Furcht vor Franco und seinem Regierungssystem, sondern ausschliesslich der Gedanke bestimmend war, dass mit Franco die Gestapo ihren Einzug in Spanien hielt.“17
Inzwischen hatte sich Ebo Rothschild mit Margarita (Grete) Ostwald verheiratet, einer jüdischen Emigrantin, geboren am 29. November 1906 in Koblenz. Sie hatte vor ihrer Emigration nach Spanien in Berlin gelebt und als Redakteurin einer Werbefirma gearbeitet.18 Die Hochzeit hatte am 21. November 1935 in Barcelona stattgefunden. Sie wohnten in Valencia, wo am 6. Oktober 1936 und am 2. Oktober 1937 ihre beiden Kinder Mario Francisco und Michael geboren wurden.
Ebo Rothschild erinnert sich im Entschädigungsverfahren: „Zunaechst hofften meine Frau und ich, dass dieser Krieg so wie in Barcelona, Valencia und Madrid bald mit dem Sieg der Republik enden werde. Aber bald mussten wir sehen, dass Franco mithilfe Mussolinis und Hitlers sich nicht nur in Nord-Afrika behauptete, sondern von dort in Sued- & Westspanien Fuss fasste und von dort immer weiter nach Norden und Osten vordrang. Schon im Herbst 1936 brach Hitler-Deutschland seine diplomatischen Beziehungen zur spanischen Republik ab und das brachte mir als deutschem Staatsangehoerigen zunaechst eine Haft von knapp 2 Wochen ein, eine groteske, aber nicht ungefaehrliche Situation, wenn man die Erbitterung der spanischen Bevoelkerung ueber die zunehmende faschistische Intervention beruecksichtigt. Ich konnte in stundenlangen Verhoeren durch die politische Polizei diese letztlich davon ueberzeugen, dass ich als Jude selbst ein Verfolgter Hitlers sei.“19
Auf das Eingreifen der Westmächte zugunsten der spanischen Republik hofften die Rothschilds vergebens: „Im Laufe des Jahres 1937 bekamen wir immer mehr das Gefuehl der Gefaehrdung, da die Farce der ‚Nichtintervention‘ die spanische Republik so gut, [sic] wie wehrlos machte und gleichzeitig die Schwaeche der westlichen Demokratien und vor allem ihren Mangel an politischer Voraussicht offenbarte. Wir, juedische Emigranten aus Deutschland, fuerchteten dabei weniger Franco und sein Regime, als die Tatsache, dass er seine Existenz wesentlich der Hilfe des Dritten Reichs (‚Legion Condor‘) verdankte und dass er etwaigen Auslieferungswuenschen der Gestapo nachkommen wuerde. Inzwischen war die Judenhetze u.a. auf Grund der Nuernberger Gesetze vom Jahre 1935 erheblich verschaerft worden, wovon wir uns im Radio tagtaeglich ueberzeugen konnten. Infolgedessen beschlossen meine Frau und ich Valencia zu verlassen, bevor diese Stadt von Franco besetzt wuerde und seine Nazihelfer uns sehr unangenehm werden koennten.“20
Der gefürchtete Fall schien im Winter 1937 einzutreten, „als Francos Truppen die Kuestenstrasse Valencia – Barcelona bedrohten. Und so sind wir, meiner Erinnerung nach Ende November 1937, mit unseren beiden kleinen Kindern – Mario geboren am 6. Oktober 1936 und Michael geboren am 2. Oktober 1937 – aus unserer Wohnung in Valencia, Calle Burriana 60, weggegangen und haben Unterschlupf in der Wohnung von Bekannten in Barcelona gefunden, die sich selbst damals in Frankreich aufhielten. Es hat dann doch noch einige Monate gedauert, bis die Verbindung zwischen Valencia und Barcelona abgeschnitten wurde, und ich bin allein Anfang Maerz 1938 fuer ein paar Tage nach Valencia zurueckgefahren und habe bei dieser Gelegenheit unsere Wohnung moebliert untervermietet. Genutzt hat uns dies nicht viel. Wir haben praktisch Alles verloren, was an Mobiliar dort war, insbesondere auch unsere Bibliothek, bestehend aus mehreren hundert Baenden Belletristik. Die juristische Bibliothek hatte ich schon in Darmstadt zurueckgelassen.“21
