
(© Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden)
Nathan Simon wurde am 24. September 1891 in Kesselbach, einem Ortsteil der heutigen Rabenau, geboren. Sein Vater war der Handelsmann Jakob Simon, geboren am 21. Mai 1856 in Pohl-Göns, heute ein Stadtteil von Butzbach im Wetteraukreis, wo es bis in die 1930er Jahre eine kleine jüdische Gemeinde gab. Nathans Mutter Rebekka, geb. Schönfeld, war am 8. Juli 1873 in Kesselbach geboren worden. Ihre Vorfahren waren seit mindestens drei Generationen in Kesselbach ansässig. Im Oktober 1886 hatten Nathans Eltern in Kesselbach geheiratet. Am 24. August 1888 war die ältere Schwester Klara geboren worden.
Die jüdische Gemeinde in Kesselbach blickte auf eine lange Geschichte zurück: „Das Gebiet der ‚Rabenau‘ – zu dem die Orte Londorf wie auch Geilshausen, Kesselbach und Rüddingshausen gehörten –, unterstand den Freiherren von Nordeck zur Rabenau“, schreibt der Historiker Paul Arnsberg in seinem zweibändigen Werk über die jüdischen Gemeinden in Hessen. „Diese Patrimonialherren hatten schon seit 1650 das Recht zur Judenaufnahme. Da bereits 1722 ein ‚Judenbegräbnis‘ bestand, ist ziemlich sicher, daß um diese Zeit schon eine Judengemeinde Londorf (mit Filialorten) existierte. […] Im Jahre 1828 war die Zahl der Juden in Londorf bei etwa 770 Einwohnern 103 jüdische Seelen; 1836 von 961 Einwohnern 86 Juden, 1850: 93 Juden, 1860: 74 (899 Einwohner), 1870: 82 (806 Einwohner), 1880: 72 (848 Einwohner), 1889 waren von 699 Einwohnern 68 Juden.“1
Die Simons gingen samstags wahrscheinlich zur Londorfer Synagoge in der Allendorfer Straße, heute Gießener Straße 76. „Bei dieser handelte es sich um einen alten dreistöckigen Fachwerkbau“, schreibt der ehemalige Lehrer Artur Rothmann in der Londorfer Chronik von 2008. „Der Betraum lag in dem Gebäude nach hinten, vorne war die Lehrerwohnung, die später vermietet wurde. Der Betraum umfasste 80–100 Plätze, seine Decke war – wie bei vielen Synagogen – gewölbt und blau gestrichen mit aufgemalten goldfarbenen Sternen. Eine Galerie, auf der die Frauen getrennt von den Männern saßen, gab es nicht. In der Synagoge gab es sieben bis acht Torarollen […]. Zur Synagoge gehörte eine ‚Mikwa‘, ein Bad zur rituellen Reinigung, das hinter der Synagoge vor dem Abhang zur Lumda hin lag. Die Außenmauern sind noch zu sehen.“2
Nathans Vater betrieb im Haus Nr. 40 in Kesselbach, später Borngasse 2, einen Viehhandel mit Metzgerei. Paul Arnsberg schreibt über die Berufs- und Sozialstruktur der jüdischen Bevölkerung in Londorf – und das lässt sich auf Kesselbach übertragen: „Die Juden in Londorf waren Viehhändler und Kaufleute, keine reichen Leute. Um 1933 waren von den insgesamt 11 jüdischen Familien der Gemeinde (ca. 45 Personen) 4 Manufakturwarenhändler, 4 Viehhändler und 3 Metzger. Früher lebten in Londorf ca. 20 jüdische Familien, in den Filialgemeinden je 5 bis 6 Familien.“3
An Ostern 1902 trat Nathan Simon im Alter von zehn Jahren in die Höhere Bürgerschule Grünberg ein. Den Schulweg legte er vermutlich mit Lumdatalbahn zurück, deren erster Teilabschnitt von Grünberg bis Londorf am 1. August 1896 eröffnet worden war. Zum Fahrgeld dürfte noch Büchergeld hinzugekommen sein und natürlich das Schulgeld von 50 Mark jährlich in den ersten beiden Schuljahren und 60 Mark im dritten und vierten Schuljahr, plus Zuschlag von 10 Mark für die alten Sprachen. Jakob und Rebekka Simon ließen sich die Schulbildung ihres Sohnes also etwas kosten. Ob auch die ältere Schwester Klara in den Genuss einer höheren Bildung kam, ist unbekannt.

