
(© Archiv der Theo-Koch-Schule)
Hugo Lion wurde am 21. März 1897 in Nordeck geboren, einem oberhessischen Dorf, das heute zu Allendorf/Lumda gehört, damals aber im Kreis Marburg lag und damit preußisch war. Seine Eltern waren der Kaufmann Liebmann Lion, geboren am 28. August 1860 in Nordeck, und Jette (Jettchen), geb. Hainebach, geboren am 23. Januar 1860 in Seligenstadt im heutigen Landkreis Offenbach. Dort hatten sie am 26. Dezember 1886 geheiratet. Die Familie lebte im Haus 56 in Nordeck (heute Rabenauer Straße 32).
Hugo war das zweitjüngste von sechs Kindern, die alle in Nordeck zur Welt kamen: Julius, geboren am 28. September 1887, Hilda, geboren am 10. Januar 1889, Selma, geboren am 11. Juli 1890, Ludwig, geboren am 20. Januar 1895, mit Zweitnamen Löb nach dem Großvater väterlicherseits, und Jacob, geboren am 21. November 1898. Nur fünf Kinder erreichten das Erwachsenenalter: Selma, das dritte Kind, starb im Alter von drei Jahren am 17. Oktober 1893 in Nordeck. Ihr Grab ist auf dem jüdischen Friedhof von Nordeck erhalten.1
Zur Nordecker Synagoge heißt es in einer Publikation der Arbeitsgemeinschaft Heimatgeschichte Allendorf an der Lumda e. V.: „Zunächst war vermutlich ein Betraum in einem der jüdischen Häuser vorhanden. Vermutlich Anfang des 19. Jahrhunderts konnte die jüdische Gemeinde ein in der Mitte des 18. Jahrhunderts erbautes Fachwerkhaus erwerben und in ihm nach vorausgegangenem Umbau eine Synagoge einbauen. Das zweigeschossige Haus zeigt ein meisterhaft ausgeführtes, charakteristisch hessisch-fränkisches Fachwerk mit ausgeprägten Strebefiguren der Eck- und Buntpfosten. Leider wurde die Westseite vor einigen Jahren verkleidet, so dass hier das Fachwerk nicht zu sehen ist. In der Nordecker Synagoge gab es fünf Torarollen, von denen zwei von Gebrüder Wolf, Meier Wolf Söhne gestiftet worden waren. 1881 erfolgte eine gründliche Reparatur des Gebäudes. Beim Novemberpogrom 1938 wurde die Synagoge nach vorliegenden Berichten auf Grund des Widerstandes des damaligen Bürgermeister nicht zerstört. Nach 1938 wurde das Gebäude zu einem Wohnhaus umgebaut. Ein Eingangsvorbau und ein Anbau im Süden wurden nach 1945 ergänzt. Adresse/Standort der Nordecker Synagoge: Rabenauer Straße 42.“2

Über den jüdischen Alltag informieren die Memoiren des 1878 in Nordeck geborenen Lehrers Heinemann Stern mit dem Titel „Warum hassen sie uns eigentlich?“3 In seinem 1941 im brasilianischen Exil verfassten Vorwort zeichnet Stern, dessen Familie in Haus 57 und damit in unmittelbarer Nachbarschaft der Lions lebte, ein liebevolles Porträt des ländlichen jüdischen Milieus: „Meine Eltern waren schlichte Landleute von dem Schlage, den man in ihren Kreisen treffend als ‚bekowed‘ (=ehrbar) zu charakterisieren pflegte. Ihr arbeitsreiches, in bescheidenem Sinne durchaus erfolgreiches Leben war in erster Linie von der Sorge um ihre Kinder getragen. Als Juden waren sie erfüllt von einer selbstverständlichen und doch bewußten Gläubigkeit, in der Bewahrung der alten Bräuche frei von einem gedanken- und gemütlosen Ritualismus; als Bürger waren sie aufgeschlossen und allen Regungen ihres begrenzten Gemeinwesens zugewandt, aber auch den politischen Bewegungen ihrer Zeit.“4
Heinemann Stern hatte, ebenso wie Hugo Lions Eltern, noch den Prozess um den sogenannten ‚Nordecker Judenmord‘ mitbekommen.5 In der Nacht vom 2. auf den 3. März 1884 war das jüdische Ehepaar Salomon und Johanna Wolf, wohnhaft im Haus 27 in Nordeck, brutal ermordet worden. Der mutmaßliche Täter Konrad Hedderich hatte seinen Hof durch Zwangsversteigerung an Salomon Wolf verloren und gedroht, „der Wolf werde seine Strafe schon bekommen“. Aus Mangel an Beweisen war der Angeklagte, der von den Dorfbewohnern als Täter angesehen wurde, vom Landgericht Marburg freigesprochen worden. Die antisemitische Presse und die Anhänger des Bibliothekars Dr. Otto Böckel aus Marburg, der auf den hessischen Dörfern gegen die jüdischen Viehhändler hetzte, hatten ihn daraufhin als Widerständler gegen das ‚jüdische Güterschlächter-Wesen‘ gefeiert. Noch im Nationalsozialismus sollte der mutmaßliche Mörder von Johanna und Salomon Wolf als Held verehrt werden.