Aus dem Deutschen Reich kamen beunruhigende Nachrichten: „Mein letztes Erlebnis in Valencia – es duerfte der 10. oder 11. Maerz 1938 gewesen sein – war ein Bericht des deutschen Rundfunks ueber die Ereignisse in Wien, die dem ‚Anschluss‘ Oesterreichs unmittelbar vorausgingen. Als der Anschluss selbst sich ohne jede Reaktion seitenes der Westmaechte vollzog – genau so wie vorher die Remilitarisierung und die Besetzung des linken Rheinufers – und als wir in unserer Wohnung in Barcelona bei Westwind die Beschiessung von Lerida, einer Stadt, etwa 90 km westlich von Barcelona gelegen, hoerten, war es mit unserer ‚Standfestigkeit‘ vorbei. Wir beschlossen, Spanien zu verlassen und dem Beispiel der anderen juedischen Emigranten zu folgen, die fast ausnahmslos Spanien wieder verlassen hatten.“22
Die Situation in Spanien war für die Rothschilds unhaltbar geworden. Sie planten die Flucht nach Frankreich. „Zu diesem Zwecke“, so Ebo Rothschild im Entschädigungsverfahren, „beschaffte ich mir unter grossen Schwierigkeiten ein franzoesisches Touristenvisum – das franzoesische Konsulat in Barcelona war Tag und Nacht von Hunderten von Bittstellern belagert, die um ihr Leben fuerchteten – und wir verliessen Spanien am 10. April 1938. Wir kamen per Flugzeug der ‚Air France‘ zunaechst nach Marseille und von dort per Autobus etwa am 15.4.1938 nach Cavelaire s/Mer, damals ein kleines Fischerdorf zwischen Toulon und St. Raphael (Department Var).“23
Doch die rigide Asylpolitik Frankreichs stellte die jüdischen Geflüchteten vor immense Herausforderungen: „Unser Aufenthalt in Frankreich von April 1938 bis [A]nfang September 1939 war ein staendiger Kampf um vorlaeufigen Aufenthalt und Aufschub der wiederholten Ausweisungsbefehle und gleichzeitig ein dauerndes Bemuehen ein Visum in ein aussereuropaeisches Land zu erhalten.“24
Die ständige Furcht vor der Abschiebung zerrte an den Nerven, wie Ebo Rothschild in einem späteren Schreiben schildert: „Ich fuhr regelmaessig nach Paris, um keine eventuelle Chance wegen eines Visums auszulassen. Bei einem solchen Aufenthalt wurde in einem Hotel in Neuilly s/Seine von der Polizei festgestellt, dass mein Visum laengst abgelaufen war. Ich erhielt im Polizeipraesidium in Paris ein ‚Ordre de refoulment‘ (Ausweisungsbefehl) ausgehaendigt, was spaeter von der fuer Cavalaire s/Mer zustaendigen Gendarmerie in St. Tropez wiederholt wurde. Durch die Intervention von Freunden im Innenministerium in Paris erhielt ich ein ‚Sursis‘ (Aufschub).“25
Die Visumbeschaffung forderte Hartnäckigkeit und schier übermenschliche Geduld: „Schon wenige Tage nachdem wir in Cavlaire s/Mer, unweit Toulon, Unterkunft gefunden hatten, fuhr ich nach Paris, um Moeglichkeiten der Weiterwanderung ausfindig zu machen. Das Ergebnis war nicht ermutigend. Ein regulaeres Visum mit Arbeitserlaubnis gab es fuer einen juedischen Emigranten aus Deutschland in kein Land mehr und so begann fuer mich das entnervende Aufsuchen von Konsulaten und Reisebueros, die meistens die Notlage des