veröffentlicht im Grünberger Anzeiger vom 29. April 1916
(© Stadtarchiv Grünberg)
Allzu etabliert war die Höhere Bürgerschule in Grünberg zu Nathan Simons Schulzeit noch nicht. Gegründet 1876, schwankten die Schülerzahlen in den Anfangsjahren zwischen 23 und 43. Im Schuljahr 1902/03, Nathans Eintrittsjahr, besuchten insgesamt 39 Kinder – 32 Jungen und 7 Mädchen – die Schule, davon 22 aus Grünberg selbst und 17 Auswärtige. Die Kinder lernten in zwei Klassen bzw. Doppeljahrgängen: Die Klasse II umfasste die Quinta (heute 6. Klasse) und die Quarta (heute 7. Klasse), die Klasse I Untertertia (heute 8. Klasse) und Obertertia (heute 9. Klasse).

(heute: Grundschule am Diebsturm); Festschrift 1926, S. III (© Archiv der Theo-Koch-Schule)

rechtes Foto, Mitte: W. Angelberger, Schulleiter von 1904 bis 1929; Festschrift 1926, S. IV
(© Archiv der Theo-Koch-Schule)

Festschrift 1911, S. 15 (© Archiv der Theo-Koch-Schule)
Nathan Simons Unterricht fand in dem 1888 errichteten Backsteingebäude an der heutigen Schulstraße statt, das die Kinder der Höheren Bürgerschule gemeinsam mit den höheren Klassen der Volksschule beherbergte.4 (Heute sind dort Klassenräume der Grundschule am Diebsturm.) Unterrichtet wurden die Kinder der Höheren Bürgerschule von drei Lehrern und zwei bzw. später drei Hilfslehrern. Bei den Hilfslehrern handelte es sich um Lehrkräfte der Volksschule, die Turnen, Singen und Zeichnen unterrichteten, sowie den zweiten Stadtpfarrer, der den evangelischen Religionsunterricht erteilte.
Für die jüdischen Kinder der Höheren Bürgerschule hieß es im Jahresbericht von 1906/07: „Die Schüler nehmen an dem Religionsunterricht ihrer Gemeinde teil.“5 Mit seinen zwei jüdischen Klassenkameraden Leopold Wertheim aus Rüddingshausen und Moritz Schönfeld aus Kesselbach besuchte Nathan Simon demnach wahrscheinlich den jüdischen Religionsunterricht bei Lehrer Schiff bzw. Lehrer Banda in Londorf. Es ist davon auszugehen, dass sie während der zwei wöchentlichen Religionsstunden der evangelischen und katholischen Kinder Freistunden hatten.
Von 1903 bis 1906 sind keine Unterlagen im Schularchiv vorhanden, aber wir dürfen davon ausgehen, dass Nathan Simon beide Doppeljahrgänge absolvierte, also bis Ostern 1906 an der Höheren Bürgerschule in Grünberg blieb. Als er die Schule verließ, war er also vierzehn Jahre alt.