1897, bei Hugo Lions Geburt, war zwar der Zenit „des Böckelschen Radau-Antisemitismus“6 schon überschritten, aber die älteren Verwandten dürften sich noch gut erinnert haben. Auch antisemitische Graphiken blieben im kollektiven Gedächtnis haften: „Wenn ich meinen Vater auf seinen Geschäftsgängen begleitete“, erinnert sich Heinemann Stern, „setzte er mich gewöhnlich in einem Wirtshause ab, wo er mich nach Beendigung seiner Geschäfte abholte. Jedesmal, wenn ich ein solches Gasthaus betrat – übrigens auch in N[ordeck] selbst –, schlug mir das Herz, denn da drin erwartete mich ein Wandbild, das mir jedesmal einen Stich versetzte, oder ich fürchtete, daß es wieder so sein könnte. Es war ein gewöhnlicher Buntdruck, der die Gliederung der Stände darstellte. Zwei von den Seiten ansteigende Treppen vereinigten sich in der Mitte zu einer Plattform. Auf jeder Stufe stand der Vertreter eines Standes, und darunter stand die Erklärung. Auf der Plattform saß der König auf seinem Thron: Ich regiere euch alle. – Auf der ersten Stufe zur Seite stand der Soldat: Ich beschütze euch alle. – Auf der untersten der Bauer: Ich ernähre euch alle. Und ihm gegenüber der Jude mit langem Bart und mit dem Sack über der Schulter: Ich betrüge euch alle. – Wenn ich alles andere hätte vergessen können, dieses Bild niemals.“7
Trotz des erlebten Antisemitismus beschreibt Heinemann Stern sein naturnahes Aufwachsen in Nordeck als beinahe ungetrübte Idylle. Ob auch Hugo Lion seine Kindheit so wahrgenommen hat, wissen wir nicht, da er, soweit bekannt, keine Ego-Dokumente hinterlassen hat. Um dennoch einen Eindruck zu bekommen, zitieren wir Hugos Neffen Hans Ludwig Strauß,8 geboren 1919 in Nordeck, der in einem Interview von 1996 Sterns Kindheits-Darstellung im Wesentlichen bestätigt: „Nordeck was a small village […] in the middle of a forest. That’s a beautiful old place. […] And it was a very pleasant place to grow up. Very pleasant. Because you knew everybody in the village. There werde no cars, there were no TVs, there were no radios. And you did things that had to do with nature. And I could tell you where every raspberry bush in the forest was, where every strawberry plant was and where every mushroom was.“9
Da über den Volksschulbesuch von Hugo Lion in Nordeck – von 1903 bis vermutlich 1911 – ebenfalls keine Dokumente vorliegen, zitieren wir eine Episode, die der Neffe Hans Ludwig Strauß in dem besagten Interview erzählt hat: „I tell you about what my school was like. […] We had a […] teacher who was my mother’s [Hilda’s] teacher, when she went to school. […] Teachers in Germany were civil servants of the state. […] And once you got that job you […] had tenure. And this fellow, about the time I went to school, when I first started, first grade, all he did is drink beer. And play the violin. So, it was my job for two years to go to the Wirtshaus, which was the bar, and pick up beer every day for him to have it. And I’d go back, and he’d play the violin, and we’d sing. When I was nine years old […], I didn’t know how to read and to write or anything. So, we got a new teacher during that period. And that guy worked with me, like you wouldn’t believe, so I could pass to get into high school.“10
An Ostern 1911 wurden Hugo und sein jüngerer Bruder Jacob als erste jüdische Schüler aus Nordeck in die Höhere Bürgerschule im nahegelgenen Grünberg eingeschult. Hugo trat in die Untertertia ein (heute 8. Klasse) und Jacob in die Quarta (7. Klasse). In Hugos Klasse war als weiterer jüdischer Schüler Moritz Blumenthal aus Londorf. Der Besuch einer höheren Schule war zu dieser Zeit nicht selbstverständlich, betrug doch das jährliche Schulgeld, wie aus dem Jahresbericht der Höheren Bürgerschule hervorgeht, pro Schüler 72 Mark – eine beträchtliche Belastung für eine kinderreiche Familie wie die Lions.
