Hermann (Herman) Roth

Geb. am 20. Oktober 1914 in Nieder-Ohmen; Schulbesuch in Grünberg von 1925 bis 1934; in die USA emigriert

Hermann Roth als Untersekundander, Ausschnitt aus einem Klassenfoto von Ostern 1931, Oberrealschule Grünberg (© Archiv der Theo-Koch-Schule)

Hermann Roth wurde am 20. Oktober 1914 in Nieder-Ohmen geboren. Sein Vater war der Handelsmann Hermann Roth, geboren am 28. August 1884, dessen Vorfahren seit mindestens zwei Generationen in Nieder-Ohmen ansässig waren. Hermann Roth senior hatte ein Viehhandelsgeschäft in Nieder-Ohmen. Er starb am 6. Oktober 1914 als Frontsoldat an einer schweren Verwundung in Fresnog, Frankreich, im Alter von 28 Jahren. Seinen einzigen Sohn, der nur zwei Wochen nach seinem Tod geboren wurde, durfte er nie kennenlernen.

Hermann Roth senior als Soldat;
aus: Reichel (2001), S. 72

Hermanns Mutter Amanda, geborene Wertheim, war am 29. Januar 1889 in Angenrod zur Welt gekommen, wo es bis 1942 eine so große große jüdische Gemeinde gab, dass das Vogelsbergdorf in der Umgebung als „Neu-Jerusalem“ galt. Nach ihrer Heirat zog sie in das Elternhaus ihres Bräutigams nach Nieder-Ohmen, Am Berg 28 (heute 24). Nach dem Tod ihres Mannes blieb sie mit dem kleinen Hermann dort wohnen. In dem Haus wohnte auch noch ihre Mutter Sara Wertheim, geborene Löwenstein.1 Der Dorfname der Roths war zunächst „Herze“ – nach Hermanns Großvater – und dann „Amanda“.

Über das jüdische Leben in Nieder-Ohmen schreibt der Nieder-Ohmener Heimatforscher Heinrich Reichel aus eigener Anschauung: „Bis 1933 waren und fühlten sich die Juden als Deutsche mit jüdischem Glauben. Sie waren und lebten in der politischen Gemeinde wie die übrigen Einwohner. Nieder-Ohmen hatte zu dieser Zeit etwa 1400 Einwohner. Davon waren 89 Juden. Es waren somit ca. 6,4 % von der Gesamtbevölkerung. Ich habe sie fast alle gekannt. Juden und Christen pflegten nachbarlichen und geschäftlichen Verkehr. Es bestanden freundschaftliche Beziehungen zwischen den Familien. Die Juden hatten fast alle ein Geschäft. In der Schule war kein Unterschied, außer dem Religionsunterricht.2

Hermann Roth in der Volksschule Nieder-Ohmen;
aus: Reichel (1998), S. 46

Dieses Bild einer noch ungetrübten dörflichen Idylle wird von der Holocaust-Überlebenden Carola Stern, geboren 1925 in Nieder-Ohmen, im Wesentlichen bestätigt. Ihre Eltern waren seit mehreren Generationen in Nieder-Ohmen ansässig und betrieben einen Viehhandel mit Landwirtschaft, ähnlich wie die Roths: „We had a marvelous time, especially when we were young. We had eggs and we raised potatoes and we had a whole farm. […] We had a stall with cattles where my mother reluctantly went in the morning to milk the cows. It was a little shtetl. And we had people who helped. We were farmers just like anybody else in Nieder-Ohmen. There was never any difference. We were Jewish, but we didn’t feel it. We were Germans first. Jews was secondary, nobody bothered with this religion. And since my father was a veteran of World War I, he was very well liked.“3

Hermann Roth besuchte vier Jahre lang die Volksschule in Nieder-Ohmen und trat an Ostern 1925 in die Sexta (heute 5. Klasse) der Grünberger Oberrealschule ein. Über seinen Schulweg schrieb er in einem Brief vom 22. Januar 1992 an Heinrich Reichel: „Fuer 9 Jahre bin ich taeglich mit der Eisenbahn nach Gruenberg auf die Oberreal Schule [sic] gefahren. Ich habe jede Ecke von unserem Hause aus auf den Bahnhof gekannt.“4

Hermann Roth absolvierte den gesamten neunjährigen Bildungsgang der Oberrealschule: Sexta (5. Klasse), Quinta (6. Klasse), Quarta (7. Klasse), Untertertia (8. Klasse), Obertertia (9. Klasse), Untersekunda (10. Klasse), Obersekunda (11. Klasse), Unterprima (12. Klasse) und Oberprima (13. Klasse). In seiner Klasse war bis zur 8. Klasse ein weiterer jüdischer Schüler: Martin Blumenthal, der zuerst in Londorf, später in Kesselbach wohnte und nach der Untertertia von der Schule abging.