Im August 1909 legte Nathan Simon, inzwischen 17-jährig, die Schächterprüfung in Gießen ab. Zum Sammeln von Berufserfahrung blieb nicht viel Zeit, denn schon bald trat er in den Militärdienst ein: „Ich [Nathan Simon] habe von 1911 – 1913 als aktiver Soldat bei dem Hessischen Feldartillerie Regiment No. 25 in Darmstadt gedient. Den ersten Weltkrieg habe [ich] von Anfang bis zum Ende als Frontsoldat beim gleichen Reg. mitgemacht. 28 Schlachten und Gefechte sind in meinem Militärpass aufgezeichnet. Ich wurde befördert, erhielt das Eiserne Kreuz und die Hess. Tapferkeitsmedaille, dazu ein persönl. Anerkennungs-Schreiben vom Reg.Kommandant wegen besonderem trapferen Verhalten. Als Wachtmeister wurde ich entlassen.“6
Im Dezember 1924 heiratete Nathan Simon Lina Griesheim, die am 5. Oktober 1899 in einem jüdischen Elternhaus in Beuern, einem Ortsteil der Gemeinde Buseck im Landkreis Gießen, geboren worden war. Die Frischvermählten lebten in Nathans Elternhaus, dem Haus Nr. 40 in Kesselbach. Am 26. August 1925 wurde dort die Tochter Elfriede geboren. Von Ostern 1923 bis Ostern 1929 – während seines Besuchs der weiterführenden Schule in Grünberg – lebte auch Joseph Rosenberg, geboren am 15. Oktober 1913 in Rosenthal im Kreis Frankenberg, mit im Dreigenerationenhaus. Er war der Sohn von Nathans Schwester Klara, die nach Rosenthal geheiratet hatte.7
„Im Jahre 1924“, so Nathan Simon rückblickend im Entschädigungsverfahren, „übernahm ich das Geschäft meines Vaters, in welchem ich vorher tätig war, Metzgerei, Vieh- und Pferdehandlung und Landwirtschaft. Ich konnte das Geschäft vergrößern und beschäftigte in meinem Betrieb ständig 5 Leute. Die Namen der zuletzt bei mir in Arbeit stehenden Personen folgen: Louise Dietz, verehel. Luhn, in Kesselbach als Dienstmädchen, Martin Rosenberg aus Rothenthal als junger Mann, Valentin Hillgärtner aus Kesselbach als Tagelöhner und Joseph und Moritz Stern aus Rüddingshausen als Viehtreiber.“8
Die Auskunft des späteren Bürgermeisters bestätigt diese Aussage: „In Kesselbach bestanden 4 Viehhandelsgeschäfte, wovon das Geschäft des Antragstellers [Nathan Simon] das größte war. Der Antragsteller hat ungefähr 5 – 6 Stück Vieh wöchentlich gehandelt. […] Neben seinem Viehhandel betrieb der Antragsteller noch eine Landwirtschaft, die ungefähr 4 ha groß war.“9
1933 bedeutete eine dramatische Zäsur: „Von der Machtübernahme der Nationalsozialisten an wurde das Geschäft von Tag zu Tag schlechter und beschwerlicher, während die Spesen größer wurden, da ich nur bei Nacht und Nebel Geschäfte mit den verängstigten Kunden machen konnte. […] Ich lebte hauptsächlich von der Landwirtschaft.“10
Auch diese Ausssage wird vom späteren Bürgermeister bestätigt: „Es ist […] unbestritten, daß mit Anfang des dritten Reiches der Geschäftsgang sehr stark beschnitten wurde, zumal die bäuerliche Bevölkerung, welche ja ausschlaggebend in der Kundschaft im Viehhandel war, derart beeinflußt wurde, daß kein Geschäft mehr mit einem jüdischen Händler zustande kam. Nach den damals bekannt gewordenen Umständen wurden lediglich bei Nacht u. Nebel noch spärliche Geschäfte mit den gut gesonnenen früheren Kunden abgeschlossen.“11
Die Simons mussten vom Ersparten leben: „Ab 1933 verringerte sich mein Reineinkommen, da ich ja als Jude nicht mehr das Viehhandelsgeschäft in vollem Umfange betreiben konnte. […] In der Zeit von 1933 bis zu meiner Auswanderung setzte ich zum Lebensunterhalt aus meinem Vermögen Beträge zu. Ich lebte also von der Substanz und bei meiner Auswanderung war mein Vermögen nahezu aufgebraucht.“12
Mitte der 1930er Jahre verschärfte sich die Situation: „Zu jener Zeit kamen noch weitere unvorhergesehene Ausgaben für mich hinzu. Meinem Töchterchen [Elfriede Simon] wurde es unmöglich gemacht, die Kesselbacher Volksschule weiter zu besuchen, was mich in die Zwangslage brachte, sie nach Offenbach in die Jüdische Schule zu schicken, wo sie ca. 2 Jahre, bis zum schwarzen 10. November 1938 blieb. Sie wohnte bei einer Familie Andorn, Mittelseestraße 34, und kostete das alles viel Geld.“13