Über den Schulweg nach Grünberg, der sich seit Hugos und Jacobs Schulzeit nicht verändert hatte, erzählt der Neffe Hans Ludwig Strauß: „I had to walk about half a mile to the railroad station. There was no railroad station at our village. And then I took the railroad for an hour to the high school. And this was five and a half days a week.“11
Anders als sein jüngerer Bruder Jacob, der bis zur Untersekunda (10. Klasse) blieb, trat Hugo an Ostern 1912 aus der Grünberger Höheren Bürgerschule aus. Als Berufsziel gab er „Kaufmann“ an. Dieses Ziel ging in Erfüllung. Bereits 1926, so geht aus dem Ehemaligenverzeichnis der Oberrealschule Grünberg hervor, wohnte er in Osterode im Harz. Als Beruf ist „Kaufmann“ vermerkt.
Dass Hugo Lion früh Verantwortung übernehmen musste, kann auch mit dem vorzeitigen Tod der Mutter zu tun gehabt haben: Jette (Jettchen) Lion war am 2. November 1917 – Hugo war da noch an der Höheren Bürgerschule – im Alter von 57 Jahren gestorben. Am 4. Februar 1931 starb, 70-jährig, der Vater Heinemann Lion. Die Gräber von Hugos Eltern sind auf dem jüdischen Friedhof in Nordeck erhalten.12
Durch einen Artikel im Harzkurier vom 9. November 2021 mit dem Titel „Reichspogromnacht in Osterode: Juden misshandelt, Läden zerstört“ von dem dortigen Stadtarchivar Ekkehard Eder sind wir über den weiteren Weg von Hugo Lion informiert: Sein Getreidehandel in der Dörgestraße war eines der neun Osteroder Geschäfte, die in den Jahren 1935 bis 1938 „arisiert“, also unter für die Eigentümer schlechten Konditionen zwangsweise verkauft wurden. Bei dem Pogrom in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurden in Osterode die Inneneinrichtung der Synagoge und zahlreiche jüdische Geschäfte zerstört.
Auch das Lionsche Geschäft war davon betroffen. Der Osteroder Kreisanzeiger berichtete am 11. November 1938: „In Osterode machte sich gestern wie vielerorts die Erregung über diesen Mord [am deutschen Gesandtschaftsrat vom Rath] in judenfeindlichen Demonstrationen usw. Luft. Am Hause des Juden Goldmann gingen dabei zwei Schaufensterscheiben in Trümmer, an den übrigen Scheiben standen ’nette‘ Verse über die Juden. Das Judenhaus Krämer (Lion) hatte besondere Sprüche und Karikaturen aufzuweisen, schließlich hat auch die Inneneinrichtung der Synagoge – man benötigt sie ja auch gar nicht mehr – eine Aenderung erfahren.“13
Im Niedersächsischen Landesarchiv in Hannover wird eine Entschädigungsakte von Hugo Lion aufbewahrt, die wir noch einsehen müssen. Aus der Deskription der Akte erfahren wir Folgendes über Hugo Lions weiteres Schicksal: 1939 emigrierte er nach Palästina. Mitte der 1950er Jahre lebte er als israelischer Staatsbürger in Tel Aviv. Er beantragte Entschädigung für die Unterbrechung seiner Karriere und für den verfolgungsbedingten Gesundheitsschaden. Letzteres deutet darauf hin, dass er vor 1939 traumatische Erfahrungen gemacht haben muss. Er heiratete Margarethe Kremer, geboren am 12. Februar 1901, die bei Antragstellung ebenfalls in Tel Aviv lebte. Als Beruf ist „Bauer“ angegeben; vermutlich lebten die Lions in einem Kibbuz. Über Kinder ist nichts vermerkt. Am 7. Februar 1966 ist Hugo Lion in Israel gestorben.