Die Untersekunda der Oberrealschule Grünberg, Ostern 1931; Hermann Roth: 2. Reihe v. unten, 4. v. l.
(© Archiv der Theo-Koch-Schule)

In Untersekunda machte Hermann Roth seine Mittlere Reife-Prüfung, früher „Einjährig-Freiwilligen-Prüfung“, seinerzeit „Obersekundareife“ genannt. An Ostern 1934 erreichte er – nach Ernst Simon aus Londorf und Alfred Strauß aus Nordeck, Abiturienten des Jahrgangs 1930/31 – als einer von drei jüdischen Schülern das Abitur. Dass das nach der Machtübernahme der Nazis noch möglich war, lag an dem sogenannten „Frontkämpferprivileg“, wie Heinrich Reichel erläutert: „Jüdische Kinder durften [nach 1933] nicht mehr in höhere Schulen aufgenommen werden. In Nieder-Ohmen gab es eine Ausnahme: Hermann [Roth], dessen Vater im 1. Weltkrieg gefallen war, konnte in Grünberg sein Abitur ablegen.“5

Hermann Roth wollte – nach einer eidesstattlichen Erklärung im Entschädigungsverfahren von 1956 – „Ingenieur studieren“. Daraus wurde nicht jedoch nichts: „Obwohl mein Vater sein Leben fuer Deutschland gegeben hatte, wurde es mir doch unmoeglich gemacht auf einer Universitaet zu studieren, da ich Jude bin. Ich musste meinen Plan aufgeben, Ingenieur zu studieren. Anstadt [sic] trat ich 1934 bei einer juedischen
Firma, Marx & Traube G.m.b.H. (Matra) Gutleutstrasse 75 Frankfurt/Main als Kaufma[e]nnischer Lehrling ein.
6 Ich blieb bei dieser Firma bis April 1936 und bin dann nach den Vereinigten Staaten ausgewandert.“7

Am 2. Mai 1936 schiffte sich Hermann Roth mit der „Bremen“, einem Schiff der Hamburg-Amerika-Linie, in Bremerhaven ein. Sechs Tage später landeten die Emigranten im Hafen von New York. Wie für zahllose jüdische Exilanten war auch für Hermann Roth, der sich in den USA „Herman“ nannte, die Anfangszeit geprägt von Existenznöten: „Da ich hier mittellos ankam musste ich sofort zur Arbeit gehen, um meinen Lebensunterhalt zu erwerben. Seit 1939 bin ich hier in New York bei einer Firma als Verkaeufer angestellt. Als Ingenier waeren meine Verdienstmoeglichkeiten bedeutend hoeher hier […].“8

Von den USA aus kämpfte Herman Roth darum, seiner Mutter die Flucht zu ermöglichen – mit Erfolg: Am 5. März 1940 überquerte Amanda Roth von Genua aus auf dem Dampfer „Rex“ den Atlantik, um einige Tage später in New York zu landen. – In einem Brief vom 19. November 1998 schrieb Hermann Roth an Heinrich Reichel: „Meine Mutter, Amanda, habe ich in 1940 noch in die USA gebracht. Sie hatte mit uns gelebt bis [18. Januar] 1954, als sie im Alter von 65 Jahren gestorben ist.“9

Amandas Mutter Sara Wertheim, geborene Löwenstein, sollte ihre geflohenen Angehörigen nicht wiedersehen. Sie war am 6. Februar 1939 nach Frankfurt gezogen und kam, unbekannt wann, ins jüdische Altersheim Bad Nauheim. Am 27. September 1942 wurde sie von Darmstadt in das Ghetto Theresienstadt deportiert und ermordet.