Im Jahr 1937 wurde Nathan Simon durch die NSDAP die Handelserlaubnis entzogen. Die Lage in Kesselbach wurde immer prekärer. Hinzu kam die Erkrankung von Nathans Frau Lina. Sie war, so schildert es Nathan Simon im Entschädigungsverfahren, 1936 „einige Wochen im Katholischen Schwesternhaus [Gießen] in Behandlung von Dr. PIoch, mußte in 1937 wiederum für ein paar Wochen in die Medizinische Klinik zu Prof. Rheinwein und damit nicht genug, kam sie in 1938 für mindestens 2 Monate in die Frauenklinik in die persönliche Behandlung von Prof. von Jaschke. Das alles kostete ernorme Summen.“14
Den Novemberpogrom 1938 durchlitt Nathan Simon im Versteck: „An dem berüchtigten 10. Nov. 1938 war [Lina Simon] noch bei Jaschke, und ich selbst mußte mich ca. 5 Wochen versteckt halten, um ihr nahe zu sein in Gießen und nicht ins KZ zu müssen. Auch das war nicht billig und ließ mein Vermögen dahinschwinden. Nachdem mußte ich den meiner Wohnungseinrichtung am 10. Nov. angetanenen [sic] Schaden ersetzen und reparieren lassen.“15
Zu den Wochen im Versteck erklärte Nathan Simon in einem späteren Schreiben: „An dem schicksalschweren 10. November 1938, als, unter vielem anderen Tragischen, alle habhaft zu machenden jüdischen Männer in Haft genommen und in die berüchtigten K.Z.Lager gesteckt wurden, war ich zufällig in Giessen, wo meine Frau schwer krank in der dortigen Frauenklinik viele Wochen danieder lag. Um nicht auch verhaftet zu werden und dadurch die drückenden Familiensorgen noch zu erhöhen, wagte ich es nicht, nach Hause zurückzukehren, sondern hielt mich in und um Giessen wochenlang versteckt. Die ersten Nächte verbrachte ich teilweise im Freien, da mich keiner meiner Bekannten aufnehmen wollte und zwar aus Furcht, dies könne ihm selbst zum Verhängnis werden. In diesen unbeschreiblich schlimmen Wochen zog ich mir eine schwere Erkältung zu – eine Grippe mit hohem Fieber –, die mich so mitnahm, dass ich nicht anders konnte, als in der Medizinischen Klinik Einlass und Hilfe zu suchen. Dieses wurde mir sofort versagt, weil ich Jude war. Dank Aspirin und meiner starken Natur hielt ich durch, bis ich endlich wieder in m. Heim zurückkehren konnte. Von da an bis zu meiner Auswanderung nach den USA im April 1939 war ich in Behandlung von Dr. Hiller Londorf.“16
Um mehr über die Zerstörungen in der Reichspogromnacht herauszufinden, begab sich Nathan Simons Entschädigungsanwalt im Jahr 1959 nach Kesselbach. Er brachte Folgendes in Erfahrung: „In dem Hause in Kesselbach, Eigentum der Familie Simon, wohnte Herr Nathan Simon mit seiner Ehefrau im ersten Stock und sein Vater Jakob Simon und seine Mutter Rebecca Simon wohnten im parterre [sic]. Beide Familien hatten eine vollständige Wohnungseinrichtung. In der sogenannte Kristallnacht sind ganz erhebliche Zerstörungen in beiden Wohnungen vorgekommen.“17
Eine Kesselbacher Zeugin gab zu Protokoll: „Die Familie Simon war eine gute Nachbarsfamilie u. hatte einen schönen Besitz an Möbel u. sonstigen Einrichtungen. […] Es war eine schauerliche Angelegenheit, wie in jener schlimmen Zeit der Judenverfolgung – es dürfte im Herbst 1938 gewesen sein, wie die Möbel ruiniert wurden. Da viel wertvolles Glas an den Möbeln war, war der angerichtete Schaden noch schlimmer.“18
Die Aussichten auf Emigration wurden für die Familie Simon nach dem Novemberpogrom immer schlechter, denn bald waren auch die letzten finanziellen Reserven verbraucht: „Um trotz der aufgebrauchten Mittel meine Ausreise zu betreiben u. durchzuführen, habe ich mein Haus an Herrn M.19 und das mir gehörende Land an F. W. und J. B. verkaufen müssen. Diese Angaben können F. W., der damals Bürgermeister war, und der jetzige Bürgermeister im Bedarfsfalle bestätigen.“20
Auch zahlreiche vom NS-Regime auferlegte Sondersteuern mussten die Simons entrichten: „An Golddiskontabgabe zahlte ich [Nathan Simon] 1690,– RM. Für mich persönlich zahlte ich eine Judenvermögensabgabe in Höhe von 2500,– RM, für meinen Vater eine solche von 4500,– RM. An die Reichsvereinigung der Juden in Mainz zahlte ich am 7.1.1942 2000,– RM. […] Mein Vater ist im Jahre 1940 verstorben,21 meine Mutter kam 194222 in das [jüdische] Altersheim in Bad-Nauheim. […] An das Altersheim in Bad-Nauheim mußten insgesamt 1700,– RM gezahlt werden.“23 – Bei der Übersiedelung in das jüdische Altersheim handelte es sich um eine Zwangsmaßnahme des NS-Regimes.