Über die Schicksale von Hugo Lions Schwester Hilda, verheiratete Strauß, deren Söhne Alfred und Hans Ludwig die weiterführende Schule in Grünberg besuchten, und von seinem jüngeren Bruder Jacob Lion erscheinen demnächst Biografien auf dieser Website.
- Reihe 1, Grab 5. ↩︎
- Kühn (2021), S. 8. ↩︎
- Heinemann Stern war zunächst Lehrer, später Rektor einer jüdischen Schule in Berlin und Aktivist für den Centralverein der deutschen Juden und den jüdischen Lehrerverein. Seine Familie wohnte im Haus 57 in Nordeck, also in unmittelbarer Nachbarschaft der Lions. Sein jüngster Bruder Leo heiratete Erna Strauß aus Binswangen, die Schwägerin von Hugo Lions älterer Schwester Hilda. ↩︎
- Stern (1971), S. 21. ↩︎
- Sehr ausführlich dazu Hoffmann (2022). ↩︎
- Stern (1971), S. 26. ↩︎
- Stern (1971), S. 26. ↩︎
- Hans Ludwig Strauß, der sich in den USA „Jack Strauss“ nannte, war der jüngere Sohn von Hilda Strauß, geborene Lion, Hugo Lions älterer Schwester. Er besuchte die Grünberger Oberrealschule von 1929 bis 1934. ↩︎
- Interview Strauss (1996), Segment 1 von 8. ↩︎
- Interview Strauss (1996), Segment 1 von 8. ↩︎
- Interview Strauss (1996), Segment 1 von 8. ↩︎
- Jettchen Lion, geb. Hainebach: Reihe 5, Grab 4; Heinemann Lion: Reihe 5, Grab 2. ↩︎
- Zitiert nach Eder (2021) im Harzkurier vom 9. November 2021. ↩︎
Quellen:
- Hauptliste der Schüler und Schülerinnen der Höheren Bürgerschule (bis Ostern 1914) und Realschule (O. 1914–O. 1926) und Oberrealschule (O. 1926–O. 1938) und Oberschule für Jungen (ab O. 1938) Grünberg i. H. Angefangen Ostern 1910, beendet mit Schluss des Schuljahres 1938/39 (Archiv der Theo-Koch-Schule).
- Höhere Bürgerschule zu Grünberg in Hessen. (Sexta bis Unter-Sekunda einschl.) Bericht über das Schuljahr 1911/12, Grünberg 1912 (Archiv der Theo-Koch-Schule).
- 50 Jahrfeier der Oberrealschule zu Grünberg i. H. 22.–24. Mai 1926. Gedenkblätter von Oberstudiendirektor W. Angelberger und Studienrat O. Steuernagel, Grünberg 1926 (Archiv der Theo-Koch-Schule).
- Heinemann Stern: Warum hassen sie uns eigentlich? Jüdisches Leben zwischen den Kriegen. Erinnerungen. Hg. und kommentiert von Hans Ch. Meyer, Düsseldorf 1970.
- Interview mit Jack Ludwig Strauss, 26. März 1996, Denver, OC; USA; USC Shoah Foundation, Visual History Archive (Suchbegriff Jack L. Strauss).
- Ekkehard Eder: Reichspogromnacht in Osterode: Juden misshandelt, Läden zerstört. In: Harzkurier online vom 9. November 2021.
- Christine Hühn: Familienbuch der jüdischen Familien von Nordeck. Hg. von der Arbeitsgemeinschaft Heimatgeschichte Allendorf a. d. Lumda e. V., o. J. [2021].
- Lothar Tetzner: Der jüdische Friedhof in Nordeck. Hg. vom Heimat- und Verschönerungsverein Ebsdorf e. V., o. J.
- Stefan Gotthelf Hoffmann: Der „Nordecker Judenmord“. Hintergründe zum Tode von Salomon und Johanna Wolf am 3. März 1884. Ein Beitrag zur Familiengeschichte des Schriftstellers Friedrich Wolf (1884–1953). 2 Bände. 1. Band, Gransee 2022.