Herman Roth trat in die US-Armee ein und kämpfte als GI gegen die Nazis. Nach dem Krieg, im Jahr 1945, besuchte er seine alte Heimat. In den USA heiratete er, seine Frau hieß Etta mit Vornamen. 1952 und 1955 wurden ihre Kinder geboren. Im Oktober 1979 ging Herman Roth in Rente.

Herman Roth als Soldat der US-Armee 1945 vor seinem Wohnhaus in Nieder-Ohmen; aus: Reichel (2001), S. 72

Mehrmals war er in seiner alten Heimat zu Besuch: „1987 kamen 11 ehemalige jüdische Mitbürger mit Angehörigen, auf Einladung durch die Gemeinde, nach Nieder-Ohmen“, berichtet Heinrich Reichel. „Eine Woche verweilten sie hier. Zwischen den Gästen und der Nieder-Ohmener Bevölkerung war schnell ein freundschaftliches Wiedersehen hergestellt. Viele kannten sich ja aus der Schul- und Jugendzeit. Mehrere Veranstaltungen vermittelten den Gästen das heutige Nieder-Ohmen. Das Leid, das ihnen geschehen war, kam zur Sprache. Schlimme Einzelschicksale wurden bekannt. Die Gäste trugen sich in das ‚Goldene Buch‘ der Gemeinde ein. […] Bei einem Dorfabend, mit großer Beteiligung der Bevölkerung, entstand eine fröhliche Stimmung. Dr. Julius Stern (83 Jahre alt) und Hermann Roth (73 Jahre alt) erzählten Anekdoten und Streiche aus ihrer Jugendzeit. Man konnte erlebten, daß sie nach über 50 Jahren noch die Nieder-Ohmener Mundart beherrschten.“10

Herman Roth (2. v. l.) mit anderen jüdischen Besuchern in Nieder-Ohmen; rechts im Bild der Heimatforscher Heinrich Reichel; aus: Reichel (2001), S. 80

Am 6. September 1987 schrieben Hermann und Etta Roth an Heinrich Reichel: „Lieber Heinrich und Frau / Die einigen Tage, die wir in Nieder-Ohmen verbracht hatten, waren sehr erfreulich. Es war die Erfahrung einer Lebenszeit. Ich danke Euch fuer Eure Hospitalitaet und den schoenen Abend, den wir in Eurem Hause verblieben sind. Der Vidio-Tape [sic] von der ‚1200 Jahre Nieder-Ohmen‘ und auch von unsere[m] Besuch war sehr gut ausgefuehrt und interessant. Die Freundlichkeit, die die Reichel Familia meiner Mutter und mir immer gezeigt haben, war sehr schaetzbar und wir danken Euch vielmals dafuer. Unser erstes Grosskind, die Amanda Roth, ist jetzt scbon 2 Monate alt und sie gibt uns grosse Freude und macht gute Fortschritte. Nochmals vielen Dank fuer Eure Freundschaft, die unseren Besuch zu Nieder-Ohmen so denkwuerdig gemacht hat. Mit freundlichen Gruessen / Etta und Herman Roth“.11

Am 11. Dezember 2000 schrieb Herman Roth, inzwischen 86-jährig, an Heinrich Reichel: „Ich war […] 2mal im Krankenhaus mit Nieren Beschwerden. Sie haben operiert und es scheint wieder gut zu sein. Meine Frau hat Rückenschmerzen und es scheint, dass man nicht viel für sie tun kann. Sie ist zu vielen Ärzte[n] gewesen und sie können ihr nicht viel helfen. Wir haben im Juni auch unsere goldene Hochzeit gefeiert. Ich hatte unsere ganze Familie zu einem langen Wochenende in einem Hotel im Ost End eingeladen. Unser ältester Gross Enkel [sic], Amanda, ist jetzt schon 13 Jahre alt und ihr Vater, Alan, hat ein grosses Haus in New Rochelle gekauft […].“12

Der Dorfchronist Heinrich Reichel, unermüdlicher Erforscher des jüdischen Lebens in Nieder-Ohmen und Organisator zahlreicher Begegnungsprojekte, starb im Jahr 2011. Das Todesdatum seines guten Freundes und Briefpartners Herman Roth ist nicht bekannt.