„Am 20. 4. 1939“, erinnert sich Nathan Simon, „fuhr ich dann mit Frau und Kind und mit 30 Dollar in der Tasche von Hamburg aus nach New York. Von hier aus wurden wir von Verwandten – unter vorgelegtem Geld – nach Bloomington in Illinois geschickt. Dort blieben wir 11/2 Jahre, ohne wirtschaftlich Fuß fassen zu können, deshalb blieb uns nichts übrig, als nach New York zurückzukehren, wo am ehesten Arbeitsgelegenheit geboten war. […] Anfangs Januar 1941 nach New York zurückgekehrt, fand ich erst im Juni in einem Hospital Arbeit. Im Dez. 1944 wechselte ich als Arbeiter in eine Fabrik, in der ich noch bin.“24 Aus einem Dokument in der Entschädigungsakte geht hervor, dass es sich um eine Wurstfabrik handelte.
Den Kontrast zwischen früherer und jetziger Lebensweise drückt der Exilant in einem anderen Schreiben aus: „Ich hatte mir in Kesselbach Kr. Giessen ein gutgehendes Vieh- und Pferdegeschäft aufgebaut und erfreute mich absoluten Vertrauens und Ansehens seitens meiner Kunden. Diese sichere Existenz musste ich – und das erst nach grossen Mühen – mit einem Arbeitsplatz in einer Fabrik vertauschen, wo ich nach Stundenlohn bezahlt werde. […] In Kesselbach hatte ich ein eigenes Heim. Hier wohne ich in einem Miethaus bei verhältnismässig hoher Miete, da ich nicht über genügend Mittel für ein Eigenheim verfüge.“25
Seine Eltern sah Nathan Simon nicht wieder. Jakob Simon verstarb, wie erwähnt, am 1. Oktober 1940 im Alter von 85 Jahren und wurde vermutlich in seinem Heimatort Pohl-Göns begraben. Rebekka Simon, geborene Schönfeld, wurde am 15. September 1942, 79-jährig, aus Bad Nauheim nach Darmstadt und von dort am 27. September 1942 in das Ghetto Theresienstadt verschleppt. Als Todesdatum ist der 20. Dezember 1942 angegeben.
Auch seine Schwester Klara, verwitwete Rosenberg, und seine drei Neffen – der bereits genannte Josef, geboren am 15. Oktober 1913, Martin, geboren am 24. Mai 1919, und Helmut, geboren am 19. Oktober 1922 – sollte Nathan Simon nicht wiedersehen. Sie wurden am 20. Oktober 1941 aus Frankfurt am Main in das Ghetto Lodz verschleppt und ermordet.
Nathan Simon verstarb am 29. April 1979 in New York.
Quellen:
- Jahresbericht der Höheren Bürgerschule Grünberg. 1906/07, Grünberg 1907 (Archiv der Theo-Koch-Schule).
- Handschriftliche Schülerliste von 1876 bis 1902. Nach Notizen des früheren Lehrers Friedrich Wilhelm Hamburger zusammengestellt von Oberstudiendirektor Wilhelm Angelberger (Schulleiter 1909-1929), Grünberg 1909 (Archiv der Theo-Koch-Schule).
- Höhere Bürgerschule zu Grünberg in Hessen. Festschrift zur Einweihung des neuen Schulgebäudes am 23., 24. und 25. September 1911. Zusammengestellt von Rektor [Wilhelm] Angelberger, Grünberg 1911 (Archiv der Theo-Koch-Schule).
- 50 Jahrfeier der Oberrealschule zu Grünberg in Hessen. 22.–24. Mai 1926. Gedenkblätter von Oberstudienrat W. Angelberger und Studienrat O. Steuernagel, Grünberg 1926 (Archiv der Theo-Koch-Schule).
- Grünberger Anzeiger vom 29. April 1916 (Stadtarchiv Grünberg).
- Entschädigungsakte von Nathan Simon, 1950–1981, Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden (HHStAW), Best. 518, Nr. 27993.