Emigranten auszunutzen versuchten. Ich lief jedem Geruecht nach, das die Erteilung eines Visums versprach. Ich erinnere mich zum Beispiel, dass ich in einem Reisebuero in Paris einen Vorschuss fuer ein Visum nach Ecuador gezahlt hatte. Nachdem ich wochenlang vergeblich gewartet hatte, erklaerte man mir, das Visum koenne nicht in meinen deutschen Juden-Pass erteilt werden. Man schlug mir deshalb vor, mit einem portugiesischen Pass zu reisen, fuer dessen ‚Herstellung‘ ich natuerlich einen weiteren Betrag zahlen muesste. Ich verzichtete daraufhin auf das Visum. Den gezahlten Vorschuss erhielt ich nicht zurueck.“26
Der Weg in die USA, das Wunschland vieler Emigranten, war versperrt: „Ein Verwandter meiner Frau, der USA-Buerger war, schickte uns ein Affidavit fuer Nord-Amerika. Wir wurden auch auf dem USA-Konsulat in Marseille registriert, aber darauf hingewiesen, dass mit den Visen erst in einigen Jahren zu rechnen sei, da die deutsche Quote auf Jahre hin voll sei.“27
Über die Sicherheit der jüdischen Exilanten in Frankreich machten sich die Rothschilds keinerlei Illusionen: „Wir mussten […] fuerchten, dass Franco, der Hitler zu grossem Dank verpflichtet war […], sich aktiv an Hitler’s drohendem Angriff gegen Frankreich beteiligen wuerde, zumal damals Hitler selbst noch zwischen dem Erstangriff gegen Westen und dem gegen Osten schwankte […]. Fuer uns war Frankreich schon geschlagen, bevor es im Jahr 1939 zum Krieg und im Fruehjahr 1940 zum tatsaechlichen Angriff kam, der urspruenglich auf den 12. November 1939 geplant war […].“28
Die beunruhigenden Nachrichten aus dem Deutschen Reich bestärkten die Rothschilds in ihrem Entschluss zur Weiterwanderung: „Ich bemuehte mich angesichts der Ereignisse vom November 1938 und der weiteren [a]ussenpolitischen Erfolge Hitlers (u.a. der Zerschlagung der Tschechoslowakei) um ein Visum in irgend ein suedamerikanisches Land, in dem wir bei einer Neueinordnung wenigstens keine Sprachschwierigkeiten haetten. Wie durch ein Wunder erhielt ich am Donnerstag, den 31.8.1939 das Chilenische Visum (zwar mit Hilfe einer franzoesischen Firma nur ein kommerzielles Visum, das die Vorlage auch einer Rueckfahrtpassage erforderlich machte) und am 1.9.1939 das argentinische Transitvisum.“29
Es folgte eine weitere Odyssee: „Wir verliessen Frankreich – wenn ich mich nicht irre am 9. September 1939 – von Le Havre aus. Das Schiff ‚Jamaique‘ fuhr ueber Brest, Casablanca, Dakar (Senegal) nach Rio de Janeiro, Santos, Montevideo nach Buenos Aires, wo wir am 12.10.1939 ankamen. Wir blieben dort einige Tage und fuhren dann per Bahn nach Santiago de Chile, die Teilstrecke Mendoza – Los Andes im Auto, da die Bahnstrecke damals unterbrochen war.“30 Auf dem Schiff müssen die Rothschilds am 2. und 6. Oktober den dreijährigen und den zweijährigen Geburtstag ihrer Söhne Mario und Michael „gefeiert“ haben.
Vom 1. Juli 1942 bis zum 31. Dezember 1954 war Ebo Rothschild Teilhaber der Handelsgesellschaft „ARTEX Rothschild y Tichauer Soc. Com.“ in Concepion, Chile, Barros Arana No777. Genaueres über seine Arbeit bei der Handelsgesellschaft ist aus der Entschädigungsakte nicht zu erfahren.
Am 18. Oktober 1955 emigrierten Ebo und Greta Rothschild mit ihren Kindern nach Israel. Sie lebten zunächst in Ramleh, später in Herzlia. Ebo Rothschild nannte sich in Israel Abi.