Quellen:

  • Hauptbogen mit Personalien und Notenlisten von Hermann Roth (Archiv der Theo-Koch-Schule).
  • Hauptliste der Schüler und Schülerinnen der Höheren Bürgerschule (bis Ostern 1914) und Realschule (O. 1914–926) und Oberrealschule (O. 1926–O. 1938) und Oberschule für Jungen (ab O. 1938) Grünberg i. H. Angefangen Ostern 1910, beendet mit Schluss des Schuljahres 1938/39 (Archiv der Theo-Koch-Schule).
  • Entschädigungsakte von Hermann Roth, Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden (HHStAW), Best. 518, Nr. 49153.
  • Heinrich Reichel: Juden in Nieder-Ohmen, Vogelsbergkreis, Nieder-Ohmen 1998.
  • Heinrich Reichel: Juden in Nieder-Ohmen zwischen 1933–1940. Angaben über Personen und Familien. Ich habe viele von ihnen gekannnt. Schriftenreihe des Kulturrings Nieder-Ohmen, Nr. 10, Nieder-Ohmen 2001.
  • Heinrich Reichel: „Ich habe viele von ihnen gekannt!“ Das Schicksal der jüdischen Einwohner von Nieder-Ohmen. Bemerkenswerte Ereignisse in Nieder-Ohmen während der Kriegsjahre 1939 bis 1945. Hg. von der Evangelischen Kirchengemeinde Nieder-Ohmen, Nieder-Ohmen 2009.
  • Oral History Interview Carola Stern, https://collections.ushmm.org/search/catalog/irn504861 (zuletzt aufgerufen am 31. Juli 2026).
  • https://www.alemannia-judaica.de/angenrod_synagoge.htm (zuletzt aufgerufen am 9. August 2026).
  • Eintrag für Sara Wertheim, geb. Löwenstein, im online-Gedenkbuch des Bundesarchivs.

  1. Sara Wertheim, geb. Löwenstein, geboren am 14. April 1865 in Sulz. – Über seine Vorfahren schrieb Hermann Roth in einem Brief vom 19. November 1998 an Heinrich Reichel: „Mein Urgroßvater war Löb Roth in N.O. Er hatte 3 Söhne, Herz, mein Grossvater[,] Jakob und David, ein Pferdehändler in N.O. Herz Roth’s Frau war Malchen, sie kam von Ulrichstein und ist 1913 gestorben. Herz Roth hatte 3 Söhne, Hermann mein Vater, Leo der in die USA ausgewandert war und David, der als junger Mann gestorben war. Mein Vater ist am 6. Oktober 1914 in Frankreich gefallen. Er war nur 28 Jahre alt. Ich bin am 20. Oktober 1914 geboren. Das waren 2 Wochen nach dem [sic] er gefallen war. Meine Großmutter, Sara …?, die bei uns in N.O. wohnte, war im Altersheim in Bad-N[a]uheim. Man hat sie ins K. Z. Lager verschleppt und umgebracht. Ich lege einige Fotocopien ein, die mein[en] Vater als Soldat zeigen. Auch mein[en] Grossvater Herz Roth. Das Bild vor unserem Haus hatte ich in 1945 aufgenommen als ich als Soldat in N.O. war. Der alte Lindenbaum ist in der Ecke zu sehen.“ – Reichel (2001), S. 88. ↩︎
  2. Reichel (2001), S. 4. ↩︎
  3. Oral History Interview Carola Stern, Tape 1. ↩︎
  4. Reichel (2001), S. 85. ↩︎
  5. Reichel (1998), S. 3. – Im Original schreibt Reichel irrtümlich „Hermann Stern“. ↩︎
  6. In Frankfurt lebte Hermann Roth in der Kronprinzenstraße 8. ↩︎
  7. Entschädigungsakte Hermann Roth, Bl. 6. ↩︎
  8. Entschädigungsakte Hermann Roth, Bl. 6. ↩︎
  9. Reichel (2001), S. 88. ↩︎
  10. Reichel (1998), S. 5. ↩︎
  11. Reichel (2001), S. 83. ↩︎
  12. Reichel (2001), S. 99. ↩︎