- Paul Arnsberg: Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang, Untergang, Neubeginn. 2 Bände. Bd. 1, Frankfurt 1971.
- Artur Rothmann: Jüdisches Leben in der Rabenau. In: Gabriele Hofmann und Harald Jung (Hg.): 1250 Jahre Londorf. Die Zeit von 1958 bis 2008. Schriftenreihe des Vereins für Heimat- und Kulturgeschichte der Rabenau e. V., Londorf 2008, S. 72–112.
- Hanno Müller: Juden in Gießen. 1788–1942. Hg. vom Magistrat der Stadt Gießen, Gießen 2012.
- Hanno Müller: Juden in Rabenau. Geilshausen, Kesselbach, Londorf, Rüddingshausen. Jüdische Schüler in Grünberg, Lich 2023.
- https://www.alemannia-judaica.de/pohl_goens_synagoge.htm (zuletzt aufgerufen am 8. August 2026).
- https://alemannia-judaica.de/beuern_synagoge.htm (zuletzt aufgerufen am 8. August 2026).
- https://juedische-emigration.de/de/verfolgung/finanzbehoerden/sondersteuern.html (zuletzt aufgerufen am 8. August 2026).
- Eintrag für Rebekka Simon, geb. Schönfeld, im online-Gedenkbuch des Bundesarchivs.
- Eintrag für Klara Rosenberg, geb. Simon, im online-Gedenkbuch des Bundesarchivs.
- Eintrag für Joseph Rosenberg im online-Gedenkbuch des Bundesarchivs.
- Eintrag für Martin Rosenberg im online-Gedenkbuch des Bundesarchivs.
- Eintrag für Helmut Rosenberg im online-Gedenkbuch des Bundesarchivs.
- Arnsberg (1971), S. 499 f. ↩︎
- Rothmann, in: Hofmann u. Jung (2008), S. 72 f. ↩︎
- Arnsberg (1971), S. 500. ↩︎
- „Neben vier großen Sälen der Volksschule und einem Saale für den Handarbeitsunterricht wurden darin ein für beide Schulen gemeinsames Lehrerzimmer, ein gemeinschaftliches Sammlungszimmer vorgesehen und für unsere unterrichtlichen Zwecke zwei Lehrsäle für je höchstens 42 Kinder.“ (Festschrift 1911, S. 14.) ↩︎
- Jahresbericht Höhere Bürgerschule 1906/06, S. 3. ↩︎
- Entschädigungsakte Nathan Simon, Bl. 62. ↩︎
- Nathans Schwester Klara hatte im Dezember 1912 Adolf Rosenberg, geboren 17. August 1886 in Rosenthal im Kreis Frankenberg, geheiratet. Adolf Rosenberg nahm sich am 28. Juni 1929 das Leben. ↩︎
- Entschädigungsakte Nathan Simon, Bl. 77. ↩︎
- Entschädigungsakte Nathan Simon, Bl. 44. ↩︎
- Entschädigungsakte Nathan Simon, Bl. 77. ↩︎
- Entschädigungsakte Nathan Simon, Bl. 47. ↩︎
- Entschädigungsakte Nathan Simon, Bl. 50. ↩︎
- Entschädigungsakte Nathan Simon, Bl. 78. ↩︎
- Entschädigungsakte Nathan Simon, Bl. 78. ↩︎
- Entschädigungsakte Nathan Simon, Bl. 78. ↩︎
- Entschädigungsakte Nathan Simon, Bl. 117. ↩︎
- Entschädigungsakte Nathan Simon, Bl. 167. ↩︎
- Entschädigungsakte Nathan Simon, Bl. 200. ↩︎
- Im Original volle Namensnennung. ↩︎
- Entschädigungsakte Nathan Simon, Bl. 78. ↩︎
- Jakob Simon verstarb am 1. Oktober 1940. Vermutlich ist er in seinem Heimatort Pohl-Göns beerdigt. ↩︎
- Diese Zeitangabe ist ungenau. Nach Müller (2023), S. 35, lebte Rebekka Simon seit dem 26. November 1941 im jüdischen Altersheim Bad Nauheim, Frankfurter Straße 65. ↩︎
- Entschädigungsakte Nathan Simon, Bl. 50 f. ↩︎
- Entschädigungsakte Nathan Simon, Bl. 78. ↩︎
- Entschädigungsakte Nathan Simon, Bl. 62. ↩︎