Die Existenznöte endeten auch in der neuen Heimt nicht, wie Grete Rothschild rückblickend schreibt: „Nach einiger Zeit erschienen in den Zeitungen Anzeigen, dass frühere deutsche Anwälte gesucht würden. Es war der Anfang der durch Adenauer bewirkten deutschen Wiedergut-Machung (U.R.O. [United Restitution Organization]). Alles schien gut zu gehen, bis sich bei meinem Mann periodische Depressionen einstellten, die jeweils neun Monate dauerten. Der Zustand verschlechterte sich so sehr, dass es in Tel Aviv zu einer Kündigung führte. Um ihm zu helfen, vermittelte man ihm einen zweijährigen Arbeitsvertrag bei der U.R.O. in Frankfurt (Main). In Deutschland verschlimmerte sich sein Zustand weiter, sodass man seinen Vertrag auf ein Jahr reduzierte. Er war nicht mehr fähig seine und auch meine berechtigte Wiedergut-Machung zu betreiben […]. Wir kehrten noch im gleichen Jahre [1962?] nach Israel zurück, wo sich die Gesundheit meines Mannes immer mehr verschlimmerte. […] Mein Mann starb am 2. August 1977 [in Rechovot, Israel].“31
Auch Grete Rothschild hatte mit Depressionen und anderen gesundheitlichen Problemen zu kämpfen. Sie starb am 8. Oktober 1986 in Herzlia, Israel.
Quellen:
- Hauptliste der Schüler und Schülerinnen der Höheren Bürgerschule Grünberg i. H. (bis Ostern 1914) und Realschule (O. 1914–O. 1926) und Oberrealschule (O. 1926–O. 1938) und Oberschule für Jungen (ab O. 139). Angefangen: Ostern 1910. Beendet mit Schluß des Schuljahres 1938/39 (Archiv der Theo-Koch-Schule).
- 50 Jahrfeier der Oberrealschule zu Grünberg in Hessen. 22.–24. Mai 1926. Gedenkblätter von Oberstudiendirektor W. Angelberger und Studienrat O. Steuernagel, Grünberg i. H. 1926 (Archiv der Theo-Koch-Schule).
- Entschädigungsakte von Ebo Rothschild, Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden (HHStAW), Best. 518, Nr. 29002.
- Paul Arnsberg: Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang, Untergang, Neubeginn. Erster Band, Frankfurt a. M. 1971.
- Arthur Rothmann: Jüdisches Leben in der Rabenau. In: Gabriele Hofmann und Harald Jung (Hg.): 1250 Jahre Londorf. Die Zeit von 1958 bis 2008, Rabenau 2008 (=Schriftenreihe des Vereins für Heimat- und Kulturgeschichte der Rabenau e.V., Bd. 2).
- Hanno Müller: Juden in Gießen. 1788–1942. Hg. vom Magistrat der Universitätsstadt Gießen, Gießen 2012.
- Hanno Müller: Juden in Rabenau. Geilshausen, Kesselbach, Londorf, Rüddingshausen. Jüdische Schüler in Grünberg, Lich 2023.
- Eintrag für Siegmund Ostwald im online-Gedenkbuch des Bundesarchivs.
- https://alemannia-judaica.de/adorf_juedgeschichte.htm (zuletzt aufgerufen am 16. August 2026).
- https://de.wikipedia.org/wiki/Fissan (zuletzt aufgerufen am 16. August 2026).
- https://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_Julius_Freund (zuletzt aufgerufen am 16. August 2026).
- https://de.wikipedia.org/wiki/Ebo_Rothschild (zuletzt aufgerufen am 19. August 2026).
- Die letzten beiden Angaben bei Rothmann, in: Hofmann u. Jung (2008), S. 95. Ob sie zuverlässig sind, ist schwer zu beurteilen, da die Arbeit von Rothmann überwiegend auf Zeitzeugenaussagen basiert. ↩︎
- Arnsberg, Bd. 1 (1971), S. 499. ↩︎
- Arnsberg, Bd. 1 (1971), S. 500. ↩︎
- Genaueres dazu im Wikipedia-Artikel: https://de.wikipedia.org/wiki/Ebo_Rothschild (zuletzt aufgerufen am 19. August 2026). ↩︎
- Angabe von Rothmann, in: Hofmann u. Jung (2008), S. 95. Es ist schwer zu beurteilen, ob die Angabe zuverlässig ist, da Rothmanns Aufsatz überwiegend auf Zeitzeugenaussagen basiert. ↩︎
- Entschädigungsakte Ebo Rothschild, Bd. 1, Bl. 51. ↩︎
- Entschädigungsakte Ebo Rothschild, Bd. 1, Bl. 4. ↩︎
- Friedrich Julius Freund, geboren am 4. Januar 1898 in Darmstadt, am 18. Mai 1944 in Auschwitz ermordet; vgl. den Wikipedia-Artikel: https://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_Julius_Freund (zuletzt aufgerufen am 16. August 2026). ↩︎
- Entschädigungsakte Ebo Rothschild, Bd. 1, Bl. 252. ↩︎
- Entschädigugnsakte Ebo Rothschild, Bd. 1, Bl. 252. ↩︎
- Entschädigungsakte Ebo Rothschild, Bd. 1, Bl. 252 f. ↩︎
- Entschädigungsakte Ebo Rothschild, Bd. 1, Bl. 4. ↩︎
- Zu den Fissan-Produkten vgl. den entsprechenden Wikipedia-Artikel: https://de.wikipedia.org/wiki/Fissan (zuletzt aufgerufen am 19. August 2026). ↩︎
- Entschädigungsakte Ebo Rothschild, Bd. 1, Bl. 121. ↩︎
- Entschädigungsakte Ebo Rothschild, Bd. 1, Bl. 121. ↩︎
- Entschädigungsakte Ebo Rothschild, Bd. 1, Bl. 122. ↩︎
- Entschädigungsakte Ebo Rothschild, Bd. 1, Bl. 122. ↩︎
- Grete Rothschild im Entschädigungsverfahren. „Ich war bis 1933 in Berlin in einer Propaganda-Firma „T.W.“ (= Textil-Werbedienst) deren wichtigster Kunde westdeutsche Warenhäuser [waren]. Eines davon (Kaufhaus Josef am Alexanderplatz) verschenkte an Kinder ein sechzehnseitiges Journal mit vielen Buntdruck-Bildern. Dieses Journal wurde alle zwei Wochen gedruckt. Auf der Umschlagseite stand, wie es gesetzmässig ist – Name etc. der Redakteurin. Als diese die Redaktion nicht mehr leiten konnte, wurde ihr Name mit meinem ausgewechselt. Die Zeitschrift hiess ‚Pit und Pat‘. 1933 wurde allen Angestellten auf Grund der polit. Verhältnisse gekündigt und anschliessend der ganze Betrieb aufgelöst. Ich wanderte noch im Jahr 1933 allein nach Spanien aus.“ – Entschädigungsakte Ebo Rothschild, Bd. 2, Bl. 133. ↩︎
- Entschädigungsakte Ebo Rothschild, Bd. 1, Bl. 249. ↩︎
- Entschädigungsakte Ebo Rothschild, Bd. 1, Bl. 249. ↩︎
- Entschädigungsakte Ebo Rothschild, Bd. 1, Bl. 250. ↩︎
- Entschädigungsakte Ebo Rothschild, Bd. 1, Bl. 250. ↩︎
- Entschädigungsakte Ebo Rothschild, Bd. 1, Bl. 251. ↩︎
- Entschädigungsakte Ebo Rothschild, Bd. 1, Bl. 122. ↩︎
- Entschädigungsakte Ebo Rothschild, Bd. 1, Bl. 282. ↩︎
- Entschädigungsakte Ebo Rothschild, Bd. 1, Bl. 282. ↩︎
- Entschädigungsakte Ebo Rothschild, Bd. 1, Bl. 282. ↩︎
- Entschädigungsakte Ebo Rothschild, Bd. 1, Bl. 251. – Literaturangaben im Original. ↩︎
- Entschädigungsakte Ebo Rothschild, Bd. 1, Bl. 252. ↩︎
- Entschädigungsakte Ebo Rothschild, Bd. 1, Bl. 282. ↩︎
- Entschädigungsakte Ebo Rothschild, Bd. 2, Bl. 184 f. ↩︎
